05.02.2012, 19:36
Phantom-Junkys
Ich habe heute alte R ‘n B Songs aus meiner Jugend gehört. Das Leben in diesen Liedern ist so, wie man sich das als Teenager vorstellt. Oder formen sie unsere Vorstellungen? Vielleicht ist es so. Vielleicht haben sie unsere Wünsche geprägt. Vielleicht reden die Jugendlichen mit 12 oder 13 Jahren deshalb über Pornos, Arschfick und Gangbang anstatt von “End of the Road”, “My Love is your Love” und “Killing me softly”. Ja, vielleicht ist das so. Ich bin froh, dass ich heute kein Kind bin, sondern noch in einer handy-, internet-, displayfreien Zone aufgewachsen bin. Ich bin froh, dass ich sehr lange vehement gegenüber PCs und Technik Widerstand geleistet habe. Ich bin froh, dass ich damals nicht ständig und überall durch das Handy verfüg- und erreichbar war, und ich bin froh, dass nicht alle(s) andere für mich anzapfbar war und der Datensmog mich zerstreut hat. Ich bin froh, dass ich mich noch auf das Spielen konzentrieren konnte, mich in Bücher vertiefen konnte, ohne das Gefühl zu haben, etwas verpasst zu haben, ohne zu denken, ich werde von der Zeit gejagt. Wenn die jungen Menschen heute (und nicht nur die Jungen) heute etwas länger als fünfzehn Minuten am Stück machen (müssen), dann werden sie unruhig. Sie haben das Gefühl, sie haben etwas verpasst oder sind dabei, das Sammeln von wertvollen “News” (Facebook, SMS, Emails, Gerüchte) zu versäumen. Nur warum genau sie sammeln, das weiß niemand. Und ich auch nicht, ich sammel’ auch und ich weiß nicht genau, was. Denn was auch immer es ist, es hat den gegenteiligen Effekt von Sammeln und Aufbewahren: Ich ermüde. Ich bin ausgelaugt, ich will nicht mehr, und ich will dem ganzen Wahnsinn dann ein Ende bereiten, indem ich z.B. diesen Blog schließe, keine Emails mehr beantworte und einfach konsequent schweige. Die verstreute Konzentration ist kaum noch aufzusammeln, alles muss erledigt werden – am besten simultan. Doch das geht nicht. Es gibt keine echte Multitaskingfähigkeit. Man kann Aufgaben nicht ohne ein Absinken der Qualität verrichten, wenn man seine Aufmerksamkeit teilt. Frauen können das genauso wenig wie Männer, das Gerücht stimmt einfach nicht. Es stimmt einfach nicht. Weiterlesen… »
03.02.2012, 08:47
Fachidioten.
Es gibt dieses Vorurteil über Wissenschaftler, dass sie irgendwie seltsam seien, eigenbröterlisch und isoliert. Dass sie leicht autistische Züge vorweisen und sozial absolut inkompetent seien. Manchmal mag das stimmen, vor allem Wissenschaftler, die wirklich Koryphäen in der Mathematik oder Physik sind. Ich bin der Meinung, dafür muss man schon ein ganz speziell geartetes Gehirn haben, um soviel Abstraktion nicht nur vertragen und verstehen zu können, sondern auch selber erschaffen zu können. Aber dann gibt es die normalen Wissenschaftler, die – wenn überhaupt – eine nur leicht überdurchschnittliche Intelligenz aufweisen, die vermutlich mehr auf Bildung beruht und nicht unbedingt auf dispositionaler Rohintelligenz. Und die, wenn sie über ein alltäglich erscheinendes Thema mitreden wollen, das zu ihrem Spezialgebiet gehört, einfach als fremdartig und detailfixiert oder aber als leise und unbeteiligt empfunden werden. Einfach deshalb, weil sie Experten bei dem Thema sind und die Sanduhr voller Körnchendetails aufreißen alles zu erklären suchen – vor allem die Zusammenhänge, auf die wir als Nichtexperten niemals kommen würden.
