Ich kann gar nicht soviel essen, wie ich kotzen könnt’! Da gehen die Araber aus den verschiedenen Ländern auf die Straße und lassen durch ihre tapferen Herzen die westlichen Medien poetisch über den arabischen Frühling schwärmen (was mich persönlich schon skeptisch gemacht hat, aber egal!) – und alle jubeln mit, stellen mich Skeptikerin als neidische Verschwörungstheoretikerin hin, weil “Iran es nicht geschafft hat” – und was machen die Araber nach ihrer hart erkämpften Freiheit? Sie gehen hin und wählen, unterstützen, wünschen sich die Islamisten an die Macht. Wollen die Sharia etablieren. Die Sharia. Das bedeutet: Islamische Gesetze. Mehr Rechte für Männer als für Frauen. Steinigung bei Ehebruch, Hand abhacken bei Diebstahl, Frau darf geschlagen werden bei Ungehorsam, Frau ist halb so viel wert wie Mann, Polygamie für Männer, Todesstrafe für Homosexuelle und noch vieles mehr. Wo zum Teufel ist da bitte der Unterschied zwischen einem geisteskranken Ghaddafi und einer geisteskranken religiösen Rechtsprechung? Kann mir das bitte jemand erklären?
Ich weiß jetzt, warum einige autoritär orientierte Politikinteressierte darauf bestehen, dass man sich die Freiheit, zu wählen, erst einmal durch Reife und Bildung verdienen muss. Dass man sonst auch seinen Untergang wählen kann und es meistens auch tut. So, wie meine Landsleute sich 1979 mit einem Wahlzettel “Islamische Republik [ja] | [nein]” zufrieden gaben, so laufen die Araber gerade wie die Lemminge in einen freiheitsraubenden, religiös-fundamental orientierten Abgrund. Wir lassen Suizidgefährdete doch auch nicht frei über ihr Leben oder Nichtleben entscheiden und halten sie zu ihrem eigenen Schutz einige Zeit lang juristisch besiegelt in einer Klinik fest, oder? Und wir sagen unseren Kleinkindern ja auch nicht, sie sollen selber entscheiden, was richtig ist oder falsch ist, und ob sie nun doch vom Balkongerüst springen oder nicht, das dürfen sie ganz frei wählen, nicht wahr? Auch lassen wir in demokratischen Ländern wie Deutschland – so gut es geht – keine verfassungswidrigen Parteien zu, oder? Selbst in Freiheit muss die Freiheit geschützt werden, auch wenn man dafür ein paar Abstriche von ihr machen muss wie zum Beispiel: Nein, wir lassen keine islamistischen oder andere extremistischen Parteien hier zur Wahl. Weiterlesen… »
Wenn Du aufwachst und nach 32 Jahren der bestialischen Fremdbesatzung Deines Landes noch immer diesen einen ersten Schockgedanken des Tages hast und denkst: “Oh Gott, mein Land ist in Gefahr, ich muss was tun!”, dann bist Du Iraner. Wenn Du aufstehst und Dich mit verbalem Dreck beschmeißt, weil Du hier ein normales Leben ohne Folter und Tod führst und dabei die zugebundenen Augen jener Namenlosen nicht vergessen kannst, die gestern, vorgestern, heute und morgen für Dinge hingerichtet werden, die es gar nicht gibt, dann bist Du Iraner. Wenn Du Dein Frühstück zu Dir nimmst und weißt, dass Du statt Orangensaft einen schwarzen Tee mit Safranaroma willst, aber ihn nicht trinkst, weil er Dein Heimweh in ein unermessliches Maß vergrößert, dann bist Du Iraner. Wenn Du auf dem Weg zur Arbeit die Gesichter Deiner Landsleute in Bahnen, Bussen und Straßen suchst, um dann beim Entdecken Dein eigenes doch abzuwenden, dann bist Du Iraner. Und wenn Du dann nochmal hinter ihnen herschaust, Dir in Deinem Innern denkst: “Verzeih’ mir. Aber ich kann mich jetzt nicht mit Dir und mir konfrontieren. Denn alles, was mit uns zu tun hat, ist unerträglich schwarz” und ihnen flüsternd mit Eurer inzwischen gebrochenen Muttersprache alles Glück der Welt wünschst, dann bist Du Iraner. Wenn Du trotz all der übermalten Schminke in Deinem Gesicht und Deinen betonten Augen- und Augenbrauen, noch immer Deine Trauer nicht verbergen kannst – und Deine dunklen Augenringe Deine schlaflosen Nächte verraten, dann bist Du Iraner. Wenn Du Dich vier Mal in der Woche auf