19.10.2007, 03:49
Mr. Wayne Dyer
Oh Mann, Mr. Wayne Dyer, mit diesem Satz haben Sie bei mir komplett verschissen.
Wayne Dyer (“Mit Absicht”, S. 60): “Die Existenz des freien Willens ist nicht abzustreiten.”
Der »Freie Wille« ist sehr wohl abzustreiten. Ich sage nicht, dass Deterministen Recht haben – ich sage nur, dass Ihr Satz auf jeden Fall viele Gegenargumente hat. Dazu noch sehr Gute. Ich kann es einfach nicht leiden, wie Sie so tun, als sei das, was Sie von sich geben, die absolute, unantastbare Wahrheit. Ihr “Selbstbewusstsein” nervt mich. Gute Nacht.
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Es ist alles in Ordnung, sage ich mir. Das ist der Lauf der Welt – und es muss so sein. Es ist natürlich, und jeder muss da durch. Dass ich mit Endlichkeiten weniger zurechtkomme als Andere, ist völlig irrelevant. Es gibt auch keine Gerechtigkeit, sage ich mir. Gerechtigkeit ist eine Illusion, und das sage ich nicht einmal mit Verbitterung. Solange ich mir an diesen Dingen die Fragen aus dem Gehirn reiße und im Überbleibsel meiner klaren Gedanken eine Antwort suche, werde ich keine Ruhe finden und weiterhin an Schlafstörungen und anderem Übel leiden. Es gibt Menschen, die leben einfach vor sich hin, trällern, lieben die Musik, lachen und tanzen. Sie schalten die Nachrichten ab und sagen “Mein Gott, was interessiert mich das? Man lebt nicht lange, also sollte man sich von solchen Dingen fernhalten, wenn man sowieso nichts an ihnen ändern kann.” – Was ich gerne mit Verachtung strafen würde, ist eigentlich das einzig Richtige: Einfach Dinge, die mir schaden, ausblenden. Vorallem, wenn ich gegen sie eh nichts anrichten kann.
Wie oft habe ich mich aufgeregt? Angefangen von kleinen Undingen aus dem privaten Leben bis hin in die weite Welt der Politik? Mit meinen Mitteln habe ich versucht, dagegen anzukämpfen. Für das “Gute” oder das, was ich als gut und richtig empfand. Was hat es gebracht? Was genau? Eigentlich nichts. Obwohl, ich lüge, nicht nichts, sondern doch Einiges: Außer ein paar begeisterten Zurufen von Menschen, die eh schon von vorneherein meiner Meinung waren, gab es nur Feindseligkeiten, Drohungen, schlaflose Nächte, weil ich die schlimmen (Kriegs)-Bilder nicht aus dem Kopf bekam, Existenzangst, weniger Zeit für die Menschen, die mir wirklich wichtig sind… (Ja, wie oft habe ich eigentlich für meine “Welt-Rettungs-Aktionen” meine Familie vernachlässigt? Zu oft. Viel zu oft). Und wenn jemand sagt, “Ja toll, Sherry! Stell’ Dir vor, alle würden so denken, dann ginge ja die Welt unter”, dann kann ich nur müde lächeln und antworten: “Vielleicht. Aber es wäre unnatürlich, wenn alle so denken würden wie ich. Und weil’s eben nicht so ist, dass alle so denken werden wie ich, darf ich’s mir leisten, so zu denken. Ich als Mensch und meine Meinung gehöre mit in dieses System der Gedanken und Meinungen, die die Welt so erhalten, wie sie ist.”
Es ist gut, dass es Menschen gibt, die höhere Ziele haben und auch Vieles bereit sind, zu opfern, um diesen nachzujagen. “Idealismus ist die einzige Krankheit, die nicht geheilt werden sollte”, sagte einst ein Freund – und er sagt es immerwieder. Doch Tatsache ist, dass es oft die Idealisten sind, die vom Leben so gut wie nichts mehr mitbekommen. Sie schaffen es kaum noch, zu handeln. Sie bleiben beim wehmütigen Träumen, wohingegen oberflächliche, sorglose Mitgenossen/Innen einfach leben und nicht jeden Tag um einen Grund kämpfen, aufzustehen. Sie tun, was sie tun müssen, denn sie tun, was ihnen selbst am Besten tut. Aber Idealisten streben nach dem allgemeinen Wohl ihrer Umgebung, der Gesellschaft, eines Landes, der ganzen Welt und werden täglich mehr als 20 Mal daran scheitern, dass sie nicht alle glücklich machen können. Es ist nicht natürlich, dass alle glücklich sind. Es ist aber natürlich, dass jeder Mensch eine andere Meinung, andere Bedürfnisse und eine andere Wahrnehmung hat. Nehmen wir’s einfach hin, wir können einander nicht immer zustimmen und wohlgesonnen sein. So ist die Welt.
Wenn ich es mir aussuchen könnte, ich würde Gott um einen weitaus niedrigeren IQ bitten. Nicht, dass meiner zu hoch wäre, aber ich hätte gerne etwas Unterdurchschnittliches. Ich würde ihn zudem bitten, mir einen gesunden Abnabelungsprozess zu bescheren (oder überhaupt einen zu bescheren, ich hatte keinen). Ich würde ihn um einwenig mehr Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl bitten, eine unkompliziertere Herkunft, weniger Fantasie, dafür mehr Bodenständigkeit. Bloß keine künstlerische oder musikalische Ader. Ich will überhaupt nicht mehr der festen Überzeugung sein, dass Musik mehr ist als ein paar Tonfolgen und dass Liebe ein mehr mystisches als körperliches Spiel ist. Farben wären einfach Farben – klar, sie erzeugen Freude – aber nicht wie bei mir Gerüche, Geräuche und Seelenflüge.
