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Sohrab
Ich blickte in den Spiegel und verließ das Haus. Ich machte mich auf zu einem Platz, an dem viele Menschen versammelt waren. Ich war sehr gespannt darauf sie kennenzulernen. Als ich zu jenem berüchtigten Platz kam, bemerkte ich, dass alle Menschen denselben Ausdruck in ihrem Blicke trugen. Ein Blick, vor Freude und Glück zu zersprengen drohend. Ich fragte mich, ob auch meine Augen jene Ausstrahlung hatten. Ob auch sie diese Leichtigkeit zu strahlen schienen. Also holte ich meinen kleinen Spiegel heraus und verglich meinen Blick mit dem der anderen Menschen, die mich von allen Seiten her umgaben. Doch wie sehr ich mich auch bemühte, wie immer ich den Spiegel auch hielt , ich stellte keinerlei Übereinstimmung fest. Ich war enttäuscht. Verstört schaute ich mich wieder um. 
 
Ich versuchte mit einem von diesen Glückseligen Kontakt aufzunehmen. Ich sprach jemanden an. Ich fragte ihn nach dem Morgengrauen, nach dem Regen und nach dem Licht. Mein Gegenüber strahlte mich mit seinen blendenden Augen an und öffnete den Mund um mir zu antworten. Gespannt war ich auf seine Worte. Doch es ertönte keine Stimme. Ich zuckte zusammen. Er bewegte seinen Mund, er formte Wörter mit seinen Lippen, doch ich vernahm keine Aussage. So nickte ich der Stille entgegen. Als er den Mund schloss, lächelte ich zurück und dachte ich sei taub. Also nahm ich meinen Spiegel heraus und schaute ob mit meinen Ohren alles in Ordnung war. Meine Ohren zeigten kein Anzeichen von Krankheit, jedoch unterschieden sie sich in Form und Größe von all den Ohren die mich umgaben. Ich war verunsichert und in mir machte sich eine bebende Angst breit. Ringend um Atem fragte ich einen anderen Menschen nach einem Weg, aber es ertönte ein grelles Lachen als Antwort, als hätte ich einen Witz erzählt. Ich dachte mir, dass er wohl meine Sprache nicht versteht. Auch untereinander sprachen die Menschen mir befremdlich. Also holte ich meinen Spiegel raus um nach meiner Zunge zu sehen. Zwar war sie nicht gespalten, aber bedrohlich rot. Eine Befürchtung drohte mich zu ersticken. Ich sah noch einmal in den Spiegel. Und je öfter ich hineinsah, desto deutlicher wurden die Konturen, die mich aussätzig machten. Ich sah keinen Ausweg. Ich schloss die Augen und schmetterte mit aller Kraft den Spiegel auf den Boden. Und als ich auf den Boden sah, starrten Tausend Bedrohungen zurück. 
 
(Von Sohrab)
“Selbst, wenn Du hasst, hasst Du durch mich.”
~ Hossein Alizadeh & Djivan Gasparyan - Sari Galin ~ 
 
Ich muss eigentlich lernen. Am Montag fängt schon die erste, unmenschliche Klausur an und ich weiß nicht, wie ich sie meistern soll. Aber ich lerne nicht. Ich lerne nicht, weil ich etwas nicht aus meinem Kopf kriege. Denn… 
 
Meine Liebe sitzt gerade nicht nur in meinem Herzen, sondern in meinem Kopf und will mit mir tanzen. Sie zwickt und kneift mich schüchtern und liebevoll und will mit meinen strengen Gedanken Hand in Hand, Eins in Eins zusammen sein und sie aufweichen. Ich lächele sehnsuchtsvoll und streichele den Kopf meiner Liebe. “Weißt Du noch jene Zeiten”, sage ich… “Jene Zeiten, in denen Du nicht im totalen Widerspruch zu dieser Welt standest, weil Du für mich die Welt warst? Weil Du mein Gott warst?” Meine Liebe nickt traurig und hält ihre Augen zu, schmiegt sich an die Grenzen meines Kopfes und klopf hoffnungslos an die gut strukturierten Wände der Logik. “Was hat sich verändert? Bin ich Dir nichts mehr wert?” - Die Stimme meiner Liebe ertrinkt in ihrer eigenen Unschuld. Wie ein Kind, wie ein verlassenes Kind, schaut sie mich an und bittet darum, wieder nach Hause zu dürfen. Ich versinke in Scham vor soviel Schönheit und drücke meine verwahrloste Liebe sanft an meine Brust. “Meine Liebe… Es hat sich nichts verändert. Ich musste nur eine Welt in der realen Welt erschaffen - nur für Dich - um Dich weiter unberührt zu halten. Denn hier passt Du mit Deiner Reinheit nicht hin. Sie besudeln Dich, beschimpfen Dich als naiv, als unwahr, als unmöglich - ja, sogar auf Chemie, Biologie und Evolution reduzieren sie Dich. Du brauchst Schutz. Wir brauchen Schutz, meine Liebe.” 
 
