Posts Tagged ‘Erinnerungen’
21.10.2011, 18:38
Der krumme Tag

Gestern war ein krummer Tag. Eine Freundin von mir schrieb eine seltsame SMS. So, als fordere sie eine Rechtfertigung dafür, dass jemand Bestimmtes, den wir beide kennen, traurig aussah, als ihr das Glück beschert wurde, meiner Freundin über den Weg zu laufen. “Hi Süße, ich habe heute So-und-so gesehen. Sie hat mich wohl nicht gesehen, und sie sah so traurig aus. Warum denn nur?” Mein Herz pochte. In den letzten Jahren schießt meine Wut sehr schnell in meine Stirnader und randaliert dort um die Wette mit wem-oder-was-auch immer. Dann entwickelt sich eine bedrohliche Unruhe in mir, die ich mit aller Macht zu bändigen suche. Was, wenn ich das nicht schaffe? Was, wenn ich meinen animalischen Impulsen freien Lauf lasse und mit all den Vorwürfen, all dem kalten Zorn antworte, mit dem ich inzwischn jedem antworten will, selbst, wenn die Person nichts dafür kann? Gehörte die Person zu jenen, die meine Wutschleuder verdient hätten? Ganz sicher nicht. Ein lieber Mensch ist sie, schon immer gewesen. Nur ihr Weltbild ist etwas einfach gestrickt. Sie hat klare Linien, die einiges einteilen. Einteilen in Gut und Böse, Rechtschaffenheit und Unehrlichkeit, in Paradies und Hölle. Und da sie gerade selbst ein Happy End in einer brenzlichen Lage erfahren hatte, wird das Leid anderer schon in irgendeiner Weise seine Richtigkeit haben.

Dachte sie so? Fast befürchte ich: ja. Wenn auch nicht bewusst und in konkreten Gedanken aus dekliniert. Wieso nahm ich das hin? Ganz einfach. Bei langjährigen Freundschaften ist das doch immer so. Man ist gemeinsam vierzehn Jahre alt gewesen – und die Wellenlängen schwingten im selben Takt, wenn auch nicht ganz, so doch angenähert. Das lag einfach in der Natur der Pubertät. Die Themen in der Phase sind recht eingegrenzt und überlappen sich zwischen den Personen so leidenschaftlich wie zwei Nacheinanderverrückte. Und dann? Das Abitur trennt alle, jeder geht seines Weges, ohne den alten gemeinsamen Weg von damals zu vergessen. Man trifft sich, redet, hat einander lieb – teils aus Gewohnheit, teils aus dem innigen Bedürfnis heraus, eine alte, heile Welt in einem alles desillusionierenden Verstand in Interaktion mit seiner empfundenen Realität fest zu halten. Und doch klappt das nur, weil man den Kontakt so spärlich wie möglich hält, um keine Reibungspunkte zu finden. So ist das doch, oder? So scheint es zu sein. So funktionierte es. Bis jetzt – und wird es sicher noch einige Zeit lang. Weiterlesen… »

29.09.2011, 17:27
Von Blumen und Herzen

Ich habe meine Klausur überlebt, das war’s dann auch schon. Wir wurden über zwei Stunden mit Fragen konfrontiert, die weit über den Vorlesungsstoff hinaus gingen. Man könnte fast meinen, der Professor hätte es in seiner Leidenschaft für seine Teildisziplin der klinischen Psychologie und Psychopathologie darauf angesetzt, durch ein geheimes Selektionsverfahren herauszufinden, welches seiner Küken eigentlich die echte Leidenschaft dazu besaß, aus völlig reduzierten Informationen schon in der Profiliga diagnostische Schlussfolgerungen zu ziehen. Na, dann sei’s drum. Ich habe alle Fragen beantwortet, nur wie ich sie beantwortet habe, weiß ich nicht. Ich kann ja noch nicht einmal in meinen Unterlagen nachschauen, denn einiges war gar nicht Vorlesungsstoff. (So, ich setze mal kurz meine Antiverzweiflungs-Lächeltherapie ein, die wirkt immer. Danke Ally McBeal!)

