07.10.2011, 12:11
Endstation
Das erste große Zwischenziel war erreicht. Die junge Frau schaute vom Ganzkörperspiegel ungläubig auf die Waage und dann wieder in den Spiegel. Sollte das wirklich wahr sein? Hatte sie tatsächlich die Dreistelligkeit überwunden? Sie ging wieder runter und wieder rauf, wieder runter und wieder rauf – so, wie sie es in ihren Fitnesskursen tun musste, bei denen sie sich körperlichen Qualen stellte, um sich besser zu fühlen. Versprach man ihr zumindest. Die Waage zeigte jedesmal genau 99,8 Kilogramm an. Eine Zahl, die sie nicht fassen konnte. “Ich bin zweistellig. Zweistellig!”, rief ihr Kopf und steckte fast ihre Stimmbänder an. Ab jetzt würde alles besser werden.
Sie traf sich mit ihrem Freund, der ihr glückliches Strahlen nicht deuten, aber sehr wohl wie eine kostbare Rarität genießen konnte. Er liebte ihr weißes Porzellangesicht und ihren Blondschopf. Vorsichtig nahm er sie in den Arm und bemerkte, dass sie ihn nicht zuckend von sich und ihrem Körper wies. Das tat sie nie durch einen deutlichen Wegschubser, sondern durch eine widerstandsvolle Verspannung, die sie zu einem unangenehm unweichen Umarmungsobjekt machte – und das trotz ihrer Pfunde. Diesmal blieb sie jedoch weich und ließ sich sinken. Was sechshundert Gramm bewirken konnten, würde niemals in den Kopf eines Mannes gehen. Viel mehr würde es am Logik-Verstand-Zoll scheitern und kopfschüttelnd zurück gewiesen werden. Also erzählte sie es ihm gar nicht erst. Sie peilte in lebendigen Gedankenbildern schon ihr Endziel an, während ihr Freund “ein Abendessen in unserem Lieblingsrestaurant” vorschlug, das sie schon lange nicht mehr besucht hatten. Ihre Miene verdunkelte sich wie als hätte es einen Zusammenstoß zweier Wolken gegeben, die sich vorgenommen hatten, das Mondgesicht der Sonne zu verdecken. Essen war keine gute Idee, war es nie – nie bei ihr. Ihr entglitt dabei oft die Kontrolle. Was, wenn sie morgen wieder zweihundert Gramm mehr wog und ihre Zweistelligkeit verlor? Andererseits waren die WC’s in ihrem Lieblingsrestaurant immer tip-top-sauber. Dort ließe sich die Durchfahrt durch die Magen-Darmpassage zum Lageraum der “Energiereserven” gut verhindern und die Resorption jeglicher Nährwerte abfangen. Also nahm sie die Einladung mit einem vorfreudigen Lächeln an und ließ sich weiter und weicher als zuvor in seine Umarmung sinken. Weiterlesen… »
30.09.2011, 10:23
Joséphine
“Deine Augen sind
so müde, Joséphine.
Was hat man dir
nur angetan?”
“Meine Augen sind
so müde, Held?
Was denkst du,
wer hier all die Jahre
nicht mehr war?”
“Du weißt doch, Liebste
Gekämpft habe ich.
Gegen Dämonen,
gegen Soldaten
gegen mich
Weißt du denn nicht?”
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Für manch einen stehen die beiden einfach da und schauen sich das Meer an und genießen ihren Lebensabend. Für manch anderen gehen sie gemeinsam ins Meer hinaus, um das Leben zu beenden, das sie sich ohne den anderen nicht mehr vorstellen können. Der Gedanke, der eine würde früher gehen als der andere, soll ihnen keine Angst mehr machen. Sie nehmen ihn selbst in die Hand, den Abschied. Der Tod soll sie nicht scheiden. Niemand soll sie jemals scheiden können. Ein sehr melancholisches, aber auch sehr schönes Bild, wie ich finde. Es verwirrt und beruhigt mich zugleich.