Meine Liebe seufzt und küsst meine Stirn. Jetzt bin ich ihr Kind und sie die große Mutter. “Denkst Du, ich bin so leicht unterzukriegen? Du hast vergessen, wer ich bin und aus welchem Stoff ich bin. Ich gehöre nicht nur Dir, Du kannst mich nicht einschließen. Lass mich überall hin, weil ich alles bin. Genauso gehöre ich nicht nur der Chemie, der Biologie, der Industrie und der Evolutionstheorie. Ich bin der Stoff, der kein Stoff ist, sondern in allem weilt. Ich bin das, was die Welt zusammen hält. Lass mich raus aus Deiner kleinen Welt, schließ mich aus Deinem Kopf nicht aus, ich verweile nicht nur in Deinem Herzen, sondern bin der Grund jedes Gedanken, den Du hegst. Selbst, wenn Du hasst, hasst Du durch mich - Deiner Liebe - heraus.” 
 
Die Stimme meiner Liebe ist wie ein Lied - eine Melodie, mit der ich aufgewachsen bin. Die Melodie, die mit der Stimme meines Vaters, der meiner Mutter, der meines Großvaters, der meines Gottes gesungen wurde. Die Stimme aller Völker und Sternenvölker, die ein und das selbe Gefühl kennen und sich danach sehnen. Ob als Liebespaar, in Freundschaft, in Agape oder in spiritueller Liebe. Ich habe diese Melodie vermisst, denn ich hörte nur noch die Stimme der Vernunft und die Stimme der Verpflichtungen. Und jetzt, wo sie zu mir wieder spricht, schlafe ich gleich auf ihrem Schoß ein und lausche ihrer Sanftmut und Bestimmtheit, anstatt zu lernen. Dabei lerne ich soviel von ihr… 
 
“Eine Form Deiner Kunst”, sage ich leise zu ihr, “ist der Mann, den Du zu mir geführt hast. Du hast zwei Widersprüche - ihn und mich - miteinander in verschlungener Harmonie vereint - und ich frage mich heute noch wie…” 
 
“Nichts einfacher als das…”, summt sie weiter. “Ich bin das, was alles zusammen hält. Selbst, wenn Du hasst, hasst Du durch mich. Und was gibt es Unvereinbareres als Liebe und Hass?” 
 
Ich nicke berauscht und schlafe ein.
Achromasie
Hier ein paar Eindrücke in Grau. Ich habe noch einige andere Bilder in Sepia, die ich eigentlich sehr schön finde, aber aus bestimmten Gründen möchte ich sie erstmal nicht Online stellen. Schade, dass ich keine Portraits hiereinstellen kann. Die sind meistens viel schöner als diese Objekt- und Straßenfotografie. 
 
Fotografieren und vor allem die Nachbearbeitung von Bildern macht mir unheimlich viel Spaß. Ich merke aber, dass ich mit meinem Standard-Objektiv wirklich an gewisse Grenzen stoße. Ich habe auch nichts mehr reingestellt, weil ich in der letzten Zeit nur Fotos von den persischen Gerichten geschossen habe, die ich gekocht habe. Vielleicht stelle ich sie bald auch rein. 
 
Warum grau? - Ich weiß es nicht. Besonders Portraits sehen in Grau so dermaßen sinnlich und ästhetisch aus, dass ich Lust hatte, alles Andere auch zu ver-grauen. Bei meinem Samsung Netbook konnte ich nicht umhin, einwenig Farbe reinzulassen. Die rosa Steinchen in den Blüten sind einfach zu (auf)-reizend. 
 
