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PsychoIhr habt sicherlich alle mitbekommen, was in Nord-Afrika geschehen ist, nicht wahr? Vielleicht freut Ihr Euch sogar für Tunesien und Ägypten? Vielleicht sind Euch einige Ungereimtheiten nicht aufgefallen, wenn Ihr Glück habt. Dann gratuliere ich Euch, Ihr konntet ruhig schlafen.

Mir hingegen ist das nicht gelungen. Mit großem Schrecken beobachtete ich den unglaublich parallelen Ablauf zwischen Ägypten 2011 und Iran 1979. Unsere Monarchie zerfiel nach der Revolution punktgenau am 11. Februar 1979. Punktgenau am 11. Februar 2011 gab Mubarak seinen Rücktritt bekannt.

Ist Euch eigentlich schon einmal aufgefallen, (also das geht an die Leser, die schon etwas älter sind), dass gerade die Deutschen hier völlig aufgebracht gegen den bösen Shah protestierten, die ganze Welt Hass gegen dieses “Monstrum” an König schürte – aber als der Regierungswechsel dann tatsächlich statt gefunden hatte und die Massenhinrichtungen durch Khomeini und seine Handlanger geschahen, sogar Amnesty International die Fresse hielt? Es juckte niemanden, dass aus einem bunten Iran plötzlich ein schwarz verschleiertes Iran wurde. Plötzlich waren die größeren Regime-Monster gar nicht mehr so salient in Deutschlands Köpfen. Niemand ging hier in Deutschland auf die Straße. Sogar die Menschenrechtsorganisationen schliefen das erste Jahrzehnt. Hauptsache, der “Diktator-Shah” war weg. Wisst Ihr, woran das liegt? Eure Medien. Sie bestimmen, was im Fokus Eurer Aufmerksamkeit erscheint und was nicht. Da die khomeinistische Regierung in Ordnung war für die Interessen Eurere Regierungen, hielten die Medien still – und somit auch Ihr, weil Ihr einfach nichts (oder nur wenig) davon mitbekamt.

Was denkt Ihr, warum USA und EU so stark im Fall Ägypten Partei gegen Mubarak ergriffen und das ägyptische Volk unterstützten, einen “sauberen Übergang” plan(t)en – aber Obama sich 2009 zu den mindestens genauso großen grünen Massenprotesten im Iran sich “diplomatisch” zurück hielt? Warum die minutiöse Berichterstattung bezüglich Ägypten, aber die sporadische bezüglich Iran? Was denkt Ihr, warum die deutschen Medien einen Dre…ist-Scholl Latour einlud, damit er sagen konnte, es seien keine Millionen Demonstranten bei uns gewesen, sondern höchstens Zehntausend? Warum bestätigt Rados diese Lüge mit ihrem scheiß obligatorischen Mikro? Und wieso wird gerade in der Zeit, in der meine jungen Landsleute sich nicht anders zu helfen wussten, als all die Greueltaten der Basijis auf ihren wackeligen Handykameras aufzunehmen, während sie noch verprügelt wurden, plötzlich von der Fraglichkeit von Youtube-Videos, Twitter- und Facebookmeldungen debattiert? Weiterlesen… »

07.11.2010, 12:47
Weg! Weit, weit weg!

Mich drückt es. Überall. Im Kopf, im Herzen, im Bauch – und jemand zieht mir an den Armen, jemand tritt mir ins Gesäß – und meine Beine werden unruhig, trippeln und wollen loslaufen. Loslaufen! Irgendwohin, nur wohin, das weiß ich noch nicht. Ich weiß nur: ich möche auswandern. Ernsthaft auswandern.

Der Drang, hier weg zu wollen, wird immer größer. Aus einem kleinen Wunsch in der Ecke meines Kopfes, der mit 16 Jahren schon entstand, ergibt sich in der letzten Zeit das Gefühl einer Notwendigkeit. Der Notwendigkeit, einer beunruhigenden Entwicklung zu entfliehen. Einer, die weder Blonde, Blauäugige, noch christliche Migranten so stark spüren wie wir: den Atem von Sarrazin, dieser außerordentlichen Witzfigur.

Ich gehörte immer zu den Menschen, die Deutschland verteidigt haben, wenn andere ihren Unmut äußerten. Stets sagte ich, sie sollten dankbar sein, dass sie hier leben dürfen und nicht in ihrer Heimat unter Krieg, Bomben und barbarischen Gesetzen einer Theokratie zu leiden haben. Ich blendete aus, dass die deutsche Regierung in den Siebzigern ein fast genauso großes Interesse an dem Sturz vom Shah hatte wie die Briten und die USA ihn hatten, weil er es doch tatsächlich wagte, das Öl für den Aufbau Irans nicht nur zu Dumpin’preisen³ zu verkaufen, sondern zu Dumpin’preisen hoch². Ich blendete sogar aus, dass die deutsche Regierung – zugehörig zu einer Gruppe eines heuchlerischen profitgierigen Kanons – im Iran-Irak-Krieg Saddam mit Waffen versorgte, während meine Landsleute dort ihr Leben ließen, weil sie ihre Munition abzählen und portionieren mussten. Ich vergaß, dass die deutsche Regierung seit 31 Jahren Milliardengeschäfte mit Mullahs beschließt, Steinigern, Erhängern, Folterer und Massenmörder die Hände schüttelt und das Geschäft mit einem Wangenkuss besiegelt. Ich sagte mir, dass die deutsche Bevölkerung doch nichts dafür könne, sie wissen ja von gar nichts und dass jede Regierung über Leichen gehe (das tut sie vermutlich auch wirklich nicht). Man sollte soetwas nicht persönlich nehmen, es geht nur um Profit, sagte ich mir. Solange sie mich, meine Familie, meine Freunde hier in Ruhe lassen, sie uns arbeiten und leben lassen, ist alles okay. Doch es ist nichts okay, schon lange nicht mehr. Weiterlesen… »

