Posts Tagged ‘Exil Iraner’

(Von Omid Nouripour für Iran-Now Network)

Omid Nouripour wurde am 8. Dezember 2002 auf der Bundesdelegiertenkonferenz in Hannover in den Bundesvorstand von Bündnis 90 / Die Grünen gewählt. Im August 2005 gab er Iran-Now ein Interview, in dem er als der erste Iraner vorgestellt worden ist, der die Chance hatte, in den deutschen Bundestag einzuziehen. In diesem folgenden persönlichen, dennoch öffentlichen Briefwechsel mit Sherry bezieht er sich auf ihren Artikel “Vom gescheiterten Versuch, iranisch zu sein: Wer sind wir?” und versucht mit ihr zusammen eine Antwort zu finden.

Wer sind wir?

Liebe Sherry,

früher ging es, musste es bei uns immer um Exil, Nostalgie und Rückkehrträume gehen. Alles andere war Verrat, alles andere war verwestlicht. Du aber stellst eine Frage, die all diese Konventionen erschüttert. Du fragst nicht, wann wir zurückgehen. Du fragst nicht einmal, ob wir zurückwollen. Du fragst: „Wer sind wir?“ Damit nimmst Du in Kauf, dass eine Antwort kommen kann, die alle Verbindungen zur „alten Heimat“ negiert. „Wer sind wir?“ lässt Raum für alle Antworten.

„Ich sehne mich so nach meinen Tränen. Wo ist sie, Mutter, wo ist meine Wiege? Jene Wiege, die ich längst vergessen habe, jene wahrhaftige und reine Geborgenheit…“ (Googoosh in „Gahvare“)

„Now I’d like that. But that shit ain’t the truth. The truth is you’re the weak.“ (Samuel L. Jackson in „Pulp Fiction“)

„…Sag mir nicht, dass ich jetzt erwachsen bin, Mutter. Sag mir nicht, dass das Weinen sich deshalb für mich nicht geziemt .“ (Googoosh in „Gahvare“)

Und dafür bin ich Dir dankbar, auch wenn ich eine solche Antwort nicht geben will. Denn einen Aufbruch in die Normalität kann es nicht geben, wenn wir uns unsere Identitätsfrage nicht stellen.. Eine Normalität, in der wir auf den Iran als ein Land schauen, das mehr ist als unsere “vergessene Wiege”. Und bei dessen Anblick wir mehr spüren als Schmerz und Schuldgefühle. Bei der wir das Land nicht verteidigen, wenn wir nicht sollten, es aber nicht aufgeben, weil wir uns dafür schämen. Und bei der wir uns, auf alte Wurzeln gestützt, trotzdem auf das hiesige Land, auf Deutschland einlassen können.

Ich sehe mich gern als einen aufgeklärten, postmodernen Kosmopoliten. Denn so fällt es mir leicht, eine Snob-Antwort zu geben auf Deine Frage: Wer sind wir?

Ist es denn wichtig? Sind wir nicht alle Menschen? Sind denn Verbundenheitsgefühle zu einem Land, zu einem Volk, zu einer Nation, zu einer Glaubensgemeinschaft, zu einer Stadt, zu einem Fußballverein nichts anderes als Konstrukte, die uns nur von den anderen abgrenzen sollen? Haben wir denn nicht zuviel „wir und sie“, und zuwenig „wir“?

Das kann alles stimmen, ist aber nicht das, was ich fühle. Hätte ich denn sonst einen Weinkrampf erlitten, als ich erfuhr, Shirin Ebadi bekomme den Nobelpreis? Überall sonst gibt es auch respektable Frauenrechtlerinnen. Hätte es mir sonst das Herz gebrochen, als Sina Motallebi verhaftet wurde? In China ist die Internetzensur viel brachialer als im Iran. Hätte ich sonst einen Herzstillstand gehabt, als Ali Karimi 2001 beim WM-Relegationsspiel in Dublin kurz vor dem Ende knapp vorbeiköpfte? Miroslav Klose köpft täglich vorbei, meistens nicht einmal knapp.

Nun gut, ich bin Iraner. Ich bin in Teheran geboren und dort aufgewachsen. Ich habe viele Verwandte dort und noch mehr Erinnerungen. Die meisten sind verklärt, Iran ist mein persönliches Phantom, meine Fata Morgana. Alles, was mir hier in der Wüste fehlt, gibt es in dieser eingebildeten Oase: Herzlichkeit, Spiritualität, Gastfreundschaft, Trauben, die nicht nach Wasser schmecken, Tiefgang.