Die grauen Fotos habe ich an Tagen geschossen, an denen ich besonders gut gelaunt war. Ich wollte weder irgendeine dunkle Stimmung in mir “veranschaulichen”, noch irgendetwas besonders traurig oder schwer darstellen. Ich hatte einfach Appetit auf Grau. Und wenn ich sage Appetit, dann meine ich das auch so. Achromatisch ist auch aromatisch. 
 
Bhf 
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Wünsche
Ich war lange fort von hier, weil ich nicht wusste, was ich schreiben soll. Ich konnte bei all den Ereignissen und dem inneren Verstrickungen von Glück, Freude, Trauer, Verzweiflung und Hoffnung einfach nicht entscheiden, welchem dieser Oberbegriffe an Emotionen, die in sich verschachtelt noch unendlich viele Nuancen aufweisen, ich meine “poetische” Aufmerksamkeit schenken soll. Zudem kommt noch, dass mein Studium mir jeglichen Sinn für Romantik und sherry-typischer, farbig-schwammiger Satzkompositionen nimmt, obwohl es nur diese Art des Ausdruckes mich befreit - wenigstens annähernd befreit von all den Regeln und Gesetzmäßigkeiten dieser Welt, die sich alle so schön “formalisieren” lassen. 
 
Iran und das, was mit ihr geschieht (Iran ist für mich feminin, also verzeiht mir den “grammatikalischen Fehler”), hat meinem Mund und meinem Herzen dann komplett den Riegel vorgeschoben. Jede potenzielle Explosion implodierte in mir und strickte mir ein Seil um meine Kehle, das sich aber jetzt langsam lockert. Ich möchte etwas schreiben, das vielleicht die meisten in mir regierenden Gefühle, Subgefühle und Sub plus Sub plus Subgefühle in sich vereinigen kann und zumindest die meisten einander verzehrenden Widerspruchsemotionen miteinander in einem harmonischen Bild versöhnen kann. Deshalb will ich über den Menschen schreiben. Und wenn ich über ihn schreibe, dann schreibe ich vielleicht auch über meine imaginäre Hassliebe zu einem imaginären Gott, weil er den Menschen nun einmal nicht so erschaffen hat, wie es sich jedes gesunde Menschenherz ersehnt. Und wenn ich über ihn schreibe, schreibe ich auch über mich und über mein menschliches Versagen. Wenn ich über den Menschen schreibe, dann schreibe ich über meine tiefsten Wünsche, die ich für ihn - den Menschen - habe. Ich wünsche mir. Ich wünsche mir…  
 