Dieses Video (Leila ro bordan) (und vorallem dieses Lied) haben mich wieder daran erinnert, wo meine Heimat eigentlich ist. Nicht im heutigen Iran, nicht hier in Deutschland – nirgends: Nur in der Vergangenheit, meiner iranischen schwarz-weiß Nostalgia-Welt und bei meiner Familie. Ich bin in der falschen Zeit zur Welt gekommen, das habe ich schon sehr früh als Kind gespürt, als ich mit all diesen alten Liedern und Filmen großgeworden bin – da draußen im neuen, kalten Exil.

Als ich heute in diesen kahlen Räumen war, fragte ich mich, wie warm und lindernder alles gewesen wäre, wären es keine “professionellen”, “kühl-köpfigen”, “gewissenhaft-arbeitenden” Leute gewesen, die die Menschen dort mechanisch “pflegten”. Ich schloss die Augen und sah eine naive, liebe Krankenschwester, schwarze Haare, dunkle Augen, einwenig schüchtern und so sehr darauf bedacht, es allen anderen gut gehen zu lassen, dass sie sich fast selbst verstecken wollte. Eine naive, liebe Krankenschwester, die zwar nicht das Privileg der “westlichen Aufklärung” in vollem Maße “genoss” – aber die mit ihrer liebenswürdigen Art unter den Lippen zu Gott betete, dass all die Kranken bald gesund würden. Anstatt des “guten Arztes”, der den Patienten emotionslos die Nadel in die Ader schob, sah ich einen ernsten, konzentrierten, jungen Arzt mit dunklen, geschwungenen Augenbrauen und Augen, der dem Patienten noch das Kissen richtete und mit ihm von Mensch zu Mensch sprach, bevor er den Raum verließ – und nicht etwa von Arzt zum “krankem Objekt”.

Ich lebe schon solange hier in Deutschland. Von Iran habe ich genau 2-3 Jahre meines Lebens mitbekommen – und dennoch haben sie mich weitaus mehr geprägt, als diese vielen Jahre hier. Egal, wie ich es drehe und wende, ich bin Iranerin und ich erkälte mich in dieser ich-bezogenen, kühlen Umgangsart der Mentalität hier. Sie macht mich inzwischen krank. Vielleicht liegt es daran, dass ich älter werde und weinerlicher, aber gerade in den letzten Tagen ertrage ich diese Mentalität nicht. Sie lässt einen einsam zurück. So einsam wie all die tot aufgefundenen, älteren Mütter/Väter, Großmütter/Großväter in ihren altmodischen Wohnungen, die von ihren “Kindern” immer seltener besucht werden. Immer seltener angerufen werden. Mich macht diese Mentalität einfach krank – und der Umstand, dass ich hier Bildung und Freiheit genossen habe, ändert nichts daran. Ich, wo ich doch sonst die Resistenteste von Allen war und die “Umgangsformen” hier verteidigte, die Freiheit hier hochpries, die “Demokratie” hier lobte, ertrage diese Mentalität nicht mehr. Mich macht sie einfach krank – und ich kann es nicht oft genug wiederholen. Ich spürte es besonders, als ich heute einen Iraner traf, der mich schnurstracks fragte, warum ich so traurig aussehe und ob er mir irgendwie helfen könne. Als er mir jede erdenkliche Hilfe zu Teil kommen lassen wollte, als ich dann endlich den Mund aufmachte und redete. Keine persönlichen Anstandsgrenzen waren vorhanden, kein trockenes Schulterzucken, das mich darauf verwies, dass es ihn nichts angehe, was mich belastete.

Mich macht diese kalte Mentalität einfach krank. Nicht einmal Köln blieb von ihr verschont. Nicht einmal Karneval wird gegen dieses Stockige etwas tun können. Und all die Süd- und Ausländer hier helfen auch nicht weiter, denn sie sind (zum Teil durch die “Erkältung” hier) in ihrer Identitätskrise so fundamentalistisch-”traditionell” geworden, dass sie schon gar nicht mehr sie selbst sind. Ich will hier weg.

Diese Mentalität macht mich einfach nur krank…

(Ich entschuldige mich bei jedem “deutschen Mitbürger”, dem ich mit diesem Beitrag zu nahegetreten bin. Bitte bedenkt, dass wir Exilanten schizophrene Wesen sind mit völlig auseinanderklaffenden Bedürfnissen, die weder in ihrem Ursprungsland, noch in dem Land, in das sie geflüchtet sind, gehört werden.)