12.09.2011, 18:26
Entscheidung
“Irgendwann”, denkt sie, “da muss es diesen Frieden geben. Zwischen ihm und mir. Wir müssen die Waffen nieder legen und der Zeit glauben, wenn sie uns verspricht, sie werde unsere Wunden heilen.” In Gedanken gefangen schaut sie ihn an. Er schläft und riecht nach Vertrautheit, wenn sie zu müde ist, um ihn zu hassen. Und das ist sie. Zu müde. Seine Augen schlagen auf, er schaut sich orientierungslos um, tastet die Bettseite neben sich durch und denkt in einem ersten Schreckmoment, sie sei fort. “Hier bin ich”, kommt sie ihm zuvor, streichelt seine Stirn und sagt: “Ich gehe nicht. Doch nicht oder noch nicht. Ach, was weiß ich…”, bricht ihre Stimme runter in den Schlund ihrer eigenen Gefühlsgefangenschaft. Er drückt ihre Hand, lässt sich von ihren Augen zu ihrem Herzen leiten und weiß, dass er noch nicht gewonnen hat. “Sie hadert noch immer mit mir und der Verletzung, die ich ihr zugefügt habe. Du wirst noch weiter um sie kämpfen müssen”, denkt er, noch kopf-diffus von seiner unruhigen Nacht. Sein Körper verspannt sich vor Angst. “Kämpfen musst du aber nicht”, sagt sie klar und wissend, so als hätte sie seinen Muskeltonus gespürt und richtig gelesen. “Denn ich kämpfe auch nicht mehr”, verspricht sie. “Ich nehme dich so, wie du bist, solange, wie ich kann. Das verspreche ich dir.” Er will etwas fragen, einen Einwand einwerfen, doch sie unterbricht, was er noch nicht begonnen hat: “Und ich werde bestimmt für immer können. Denn so, wie du mich verändert hast, mich zum Teil deiner Selbst erzogen hast, werde ich alleine nicht einmal mehr durch die Welt humpeln können, geschweige denn gehen und jemanden lieben.”
Seine Augen trauern über die Enteignung, die er ihr im Laufe all der Jahre angetan hat, doch seine Anspannung fällt ab. Ihre Stimme wirkt etwas hart und selbstbewusst. Nicht im Sinne eines Selbstbewusstseins, bei dem man weiß, was man wert ist, sondern eher in dem Sinne, dass man weiß, was man kann und was man nicht kann. Sie weiß vor allem, was sie nicht kann. Das ist einmal kämpfen um das, was ihr zusteht, weil es jedem Liebenden – nein jedem Menschen – zusteht und einmal das Sich-Trennen, weil sie schon viel zu früh von ihm geprägt, geformt und eingefangen worden ist. Weiterlesen… »
Ich weiß nicht, warum wir das nicht vorher schon gemacht haben. Aber gewollt haben wir das schon lange. Und Gott sei Dank etabliert sich da gerade eine kleine Tradition des Immerwiederzueinanderfindens, die hoffentlich noch lange anhalten wird. Meine zwei Cousinen und ich haben im selben Jahr alle drei geheiratet. Patpatpat. Fertig. Und wir haben alle Drei Männer geheiratet, die von der Großfamilie sofort an die Brust gedrückt worden sind, wie unbezahlbare Schätze. [Wenn die wüssten!] Seit drei Jahren hören wir Mädels uns an, was für ein riesen Glück wir gehabt haben, dass wir so gute Männer gefunden haben. Dabei vergaß unsere Familie manchmal zu erwähnen, dass es doch sie waren – also unsere Liebsten – die wirklich mehr als Glück gehabt haben, uns gefunden zu haben. Aber Schwamm drüber, vermutlich wird unser Glück höher bewertet, weil Männer eher zum Arschlochseinismus neigen als Frauen. Hihi. Höhö. Haha.
