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09.07.2010, 10:34
In Weiß durch Grau

Ich habe eine Idee. Eine, die mich schon seit einiger Zeit immer wieder schmunzeln und träumen lässt. Wie ich auf sie gekommen bin, weiß ich nicht genau, aber je mehr sie mir in den Sinn kommt, desto mehr habe ich das Gefühl, dass ich sie irgendwann einmal realisieren werde, wenn nicht sogar bald.

Als Peyman und ich uns standesamtlich getraut haben und auf dem Weg von dort in das persische Restaurant vielen freundlichen, hupenden, lachenden, grüßenden, luftküssenden, gratulierenden Menschen begegnet sind, habe ich mit vollem Erstaunen festgestellt, wie unglaublich warmherzig, scheulos und liebenswürdig die Mitmenschen auf uns zukommen und sich mit uns freuen. Die Gesellschaft, die ich vorher noch als anonym und etwas unterkühlt erlebt hatte, war von Jung bis Alt plötzlich hellauf begeistert für den einen Moment, in dem sie der Braut und dem Bräutigam hinterherschauen, begegnen und ihnen ihre Geschenke in Form von Glückwunschen mit auf den neuen Lebensweg geben.

Die Geschenke dieser uns völlig fremden Menschen haben tiefe, aber schöne Spuren in mir hinterlassen. Wie unsichtbare Blumensträuße neben all dem Blumenmeer, das wir an jenem Tag von Freunden und Verwandten geschenkt bekommen hatten, lagen sie in unserem Wohnzimmer neben den echten – und sie ließen sich nicht wegdenken. Und da dieses Erlebnis so schön war, denke ich oft daran, wie Peyman und ich uns einfach wieder als Braut und Bräutigam verkleiden und den Moment bewusst erlebend durch die Stadt schlendern – Hand in Hand als Braut und Bräutigam – um die Reaktionen der Menschen zu beobachten.

Angefangen als eine kindische Idee, hat sie heute Formen angenommen. Ich fing an, zu überlegen, wer da mitmachen würde. Wenn ich dieses Erlebnis schon einleiten wollte, dann doch gleich auffälliger und spektakulärer. Deshalb werde ich morgen schon zwei meiner Freundinnen anrufen, die im selben Jahr wie wir geheiratet haben, und ihnen die Idee unterbreiten. Mindestens eine von ihnen wird das mitmachen, da bin ich mir sicher.

Stellt Euch vor, zwei Bräute, zwei Bräutigame, beide Hand in Hand und zusammen als kleine Gruppe, schlendern sie durch die Stadt – in Weiß durch Grau. Wie könnte da die Reaktion der Menschen aussehen? Genauso warmherzig und lichterfüllt? Oder skeptischer und zurückhaltender? Diese Idee ist es wert, sie auszuprobieren – und darüber zu berichten. Kindisch? – Ja, ich weiß doch. Aber sie ist vollkommen Sherry.

17.03.2010, 03:29
Wie er ist

Er ist mein Geliebter. Und manchmal entziehe ich mich ihm aus Angst, ihn zu verlieren, wenn ich ihm ohne kurze Atempause ganz gehöre – immerzu ganz gehöre. Wenn ich dann von ihm weiche, schaut er irritiert um sich, als habe ihn jemand aus seinem ruhigen Schlaf geweckt. Er dreht sich um sich und versucht, sich den plötzlich kalten Wind in seinem Rücken zu erklären. Und schon bin ich da und halte ihn fest. Fester dennje. Voller Scham. Schweigend. Voll von ihm, nur von ihm und seinem festen Griff um mein ängstliches Herz.

Er ist mein bester Freund. Und wenn er ernst und konzentriert seine Brauen in die verspannte Stirn legt, weiß ich, dass er nach einem Weg sucht, mir das Leben zu erleichtern. Und wenn ich ihn frage, woran er denn gerade denkt, obwohl ich es doch weiß, will er nicht antworten, bis er seine Lösung für mich in seinen Händen hält und sie mir als Blume überreicht. Bis dahin lächelt er müde und antwortet zerstreut “Nichts, Liebste, nichts. Geh’ Du schlafen, ich bin gleich bei Dir.”

