„Ich dachte, es gäbe keine Steigerung von Einsamkeit, aber jetzt weiß ich, es gibt sie. Sie heißt: Ausgeliefertsein.“
„Ich verstehe nicht so recht!“, warf die andere ein. Sie hatte Einsamkeit immer als eine Art Nullzustand empfunden, der in seiner Nichtheit nicht mehr übertroffen werden konnte. Einsamkeit, das bedeutete, irgendwo im Dunkeln zu sitzen und nicht mehr darauf hoffen zu können, dass irgendwann irgendjemand kommt. Wie kann es da eine Steigerung geben? Löschte man die Singularität des Einsamen, indem man ihn aus der Szenerie rausholte, könnte man da noch von Einsamkeit sprechen? Bildlich vielleicht schon. So würde man vermutlich sagen: „Das hier ist ein einsamer und verlassener Ort“. Doch dem Ort würde das nichts ausmachen, er wäre sich seiner Einsamkeit nicht gewahr, also wäre er auch nicht einsam.
“Das kann ich dir erklären”, leuchteten die Augen der einen. “Wenn du einsam bist, weil du wirklich alleine bist, also weil wirklich keine Person um dich anwesend ist, dann kann diese Einsamkeit doch noch ganz gut ertragen werden, weil sie die absolute Ausweglosigkeit gar nicht erst entstehen lässt. Immerhin kann man in solch einer Situation noch von der eigenen ‚Wahl’, einsam zu bleiben, ausgehen; im Sinne von: ‚Wenn ich wollte, könnte ich unter Menschen gehen, und wenn ich mich noch ein wenig mehr anstrengen würde, könnte ich vielleicht sogar einen geselligen Abend mit ihnen verbringen, der mir wenigstens durch einige, wenn auch wenige, gemeinsame Berührungspunkte mit ihnen die Einsamkeit verjagt’, nicht wahr? Aber was machst du, wenn du schon in Gesellschaft bist und neben deiner eigenen Angst, aus dir rauszukommen, schon beim leisesten Versuch, es zu tun, auf groben Widerstand in Form von Missachtung stößt? Was dann? Dann fühlst du dich machtlos der Einsamkeit ausgeliefert. Dann weißt du, du kannst ihr nicht so recht entkommen. Das wäre schon einmal die erste Steigerung von Einsamkeit”, beendete sie ihren Satz nachdrücklich. Weiterlesen… »
25.04.2012, 09:23
Einsamkeitsfänger
Er fängt Einsamkeiten ein wie der Fänger im Roggen die Kinder. Doch er weiß nicht, warum. Es fällt ihm schwer, nicht hinzusehen, wo die Leere ihre Krater schlägt und das Vermissen zur Endlosschleife wird. Es sind nicht nur die raren Einzelgänger, die diese kühle Bürde tragen. Jeder Mensch kennt sie, diese blitzenden Augenblicken der vernunftslosen Konturlosigkeit. In einem kurzen Abriss der Zeit passen die Menschen nicht mehr in einen Kontext hinein, obwohl sie sich in ihm befinden. Die anderen um sie herum – vorhin noch ihre Freunde – befremden sie mit Hüllenfülle und Kernarmut. Ihre Münder bewegen sich, doch ihre Augen gehören nicht mehr ihrer Seele, und das Vakuum dazwischen flüstert in kalt-pfeiffendem Wind fremde Sprachen. Dann zweifeln sie sogar ihre Körper an. “Ist er wirklich mein?”, fragen sie, tasten in sich hinein und entdecken diese unangenehme Taubheit in den Gliedern. Wie, als würde man mit den Füßen in den neuen Schuhen nach Grund und Boden treten, aber keinen finden. Plötzlich schrecken sie wie aus einem halbdurchlässigen Traum auf, sehen die geselligen Erdnüsse in ihrer Hand, werfen sie in unverwechselbarer Routine in ihren knuspernden Mund hinein, lachen ihre Freunde an und vergessen, dass sie vorhin noch Fremdkörper im Kontext, ihren Körpern und ihren Sinnen waren.





Sehr schwächlich war er. Jedes Mal, wenn er Kritik hörte {oder er das Gesagte anderer willkürlich auf sich bezog, weil er sich die ganze Welt war und dachte, die Welt anderer müsse auch aus ihm bestehen}; oder wenn man ihm in milden Worten sagte, er sei verletzend und kalt und somit nicht die allweise allgütige Liebenswürdigkeit, die er immer erzählte zu sein, zog er sich wie opfergetreten zurück und sagte sich in pompöser Feierlichkeit eine private Ode über sich selbst auf, am Liebsten vor dem Spiegel. Er redete von seiner eigenen Begehrtheit und seiner Überlegenheit in Güte und Sanftmut im Vergleich zu den anderen ordinären Geschöpfen dieser Welt. Und während er das tat, ballte er die Faust, obwohl er ja gar keine hatte, wie er immer sagte, und schwor in Gedanken Rache für Dinge, die andere nie getan haben. Mechanisch und kalt tätschelte er sich selbst und offenbarte, wie ungeübt er in dieser Geste war, so dass man ihm seine Zuneigung gegen sich nicht glauben konnte. So tauchte er schon bald in sein eigenes Spiegelbild ein, bis er zum Abbild eines grässlichen Narzissten wurde, der die Verzerrung seiner eigenen Züge im Wasser nicht sah, sondern sie mit seiner unbeirrbaren Fantasterei über sich zu glätten suchte.
Und während er sich so in Rage redete, beschloss er in seinem Wahn, die fünftausend Zeilen seiner Selbstvergötterung nicht nur sich selbst zu offenbaren, sondern auch den anderen. “Wenn sie alle nur wüssten, wie wunderbar ich bin, wenn sie es nur wüssten, dann würde mein Leben endlich leichter sein, meine Einsamkeit der Geselligkeit weichen, die windige Leere in mir mit menschlich liebenswürdiger Unordnung beschenkt werden, und ich hätte endlich, was mir zusteht: Bewunderung!” Und er blieb nicht dabei, er wollte mehr. Nachdem er über sich gut erzählte, erfand er über die anderen Schlechtes, um neben dem erfundenen Ruß und Dreck der anderen, von besonders strahlendem Edelmut dazustehen. Und er glaubte sich, er glaubte sich so sehr, dass er sich vorstellte, wie er sich selbst hingebungsvoll bis zum Ende aller Welten folgen würde so gerne folgen würde, als Untergebener, als Geliebter, als Freund. Weiterlesen… »
17.03.2012, 15:10
Ohne Titel
28.10.2011, 20:54
In sich gekehrt
Heute scheine ich vor allem die Einsamkeit eingefangen zu haben. Außer bei Mutter und Sohn erscheinen mir alle gedankenversunken, von ihrer Umgebung isoliert und müde vom Versuch, eine Verbindung zu den anderen und ihrer Welt einzugehen.






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