Ich wünsche mir den Tag herbei, an dem ich nicht aufwache und mich frage, welchen Sinn es macht, seinen Liebsten alles zu geben, was man hat und sie dann durch eine Krankheit, einen Unfall oder eine Dummheit zu verlieren. Ich wünsche mir den Tag herbei, an dem ich nicht auf der Hut vor anderen Mitmenschen sein muss, weil sie jederzeit etwas missverstehen können und Rache ausüben, indem sie Dir schaden. Ich wünsche mir den Tag herbei, an dem ich denken kann, dass all die Errungenschaften, auf die wir heute aus Luxusgründen nicht verzichten können, endlich dazu genutzt werden, um Menschen zu helfen, die noch nicht einmal ein Mindestmaß an menschenwürdigen Zuständen haben. Ich wünsche mir den Tag herbei, an dem nicht die eine Hälfte der Welt an Verfettung, Übergewicht und den Folgen dieser krepiert, während die andere Hälfte Steine essen muss, damit das Hungergefühl kurz verschwindet. Wissen wir, was Hunger ist, außer dem lächerlichen Hunger, den man empfindet, wenn man eine Diät hält oder religiös “fastet”? Wissen wir, was und wie man Hunger erleben muss, um ihm eine Bezeichnung zu geben wie “Der Dämon” oder “Das Monster”? Man benennt ihn in solchen Ländern nicht mal beim Namen (weil er noch grausamer ist), man hat einen neuen für ihn erfunden, man personifiziert ihn, weil er ein Feind ist, gegen den man täglich zu kämpfen hat. Wissen wir, was ein kleines Mädchen durchmacht in dem Moment, in dem sie beschnitten wird? Ihre Klitoris und ihre innere, komplette Blume amputiert und der Schoß, aus dem Leben wächst, zugenäht wird? Wissen wir, was es bedeutet, eine Hochzeitsnacht zu erleiden, in der der Mann die Naht mit einem Messer öffnet und mit Gewalt in das zugewachsene Gewebe eindringt? Wissen wir, was es für neunjährige Mädchen bedeutet, wenn man sie per Religion für heiratsfähig erklärt und sie einem fünfzigjährigen Perversling als Ehefrau verkauft? Wissen wir, wie Frauen und Männer in dem Moment fühlen, wenn sie auf den ersten, großen Stein schauen, der geradewegs auf sie prallt, weil sie homosexuell oder verliebt waren? Oder einfach einen hasserfüllten Ehemann hatten, der zum Richter ging und über die “Rumhurerei” seiner Ehefrau erzählt hat? Wissen wir denn wirklich, was einem normalen, zukunftsträumenden Menschen, der auf der Straße für sein Recht auf Freiheit protestiert, widerfährt, wenn wir darüber lesen, dass er festgenommen und zu Tode vergewaltigt worden ist? Seine inneren Organe vom After bis in die Gedärme verletzt und zerfetzt worden sind? Die Gebärmutter gebär-tot gequält worden ist, so dass niewieder Leben darin wachsen kann? Wissen wir, was so ein Mensch fühlt, wenn er seinen Kopf auf den Boden wirft - mit letzter Kraft - weil er keine Kraft mehr hat, sich mit seinen eigenen Händen zu töten nach solchen Demütigungen? Wir wissen nichts. Denn wir halten Distanz beim Lesen, wir halten Distanz, wenn unsere Fantasien zu rattern anfangen - die Empfindlichsten von uns gehen sich schnell übergeben und abkühlen und versuchen sich mit Essen, Alkohol, Talkshows oder sonst etwas abzulenken. Vielleicht geht er auch auf die Straße, macht ein paar Obdachlosen ein Sandwich und fühlt sich danach besser, um seine eigene Nutzlosigkeit, Feigheit und sinnlose Existenz zu verdrängen. Wir wissen nichts und wollen auch nichts wissen. Die noch Guten unter uns beten für all die maltratierten, von Mensch und Gott gedemütigten, vergessenen, gefolterten Menschen und schlafen dann ein. Die Verzweifelteren unter uns erleiden nachts Panikattacken, weil sie ihre Fantasie nicht unter Kontrolle kriegen, knipsen das Licht wieder an und hören Popmusik oder schauen sich eine Komödie an und schlafen dabei ein. Aber wissen tun sie nichts. Und wir wollen auch nichts wissen. 
 
Ich habe meine Wünsche verschluckt, weil sie zu groß waren. Mein Wunsch ist es, dass jeder dieser Menschen jetzt sofort befreit wird und alles, was ihm angetan wurde, vergisst. Einfach vergisst, hinter sich lässt und neu anfängt. Dieser Wunsch ist mehr als utopisch, denn solange der Mensch das Tier in Gewissenlosigkeit übertrifft, wird nichts aus dieser Welt. Deshalb möchte ich bescheiden anfangen und eine andere Wunschliste hiereinstellen. Ich bitte jeden, der diese Liste liest, ab heute zu versuchen, mir, sich selbst und seinen Mitmenschen diese Wünsche zu erfüllen. Bitte lasst es uns versuchen: 
 
Ich sehne mir den Tag herbei, an dem ich Dir sagen kann, was mich an Dir verletzt, weil ich Dich - meinen Freund oder meine Freundin - geschwisterlich liebe und mir eine inniger Beziehung zu Dir wünsche, ohne dass Du hinter meinem Rücken Gerüchte köcheln lässt, um es mir auf indirektem Wege heimzuzahlen. 
 
Ich sehne mir den Tag herbei, an dem weder ich noch Du lügen müssen, weil wir Angst voreinander haben und vom anderen denken, er könne ein grausames Spiel mit all den intimen Gefühlen und Geheimnissen, von denen der Andere weiß, veranstalten. 
 
Ich sehne mir den Tag herbei, an dem wir einen Menschen, der Hilfe braucht, nicht ignorieren, weil wir uns mit aufmüpfiger Selbstgerechtigkeit selbst einreden, selber genug Probleme zu haben. 
 