Er ist mein Mann. Und wenn man ihn nicht kennt, hält man ihn oft für unnahbar. Doch das ist er nicht. Er ist sich nur dessen bewusst, was echte Nähe wirklich ist und was man einander zu sein hat, wenn man sich nahe ist. Deshalb horcht er auf jede Gestik und Mimik, auf jede Stimmwandlung hinter jedem gesagten Satz seiner Umgebung, bevor er erlaubt, dass Menschen sich uns nähern. “Denn die Nähe zu Dir, Liebste, ist gefährlich. Dein Herz ist immer offen und Du suchst sogar im Teufel noch die Liebe Gottes.”, sagt er dann und hält seine Hände schützend auf mein Herz.

Er ist mein Held. Denn wenn ich weine, weint er mit. So ist er. So, wie er ist.

27.10.2008, 17:54
Lately…

Die Tage vergehen, die Sehsucht steigt – aber mit ihr – Gott sei Dank – auch die Gewissheit, dass am Ende alles gut wird. Denn alle Wege führen letztendlich zu… Und ich fange wieder an, dies mit jedem Atemzug zu glauben. Zu glauben und mehr.

Ich sitze hier mitten in meinen Vorlesungsunterlagen (bitte, wer kriegt das alles in seinen Kopf rein?) und überlege, wie ich die 4 WeightWatchers Punkte, die ich noch über habe, verwerte, obwohl ich keinen Hunger habe. Ein warmes Brötchen mit Honig wäre nicht schlecht, oder? Ich lasse den Ofen warm laufen.

Ach, wen interessiert das? Ich bin verliebt – verliebt in meinen Mann – und ich frage mich, ob es kitschig ist, wenn ich ihm das, da wir nun verheiratet sind, da wir nun schon so lange zusammen sind, überhaupt noch auf so pubertäre Weise zeigen sollte… Ach, was denke ich da überhaupt? Ich tu’s sowieso. Als ob ich je meinem Herzen irgendetwas dirigieren könnte. Es tut eh, was es will.

Ich schaue mir die Fotos an, die die anderen an dem Tag geschossen haben. Wie schön wir aussahen. Nicht, dass ich meinen würde, ich sei eine besonders schöne Braut gewesen – nein, es gibt weitaus pompösere und graziliere Frauen – doch wir waren so glücklich. So glücklich, dass ich, wenn ich mir die Bilder ansehe, fast denken könnte, dass die Menschen auf den Fotos dort in ihrer gedruckten Art der Existenz weiterfeiern. Und wir gehören dazu.

Mein Herz hüpft mal vor Glück und seufzt mal vor Traurigkeit. Die, die bei mir sind, wissen, wen ich vermisse… Wen so sehr vermisse.

Doch, da ich nun wieder weiß, dass alles am Ende gut wird und alle Wege dorthin führen – dorthin… finde ich Ruhe. Und Steve Wonder streichelt meine Seele dabei mit “Lately”.

13.10.2008, 00:09
Wenn der Oktober Gold regnet

Wie in einem Traum rannte mir Ayse in die Arme und schrie: “Oh Gott, Sherry… Sherry.” Sie weinte und rang nach Luft. “Oh Gott…” – drückte sie mich nochmal atemlos und gab mir einen chaotischen, aber wunderschönen Strauß von rosa Rosen in die Hand. “Ich bin in meiner Pause hierhingerannt! Ich wollte Dich sehen. Dich unbedingt sehen – so wie jetzt. In weiß…” – Wir weinten – und sie musste schon wieder losrennen zu ihrer tyrannischen Chefin. Parisa stand da und strahlte, als sie mich sah. Und schon kullerten bei ihr die Tränen, bevor die Trauung überhaupt angefangen hatte. Obwohl ich sie lange nicht gesehen hatte, war alles so vertraut…

Ich kann gar nicht viel schreiben, jeder sollte so einen Tag mal erleben. Es sind noch so unglaubliche Augenblicke geschehen, die mir all die Zweifel an der Menschheit, der Welt, an der Liebe und am Leben genommen haben – wenn auch diese Wirkung abklingen wird, sobald der Alltag wieder da ist und nicht jeder Schritt wie ein Traum erscheint, so sollte man ihn so lange genießen, wie nur möglich. Manchmal bleibt man stehen, wenn man ein drückendes, ziependes “Gestell” an seinem Ringfinger spürt und ihn mit großen Augen anstarrt, sich an den Kopf fasst und laut ausruft: “Oh Gott, Schatz!!! Ich bin Deine FRAU!” – Die Antwort ist ein ungläubiges, großäugiges: “Krass… Ja… Du bist meine Frau…”

Ach, was schreibe ich da. Jeder soll selber… Dahin, wo wir vor ein paar Tagen waren und niewieder aus dem Traum aufwachen. Und das Schönste ist: Alle geliebten Menschen aus der Familie und dem Freundeskreis laufen noch Tage danach grinsend und lächelnd durch die Gegend. Tatsächlich: Liebe macht unglaublich glücklich. Grenzenloser als man meinen könnte.


