Posts Tagged ‘Erinnerungen’
01.01.2012, 20:21
Augenblicks(lieb)haberei

Eigentlich bin ich eine mieserable Fotografin. Während die Leidenschaftlichen in jeder Situation die Besonderheit eines Augenblicks abknipsen, macht sich die pure Unlust bei mir breit, wenn ich in einer bin. Ich möchte mich dann einfach nicht mit meiner Kamera beschäftigen, sie rausholen, einstellen, den Augenblick in einer speziellen Perspektive abknipsen, die meinem Gefühl am nächsten kommt. Ich will gar nicht erst darüber nachdenken, wie ich etwas wahrnehme und wie ich diese Wahrnehmung dem Kamerasensor am besten weitergebe. Ich will dabei sein, der Situation ganz und gar gehören, direkt darin aufgehen, sie vielleicht doch lieber von jemand anderem beobachten und festhalten lassen, ja. Aber ich will meine Ruhe, ich will dabei sein, mich verkriechen in die Atmosphäre, darin verschwinden und nichts tun, nichts tun, niewieder etwas anderes tun. Deshalb kann ich auch keine Bilder von Feuerwerken veröffentlichen. Mir bleibt nur ein nachträgliches Bedauern darüber, dass ich keinen Beweis für den Augenblick hatte, den ich genoss und den ich liebte. Aber auch ein geheimer Triumph darüber bleibt erhalten, im Gegensatz zu den Fotografen, einen Augenblick nicht dadurch verloren zu haben, weil ich ihn festhalten wollte. Manchmal ist der Druck, der Nachwelt etwas zu hinterlassen, ein echter Lebenskiller. Das ist mir bewusst. Aber manchmal ist meine kompromisslose Hingabe an einen Abend mit den Lieben ein Erinnerungs-konservierungskiller. Nun muss ich mich wieder entscheiden, wie so oft, ich hasse das. Mittelwege sind echt nicht mein Ding. Das merke ich immer wieder.

Ich bin das Feuerwerk gestern kurz lieben gegangen. Ich bin reingesprungen, wollte im Licht- und Feuersplitter tanzen und dann genauso in der Atmosphäre verglühen, wie all die bunten Lichtwesen. Ich habe den Jahresübergang zum ersten Mal seit vielen Wintern wieder ein kleinwenig gespürt. Aber ich hab’ das nicht auf Kamera, weil ich kein Kind der Mittelwege bin. Aber ich finde einen anderen, da bin ich mir sicher.

29.12.2011, 15:16
Tagebuch

Früher, als ich Tagebücher meistens innerhalb von nur zwei Wochen vollgeschrieb, habe ich mir immer sehr Günstige gekauft. Manchmal waren es auch nur dickere Seminarblöcke. Nun, da ich für eines über ein Jahr brauche, dürfen sie auch einmal so aussehen. Das hier ist mein 162. Tagebuch.

11.12.2011, 01:49
Gestern und Heute

Denke ich an meine kämpferisch-idealistischen Vorhaben und Gedanken in meinen Jugendjahren zurück, frage ich mich zwangsläufig: Habe ich damals nur törichten Träumen nachgehangen, mich an unausgereifte Konzepte von Gerechtigkeit festgehalten, die fernab der Realität sind? Habe ich mir eine Welt erträumt, die es nicht geben kann, solange der Mensch seiner Natur treu bleibt? Und hätte ich selbst zur Waffe der Radikalität gegriffen, um das, was ich aus Liebe zu uns für das Beste hielt, durchzusetzen? Oder ist es eher so, dass ich heute falsch liege? Dass ich mich heute irre, wenn ich mich an eine groteske Realität anpasse, dessen hart verankerte Systeme wir schon längst wie Naturgesetze akzeptiert haben, sie für unabwendbar halten, um uns selbst mit einer selbst konstruierten Machtlosigkeit zu beruhigen? Wer hatte Recht? Ich damals, oder ich heute? Und nein, ich will nicht an Mittelwege denken. In dieser Frage bin ich kein Mensch der Kompromisse. Meine größte Schwäche – und meine größte Stärke zugleich.

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15.11.2011, 10:37
Normalität

“Hast du das gesehen?”
“Was genau? Was meinst du?”
“Na, da war ein Huschen über deinem Gesicht.”
“Ein Huschen, wie, wo?”

“Na, als du das Eichhörnchen gesehen hast. Ich habe es deutlich gesehen. Ein Huschen, so wie, wenn etwas, das glänzt, das Licht reflektiert, das auf es fällt – und alles plötzlich kurz aufleuchtet. Ich hab’s genau gesehen. Das Glänzen. Und Huschen!”

“Und was willst du mir nun damit sagen?”
“Ich will sagen: Herzlichen Glückwunsch. Du willst wieder leben.”
“Achso. Das meinst du.”
“Wie? So unbeeindruckt? Heißt das, du weißt es schon länger als ich?”
“Nein, nicht wirklich. Aber ich dachte immer, das Weiterlebenwollen würde sich anders anfühlen. Spektakulärer. So Feierlaunemäßig, obergroß, oberkrass eben. Aber es ist ein ganz normales Gefühl, so normal eben.”
“Na, es ist ja auch normal, leben zu wollen. Es gibt nichts Normaleres.”

Die junge Frau schaut ihren Onkel an und begreift jetzt erst, dass es normal ist, leben zu wollen. Dass es nichts Besonderes ist, wenn man Freude an einigen schönen Ereignissen wie das eines vorbeiflitzenden Eichhörnchens empfindet. Dass es hingegen außerordentlich war, dass ihr das Leben nicht wichtig war, dass sie ihre Ziele nicht nur nicht greifen konnte, sondern gar keine hatte, geschweige denn entwickeln konnte. Und dass sie sich ganz langsam und unmerklich mit dem milchigen Schleier, der ihren Blick auf die Welt abdämpfte, immer weiter runtergezogen hatte. Weiterlesen… »

03.11.2011, 09:01
Geschützt: Walking Alone

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