Ich sehne mir den Tag herbei, an dem Dein oder mein Neid uns eher dazu verleitet, uns zu bessern und höhere Ziele zu setzen, anstatt dem, dem wir neiden, sein Glück nicht zu gönnen oder ihm dieses sogar zerstören zu wollen. 
 
Ich sehne mir den Tag herbei, an dem wir nicht predigen müssen, was wir selber täglich verraten, nur um uns und unser verlogenes Gesicht zu verdecken. 
 
Ich sehne mir den Tag herbei, an dem wir unser “Schatz, Azizam, Liebste, Schwester, Freund” ehrlich meinen ohne Schnick, Schnack und Bekleidung. 
 
Ich sehne mir den Tag herbei, an dem Du auf mein Wohl schaust und ich auf Deines. Den Tag, an dem wir uns für jeden Menschen - egal ob Familie oder Fremder - verantwortlich fühlen aufgrund der einfachen Tatsache, dass auch der Fremde ein Mensch ist, also auch ein Teil von Dir und mir ist. 
 
Ich sehne mir den Tag herbei, an dem ich Dich - Du Mensch - bedingungslos lieben kann, ohne dass Du mich auslachst und ohne dass ich Bedingungen für meine Zuneigung zu Dir stelle. 
 
Ich sehne mir den Tag herbei, an dem ich meine Wohnung nicht mehr zuschließen muss aus Angst, ausgeraubt werden, damit Du, wenn Du Obdach, Brot und Wasser suchst, Dich in einer kalten Winternacht an meinem Tisch bedienen kannst, während ich schlafe. Und Dich auf meine Couch legen kannst, um durch die kalte Nacht zu schlafen. 
 
Ich sehne mir den Tag herbei, an dem Du mir näher bist als ich mir selbst, um mir zu sagen, dass ich so schlecht gar nicht bin. 
 
Und wo ich gerade von den kleinen Wünschen sprechen wollte, merke ich, dass ich noch immer von den Großen spreche. Viel zu große Wünsche, die trotzdem das Mindeste sind, was eine Spezies mit dieser Intelligenz und dieser großen Fähigkeit, zu lieben, zu Stande bringen sollte. Also lasst uns einander überfordern, damit wir dieses Mindestmaß an Schönheit irgendwann erreichen. 
 
Das wünsche ich mir. Versteht Ihr? Verstehst Du, Sherry?
Nadja
Ich habe Zeit, meine Gedanken schweifen zu lassen - und lande wieder bei der Psychophysik, dem Versuch, Wahrnehmung zu messen und zu formalisieren - und wie es sein kann, dass es immer mehr gelingt, um dann bei jedem Erfolg zehntausend neue Fragen aufzuwerfen. In den Prüfungsphasen denkt man nur an sein Fach, weil man ständig Wissen am verdauen ist - und wir scheinen ständig in einer zu sein. Meine Gedanken springen zur ROC-Kurve, Signalentdeckungstheorie, Retina, Fovea, Corpus geniculatum lateralis… Meine Augen werden müde. Im Schlaf sortiert es sich besser, weiß man. Ich muss lächeln, denn ich sterbe zwar wegen des Stress und des Leistungsdrucks, aber ich liebe es auch. Alles, was ich lese und lerne, erstaunt mich jedesmal auf’s Neue. Und ich bin sicher, dass das niemals enden wird. Niemals.  
 
Die Musik holt mich ein, ich lande in einer angenehmen, warmen Gefühlsdunkelheit und fange an, in Gedanken mit dem Schlagzeuger um die Wette zu rennen. Augen zu, Klappe auf - die Farben kommen: 
 
Zwischen dem 15. und 19. Lebensjahr muss ich meine mutigste, kopfloseste und draufgängerischste Phase gehabt haben. Ich hantierte erstmals mit 16 Jahren mit den Schminkutensilien meiner kleinen Schwester rum, die wohlgemerkt 8 Jahre jünger ist als ich. Sie war von Anfang an kreativer an sich selbst. Kein Wunder. Bei der Schönheit, die sie damals schon besaß, handelte es sich zwar nur noch um Nuancen, die es heimlich außerhalb von Papas Sichtweise zu verschönern galt, aber diese Nuancen ließen einen damals schon erahnen, wie atemberaubend ihr Porzellangesicht heute sein würde. Und es kam, wie es alle erahnten. 
 
