Posts Tagged ‘Angst’
24.01.2012, 09:42
Hier für Jetzt

Lass uns ehrlich sein. Öffne deine Augen ohne die schon vorgedachte Silhouette, die du zu sehen erwartest. Lass uns offen sein, lass mich sein. Vergiss, was du erwartest, ich will, dass du siehst, wer ich wirklich bin. Was auch immer ich bin. Denk’ nur kurz nicht an den, der du bist. Entdecke die Welt ohne Vorwissen, und du wirst dich auf die Wiese werfen und liegen und träumen wie ein berauschtes Kind. Zähl’ nicht die Zeit, sie hat keine abgetrennten, kleinen Minuten, Sekunden und Stunden. Siehe, wie sie wirklich ist. Ein Fluss ohne Anfang, ohne Ende, ohne Richtung und mit einem geheimen Wissen über das Nichts. Wir wollen mit der Sonne verstecken spielen, in der Hoffnung, unsere Nacktheit sei nur eine Illusion, die wir vergessen können. Vergiss stattdessen lieber all die Bekleidung, all die Vorhänge und all die Wände. Wir Menschen ähneln einander zu sehr, als dass wir uns verheimlichen könnten. Selbst, wenn wir verschwinden würden. Sei kein Gast mehr, sei der Bewohner meiner Seele. Mir ist egal, wenn ich das Ich vom Du nicht mehr unterscheiden kann. Warum auch, wenn unsere Essenz eh vom selben Nektar ist? Warum auch, wenn Fleisch und Blut überall gleich sind? Sei da, mit mir. Nicht für immer. Doch für jetzt, bleib’ hier.

Die größten Gedanken fallen einem nicht ein, sondern fallen einem aus dem Bauch, um sich dann vom Kopf in Gedankenstrukturen und Worte manifestieren zu lassen. Wir werden die simplifizierende Dichotomie niemals auf emotionaler Ebene aufgeben können, solange wir Menschen sind. Wenn, dann nur auf der Metaebene. Unser Körper reagiert auf “angenehm” und “unangenehm”. Alles andere hätte das Überleben verhindert, das von der natürlichen Homöostase unserer Kleinorganismen gewährleistet wird. Denn die Bewertung zu differenzierteren Körperempfindungen mit mehr als nur zwei Qualitäten hätte ein echtes Bewusstsein unserer Organe erfordert. Das hieße Ressourcenverbrennung für die Vergeistigung von Zellen, Drüsen und Darm. Komplett sinnlose Strategie. Ineffizienz pur.

Selbst, wenn Empfindungen ambivalent sind, so besteht diese Ambivalenz aus verschiedenen Skalenwerten auf einem Kontinuum von “angenehm” bis “unangenehm” – und sonst nichts. Nur durch die anfänglichen Schwierigkeiten, sie zu lokalisieren, entsteht Angst, Unsicherheit und Blindertapperei. Doch irgendwann kommt der Moment – bei dem einen früher, bei dem anderen später – in dem unsere subtilen Erklärungsversuche für diese Körperempfinden artikuliert werden (müssen). Erst vorsichtig, dann mutiger. Und wenn sie gefunden worden sind, entlastet uns das von der brodelnden Diffusität in unseren Gefühlsgehegen. Selbst, wenn unsere Erklärungen nicht stimmen.

Seltsam sind wir, weil uns – trotz unserer Bemühungen, die Realität akkurat einzuschätzen – sogar falsche Erklärungen ruhig stellen. Hauptsache, es gibt eine. Und seltsam ist auch, dass wir, trotz der Komplexität unseres Gehirns, das Prinzip der Kontraste in Form von Dichotomien brauchen, um an der Welt um uns herum agieren zu können und uns selbst aushalten zu können. Aber manchmal führt dieses effiziente Regelwerk auch schlicht und einfach zu Faschismus. Und dann stehen wir da. Ratlos wie eh und je und fragen uns: “Wie konnte das bloß passieren?”.

09.01.2012, 01:23
Geschützt: Manchmal …

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05.01.2012, 10:21
Sapienti sat est.

Wir haben ein Wesen bekommen, das zu Anteilen bestialisch und zu Anteilen mitfühlend und gut ist. Warum lässt man diese aufeinander los, in einer einzigen Brust, in einer einzigen Seele, in einem einzigen Kopf? Der Sinn der Sache kann nicht so einfach sein wie die Prüfung eines Gottes, der uns dem inneren Kampf zwischen Gut und Böse aussetzt. So ein Allmächtiger weiß doch eh, wie alles ausgeht. Er kennt uns besser als wir uns selbst. So einfach ist die Welt nur bei Harry Potter oder in den heiligen Büchern, aber nicht hier, nicht bei uns.

