Sie hatte Katzenaugen. Blaugraue. Aber nicht dieses unheimliche, erschaudernde Blaugrau. Sondern eines, das einen anzog und tief in seinen Bann verstrickte. So dass es weh tat, wenn man sich aus ihm herauswinden wollte. Also wand ich mich heraus – und ja: Aua! In Lichtgeschwindigkeit zurück bei mir selbst, wartete ich irgendwie aufgeregt wie ein Teenager auf das, was sie nun von mir fordern würde. Egal was, ich war bereit, es an ihr zu verlieren. So ist das an Tagen, an denen ich abwesend bin und sofort in die Gesichter anderer schlüpfe, um mich um ihre Augen hindurch in irgendeine Nische ihrer Seelen zu begeben, zu schauen, zu forschen, zu prüfen zu spüren, was da ist und was da nicht ist.
“3,95 Euro, bitte!”, lächelte sie. Fast schüchtern. So unpassend zurückhaltend zu ihren majestätischen Augen, dass ich schon fast irritiert auf eine weitere, passendere Geste von ihr wartete. Vielleicht ein “Her mit dem Geld oder ich verschlinge dich” oder vielleicht doch “Gib schon her, gib alles, was du hast! Du weißt, du hast nichts gegen mich in der Hand, Kleines!” – Aber nein. Es war ein liebliches Lächeln, und ihre Augen waren tatsächlich gesenkt. Wusste sie denn nicht, was sie für Augen hatte? Mit ihnen hätte sie Welten zerstören und neu errichten können, Menschen bei wachem Zustand hypnotisieren und instrumentalisieren können. Sie hätte herrschen können. Aber nein, sie senkte sie stattdessen. Was für eine Verschwendung. Unerwartet wie das war, brachte mich das zum Wanken.
Okay, also 3,95 Euro wollte sie. Das geht ja noch. Das kriege ich hin. Aber: Wie mache ich das jetzt? Meine Finger stolperten über den Reisverschluss meiner Brieftasche. Darin war das Kleingeld. Ich sollte auch noch zählen bei der Verwirrung meiner Gedanken? Na wunderbar. Als sei das Zählen so nicht schon eine riesen Herausforderung für mich, der ich mich normalerweise umständlich stellte, musste ja sie dabei zusehen und warten. Also gab ich direkt auf viertel Wege auf und riss einen Fuffi aus dem anderen Fach raus, von dem ich erst annahm, er würde schon ein Zehner sein. Ein “Öh” platzte leise aus mir heraus, leise aber eben doch oho! Peinlich berührt von der Gewissheit, sie könne Gedanken lesen, der Überzeugung, mein Glück, nie so richtig rot zu werden, hätte mich heute nun endgültig verlassen, tat ich etwas Bescheuertes: Ich bedankte mich beim Zahlen. Wie dumm konnte man sich eigentlich noch verhalten? Ich spürte bohrende Blicke der Restschlange hinter meinem Rücken, genau in meinen Schädel rein. Sämtliche Psychologen der Stadt mussten sich hinter mir an der Kasse versammelt haben, um herauszufinden, was denn mit mir nicht stimmte. Ich war davon überzeugt, sie würden mich draußen gleich abfangen und geradewegs zu neuroligischen Experimenten abtransportieren. Und was tat sie? Auf mein unpassendes “Danke” beim Zahlen antwortete sie mit “Danke zurück”, als sie das Geld annahm. Das war fesh, ey. Weiterlesen… »



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