Gerade bei uns Psycholgen fällt das auf, dass wir oft auf Unverständnis stoßen. Die ganze Welt meint, sein alltagspsychologisches Wissen sei in irgendeiner Weise richtig, und tatsächlich, ja, die kognitiven Heuristiken, die wir zu verwenden neigen, um Menschen oder Situationen (grob) einzuschätzen, dienen einem sehr ressourcensparenden Wahrnehmungssystem, das kurzfristig auch sehr gut funktioniert – kurzfristig bei unwichtigen Angelegenheiten, versteht sich. Aber Tatsache ist, die Psychologie des Durchschnittsmenschen ist unintuitiver, als wir durch unsere alltagspsychologischen Erklärungsversuche meinen könnten. Also müssen wir Psychologen entweder dasitzen und einer Diskussionsrunde über Depressionden oder Aggressionen nur lauschen und uns zurückhalten, um uns nicht in Erklärungen zu verlieren – oder aber so in eine für andere unintuitive Tiefe gehen, dass man uns für verrückt oder seltsam abstempelt; noch schlimmer: für eingebildet. Weiterlesen… »
“Einwenig hast du ja schon die Welt aus den Augen verloren, nicht?”
“Wie meinst du das?”
“Naja, schau dich an. Damals warst du ein Meister der Illusionen und Träume, und heute bist du der Meister der Desillusionierung. Du lässt ja kaum noch etwas durchgehen, das leicht anromantisiert ist. Kann man so überhaupt glücklich werden?”
“Nun, ich bin sogar sehr glücklich. Illusionen lassen uns passiv und träge wie einen Opiumsüchtigen an irgendeinem Status Quo nippen. Und wir winden uns im Kreis, um diese Illusionen herum, erreichen aber nichts, weil wir nur noch nach Hologrammen greifen, ohne diesen Greifreflex stoppen zu können. Ich hingegen mache Platz für das, was wirklich möglich ist, dafür muss man Raum schaffen, indem man realistische Ziele von unrealistischen trennt. Nur so können wir endlich anpacken, endlich erreichen, was möglich ist und das Ziel ergreifen. Ist doch nicht schlecht, oder?”
“Nun ja. Ja. Hm. Stimmt.”
Die peinlichsten Augenblicke des Tages sind die, in denen wir andere dabei erwischen, wie sie sich selbst belügen, um ihrem gewohnten Trott und ihrer Sichtweise auf die Welt weiter frönen zu können. Ohne quälende Fragen nach ihrem Sinn und ihrer Richtigkeit. Und die noch peinlicheren Augenblicke sind jene, in denen wir andere dabei beobachten, wie sie uns selbst bei der Selbstlüge erwischen.
01.02.2012, 18:33
Zu Dritt im Kreis
Zu Zweit saßen sie in der Bahn, schauten synchron aus dem Fenster in eine schnellere Zeit hinaus. Ihre Augen fixierten den selben Punkt. Die selbe Leidenschaft schien einst einem Friedensabkommen mit dem Leben und seinen Regeln gewichen zu sein. Ein Mann mit einem übermütigen Hund setzte sich auf den Sitz vor ihnen. Beide blickten erst ihn, dann den Hund an. Beide lächelten sie und folgten wieder ihren Fernabhorizonten einer sonnenbeladenen, eisig klirrenden Stadt aus Grau und Grau.
So sieht es wohl aus, wenn man glücklich miteinander altert, dachte ich. So sieht es aus, wenn man den einen hat wachsen lassen, wie er will, um dann selig zu erkennen, dass er in die selbe Richtung gedeihen wollte wie man selbst. Ganz ohne gestutzt und in der Haltung durch Außen gebeugt zu werden. Wenn ich an die Liebe denke, dann denke ich nicht an Schweiß, den Geruch von Sex oder den zerwühlten Laken in einer wilden Nacht. Wenn ich an die Liebe denke, dann ist es mehr als das. Dann ist es ein Zusammenkommen mit allen Fühlern, die man hat. Wir graben uns einander ein, unsere Wurzeln wachsen in die Sinne des anderen hinein, und der Geliebte oder die Geliebte hinterlässt Furchen auf unserer Seelenhaut. Sie tun weh, denn sie markieren uns als “sein” und “für immer mein” oder mindestens “niewieder so ganz nur ich-allein“. Und sie prägen uns, wie kleine Tätowierungen, die ihre Lebens- und Liebesgeschichten erzählen. Wenn ich an Liebe denke, dann denke ich heute an diese beiden Menschen mit den weißen Haaren und ihren schütteren Stellen auf ihreren Köpfen. Beide verlieren ihre Herbstkrone in Würde. Wenn ich an die Liebe denke, dann, wie sie gemeinsam in die selbe Richtung schauen und es noch tun werden, wenn der Eine vor dem Anderen geht. Weiterlesen… »
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