Ich will so unbedingt Dinge wissen, dass es mich krank macht. Mein Kopf rattert die ganze Zeit nach einer Weltformel, einem Stoff, der allem einen plötzlichen Sinn gibt. So unbedingt will ich Dinge wissen, dass ich wütend werde, wenn in all den eigentlich mich beruhigenden (Sach)-Büchern doch keine Antworten vorhanden sind. Romane befriedigen mich nur noch bedingt, geben nur noch sehr kleine Antworten auf die großen Fragen. Die Schriftsteller/innen, die es konnten, sind leider schon tot. Und die, die es nicht können, werden heute als weise gefeiert. Ich wollte Paulo Coelho schon immer einmal fragen, warum er die Muße hatte, spirituelle Reisen zu machen, wenn sein Leben wirklich schwierig war. Warum sucht man sich überhaupt, wenn Not besteht, echte Not, Überlebensnot? Maslow wusste es doch besser. Kämpfen wir um’s Überleben, denken wir nicht an innere Ruhe und Selbstverwirklichung, sondern an’s Essen, an’s, Nicht-Sterben, an’s Schlafen an einem warmen Platz. Musste er nicht um das Überleben kämpfen, anstatt ständig auf der Suche auf sich selbst und seinem inneren Frieden zu sein? Und wie kann man es schaffen, all das, was passiert, irgendwie noch einem guten Gott zuzuschreiben, den er ständig predigt? “Warum, Herr Colhoe, lassen Sie in Ihren Romanen immer die Hälfte der Wahrheit aus? Blenden die Gewichtung des Zerstörerischen aus, nur um Ihren Lesern Ruhe zu verkaufen, die Sie sich selbst verkauft haben? Können Sie, wenn Sie diese Aspekte unserer Realität einfach meiden, überhaupt von echter Weisheit sprechen? Muss der Weise überhaupt noch etwas leugnen? Und gibt es Weisheit überhaupt?” (Bedenkt, ich mag ihn sehr gerne, er ist ein guter Mensch, dieser Mr. Coelho.) Weiterlesen… »

28.12.2011, 03:02
380

Dreihundertundachtzig Tage sind wir hier. Du siehst die Veränderungen in und an uns. Und du denkst noch immer, wir seien gewappnet gegen die Spuren der Zeit? Vielleicht solltest du aufwachen, oder vielleicht auch nicht, ich weiß es nicht. Dir scheint es in deiner Unbekümmertheit offensichtlich besser zu gehen, ewig besser zu gehen als mir. Wie ich das hasse. Dreihundertundachtzig Tage, und ich denke mir, wir sollten getrennte Wege gehen, weil wir sie schon immer gegangen sind, nur nicht offiziell, und ich will es endlich greifbar echt haben, damit ich raus kann, atmen und wieder auf eine Zukunft hoffen kann. Es langweilt mich, hier zu sitzen, deinen Geschichten zu lauschen, dabei interessiert zu tun und aufmerksam und eine Art sanftmütige Mütterlichkeit auszustrahlen. Was interessieren mich gezüchtete Kampfhähne? Das ist öde. Und hätte ich noch einen Funken Menschlichkeit in mir, würde ich sogar empört darüber sein. Dreihundertachtundachtzig Tage, und hundertneunzig davon habe ich alles versucht, um mich dir zu verwehren. Deine halbgare Lust widert mich an, deine programmatisch ablaufenden Handlungen, um mich rumzukriegen, lassen mich denken, ich habe es mit einem Einzeller zu tun, der in kleinschrittigen Instinkthandlungen agiert, alles tut, nur nicht denkt – geschweige denn es fantasievoll tut. Was bist du nur. Ein Parasit, der sich in ein menschliches Skelett eingenistet und die Steuerung des Großhirns übernommen hat, ja, so kommst du mir vor. Ich schlafe nicht mit Parasiten. Geh’ ins Rotlicht, lass mich das meinetwegen zahlen, ich würde es tun. Ich werde dich verlassen, die Anzahl der Tage nicht mehr überschreiten. Drehundertundachtzig. Unerträglich. Weiterlesen… »

13.12.2011, 23:54
Die letzten Stunden.

Also erstmal, wer auch immer das hier in die Hand bekommt, lies mal besser nicht, wenn du Angst vor Blut und Gewalt und so’n Gedöns hast. Das ist nicht für kleine Mädchen gedacht, okay? Bitte sag’ nicht, ich hab’ dich nicht gewarnt. So, ich erzähle jetzt mal. So fing das alles an. Ich weiß nicht, wie ich das alles aufschreiben soll. Ich bin kein guter Schreiber, aber ich versuch’ das mal hier wiederzugeben, weil ich das hier einfach nicht in meinen Kopf kriege und ich einfach nicht verlieren will, was ich jetzt weiß und was ich herausgefunden habe über alles. Oder was ich denke, herausgefunden zu haben.

Es war ein übler Tag. Wie gesagt, ich hatte einen scheiß Tag. Egal warum jetzt. Auf der Arbeit lief es nicht sehr gut, weil nur, weil ich nicht rede, mich die meisten für ‘nen Depp halten, was ich nicht bin, die kennen mich nicht, ich bin vielleicht ein bisschen auf den Mund gefallen, aber nicht, weil ich dumm bin, sondern weil ich früh gemerkt habe: Wenn man nicht redet, wollen die Leute auch sowenig wie möglich von einem. Ich habe gemerkt, Reden, das ist nur was für Heuchler, die sagen wollen “Ich bin wer”. Und sie reden und reden, über sich, eigentlich ist alles, was sie sagen, nur etwas über sich, selbst wenn sie etwas über andere sagen, sagen sie es, damit man sieht, wie gut und wie intelligent sie über andere reden. Ich gehörte nicht dazu, ich wollte meine Ruhe. Einfach nur Ruhe. Meine Arbeit tun, nach Hause gehen, mich von meiner Freundin nerven lassen, vielleicht, wenn ich Glück habe, eine Art Zuneigung bekommen, mittelmäßigen Sex und dann schlafen gehen. Das ist alles, mehr wollte ich nicht vom Leben. Aber kaum ist man zufrieden mit dem, was man hat, kommt irgendein Tag und irgendwas passiert und alles ändert sich. So sehr, dass du die Dinge plötzlich anders siehst, plötzlich über Dinge nachdenkst, die du vor Jahren schon abgeschlossen hast in ein dickes Fass, wo “unlösbar” steht. Und gut ist. Wer will sich schon den Kopf zerbrechen, sollen das doch diese Philosophier.
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