Ich lege jedenfalls die Rüstung ab, lass’ mein Schwert fallen. Es bringt nichts mehr, zu kämpfen. Weder gegen die Welt, noch gegen die Umwelt. Ich will mich nicht mehr erklären – jedes Wort ist ein Wort zuviel. Hier ist es in Ordnung, weil ich weiß, dass eine Vielzahl von Menschen lesen und jeder von ihnen vielleicht einen winzigen Abschnitt wirklich versteht, also fühlt. Aber hier in meinen kleinen, kreisförmigen Grenzen herrscht nur Einsamkeit. Und ich habe sie mir selber ausgesucht, indem ich von meiner Umgebung soviel erwarte, wie ich von mir selber erwarte – jedesmal, wenn ich ihr diene. Deshalb blieb niemand mehr übrig. Das ist oke. Jeder ist anders. Ich bin anders. Ich brauche eine kleine Rast – und ich hoffe, dass ich meine Ideale nicht nur zur Rast ablege, sondern komplett. Ich hoffe, ich werde niewieder genug Energie haben, um um Dinge zu kämpfen, für die es sich nicht zu kämpfen lohnt. Nicht, weil die Ideale nichts wert sind, sondern weil meine viel zu kleinen Hände und Hiebe und Streicheleinheiten einfach nichts bewirken können. Ich hoffe, ich werde ab jetzt nur mit so geringer Energie beglückt, dass sie gerade dafür reicht, sie für mich, mein Leben und meine Familie zu rationieren, damit kein Tropfen mehr in verschwendete Trostgedanken sinnlos dahinschwindet.
Und nun lass’ mich in Ruhe, Sherry. Ich bin müde…
Der erste Schritt zum Glück – oder auch einfach nur zur inneren Ruhe – ist, die berühmten “Warum-Fragen” loszulassen. “Warum ist die Welt so, wie sie ist? Warum ist der Mensch so begrenzt? Was wäre, wenn er nicht so begrenzt wäre? Was liegt außerhalb unserer Wahrnehmung? Warum müssen Menschen leiden? Warum ist der eine reich und fett und der Andere muss hungern? Warum habe ich ein Bewusstsein? Gibt es soetwas wie Seele? Gott? Und wenn ja, warum lässt Gott zu, dass wir leiden? Was ist Unendlichkeit? Und was ist Vollkommenheit? Warum bin ich machtlos gegen meine Gefühle? Was ist Liebe? Ist Liebe nur der Fortpflanzungstrieb im Menschen – oder steckt da mehr hinter? Wer oder was bin ich? Warum zum Teufel hat man mich nicht gefragt, ob ich auf die Welt kommen will?”
Der zweite Schritt ist, dass man niemals von seinen Mitmenschen etwas erwartet. Egal, wie sehr man sich für sie einsetzt, was man für sie tut, mit wieviel Liebe man ihnen begegnet – man darf nichts von ihnen erwarten. Weder von der Familie, noch von Freunden. Das erspart einem tiefe Enttäuschungen. Der dritte Schritt ist, entweder zu denken, man habe die Macht, sich selbst zu ändern – oder davon auszugehen, dass nichts in der eigenen Hand liegt und alles, was man tut, im Grunde vom “Gehirn” gewollt wird, ohne dass man weiß, warum man etwas will und wie man überhaupt etwas will. Der nächste Schritt ist es, dass man die Welt, so wie sie ist, akzeptiert. Samt all seiner Regeln, Naturkatastrophen, der desktruktiven Natur des Menschen, der Wildnis, der Sterne, der Tatsache, dass wenn es nur die kleinste Abweichung in der Gravitation vorhanden wäre, die Erde so, wie sie ist, gar nicht funktionieren würde. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir wissen, wie etwas funktioniert, aber nie herausfinden werden, warum die Dinge so funktionieren, wie sie es tun. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir – selbst wenn wir alles wüssten, wir nie herausfinden könnten, ob wir denn jetzt alles wissen, denn wir können nie wissen, ob die letzte Information wirklich die letzte Information ist. Einer der wichtigsten und letzten Schritte ist, dass (eigene) Leid nicht persönlich zu nehmen. Man leidet, ja. Aber nicht, weil jemand mir etwas Böses will, sondern weil es zu den Regeln des Universums gehört, dass der Mensch leidet. Sehr gut wäre es, wenn man sich selbst von Außen beim Leiden beobachten könnte.
Ich bin noch nicht einmal bei Schritt 1 angekommen, denn sonst könnte ich schlafen. Ich habe es noch nicht geschafft, meinem ratternden Gehirn mal mächtig die Fresse zu polieren, damit es KO in der Ecke liegt und mich in Ruhe lässt. Ich habe es nicht geschafft, über meine emotionalen “Grenzen” – sprich’: meinem Ego – hinauszuschauen und zu sagen: “Egal, was Du durchgemacht hast und durchmachst, Sherry – Deine mickrige Existenz ist ein Witz in Relation zum Universum, also geh’ über Dich selbst hinweg.” (Und ich kenne übrigens auch noch niemanden, der es geschafft hat.)
Ich habe noch einen weiten Weg vor mir. Und bis ich das alles geschafft habe, bin ich sicherlich schon auf dem Weg nach “drüben”. Ich mag “drüben” übrigens. Drüben ist bestimmt besser. Ob nun nichts danach kommt oder ein neues Universum mit milderen Regeln, ist eine andere Frage, die zu den Fragen gehören, die sich eigentlich in Schritt 1 wiederfinden sollten. Werde ich sicher noch nachholen. Blah Blupp.
Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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