Posts Tagged ‘Das Selbst’
05.02.2012, 08:05
Ist doch so.

Große Autos, mögen wir, mögen wir. Außer, wir haben keinen Führerschein oder nicht genug Geld dazu, dann finden wir sie sinnlos, bloß ein Statussymbol, haben wir nicht nötig, sagen wir, sagen wir (oft). Püppchen? Nein, dafür sind wir nicht. Püppchen sind hübsch und somit langweilig und dumm, nur zum poppen gut. Sagen wir oft, wenn wir selber nicht aussehen wie welche oder keine haben können. Lässt man uns aber frei wählen, können wir alles haben, würden wir Frauen vielleicht gerne einwenig mehr aufgepüppt aussehen, aber so reizend charmant und intelligent bleiben, wie wir sind – und wir Männer würden vielleicht eine junge, pralle Püppi wählen, die nicht soviel nörgelt, fragt und will. Wir wollen natürlich auch keinen beruflichen Erfolg. Spitzenpositionen sind nichts, was wir erklimmen wollen, immerhin wollen wir nur arbeiten, um zu leben – und um Gottes Willen nicht umgekehrt. Das Wichtigste ist natürlich immer noch die Familie. Wer will denn nicht zwei Racker und zwei Pubertätsbomben haben, die uns mit ihrer Launenhaftigkeit das letzte Bisschen Ruhe im Gehirn aus der Nase quetschen? Und dann lästern wir über den Manager, der an der Spitze ist und reden uns ein, er sei gestresst, würde an irgendeiner koronaren Herzkrankheit leiden und doch sowieso bald dahinscheiden. Und dieses Leben mit den ganzen Klimperwimperfrauen, die ihm hinterher rennen, weil Herr Manager erfolgreich und durchsetzungsfähig ist, das tun wir ab als Oberflächlichkeiten. “Wer will das schon?” Und Männer? Achwas. Sie müssen nicht erfolgreich sein. Alphatiere, darauf stehen wir nicht. Wir können ja selbst arbeiten gehen und unsere Ellbogen nutzen, die Emanzipation macht’s nötig! Und überhaupt, auf die Größe kommt es doch sowieso nicht an, denken wir, während wir uns unsere Beziehung leidenschaftslos schön vögeln lassen und uns darüber ärgern, dass das mit dem “Die Größe ist unwichtig”-Stück unseres Anti-Einsamkeits-Abschnittspartner auch nicht wirklich gelingen will. Ist doch so.

02.02.2012, 18:09
Desillusionierungsmeister

“Einwenig hast du ja schon die Welt aus den Augen verloren, nicht?”

“Wie meinst du das?”

“Naja, schau dich an. Damals warst du ein Meister der Illusionen und Träume, und heute bist du der Meister der Desillusionierung. Du lässt ja kaum noch etwas durchgehen, das leicht anromantisiert ist. Kann man so überhaupt glücklich werden?”

“Nun, ich bin sogar sehr glücklich. Illusionen lassen uns passiv und träge wie einen Opiumsüchtigen an irgendeinem Status Quo nippen. Und wir winden uns im Kreis, um diese Illusionen herum, erreichen aber nichts, weil wir nur noch nach Hologrammen greifen, ohne diesen Greifreflex stoppen zu können. Ich hingegen mache Platz für das, was wirklich möglich ist, dafür muss man Raum schaffen, indem man realistische Ziele von unrealistischen trennt. Nur so können wir endlich anpacken, endlich erreichen, was möglich ist und das Ziel ergreifen. Ist doch nicht schlecht, oder?”

“Nun ja. Ja. Hm. Stimmt.”

Die peinlichsten Augenblicke des Tages sind die, in denen wir andere dabei erwischen, wie sie sich selbst belügen, um ihrem gewohnten Trott und ihrer Sichtweise auf die Welt weiter frönen zu können. Ohne quälende Fragen nach ihrem Sinn und ihrer Richtigkeit. Und die noch peinlicheren Augenblicke sind jene, in denen wir andere dabei beobachten, wie sie uns selbst bei der Selbstlüge erwischen.

01.02.2012, 18:33
Zu Dritt im Kreis

Zu Zweit saßen sie in der Bahn, schauten synchron aus dem Fenster in eine schnellere Zeit hinaus. Ihre Augen fixierten den selben Punkt. Die selbe Leidenschaft schien einst einem Friedensabkommen mit dem Leben und seinen Regeln gewichen zu sein. Ein Mann mit einem übermütigen Hund setzte sich auf den Sitz vor ihnen. Beide blickten erst ihn, dann den Hund an. Beide lächelten sie und folgten wieder ihren Fernabhorizonten einer sonnenbeladenen, eisig klirrenden Stadt aus Grau und Grau.

So sieht es wohl aus, wenn man glücklich miteinander altert, dachte ich. So sieht es aus, wenn man den einen hat wachsen lassen, wie er will, um dann selig zu erkennen, dass er in die selbe Richtung gedeihen wollte wie man selbst. Ganz ohne gestutzt und in der Haltung durch Außen gebeugt zu werden. Wenn ich an die Liebe denke, dann denke ich nicht an Schweiß, den Geruch von Sex oder den zerwühlten Laken in einer wilden Nacht. Wenn ich an die Liebe denke, dann ist es mehr als das. Dann ist es ein Zusammenkommen mit allen Fühlern, die man hat. Wir graben uns einander ein, unsere Wurzeln wachsen in die Sinne des anderen hinein, und der Geliebte oder die Geliebte hinterlässt Furchen auf unserer Seelenhaut. Sie tun weh, denn sie markieren uns als “sein” und “für immer mein” oder mindestens “niewieder so ganz nur ich-allein“. Und sie prägen uns, wie kleine Tätowierungen, die ihre Lebens- und Liebesgeschichten erzählen. Wenn ich an Liebe denke, dann denke ich heute an diese beiden Menschen mit den weißen Haaren und ihren schütteren Stellen auf ihreren Köpfen. Beide verlieren ihre Herbstkrone in Würde. Wenn ich an die Liebe denke, dann, wie sie gemeinsam in die selbe Richtung schauen und es noch tun werden, wenn der Eine vor dem Anderen geht. Weiterlesen… »

26.01.2012, 13:40
Der Traum vom Glück

Er sagte, das sei alles kein Problem. Das könne man schaffen, er würde ihr dabei helfen. Wie im Schlaraffenland eröffnete er ihr neue Möglichkeiten, wie sie wachsen, gedeihen, florieren könnte, um endlich bei sich anzukommen. “Eigentlich”, sagte sie sich, “ist das alles doch eine spirituelle Reise, eine zu meinem wahren Ich.” Das tun doch alle heutzutage, sie suchen sich selbst, verwirklichen sich – und das würde sie nun auch tun. Endlich würde sie ankommen, nach den ganzen Jahren voller Selbstzweifel und Angst vor Abweisungen und Bindungen, die in Abweisungen enden. Sie würde durch die Hilfe dieses weise wirkenden, graumellierten Mannes zu jener Selbstliebe gelangen, die man erreichen musste, um ein erfülltes Leben zu leben. “Und? Haben Sie sich entschieden?”, holte er sie freundlich aus ihren Tagträumen heraus. “Ja …”, nickte sie selig. “Ich nehme Doppel D. Doppel D passt zu mir.”

25.01.2012, 08:12
Die Badende

Ein Meisterwerk von Mietze. Es hat mich direkt ergriffen und nicht mehr losgelassen.