Jedenfalls, ich erinnere mich noch an den Tag meiner Trauung. Sowieso ein seltsamer Tag mit einer Oktobersonne, einer goldenen Umgebung und einem magischen uns umspielenden Herbstlaub, das mir heute bei der Erinnerung noch den Atem verschlägt. Ich war die Letzte von uns Dreien, die sich endlich getraut hatte, sich zu trauen. Das war bei mir auch schon immer eine schwierige Geburt, mein Cousin K. hat da einige Anekdoten zu erzählen, die ich immer schön abwürge. Egal. Irgendwann, als wir nach dem anstrengenden, aber unfassbar zauberhaften Trauungstag- und Fest nachts alle im McDonalds landeten [wie immer] – völlig overdressed, aber was soll’s – meinten meine Cousins nur: “Gott sei Dank, jetzt haben wir drei Sorgen weniger” [Damit meinten sie uns. Ts.], machten eine kleine Pause, bis Cousin K. leise-sentimental-zum-Erdrücken-lieb meinte: “Und drei gute Freunde mehr.” Lange Rede, noch größerer Sinn: Die Jungs sind jetzt ein Herz und eine Seele, was richtig nervig sein kann. Und bei Familientreffs unter uns “jungen Leuten”, gibt es immer so eine Art Battle zwischen Frauen und Männern in sämtlichen Partyspielen und Grundsatzdiskussionen. In Scharade haben wir sie das vorletzte Mal plattgemattet, so dass sie danach noch eine Woche lang alle Punkte aufzählten, die unfair waren und die bedingt haben, dass wir Frauen gewonnen haben. Nur Empathie, gute Antennen, Kreativität und Intelligenz gehörten nicht dazu. Letztens bei TABU, da sind die Armen wirklich in den Boden versunken, nachdem wir ihnen zehn ganze Felder Vorsprung gelassen haben und dann einfach in zwei Schlägen zwölf Felder bis zum Sieg aufgeholt haben. Sie warfen uns Hexenkräfte vor! Schwarz-magische Kräfte, für die wir unsere Seele an den Teufel verkauft haben und im Mittelalter verbrannt worden wären. Wir nickten wissend und antworteten kühl, dass wir einfach nur intelligenter seien, forderten unser McFlurry ein und die Schulden vom letzten Treffen, was sie natürlich nicht beglichen mit den Worten: “Aber wir kaufen Euch doch ständig Essen!”, was mein Liebster natürlich noch toppen musste mit einem kleinlauten: “Sieht man doch!” Egal, auch Schwamm drüber, sie waren verzweifelt. Haha. Was ich sagen will, diese ganzen liebevollen Sticheleien haben bewirkt, dass wir das hier nun mindestens ein Mal im Monat wiederholen wollen, auch wenn wir leider nicht alle in meiner tollen Stadt leben [aber dennoch nur 1 Stunde Autofahrt entfernt voneinander].
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09.07.2010, 10:34
In Weiß durch Grau
Ich habe eine Idee. Eine, die mich schon seit einiger Zeit immer wieder schmunzeln und träumen lässt. Wie ich auf sie gekommen bin, weiß ich nicht genau, aber je mehr sie mir in den Sinn kommt, desto mehr habe ich das Gefühl, dass ich sie irgendwann einmal realisieren werde, wenn nicht sogar bald.
Als Peyman und ich uns standesamtlich getraut haben und auf dem Weg von dort in das persische Restaurant vielen freundlichen, hupenden, lachenden, grüßenden, luftküssenden, gratulierenden Menschen begegnet sind, habe ich mit vollem Erstaunen festgestellt, wie unglaublich warmherzig, scheulos und liebenswürdig die Mitmenschen auf uns zukommen und sich mit uns freuen. Die Gesellschaft, die ich vorher noch als anonym und etwas unterkühlt erlebt hatte, war von Jung bis Alt plötzlich hellauf begeistert für den einen Moment, in dem sie der Braut und dem Bräutigam hinterherschauen, begegnen und ihnen ihre Geschenke in Form von Glückwunschen mit auf den neuen Lebensweg geben.
Die Geschenke dieser uns völlig fremden Menschen haben tiefe, aber schöne Spuren in mir hinterlassen. Wie unsichtbare Blumensträuße neben all dem Blumenmeer, das wir an jenem Tag von Freunden und Verwandten geschenkt bekommen hatten, lagen sie in unserem Wohnzimmer neben den echten – und sie ließen sich nicht wegdenken. Und da dieses Erlebnis so schön war, denke ich oft daran, wie Peyman und ich uns einfach wieder als Braut und Bräutigam verkleiden und den Moment bewusst erlebend durch die Stadt schlendern – Hand in Hand als Braut und Bräutigam – um die Reaktionen der Menschen zu beobachten.
Angefangen als eine kindische Idee, hat sie heute Formen angenommen. Ich fing an, zu überlegen, wer da mitmachen würde. Wenn ich dieses Erlebnis schon einleiten wollte, dann doch gleich auffälliger und spektakulärer. Deshalb werde ich morgen schon zwei meiner Freundinnen anrufen, die im selben Jahr wie wir geheiratet haben, und ihnen die Idee unterbreiten. Mindestens eine von ihnen wird das mitmachen, da bin ich mir sicher.
Stellt Euch vor, zwei Bräute, zwei Bräutigame, beide Hand in Hand und zusammen als kleine Gruppe, schlendern sie durch die Stadt – in Weiß durch Grau. Wie könnte da die Reaktion der Menschen aussehen? Genauso warmherzig und lichterfüllt? Oder skeptischer und zurückhaltender? Diese Idee ist es wert, sie auszuprobieren – und darüber zu berichten. Kindisch? – Ja, ich weiß doch. Aber sie ist vollkommen Sherry.
Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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