Ungeschickt zeichnete ich mir Linien auf mein Augenlid. “Wie macht Nadja das immer?”, fragte ich mich und versuchte, es ihr gleich zu tun. 
 
Nadja. Sie war damals in meiner Parallelklasse. Eine Deutsche, die absolut Undeutsch aussah, weil sie ungarische Vorfahren hatte. Sie war eine erst unscheinbare, dann immer scheinbarere besondere Persönlichkeit, die jedoch dazu neigte, durch ihren Hang zum Wahnsinn, dem Wunsch nach ordinärer Normalität nachzukommen. Normalität hieß damals, dass sie rumlief, wie eine überaus knackige, prallbusige Tussi mit einem leichten Asislang und einer Goldkette, die den Blick der anderen direkt in ihr Dekolleté führte. 
 
Wie wir uns kennenlernten? Ich wurde von meiner Lehrerin - mal wieder - aufgrund eines nicht mehr zu kontrollierenden Lachanfalls aus der Klasse gebeten. Als ich rauskam, sah ich, wie Nadja gegen die Tür ihrer eigenen Klasse trat und “FICK DICH” brüllte. Ohne je wirklich miteinander geredet zu haben, gingen wir aus unerklärlichen Gründen im schnellen Schritt aufeinander zu, sahen uns an und sie fing an, zu reden. Sie erzählte mir, wie ihr Klassenkamerad… ich weiß es nicht mehr genau. Aber ich erinnere mich daran, dass sie ihm die Eier abreißen wollte, wenn die Stunde vorbei war. Ich lachte lauthals und musste mich erst einmal auf den Boden setzen und mich ausruhen. Sie bäumte sich stehend vor mir auf und sah mich mit wütendem Gesicht von oben herab an und fauchte bedrohlich:  
 
“Was gibt es denn da zu lachen, Sherry? Nimmst Du mich nicht ernst?” 
 
Mir gingen tausend Gedanken durch den Kopf. Ich fühlte mich plötzlich in meiner Kämpferinnen-Ehre verletzt. Keine Mädchen wagte es, mir so die Stirn zu bieten - sogar die Jungs überlegten sich soetwas zehn Mal. Ich saß wie angewurzelt da und erwiderte ihren harten Blick, stand dabei langsam auf, ohne meine Augen von ihren abzuwenden und horchte ihrem Atem. Alles war still um uns herum. Ihr Blick hatte etwas von Wahnsinn. Mein Körper zerriss vor Verspannung, weil er vorbereitet war für den Fall, dass sie plötzlich zuschlagen wollte. Ihre Kiefermuskeln zuckten.  
 
Ich weiß nicht, wie lange dieser Augenblick anhielt. Aber sie atmete plötzlich auf und fing an, zu lächeln. Schüchtern zu lächeln, und setzte damit eine so tiefe Melancholie in ihr Gesicht und in die Luft, die ich atmete, frei, dass ich mich augenblicklich freundschaftlich in sie verliebte. Erschrocken darüber, dass ich die Regung ihrer Seele sofort aufgefangen hatte, wich sie einen Schritt zurück. Ich tat es ihr gleich, doch dann machte ich einen Satz zu ihr und umarmte sie. Fest. Innig. Bindend. Einfachso. 
 
Ob wir redeten, weiß ich nicht mehr. Eine von uns wurde von der Lehrerin reingerufen. Später erfuhr ich von ihr, dass sie danach die ganze Stunde lang ruhig in der Klasse saß und sogar diesem Idioten, der in ihrer Fantasie schon seine Eier verloren hatte, verziehen hatte. 
 
Wir wurden Freundinnen. Wir hingen nicht den ganzen Tag miteinander ab, sondern nur sehr selten. Aber diese seltenen Treffen hatten die Magie unserer ersten Begegnung. Jedesmal. Nadja war ein sehr tiefer Mensch, der so liebte, dass es sie selbst zerfleischte. Doch sie hatte auch immer, solange ich denken kann, mit ihren grausamen Seiten zu kämpfen, die sie unterdrücken oder anders kanalisieren musste. Doch niemals war sie grausam gegen mich. Schwor sie Loyalität, so war sie es auch. Bis zur letzten Konsequenz.  
 
