03.11.2011, 11:05
Alltagsgegenstände
Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich liebe die Objektfotografie. Natürlich haben sie weniger Seele, als wenn man Menschen einfängt. Auch scheinen sie keine Geschichte zu haben. Es gibt sie in vielfacher Form. Viele von nur einem Produkt. Aber findet ihr nicht, dass wir durch unsere Beziehung zu ihnen und der Bedeutung, die wir ihnen in unserem Alltag geben, eine eigene Geschichte geben? Oder findet ihr nicht, dass ihr ruhiges und schlichtes Dortsein, Dasein, In-der-Ecke-stehend-Sein einfach etwas Beruhigendes hat? Allzeit bereit, uns zu irgendetwas zunutze zu sein? Ich selbst finde, dass meine Beziehung zu Objekten einwenig schräg ist. Man könnte es fast als materialistisch emfinden. Gerade meine Beziehung zu Notebooks ist ganz seltsam. Aber wenn man länger darüber nachdenkt, dann liegt es vielleicht daran, dass ich sie als eine Art Wunderfenster zur weiten Welt sehe. Als eine Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen. Zu euch zum Beispiel. Ich glaube nicht, dass ich materialistisch bin, nicht in dem Maße. Denn beim Materialistischsein scheinen Gegenstände eher einen bestimmten Nutzen in Sachen Prestigestatus zu haben. Ich hingegen scheine ein paar versteckte, liebevolle Gefühle zu ihnen zu hegen.
Meine Teetasse zum Beispiel. Die habe ich schon, seit ich sechzehn bin. Damals hatte ich eine Herzphase, die wirklich sehr robust war gegen die Beschwerden in meiner Umgebung. “Sherry, wieder ein Herz? Dein ganzes Zimmer ist voller Herzchen, das geht nicht mehr. Jetzt auch noch eine Herztasse? Muss das sein? Am Frühstückstisch?” Noch immer, wenn ich mich beruhigen will, trinke ich als Nicht-Tee-Trinkerin meinen Tee aus dieser Tasse. Alle anderen Herzen habe ich entsorgt, aber das hier habe ich behalten. Das zweite Bild ist ein Schnappschuss von vorhin. Ich hatte mein iPhone-Aufladegerät nicht ausgerollt, sondern einfach so, wie es war, angeschlossen. Vor dem Fensterlicht sah es plötzlich so magisch aus. Also habe ich versucht, diese kleine funkelnde Magie einzufangen. Plötzlich finde ich, dass es mehr ist als einfach so’n Kabel, das einen Nutzen hat. Ich finde es schön, anmutig und einwenig orientierungslos. Ich will es ansehen, es entkleiden und seine inneren Drähte erschließen. “Wie funktionierst du nur, du Kabel?” – Ich weiß. Blöd. Außerdem habe ich heute die Uni geschwänzt.


01.11.2011, 11:27
Gesehenwerden
In einer dieser engen Altstadtgassen angekommen, suchen wir nach einem Parkplatz. Und da, direkt vor dem klitzekleinen REWE mit der viel zu kleinen Eingangstür, finden wir eine rudimentäre Parklücke, die man auch leicht hätte übersehen können so furz-unsichtbar ist sie. Mr. Serious entscheidet, trotzdem einen Versuch zu starten. Vor dem Supermarkt-Eingang sitzen zwei ältere Männer. Deutlich vom Leben gezeichnet, nicht ganz nüchtern – und zumindest einer von ihnen, der mit dem weißen, langen Bart, ist sehr kommunikativ. Ich bemerke alte Klamotten, ein altes durchlöchertes T-Shirt, das ihm die Welt bedeutet, und eine abgewetzte Jacke. Die Cappies zieren beide, geben beiden Sicherheit, eine Art Einheitlichkeit – und sah man sie, wusste man sofort Bescheid: Ja, die beiden gehören zusammen. Auf der Straße vermutlich eine wichtigere Verbindung, als wir Normalos uns mit einer Wohnung und einer uns umsorgenden Familie vorstellen können. Vielleicht weniger emotional, aber dafür hoch funktional. “Für bedingungslos emotionale Beziehungen holt man sich lieber Haustiere”, erinnere ich mich an die Worte meiner alten Nachbarin, die vor sieben Jahren einem aufgeplatzten Aneurysma erlag. Möge sie in Frieden ruhen.