26.05.2008, 23:32
Wir und die Liebe

Werde ich diese Pest, namens “Fernbeziehung” eigentlich vermissen, wenn wir zusammen gezogen sind? Mein erster Gedanke schreit laut durch meine Nasenlöcher in die griesgrämige Atmosphäre – gedankenverseucht von mir und meinem Pessimismus – und entlädt sich in einem riesen Schnaufen, das ein “NEIN!” darstellen soll. – Nein, natürlich nicht. Nein, natürlich nicht.

Aber ist es wirklich so? Ich habe überlegt, ja. Manchmal tu’ ich das. Und da fielen mir einige Dinge ein, einige Dinge, die wahrscheinlich aus einer ganz normalen Beziehung, eine hautverbrennende, herzzerschmetternde, aber auch unsagbar tief(e)(wundige) Liebe gemacht haben.

Allein das Ineinanderklammern- und Keilen und miteinander Seufzen und Tränen lassen, das Schweigen, das Hoffen, das Zählen der Tage bis zum nächstmöglichen Treffen – allein das Suchen und das Finden all der noch so kleinen Möglichkeiten, um mehr und mehr und immer mehr voneinander zu haben, trotz all der Hürden, die sich gegen einen stellen, verändern die Art des Liebens. Oft, wenn ich mir “normale Beziehungen” ansehe, beneide ich sie – und wenn ich mich dann schon bald in ihre Routine hineinversetze, frage ich mich, ob es das ist, was ich will. Will ich das? – Die Antwort lautet: Ja. Trotz all der ungewöhnlich intensiven Momente, die gerade wegen der Entfernung entstanden, sehne ich mich genau nach dieser Routine in ihrer liebevolleren Variante. Ich weiß nämlich, dass Du und Ich uns jede Nacht daran erinnern werden, wie es war, als wir wussten, es ist die letzte Nacht für viele Tage – viele Tage, von denen nur Gott wusste, wieviele es sein würden. Doch selbst, wenn es bei uns soweit ist und wir uns in die Routine des Alltags werfen – ja, endlich die Möglichkeit haben, unser Zusammensein als Alltäglichkeit zu empfinden, weiß ich, dass wir nachts wie aus einer Natürlichkeit heraus klammernd einschlafen und klammernd aufwachen werden – und uns erst nach dem ersten bewussten Moment des Wachwerdens daran erinnern, dass wir nicht mehr aufeinander warten müssen, kein Abschied folgen wird, keine Tränen, keine alles vernichtende Sehnsucht – nichts, außer der Stille, der Ruhe des Zusammenseins – und ja, vielleicht auch die Routine. Eine liebevolle Routine, die mehr Sicherheit und Innigkeit ist, als Langeweile.

Letztens erzählte ich nebenbei, wir würden bald heiraten. Sarkastisch warf ich ein: “Ja, ausgerechnet jetzt, da ich die Liebe nicht mehr mag, heirate ich.” – Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: “Ach Quatscht, Du liebst die Liebe. Ich wünsche Euch alles Gute.” – Die Person hatte Recht, ich liebe die Liebe, aber ich habe es mir abgewöhnt, auf die Weise über sie zu reden, wie ich es damals tat, weil ich es Leid bin, als Naivchen angesehen zu werden, das mit einer Rosa-Roten Brille durch die Welt läuft. Irgendwie ist mir dieses Bild zuwider – und deshalb habe ich mich für die ruhigere ent-mystifiziertere Form entschieden, auch wenn eine handvoll Menschen genau wissen, was ich unter Liebe eigentlich verstehe und dass sie in meiner “Welt” kaum noch etwas Weltliches an sich hat…

Nachtrag:

Ja, ich mag Rosa. Und Photoshop ist so toll!