Partys zwingst. Partys, in denen es nur Iraner gibt. Die Du zwar Zeit Deines Lebens suchen wirst, aber auch am liebsten bezwingen oder ihnen entfliehen willst, weil ihre Dekadenz Dich zur Weisglut bringt, dann bist Du Iraner. Und wenn Du dann trotz Deines Gefühls, im Sumpf dieser Oberflächlichkeit zu ersticken, noch immer weiter tanzt und die berühmten nichtssagenden Floskeln allen, die Dir begegnen, in ihre Gesichter schmeißt, anstatt über Deine Sehnsucht zur Heimat zu reden, um endlich im Gefühl der einheitlichen Verzweiflung den Boden mit allen ungeweinten Tränen zu füllen, dann bist Du Iraner. Weiterlesen… »
Mama und ich sind alleine in Deutschland. Irgendwo. Die Menschen sind fremd und reden nicht soviel mit einem wie in der Heimat. Und wenn, dann verstehen wir sie nicht. Ich bin drei Jahre alt. Ich habe Angst, weil ich Mamas Angst spüre. Wo ist Papa und wann wird er wieder bei uns sein? Papa ist stark, er kann uns beschützen. Er soll hier sein. Bitte lieber Gott. In der Heimat hörten wir Sirenen und laute Knalle, aber hier hatte ich die meiste Angst. Erst, wenn ich die Augen schließe, weint Mama, damit ich nichts merke. Ich kralle meine kleinen Hände in ihre Brust und schlafe ein. Nachts träume ich von einem Erschießungskommando, das uns die Augen verbindet und an die Wand stellt. Sie erschießen uns. Aber wir fallen auf eine Matratze, das tut nicht so weh. So tut das Sterben weniger weh. Cut.
Ich bin vier Jahre alt. Ich kritzele immer wieder alles voll. Die weißen Blätter in unserer ersten kleinen Ein-Zimmer-Wohnung sind alle vollgemalt. Mal mit dem blauen, mal mit dem schwarzen Kugelschreiber. Der Bleistift hat mich nie interessiert. Er ist so unverbindlich. Man kann ja alles wegradieren. Ich laufe zu Papa und zeige ihm, was ich gemalt habe. Er schaut mich lächelnd aber traurig an: „Schon wieder Khomeini gemalt, meine Tochter?“ – Ich schaue ihn mit großen Augen an, nehme das Blatt Papier zurück und kritzele wieder etwas drauf, damit er nicht mehr traurig guckt. Ich laufe zurück zu ihm und sage: „Unser Haus im Iran. Da sind Oma und Opa drin.“ – Doch trotzdem bleibt sein Lächeln traurig. Cut.
„Komm‘ Schatz, Oma und Opa wollen mit Dir reden. Sie sind am Telefon und sie vermissen Dich.“ Ich hopse zum Telefon und sage leise „Allo?“ Oma redet überschwänglich, sie redet und redet – und ich frage mich, warum sie so schnell und soviel redet. Und sie schafft es doch nicht, ihre brechende Stimme aufzuhalten. „Schatz, wir vermissen Dich so. Wir vermissen Dich so.“ – Sie weint und gibt Opa das Telefon in die Hand ohne sich zu verabschieden. Opas Azari-Akzent beim Persischsprechen ist das Schönste, was ich je gehört habe, deshalb achte ich nicht darauf, was er sagt, sondern wie er es sagt. Erst, als seine Stimme bricht, sage ich: „Bitte nicht weinen, bitte nicht weinen Opa. Ich liebe Euch doch! Bald sind wir zusammen.“ Cut. Weiterlesen… »
Most Iranian exiles carry their very own private tale of a refugee’s life, full of sorrow and pain, yet carefully guarded from public view. Each one of them has his unique reasons for not being with his family in Tehran, Shiraz, Esfahan, or Tabriz, living half a world away instead. And each and every one of them has his own key experience which made him or her escape to the West, empty handed but for their children, and for the tears and farewells of their loved ones who stayed behind, facing an uncertain new life abroad, in a thunderstorm of homesickness, separation, and frustrating cultural and language barriers.
Whenever Iranians meet, there will be cordial small talk, warm and empathic on the surface, yet cautious beneath, with each character’s individuality disappearing behind a delicate curtain of Tarofs (polite phrases). Heartiness that does not reveal our inner selves, human interaction without any real hope of getting closer – this is a truly Iranian craft.
