09.05.2012, 21:04
Indizien
Manchmal sage ich mir: “Lächerlich. Wieso sollte es einen Gott geben? Genauso gut könnte ich auch sagen, es gebe lila Elefanten.” Doch versuchen wir einmal etwas anderes. Reisen wir kurz ganz weit weg aus unserer Perspektive heraus und stellen uns vor, wie wir einer anderen Existenzform über uns zweibeinige Wesen erzählen. Dass sie essen und verdauen müssen, den ganzen Vorgang. Also: Sie gehen raus, jagen Tiere oder noch grotesker: Sie gehen in den Supermarkt und geben Papier für Essen aus. Und nachdem das Essen im Darm zersetzt worden ist, kommt es wieder raus. Obwohl das komisch ist, ist das tatsächlich lebensnotwendig. Wir erzählen, wie der Mensch abends schlafen geht, dabei manchmal auch sehr arg schnarcht, eine unbändige Lust nach Sex und Fortpflanzung hat, obwohl die Menschheit ja wisse, dass das Leben auch Leid bedeutet und die eigenen Kinder davon nicht verschont werden. Dann erzählen wir ihnen, dass manche von uns haarlos sind, andere wiederum prächtig behaart, und dass wir manchmal auch in der Nase rumpopeln, einfach weil’s Spaß macht. Wie absurd das eigentlich sei, sagen wir, dass Lebenswerke einfach verschwinden können, indem man stirbt. Und wie absurd es sei, dass man an der Spitze seines Erfolges angelangt, auch einfach erkranken kann oder durch einen Unfall die Welt verlassen kann. Wie würden diese Wesen über uns denken? Würden sie nicht sagen: “Nee, daran glaube ich nicht. Solche Wesen kann’s gar nicht geben, dann könnte ich ja genauso gut an den lila Elefanten glauben, der durch die Wolken fliegt!”
Ernsthafte Frage: Was macht die Vorstellung, dass es Wesen wie uns Menschen geben könnte um so vieles weniger lächerlich und realistischer als die Vorstellung, dass es einen Schöpfer für all das hier geben könnte? Ich habe bis jetzt keine Antwort gefunden; dafür aber ein kleines Indiz dafür, dass es diese Schöpfernatur irgendwie geben muss. Wie sonst ließe sich dieses zauberhafte Kindchenschemawesen erklären? Ich weiß es nicht. Schaut selbst. Ich bin jedenfalls völlig verliebt. Übrigens: Ich konnte den Glauben an drei Fabelwesen nie ablegen, und ich möchte hiermit dazu stehen, dass ich immer noch fest an die Existenz oder gewesene Existenz folgender Wesen glaube: An Meerjungfrauen, Einhörner und Drachen. Diese drei, die kann ich nicht loslassen, werde ich auch niemals tun. Okay?



Vier Leben hatte sie verbrannt. Vier Leben hatten sie verbrannt. Es gibt nichts, was man verschweigen könnte, was einem nicht doch die Augen runterlief wie eine gesteinigte Seele, in sich zusammengefaltet wie ein enger Sarg in der Tiefe der Meere, verschlossen wie das dunkelhaarige Kind mit den traurigen Puppen in der Hand, die sie immer und immer wieder fallen ließ. Was wir nicht wissen ist immer das Selbe. Der Kern der Erkenntnis verflüchtigt sich mit dem Versuch, unseren Blick nach Innen durch uns durch zu richten. Doch was ist da? Freud mystifizierte uns, sagte, in uns sei eine unbewusste Welt, ein nicht sichtbares Universum. Und deshalb fühlen wir uns noch magisch von seinen Sätzen angezogen und verteufeln die kalten Wissenschaften, die uns unmystisch darstellen. Aber was wir nie begriffen haben ist: er hat uns als absolut triebgesteuert gesehen, weniger wert als unser Verstand, mehr ruht da nicht, da in den Tiefen, dem Unbewussten, sagt Freud. Weiterlesen… »
Was ich in den letzten Wochen gelernt habe ist, dass es mich nicht umbringt, den Falschen zu vertrauen. Sie haben beim Lamentieren schon längst meinen wunden Punkt vergessen. Und erkannt habe ich, dass nichts dabei ist, wenn ich den Richtigen nicht vertraue. Denn sie stehen noch immer da, am Wegrand meines Blickes, und warten geduldig auf mich, bis ich endlich weiß, was zu sagen ist. Das ist ein schöner Monat, dieser März. Wir feiern das neue Jahr ganze dreizehn Tage lang. Und diese dreizehn Tage sind erst in vier vorbei. Dieser Frühling ist der Erste nach Jahren, den ich annähernd so lieben kann, wie es ein Frühling nun einmal verdient hat. Die Veränderungen geschehen {in mir} in rasanter Form. Und ich weiß, bald fängt ein neuer Lebensabschnitt an – und in der neuen Arbeit gehe ich wie eine kleine Sonne auf. Die Melancholie bleibt aus die letzten Tage. Das macht mich unkreativ, doch glücklich, weil ich nichts Schlechtes über mich zu berichten habe. Ich renne raus und alle lächeln {mich an}. Ich stehe in der Schlange, und das Warten ist ein kleiner Augentanz. Ich lauf’ zur Bahn, und der Fahrer wartet auf mich drei Ampelzyklen lang. Ich setz’ mich hin, und ein kleines Mädchen zeigt – seiner Mutter zugewandt – auf mich, fragt sie um Erlaubnis und setzt sich dann neugierig zu mir hin.