Kopfloser als sie ging es nicht. Sie schmiss sich von einer Leidenschaft in die Nächste, von einer Enttäuschung in die andere, wog je nach Laune zwischen fünfzig und fünf-und-achtzig Kilo und ging sehr schamlos damit um. Sie ist die Einzige, die sich nie daran hielt, wenn ich sagte, ich mag keine spontanen Besuche. Sie klingelte Sturm, kam rein und machte sich in meinem Leben breit - egal, womit ich gerade beschäftigt war. Ob mit fluchen, aufräumen, weinen oder scheißen. 
 
Ich erinnere mich noch, als wir BH’s anprobierten. Sie kam auf mich zu, packte in meine Brüste und sagte: “Ich will auch solche.” - Ich lachte, denn sie hatte eine herrliche Figur. Sie legte auf mein Lachen nur ihren Kopf schief und nickte mir zu.  
 
Bei ihrem nächsten Besuch hatte sie größere Brüste und zeigte sie mir samt der kleinen OP-Narben. 
 
Nadja liebte Kinder, wollte aber nie welche haben. “Meine Beziehungen sind zu krank”, sagte sie immer. “Außerdem wäre ich keine gute Mutter.” In dem Satz lag eine unüberwindbare, subjektive Wahrheit, die niemand zerütten konnte und die uns beide bedrückte. 
 
Sie heiratete einen Türken, den sie vielleicht zwei Monate kannte. Diesmal kämpfte niemand um sie, wie es sonst der Fall war, sondern sie um jemanden. Deshalb wollte sie ihren neuen Besitz gleich mit dem Trauschein besiegeln - und er, verzaubert von ihr, sagte Ja. Damals war sie 19 Jahre alt, ich war ihre Trauzeugin. Neun Monate später kamen Zwillinge auf die Welt - die wohl Hübschesten, die ich jemals gesehen hatte. Ich wollte immer glauben, alles sei in Ordnung, doch so war es nicht. Nach ein paar Monaten trennten sich die Zwei “für einige Zeit”, hieß es am Anfang. Bis ich eine SMS bekam: “Ich glaube, er hat bemerkt, dass ich jemand anderen habe. Er hat die Kinder mitgenommen, ich glaube, er kommt jetzt hierhin, Sherry und bringt mich um.” 
 
Ich rannte los, wie immer ohne Orientierungssinn und Auto, und versuchte ihre Wohnung zu erreichen. Angekommen, klingelte ich Sturm, schrie panisch, man solle die Tür aufmachen oder ich würde die Bullen rufen. Ich rannte ihre Treppen hoch, stieß die offene Türe auf, hechtete rein, sah Nadja im Schlafzimmer, sah ihren Mann vor mir - sah wieder Nadja und realisierte, dass sie auf dem Boden lag und aus irgendeiner Stelle blutete. Ich schubste ihn heftig weg und lief zu ihr hin. Sie war völlig niedergeschlagen, aber beschimpfte die Familie ihres Mannes, ohne jegliche Regung der Angst zu zeigen. Er kam bedrohlich schnell auf uns zu schlug auf sie ein. Ich sprang auf, packte ihn von hinten und wollte ihn zurückziehen - doch ich war nicht stark genug. Also packte ich ihn mit beiden Händen an seinen langen Haaren hoch und er zog mit dem Kopf mit in meine Richtung. Ich stieß ihn zu Boden, schrie ihn an, schrie schrie und schrie, er solle aufstehen, die feige Ratte solle aufstehen und kämpfen, wenn er kämpfen will! 
 
“WENIGSTENS STEHE ICH NOCH, DU FEIGE RATTE! ALSO LOS!” 
 
Ich bekam eine Backpfeiffe, die mich in die Ecke des Zimmers torkeln ließ. Ich war unglaublich glücklich darüber, Blut zu schmecken, das mir aus der Oberlippe auf die Zunge fiel, denn jetzt hatte ich eine Berechtigung, ihn wie ein wildes Tier anzugreifen. Und ich tat es. Ich weiß nicht mehr genau, was ich tat. Ich weiß nur, dass ich irgendwann seinen Kragen in den Händen hielt und Knöpfe auf den Boden fielen. Ich weiß noch, dass ich ihn immer wieder gegen die Wand knallte. Den ganzen Weg zur Haustür knallte ich ihn gegen irgendeine Wand und schmiss ihn raus. Ich überragte ihn nicht durch meine Kraft, doch er schien geschockt gewesen zu sein, gelähmt von soviel kranker Wut, dass er irgendwann aufgehört haben muss, Widerworte oder Gegenwehr zu leisten. Er schützte sich nur noch. Nadja hörte ich auch leise sagen.  
 