However, contrary to widespread presumption, I reject the idea that these traits are mere expressions of covert animosity or hypocrisy. I rather believe their origins to lie in our disoriented perception of our own identity and history, and thus of our home country and our compatriots. Indifference towards politics has never been an option for Iranian exiles – particularly not for the older generations. Each one of us has his or her firm opinions on the past and current events surrounding Iran. And we all know from painful experience, the dire repercussions that certain forms of political activity can bring about – even in exile. So we decide it’s best to keep our silence on our personal history, yet we cannot do without each other – for we long for each other a lot more than we’d expect after all our negative experiences with our fellow countrymen.
Upon leaving Iran, we didn’t just surrender our happiness, but also the confidence and trust we used to put in our own kind – a loss that came at no small price. The act of saying goodbye, the usual cascade of Tarofs (“oh please, you must come visit us”), avoiding, by silent mutual agreement, details such as exchanging phone numbers and addresses, leaves us with a big sigh of relief – but even more, it makes us realize our bitter loneliness.
“Who are we?”
Every Iranian has asked himself this question many, many times in his life. Sometimes, you ask yourself during an Iranian party when everybody shows off their bleached blonde hair, when even men have neatly trimmed eyebrows and their noses look like images from the illustrious history of plastic surgery, and it all seems as if we tried to get rid of as many of our people’s typical phenotypic traits as possible. And sometimes, you ask yourself during the oh-so-familiar dinner at your friends’ place, where people are once again more interested in your social and professional achievements than in how your really feel inside, while at the same time, inconspicuously showing off their own wealth and accomplishments. Who really are we?
When asked about our origins, we take refuge in answers like “I’m Persian, I’m from Persia”, hoping to somehow evoke an association with the glory of the ancient Persian Empire. But beware of telling anybody you’re Iranian! Beware of being linked to the ugly, bearded face who used to send millions of young Iranians to their death during the gulf war, in order to consolidate his Islamic Republic.
For God’s sake, who are we? Where are we going find a new identity? In our ancient Persian origins? In Dariush’s and Kurosh’s legacy? In the brief, treacherously romantic era of Behrooz Vosooghi and Googoosh, just before the revolution? In the toupees and flare pants of those times, and in Haydeh’s songs? Do we find our identity in whatever our parents and grandparents tell us about those times, because we never had a chance to witness them ourselves? Or do we find it in Islam and its Arab prophet, the Shia, the current religious rulers? Who exactly are we?
What’s there to tell Westerners about Iran? The latest jokes about Ahmadinejad? Should we talk about his latest outrageous comments, bursting into desperate laughter? About our fears of the looming war? Our political prisoners? About Mrs. Kazemi – and what she must have gone through during the final minutes of her life? About the scars on our cousin’s back, and how they flogged him for nothing more than selling music CDs?
What are we supposed to tell them? Should we rather talk about “Kurosh (Cyrus) the Great” and his declaration of Human Rights, 2500 years ago? About Mazdak being the world’s first socialist, 1500 years ago? How Dariush completed the Suez Canal? That we had powerful empresses, yes female emperors, such as Iran-Dokht and Azarmidokht, who in fact ruled Iran all by themselves? About the Parthian earthenware our ancestors built, which appears to have been the first electric batteries in human history – at least 2000 years ago? That we had the first non-violent, monotheistic religion/philosophy? That our women used to command warships? That they held the same high offices as our men, even religious ones, such as being protectors of the fires in our fire temples? That we had guaranteed workers’ rights, such as maternity leave, unemployment benefits, and free medical care? The world’s first mail service?
What are we to tell them, my dear readers? That Herodot considered Persians to be barbarians for the simple reason that they “didn’t even hold slaves”, and common people enjoyed some of the same rights that only kings were supposed to have? Not to mention our then thriving sciences: medicine, mathematics, astronomy, philosophy. Where shall we begin, my dear compatriots? With our folk heroes? With Babak Khorramdin and his son Azar? With our women? With the world’s first multi-ethnic state? The world’s first empire? Where shall we begin? And first and foremost: WHY should we begin? For the sake of the painful realization that Iran no longer has anything to give to mankind that would even come close to the accomplishments of our past? Just to remind ourselves once again for what – and more important for WHOM – the Iranian people took to the streets during the revolution of 1979? To finally admit that there’s almost nothing left that’s genuinely Iranian, and therefore it is almost impossible for us to BE Iranian?