Nach der Klausur bin ich – fertig mit den Nerven, aber dennoch nicht davon abzubringen – in das Einkaufszentrum meiner Stadt gefahren und bin verwahrlost in diversen Mayersche Buchläden hängen geblieben. Ich fragte irgendwann – einfachso – nach Psychologie Lehrbüchern (warum, weiß ich echt nicht). Der nette Mann an der Information verwies mich in die Esoterik-Ecke. Ich dachte, ich spinne. In den meisten Buchhandlungen (z.B. in der großen Mayersche nur paar Meter weiter) sind die Psychologiebücher neben den Medizinbüchern oder Biologiebüchern. Auch der letzte Heini hat inzwischen verstanden, dass die Psychologie sich von den Geisteswissenschaften quasi abgewandt hat und in die empirischen/ja, fast naturwissenschaftlichen Wissenschaften (komisches Wort: naturwissenschaftlichen Wissenschaften!) hineingerutscht ist, wenn auch noch nicht ganz – so störungsfrei können wir leider noch keine Prognosen erstellen. Trotzdem, in die Esoterik-Ecke gehören wir nun wirklich nicht. Ich habe den Mann freundlich darauf aufmerksam gemacht, woraufhin er nur unwissend die Schultern hoch- und ab gehoben und gesenkt hat. Ich habe leider das Augenrollen nicht abgewartet, sondern ihn direkt daran teilhaben lassen, woraufhin er dann meinte: “Tut mir Leid, ich kann da nichts für.” “Das habe ich auch nicht behauptet, das weiß ich doch. Aber vielleicht wäre es ganz gut, wenn Sie dem Verantwortlichen einfach Bescheid geben. Ich möchte nicht versnobt klingen, aber ich finde, eine so berühmte Buchhandlung darf sich nicht diskreditieren und Psychologie neben Esoterik und Lebensratgebern hinstellen. Und Räucherstäbchen.” (Hatte ich gar nicht erwähnt, da waren Räucherstäbchen) “Das wirft kein gutes Licht auf Sie. Geschweige denn auf das Fach Psychologie.” Ich musste selber schmunzeln. Wie sehr ich doch schon Psychologin war, dass ich mich so in meiner Ehre gekränkt fühlte. Der Typ hat trotzdem nichts kapiert, und ich dachte nur: Okay, als Bücherkenner muss man wohl kein Wissenskenner sein. Scheiß drauf. Weiterlesen… »

26.09.2011, 23:53
Vergesst sie nicht

Tief in euch, dort ist sie verborgen, eingelullt von den kriegerischen Engeln unserer Seele: eure Kindheit. Da liegt es, das Kind in euch, bevor es verletzt wurde, bevor es aus seinen kleinen Locken und den großen Augen entwuchs und in die Welt der Erwachsenen schritt. Pscht, lasst sie nicht raus aus dem Schlaf des Friedens, aus dem Urvertrauen für die Mutter und die Verehrung des Vaters. Lasst sie dort. Schlafen sollen sie, träumen sollen sie – und mit weißen Federn, Regenbogenlaub und Seifenblasen spielen, die niemals zerplatzen, weil es keine Realität gibt, an dessen spitzen Kanten sie sich stoßen könnten. Lasst sie – und vergesst sie nicht.

Manche von uns – nein, viele von uns, hatten diese Kindheit nicht. Hatten diesen Schutz nicht. Ihre Locken hingen traurig runter, bevor sie erwachsen wurden. Das Blond ihrer weichen Haare wurde asch und fahl, das Schwarz ihrer seidenen Haare verlor sich in der Dunkelheit der Angst. Ihre Augen vergossen ihren Glanz an ungehörte Tränen, bevor ihre Körper zu jungen Frauen und starken Männern heranwachsen konnten. Viele von uns hatten diese Kindheit nicht, hatten sie einfach nicht. Lass sie nicht allein – und vergesst sie nicht.

Und trotzdem, wenn ihr sie fragt, haben sie die selben Bilder wie ihr, wenn sie sich in kalten Nächten selbst wärmen müssen. Sie singen sich selbst die selben Lieder vor, die euch eure Eltern vorsangen, als ihr euch nicht in den Schlaf wiegen lassen wolltet. Was ihr Erinnerung nennt, nennen sie Träume. Was ihr Erfahrung nennt, nennen sie Wünsche. Die Zeit, an die ihr mit einem Lächeln zurück denkt, lässt das furchtsame Gesicht eines kleinen Kindes zurück in der Mimik eines Erwachsenen erscheinen. Lasst sie nicht allein – und vergesst sie nicht. Sie sind um euch herum, seid nicht blind, sagt nicht “Das schaffst du schon!” oder “Die Zeit heilt alle Wunden, man muss nur positiv denken”, denn für sie ist das so nicht. Vergesst nicht, nicht jeder hatte ein sicheres Bett mit Blümchenfeen, Mütter und Väter, die sie in den Schlaf küssten, das Gefühl von absolutem Schutz genossen, solange die Vater und Mutter einen mit Liebe durch alle Wege begleiteten. Vergesst das nicht. Vergesst nicht, dass nicht jeder seinen Glauben in sich und in die Zukunft heute noch von dem liebevollen Geflüster seiner Eltern in alten Tagen nähren kann. Vergesst sie nicht. Ich vergesse sie nicht.