Mr. Serious macht da irgendetwas am Lenkrad – ich würde sogar sagen, er kämpft. Dreht sein Gesicht nach hinten, schätzt ab, tut irgendetwas. Das Autofahren, das wird nie mein Freund werden, das geht mit meinem ADS einfach nicht gut, denke ich noch, als ich den Bärtigen lachend sagen höre: “Do da bin isch aba jezze ma jespannt, junga Mann. Zack zack und rinne!” Mr. Serious grinst den Bärtigen an. Fast einwenig schüchtern sieht er dabei aus. Das Autofenster ist bis zum Anschlag runter gedreht, damit er sehen kann, was auch immer er meint, sehen zu müssen, um in diese immer lächerlicher wirkende Parklücke rein zu kommen. Ich finde, da kann man nichts sehen oder abschätzen, das waren Millimeterunterschiede – als ob man das Auto millimetergenau kontrollieren könnte. Ich hatte ihm ja auch angeboten, auszusteigen, ihm Anweisungen zu geben wie eine leidenschaftliche Verkehrspolizistin, die aus ihren Hand- und Armbewegungen eine tolle Break-Dance-Welle hinlegt. (Die kann ich übrigens wirklich, und zwar ganzkörper. Das wollte ich nur einmal klarstellen) Aber nein, Mr. Serious will keine Hilfe, außer es geht nicht anders. Und wann er dieses “es geht nicht anders” anfängt, zu empfinden, kann das schon an einem Zeitpunkt sein, an dem “es geht nicht mehr ganz” eigentlich schon “kurz vor Katastrophe” ist. Mr. Serious Definition war dem Bärtigen gleich. Er verteilt fröhlich Ratschläge an ihn und macht klar, was am besten der nächste Schritt sein sollte. Mr. Serious lacht und sagt “Danke, ich weiß” und wendet nervig elegant das Auto in ungefähr zwei bis drei Lenkradhandlungen in die Parklücke. Ich verdrehe die Augen. Hätte er es doch wenigstens einwenig vermasselt, dann hätte der Bärtige noch ein “Siehste Junge” sagen können. Das hätte mir gefallen. Weiterlesen… »
In der letzten Zeit kaufe ich mehr Bücher als ich lesen kann. Die Intervalle zwischen Kauf zu Kauf werden nämlich immer kürzer. Das ist mir heute bewusst geworden, nachdem meine Freundin mir das Buch “Little Bee” empfohlen hat. Mein erster Impuls war: “Kauf’ ich. Kauf’ ich sofort.” Also bin ich zu meinem Bücherregal gehopst und habe geschaut, was noch alles ungelesen ist – ganz in der Hoffnung, es sei nicht soviel. Das hätte mir erlaubt, das Buch doch noch zu holen. Aber wie es nun einmal so ist, wenn man hofft, kommt es genau anders. Der Bücherberg war nicht von schlechten Eltern. Ich entschied dennoch, zuzugreifen. Wie das? Ganz einfach eigentlich. Ein Buch mehr oder weniger würde auch nicht mehr viel ändern. Ob ich mir das nun jetzt hole oder erst, wenn ich den ganzen Berg lesend abgebaut habe, ist doch gleich, oder? Wobei, nein, nicht gleich – mir bleibt sogar ein Vorteil, wenn ich es jetzt kaufe. Ich habe mehr Auswahlmöglichkeiten, wenn ich zum nächsten Buch greifen möchte. Buch x, y oder z? Ach nein, ich nehme Buch k. Das ist doch vernünftig, finde ich. Immer das Selbe. Ich will mich davon abhalten, auszuufern und finde nach einer Anti-Ausuferungs-Strategie erst recht einen guten Grund, doch auszuufern. Das ist wie mit dem Essen. Willst du zunehmen? Dann diäte.