Who are we? For myself, dear reader, I can no longer think of anything upon which I could build any personal national identity. I tend to hole up in all those pre-revolutionary movies of Behrooz Vosooghi, Googoosh, and so on. Badly synced nostalgia in Black and White, from a time when I hadn’t even been conceived – still for me, it is the only remaining fragment of a motherland that never was. I’m listening to “Vatan” (“Homeland”) by Dariush in the background – and I’m coming to realize that we’re stuck here, that we haven’t even created a noteworthy opposition to our country’s regime, no alternatives, no firm stance, and no real prospect for the future.
I’m sitting here, realizing that even if everything played out perfectly for us, no war happened, the old Mullahs took their turbans and went on a permanent vacation to Dubai or elsewhere for good, even if our youth let off a cry of joy that made the world tremble, freeing themselves from the dark shadow on their souls, and our soccer team won the world cup – even then, my dear readers, there would be so much more work to do that we would never be able to see Iran prosper again during our lifetimes. What remains for us, is to do everything in our might, so that for our children, Iran will no longer be a dream, but become reality instead.
Please, dear reader, whenever you meet a fellow Iranian, and he or she stops speaking Farsi, turning to English, German, or French instead, sheepishly avoiding eye-contact: never forget, this is not done out of animosity or contempt – it is plainly out of insecurity and anxiety. And please remember, you can take the first step by not responding to a polite “Haletun chetore” (“How are you?”) with a reserved smile, but by telling the true, personal story of yourself, of how you really feel, and of what is on your mind. And you’ll see that after saying goodbye, you’ll have rediscovered something you once thought you had lost forever: a little bit of home.
(c) Iran-Now Network
Lieber Omid,
eigentlich ist das Schreiben für mich wie Atmen oder wie “Âb khordan” (Wasser trinken) – aber diesmal habe ich es vor mich hingeschoben. Ich habe überlegt, woran das liegen könnte; und erst vorhin ist es mir bewusst geworden – und nur deshalb kann ich jetzt schreiben: Vielleicht will ich nicht herausfinden, wer wir sind. Vielleicht will ich nicht erfahren, dass das, was wir heute sind, nicht einmal annähernd das ist, was einer der großen Wiegen der Zivilisation würdig wäre.
Als ich 15 Jahre alt war, reichte mein Vater mir irgendwelche Formulare. Ich sollte sie ausfüllen, damit wir zusammen ins Rathaus gehen, um meine Einbürgerung zu beantragen. Wenn Du wüsstest, wie empört ich ihn ansah, wie trotzig ich antwortete: “Niemals! Ich bin Iranerin, Papa! Ich will keinen deutschen Pass. Soetwas würde ich nie tun. Wie kannst Du nur?”
Seine Antwort darauf war ernüchternd: “Dokhtaram (Meine Tochter), wenn Du Dich schon von einem Stück Papier der Identität berauben lassen kannst und Dich nicht mehr als vollwertige Iranerin fühlst, dann solltest Du Dich fragen, warum man Dich so schnell bedrohen kann. Denk’ darüber nach, ob Du wirklich weißt, wer Du bist und woher Du kommst – vielleicht bist Du viel unsicherer, als Du Dich gibst. Denn wärst Du es nicht, würdest Du keine einzige Sekunde auf die Idee kommen, mit dieser Urkunde keine Iranerin mehr zu sein. Ich lege Dir die Einbürgerungsformulare auf Deinen Tisch. Wenn Du Dir Deiner sicher genug bist, dann füll’ sie aus.” Er ließ mich mit meinen Gedanken allein und schloss die Tür hinter sich. Erst 3 Jahre später übergab ich ihm die Formulare ausgefüllt zurück.
Diese Geschichte wiederholt sich heute erneut: Hier und jetzt. Viele Jahre später und um viele Gedanken und Zweifel stärker als damals, als ich 15 Jahre alt war, frage ich erneut: Wer bin ich?
“Wir haben die Tage bis zur Freiheit gezählt
und mit unserem Blut dennoch den Sinn verfehlt;
Ich sehe nichts.
Nichts, was mich hier auf meinen
einst geliebten Boden hält.”
(Sherry)
Ich würde so gerne sagen, ich sei hoffnungslos, lieber Omid, denn dann wäre dieses Hin und Her vorbei. Ich würde so gerne sagen, ich könne mich von Iran abwenden, nicht mehr kämpfen, nicht mehr schimpfen, nicht mehr weinen – aber für die Hoffnungslosigkeit bin ich noch zu verzweifelt. Um diese Verzweiflung zu besiegen, muss eine Lösung her. Also geht der Kampf weiter.