19.09.2011, 15:07
[ArtPics] Scott Black

Für manch einen stehen die beiden einfach da und schauen sich das Meer an und genießen ihren Lebensabend. Für manch anderen gehen sie gemeinsam ins Meer hinaus, um das Leben zu beenden, das sie sich ohne den anderen nicht mehr vorstellen können. Der Gedanke, der eine würde früher gehen als der andere, soll ihnen keine Angst mehr machen. Sie nehmen ihn selbst in die Hand, den Abschied. Der Tod soll sie nicht scheiden. Niemand soll sie jemals scheiden können. Ein sehr melancholisches, aber auch sehr schönes Bild, wie ich finde. Es verwirrt und beruhigt mich zugleich.

Ich schließe mich Maryams Idee an, die letztens einen schönen Blogeintrag mit einigen ihrer Beiträge gemacht hat, die im Entwürfe-Ordner gelandet sind. Danke noch einmal für die Idee. Der Grund, warum meine Beiträge in “Entwürfe” landen, liegt daran, dass ich sie entweder zu leidenschaftslos oder zu leidenschaftlich finde. Meistens aber übersentimental und verschnörkelt. Ich ertrage nichts mehr dergleichen, phasenweise lehne ich die eine oder die andere Seite mehr ab. Am meisten hasse ich mich, wenn ich traurig bin oder unharmonische Sätze schreibe, die einen stolpern lassen.  Wie bei diesen zwei Exemplaren hier.

Fliehender Regen, fliehendes Leben

Kopflos wie ein Schrei in die Leere hinein, gehe ich durch die Gassen. Ich frage nach dem Regen, weil er doch stürmisch alle Stricke reißt, die man nicht mehr halten kann. Meine Faust greift um sich, um sich doch noch zu halten. Greift um sich, ziellos, verwirrt, Hauptsache um sich. Um sich zu halten. Nichts loslassen. Loslassen könnte mich ja befreien. Und was soll man dann tun, wenn man plötzlich entfesselt nackt im Leben steht und wählen kann? Loslassen könnte mich gehen lassen, fliehen lassen, fliegen lassen, atmen lassen, leben lassen, mich endlich sterben lassen. Ich will doch noch weiter leiden, hier hält mich viel. Diese nassen Straßen haben den Regen aufgesaugt, ihn einverleibt, ihn in ihre Steinpflasterrillen durch die Untererde verteilt. Ein Glas Wasser sitzt auf der Fensterbank eines Schlafenden und spricht zu mir. Komm’ trink’, sagt es – oder bin ich es, die spricht zu mir? Wer weiß das schon. Ich greif’ es mir, schlucke gierig nach dem Regen darin, fühl’ mich wie der raubende Asphalt, weil ich gestohlen habe, was anderen Heil bringen will. Ich renne weiter. Kann das Glas nicht loslassen. Immerhin ist da der Regen drin. Gewesen, das reicht schon, als Erinnerung verweilt er darin. Das reicht schon. Meine Faust greift um sich, um sich zu halten. Greift um sich, ziellos, verwirrt, Hauptsache um sich. Um sich zu halten. Nichts loaslassen. Loslassen könnte mich ja von der Leere befreien. Leere Inhalte, leere Gläser, denke ich. Das ist vielleicht das, was du nicht loslässt, aber was dich schon längst verlassen hat. Menschen, Fehler, Vergangenheiten. Ich renne weiter und will sie weiterhalten, als Beweis meiner eigenen Existenz – trotz all des Würgereizes – in mir halten. Trotz der Einsicht, trotz der Insicht all das Tote mit den Fäden eines Puppenspielers am laufen halten. Also jage ich sie. Die Vergangenheit. Verpasse den Zug des Lebens immer nur um Haaresbreite, oder verpasst er mich um all die Jahre? “Falsche Richtung”, ruft eine schöne Frau, die immer schwächer und blasser wird, je stumpfer ich gen Vergangenheit renne. Doch meine Beine tragen mich. Dahin, wo ich nicht hin soll, nur hin will. Meine Faust greift um sich, um sich zu halten. Greift um sich, ziellos, verwirrt, Hauptsache um sich. Um sich zu halten. Nichts loslassen. Nichts loslassen und damit das Leben verlassen, das Leben verpassen. Alt und grau, müde vom Jagen, warte ich noch einmal auf den Zug des Lebens. Doch einsteigen tu’ ich nur in den Zug des Vergehens.