Was passiert denn nur, wenn die Sonne scheint? Überhaupt war vieles anders in den letzten Wochen. Ich rede und hülle mich nicht in Schweigen ein, und das bei Themen, die mich direkt betreffen. Geknickte Freundschaften erheben sich gen Himmel wie Tulpen. Sie wollen einen Neuanfang, und ich sage “Ja”. Nie dagewesene Freundschaften werden endlich beendet. Ich entlasse mich aus der selbst auferlegten Pflicht, für immer da zu sein, und sage erleichtert “Nein”. Eine neue Energie erwacht aus meinem Schmerz heraus. Eine Botschaft, die mich aus der inneren Resignation befreit. So dass der reißende Fluss meines Handelns sich vom Sprudeln meiner Seele nähren kann, und ich endlich nicht – wie sonst – im Minus meiner Kräfte weile. Nichts kann bleiben, wie es ist. Die Veränderung ist die Mutter der Natur. Und Mutternatur? Sie nickt, wenn sie mich das hier schreiben sieht.
18.03.2012, 10:22
So sind wir eben
Wir hatten nur einen einzigen Grundton, und der war grau. Und durch seine kaum wahrnehmbaren Nunancen verloren wir uns in der Wichtigkeit unserer Individualität. Aber eigentlich waren wir alle eben einfach nur: grau. Die Unterschiede übertrieben wir bis zum Anschlag des Möglichen, damit sie uns markierten und uns nebenbei miteinander unvereinbar machten. Als Trost konnten wir uns in unsere sonnenlosen Zimmer zurückziehen und Lieder über unsere Einsamkeit schreiben. So gingen wir auch mit Wahrheiten um. Wir trieben sie so in die Enge des Extrems, dass ein und die selbe Wahrheit von zwei verschiedenen Graumenschen zu unvereinbaren Grundsätzen auseinander wuchsen. Bis der Krieg dann kam und alle Wahrheiten vernichtete – und nur die der Gewalt übrig ließ.
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“… und so, wie ich mich an den Baum anlehnte, der so alt und weise war wie kein Menschenleben es jemals werden würde, erkannte ich, dass ich einfach das Abbauprodukt von Sternen war. Ich bin die Scheiße von Sternen, das sind wir alle, wir sind nur Abfall einer viel größeren Sache. Und dann musste ich lachen, weißt du? Lachen, weil es so lustig war, dass wir – ein Haufen Scheiße – einander Namen gaben wie Ursula, Dietrich, Liselotte und Waldemar! Und wir Kulturen und Königreiche erschufen, unserer Existenz durch den Aberglaube, wir seien das Ebenbild Gottes, einen Sinn gaben. Ist das nicht lustig? Wenn du Gott wärst, würdest du lieber aussehen wie eine Supernova oder lieber wie wir kurzarmigen, kurzbeinigen, nackten und gliedbehangenen Menschen? Was denkst du?”, fragte er seine beste Freundin schmunzelnd. “Ich denke, dass auch Scheiße wichtig ist. Sie kann die Existenzgrundlage von vielen Lebewesen sein”, antworte sie knapp. Sie hatte ihm nicht widersprochen, sich noch nicht einmal dagegen gewehrt, als Abfallprodukt ihr Leben zu bestreiten, nein. Sie sah die Funktionalität in Scheiße – und schon war alles in Ordnung. Er seufzte. Wie gerne wäre er wie sie.
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Wir fragen uns ständig nach dem Sinn dessen, was wir tun. Und Spaß und Freude als Zweck einer Sache, das lassen wir nicht so einfach gelten. Wir suchen trotzdem weiter nach der Nützlichkeit unseres Tuns und werden auch fündig. So schaffen wir es, die schönsten Dinge der Welt, zur Bürde der Verpflichtung zu machen.
Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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