Ich habe nicht soviele Erinnerungen an Teheran, wie Du. Ich bin dort geboren – und bis zu meinem 3. Lebensjahr habe ich dort gelebt. Danach hatte ich kaum Kontakt zu Iranern. Doch immernoch erkenne ich jeden Iraner an seinem Geruch, an seiner Körperhaltung und an seinen Augen. Die Erfahrung mit den Ermordeten der IR selbst in Deutschland, lehrten mich schnell, einem Iraner nicht alles zu erzählen – und dennoch: Immer, wenn ich einen sehe, lächle ich, trotz seines ersichtlichen Misstrauens mir gegenüber und weiß, dass er aus meinem Nest kommt. Die Schatten unter seinen Augen verraten mir, dass er den Geruch des Rosenwassers genauso sehr vermisst, wie ich. Ich fühle mich ihm zugehörig, will ihm anbieten, sich neben mich zu setzen und mit mir Noon o panir o sabzi (Fladenbrot & Schafskäse) zu teilen, mir seine Geschichte zu erzählen und mit mir über sein Heimweh zu reden – doch außer einem flüchtigen Blick und einem unmerklichem Nicken, bleibt nichts übrig. Warum ist das so? Ist es die Angst? Oder schämen wir uns für unsere Geschichte und wollen ihr am Liebsten nirgends begegnen? Schon gar nicht im Gesicht eines Landsmenschen? Sag’ Du es mir, Omid.
Omid: “Bin ich nur undankbar, wenn ich mich nach meiner alten Heimat sehne? Ich bin eher verzweifelt. Sag Du es mir, liebe Sherry: Welche Nationalhymne ist denn unsere gemeinsame? Und welche Flagge ist für uns die iranische?”
Nein, diese Frage musste ich mir nie stellen, denn meine Nationalhymne ist “Ey Iran”. Ich habe noch nie eine andere mit soviel Begeisterung gehört und auch noch nie eine andere soviel Kraft gesungen. Es sagt nicht alles so, wie ich es wohl gesagt hätte, denn die Hymne ist sehr männlich – aber ich hatte nur die der Qajaren und die der heutigen, islamischen Republik Iran zur Auswahl. Die von den Qajaren war schön, aber die Dynastie war schrecklich. Und die heutige? Die spricht mehr von Religion und Märtyrern, als von Iran. Wenn “Ey Iran” auch nicht unsere gemeinsame Hymne ist, vielleicht kannst Du mit dem, was diese Hymne über Iran sagt, etwas anfangen. Oder? Versuch’s nochmal, Omid. Hör’ sie Dir an. Ey Iran
Was meine Nationalflagge angeht – so stand auch diese niemals zur Debatte. Es war und ist “Shir o Khorshid” (Der Löwe und die Sonne). Du darfst sie nicht nur mit den Pahlavi’s assoziieren, lieber Omid, denn gerade diese Flagge ist es, die sich einer sehr alten, iranischen Symbolik bedient. Auch in Ferdowsis “Shahname” wirst Du lesen, was er dazu schrieb: Es war Rostam, unser Held, der diese Symbole stets hoch hielt. Wie kann ich mich Helden wie Ferdowsi und Rostam entziehen? Gar nicht. Ferdowsi ist für mich der Retter der persischen Sprache. Der Retter eines großen Stückes Kultur, das uns trotz der aggressiven arabisch-islamischen Invasion geblieben ist. Dafür werde ich ihm ewig dankbar sein.
Omid: “[...] Dann kam ein Freund meines Vaters zu Besuch und war empört, dass ich die Flagge des Regimes („Partschame Hesbollahiha“) aufgehängt habe. Mit Tränen in den Augen bat er mich, dies nie wieder zu tun. Später erfuhr ich, dass sein alter Vater auf der Straße von Revolutionswächtern erschossen worden war.”