“Wenn Du sie anpackst, bringe ich Dich um. Hörst Du?” 
 
Wir schmissen in aus der Wohnung. Sie mit ihrer ernstgemeinten Drohung, ich mit meiner ungebändigten Wut. Als er draußen war, knallte ich die Tür zu, ging auf Nadja zu und gab ihr eine Backpfeiffe:  
 
“Du dämliche Nutte. Kaum trennt Ihr Euch, holst du Dir einen Neuen ins Haus? Was ist mit den Zwillingen? Schämst Du Dich gar nicht?” 
 
Zum ersten Mal senkte sie ihr Haupt und weinte bitterlich. So bitterlich, wie ich bis heute selten jemanden hab’ weinen hören. Ich hielt ihre Reue nicht aus, denn Nadja bereute nie. Ich hielt sie fest und weinte mit. So saßen wir gemeinsam da auf dem Boden, vor ihrem Kleiderschrankspiegel und redeten über alles. Gott, den Teufel, die Welt. Von ihrer Ehe, ihrer Unfähigkeit, eine gute Mutter zu sein, obwohl sie die Kinder liebte, von ihrem Mann, der sie zwar gerade verprügelt hatte, den sie aber immer noch liebte, von ihrem Entschluss, sich trotzdem scheiden zu lassen und ihm die Kinder zu überlassen. 
 
All das geschah auch in den folgenden Monaten. Eine Nadja. Ein Wort. Sie trieb sich noch Jahre in irgendwelchen Versuchen, Fuß zu fassen, ohne dabei ihre Jugend und Wildheit zu verlieren. Und immer wieder kam sie zu mir zurück, um zu berichten, was sie erlebt hatte. Jedesmal sah sie ausgelaugter, trauriger, hoffnungsloser aus - aber immer hatte sie diesen Wahnsinn und dieses neckische Lächeln in ihrem schönen Gesicht. Und noch immer war sie eine sehr attraktive Frau. Jede Kurve an ihr ließ nicht zu, dass man ihr lange genug in die melancholischen Augen schaute. Und das machte sie unglücklich. Und je unglücklicher sie war, desto mehr takelte sie sich auf. 
 
Die letzte Geschichte, die ich von ihr hörte war, dass sie sich in einen Iraner verliebt hatte, den sie - egal, was sie tat - einfach nicht rumkriegte. Das war für sie eine neue Erfahrung, die sie verunsicherte. Ich sollte ihr persisch beibringen, was ich auch tat. Aber es wollte ihr nicht gelingen, ihn zu bezirzen. Drei Monate nach dem gescheiterten Versuch, rief sie mich an und sagte mir, sie sei jetzt in einer psychosomatischen Klinik. Sie müsse wieder zu sich kommen und würde sich lange nicht mehr melden, weil sie Kontakt zu den Menschen abbrechen müsse, die bei ihr extreme Gefühle auslösten. Und ich sei so einer. Wir legten beide auf. Ich weinte - und ich weiß, dass auch sie weinte. 
 
Seitdem habe ich niewieder von ihr gehört. 
 
Dieses Lied widme ich Dir, Nadja. Es sollte nicht “Gloria” heißen, sondern Nadja. Wochenlang höre ich es und frage mich, woran mich dieser Song erinnert. Heute Nacht bekam ich die Antwort. An Dich. 
 
Bitte komm’ zu mir zurück - gerne auch unangemeldet. Ich bin heute etwas langweiliger als damals, vernünftiger, ängstlicher. Aber Du wirst mich wieder daran erinnern, wie ich damals war, als ich noch nicht über die Konsequenzen meines Verhaltens nachdachte. Lass uns wieder alles um uns herum ins Chaos stürzen, um dann wieder liebevoll Neues zu erschaffen, Nadja. Ich warte auf Dich.