27.10.2011, 19:58
Heilerinnen
Es war ein ruhiger Tag, und vermutlich gerade deshalb ein schöner. Erst war ich in der Uni und habe viel über Zwangsstörungen gelernt – und gleich danach habe ich mich mit meiner Freundin Iman getroffen. Sie war mein Handmodel. Ein Handmodel für ein Foto, das ich tatsächlich insgeheim als meinen ersten kleinen Miniauftrag ansehen möchte. Eine Frauenberatungsstelle zeigte Interesse an meinen Fotos. Vor allem dieses Motiv hatte es ihnen angetan. Da sie für ihre Frauen eine Broschüre und Lesezeichen zu Weihnachten drucken wollen, fragten sie mich, ob ich ein ähnliches Bild fotografieren und bearbeiten könnte, aber diesmal mit Frauenhänden. Außerdem haben wir Kräuter statt Äste genommen als Symbol für die Heilung der verletzten Frauenseele. Für mich beinhaltet das Bild zudem die heilenden Kräfte von Frauen selbst, die damals tagein tagaus nichts anderes taten, als Kräuter zu suchen und für die Genesung anderer einzusetzen. In einer bestimmten, dunklen Epoche wurden einige von ihnen sogar für ihre Berufung im Scheiterhaufen verbrannt.
Nach der Fotosession haben wir es nicht nur bei Imans Händen belassen. Sie hat sich dann auch ganz abknipsen lassen. Sie wird mit dem Ergebnis bestimmt nicht zufrieden sein. Aber ich finde sie sehr schön hier. So sehen Ägypterinnen aus. Auch, wenn sie meint, sie habe nichts Ägyptisches an sich. Für mich ist sie der Inbegriff einer. Seht selbst.






21.10.2011, 18:38
Der krumme Tag
Gestern war ein krummer Tag. Eine Freundin von mir schrieb eine seltsame SMS. So, als fordere sie eine Rechtfertigung dafür, dass jemand Bestimmtes, den wir beide kennen, traurig aussah, als ihr das Glück beschert wurde, meiner Freundin über den Weg zu laufen. “Hi Süße, ich habe heute So-und-so gesehen. Sie hat mich wohl nicht gesehen, und sie sah so traurig aus. Warum denn nur?” Mein Herz pochte. In den letzten Jahren schießt meine Wut sehr schnell in meine Stirnader und randaliert dort um die Wette mit wem-oder-was-auch immer. Dann entwickelt sich eine bedrohliche Unruhe in mir, die ich mit aller Macht zu bändigen suche. Was, wenn ich das nicht schaffe? Was, wenn ich meinen animalischen Impulsen freien Lauf lasse und mit all den Vorwürfen, all dem kalten Zorn antworte, mit dem ich inzwischn jedem antworten will, selbst, wenn die Person nichts dafür kann? Gehörte die Person zu jenen, die meine Wutschleuder verdient hätten? Ganz sicher nicht. Ein lieber Mensch ist sie, schon immer gewesen. Nur ihr Weltbild ist etwas einfach gestrickt. Sie hat klare Linien, die einiges einteilen. Einteilen in Gut und Böse, Rechtschaffenheit und Unehrlichkeit, in Paradies und Hölle. Und da sie gerade selbst ein Happy End in einer brenzlichen Lage erfahren hatte, wird das Leid anderer schon in irgendeiner Weise seine Richtigkeit haben.
Dachte sie so? Fast befürchte ich: ja. Wenn auch nicht bewusst und in konkreten Gedanken aus dekliniert. Wieso nahm ich das hin? Ganz einfach. Bei langjährigen Freundschaften ist das doch immer so. Man ist gemeinsam vierzehn Jahre alt gewesen – und die Wellenlängen schwingten im selben Takt, wenn auch nicht ganz, so doch angenähert. Das lag einfach in der Natur der Pubertät. Die Themen in der Phase sind recht eingegrenzt und überlappen sich zwischen den Personen so leidenschaftlich wie zwei Nacheinanderverrückte. Und dann? Das Abitur trennt alle, jeder geht seines Weges, ohne den alten gemeinsamen Weg von damals zu vergessen. Man trifft sich, redet, hat einander lieb – teils aus Gewohnheit, teils aus dem innigen Bedürfnis heraus, eine alte, heile Welt in einem alles desillusionierenden Verstand in Interaktion mit seiner empfundenen Realität fest zu halten. Und doch klappt das nur, weil man den Kontakt so spärlich wie möglich hält, um keine Reibungspunkte zu finden. So ist das doch, oder? So scheint es zu sein. So funktionierte es. Bis jetzt – und wird es sicher noch einige Zeit lang. Weiterlesen… »
Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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