Ich verstehe den Freund Deines Vaters. Sollten wir uns eines Tages einmal gemeinsam ein Fußballspiel anschauen, würde auch ich Dich auch darum bitten, eine andere Flagge zu benutzen. Diese Flagge wurde nur für die Islamische Republik Iran konstruiert. Sie steht für alles, was unseren Landsleuten widerfahren ist. Sie steht für die vielen Tote im Irak-Krieg. Sie steht für alle Studenten und politischen Gefangenen, die noch jetzt auf die Freiheit warten. Sie steht für Hinrichtungen. Und sie steht dafür, dass Du und Ich hier des Nachts sitzen und darüber sinnieren, wer wir sind. Wenn Du Shir o Khorshid nicht magst, dann basteln wir einfach eine Eigene. Wieso nicht, Omid? Reich genug ist unsere Geschichte und unsere Kultur dazu. Wir haben soviel Auswahl. Lass’ uns für Dich eine Flagge basteln.
Omid: “Ich gehöre zu der Spezies, die der Meinung ist, dass die Revolution richtig und notwendig war. Die Rückkehr der Monarchie wäre das letzte, was ich mir für den Iran wünschte. In meiner Iran-Flagge haben Löwe und Sonne nichts zu suchen. Ich habe in der zweiten Klasse gern den Gottesnamen mit dem Schwert in der Mitte gemalt. Ich wusste, das ist die Flagge meines Landes. Heute weiß ich: Das ist sie nicht mehr.”
Ich gehöre zu der Spezies, die der Meinung ist, dass die Revolution das Schlimmste ist, was uns widerfahren konnte. Sie war nicht nur das Schlimmste, sie war gänzlich unnötig. Die Wege für eine weitere Modernisierung und der Erschaffung demokratischer Strukturen waren damals viel offener und geebneter, als heute. Der Shah war dabei, seine Politik zu korrigieren, indem er Bakhtiar großen Einfluss gab. Für 1979 standen sogar Neuwahlen an. Alle Wege wurden dafür bereitgestellt, dass Iran so wird, wie wir es uns heute noch erträumen. Nein, lieber Omid: Etwas Schlimmeres hätte uns nicht passieren können, als diese Revolution. Sie hat alle Modernisierungen, die wirklich eine schwere Geburt waren, mit einem Schlag zunichte gemacht. Einfachso. Weg.
Omid: “So ist die islamische Revolution auferstanden und gibt uns Glauben und Leben…”
“Az bas ke setareh koshtid,
ruye zaman siyah ast”
(“Ihr habt soviele Sterne getötet,
dass das Gesicht der Zeit erschwarzt ist”)
Du siehst, wir sind beide Iraner und haben dennoch soviele, voneinander abweichende Eindrücke und Meinungen. Und trotzdem: Die Verzweiflung ist die Selbe. Unser Heimweh, ist das Selbe. Die besondere, verborgene Tiefe unserer im grauen Alltag geheim gehaltenen hybriden Seele die Selbe. Und wieder bleibt die Frage offen: Wer sind wir? Oder sollten wir die Erkundung anders beginnen? Sollten wir vielleicht fragen, wer und was Iran ist? Wofür dieses Wort, diese große, stolze Katze steht? Woran denken wir, wenn wir Iran sagen? Sag’ Du es mir, Omid. Ich sag’s Dir in diesem Gedicht:
“Du bist meine Mutter,
auf meinem tränengetränkten Laken,
liegst Du in meiner geheimen Schatztruhe,
ich spreche zu Deinen Wunden
und küsse ihnen Deinen Namen drauf:
Iran…
Du bist mein Traum,
fernab von dieser Welt,
bist Du frei,
ich liebe Deine heiße Stirn,
ich male Dich auf ihr drauf:
Iran…
Du bist meine Seele,
Deine schwere Erde -
die Salbe auf meiner sehnsuchtgeplagten Haut,
ich schlage meine Wurzeln rein:
Iran…
Du bist meine Liebe,
Meine kleine Hand in Deiner,
sucht Halt, um weiter zu leben
Mit geschlossenen Augen
spreche ich über meine Sorgen,
ich flehe Dich an
und segne meine Lippen
mit Deinem Namen:
Iran…
(Sherry)”
Ich will Dir glauben. Ich will Deinem Schwur glauben, auf dass Du und ich den Vogel der Morgenröte fliegen sehen – und sei es nur als Zuschauer der deutschen Nachrichten. Ich will Dir glauben. Auf dass wir unseren Kindern eines Tages jenen Ort zeigen können, der beim Verlassen in uns solch’ eine große Leere hinterlassen hat, die wir heute noch zu füllen suchen. Auf dass wir ihnen eines Tages jenen Ort zeigen können, von dem wir vertrieben worden sind… So sei es.
Khoda negahdaret (Möge Gott Dich schützen),
Sherry
© Iran-Now Redaktion
Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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