Moment: ich bin Deutscher, dafür habe ich gekämpft – neun Jahre lang auf Amtsfluren. Ich liebe meine Heimatstadt Frankfurt. Ich habe hier alle meine Freunde und noch mehr Erinnerungen. Und eigentlich geht es mir gut, denn: schaue ich mich um, ist das gar keine Wüste, sondern ein Ort von Freiheit, Wohlstand und Behagen. Absolut zu wenig, relativ sehr viel. Telefoniere ich mit den Verwandten, beneiden sie mich um die hiesigen Autos, um die Sauberkeit der Straßen, um die Freizügigkeit, um die U-Bahn, um die Karikaturen in den Zeitungen, eigentlich um alles.

„Ein Mann beschließt, den perfekten Würfel zu bauen. Er besorgt sich eine Menge Elfenbein. Er sägt und schleift, er misst und verwirft, er poliert und zertrümmert. Und nach Jahren der Mühe hat er den perfekten Würfel geschaffen. Freudig stellt er sich auf die Straße, der Würfel vor sich, davor ein gut sichtbares Schild mit der Aufschrift ‚der perfekte Würfel‘. Schließlich will er die Menschen teilhaben lassen an seinem endgültigen Werk.

Die Menschen aber beachten ihn nicht. Sie gehen einfach vorbei, die wenigsten würdigen den Würfel eines Blickes, bevor sie gelangweilt und schulterzuckend weiterziehen. Wochen, Monate vergehen, und niemand interessiert sich für das Lebenswerk des Mannes. Frustriert wirft er den Würfel gegen die Wand und zieht von dannen.

Beim Aufprall bricht eine kleine Ecke des Würfels ab. So liegt der nicht mehr perfekte Würfel am Straßenrand, bis ihn ein Kind entdeckt. Es bleibt mit großen traurigen Augen davor stehen und starrt ihn an. Nach und nach kommen immer mehr Menschen dazu. Und bald steht eine große Menschentraube am Straßenrand und richtet die Blicke auf das gebrochene Werk des Mannes. Und sie alle schauen mit einem Gefühl der Trauer und Sehnsucht auf den Würfel und hegen denselben Gedanken: ‚Ein so schön gearbeiteter Würfel. Schade nur, dass eine Ecke fehlt, sonst wäre er perfekt‘“. (Eine Geschichte aus Rumänien)

Bin ich nur undankbar, wenn ich mich nach meiner alten Heimat sehne? Ich bin eher verzweifelt. Sag Du es mir, liebe Sherry: Welche Nationalhymne ist denn unsere gemeinsame? Und welche Flagge ist für uns die iranische?

Ich gehöre zu der Spezies, die der Meinung ist, dass die Revolution richtig und notwendig war. Die Rückkehr der Monarchie wäre das letzte, was ich mir für den Iran wünschte. In meiner Iran-Flagge haben Löwe und Sonne nichts zu suchen. Ich habe in der zweiten Klasse gern den Gottesnamen mit dem Schwert in der Mitte gemalt. Ich wusste, das ist die Flagge meines Landes. Heute weiß ich: Das ist sie nicht mehr.

Ich habe eine solche Flagge zuhause. Ich habe sie mir von meinem Taschengeld gekauft, 1989, vor dem entscheidenden WM-Qualifikationsspiel gegen Saudi-Arabien. Ich hörte das Spiel im Radio, freute mich über alle Tore von Nader Mohammadkhani, war traurig, dass es am Ende nicht reichte. Dann kam ein Freund meines Vaters zu Besuch und war empört, dass ich die Flagge des Regimes („Partschame Hesbollahiha“) aufgehängt habe. Mit Tränen in den Augen bat er mich, dies nie wieder zu tun. Später erfuhr ich, dass sein alter Vater auf der Straße von Revolutionswächtern erschossen worden war.

Grünweißrot allein aber wird permanent mit Italien, Ungarn oder Mexiko verwechselt. Liebe Sherry, wir haben nicht einmal eine Flagge! Mit der Hymne ist es ähnlich. Die neue kenne ich nicht einmal – und so ist es in Ordnung. Die der Frühzeit der Revolution beginnt mit

„So ist die islamische Revolution auferstanden
und gibt uns Glauben und Leben…“

Also auch nichts für mich. Die der Dynastie interessiert mich nicht, ich habe mit den Pahlavis wie gesagt nichts am Hut. Bleibt nur noch der „Vogel der Morgenröte“, jenes Lied der konstitutionellen Revolution Anfang des zwanzigsten Jahrhundert. Nur: wer kennt dieses Lied schon noch? Ich habe nicht einmal eine Nationalhymne. Oder verfalle ich gerade in Selbstmitleid, weil mich das Vertrauen in andere Iraner verlassen hat, wie Du es beschreibst?

Nur Iraner sein und in Selbstmitleid versinken ist einfach. Nur Deutscher sein und die Wurzeln kappen ist ebenfalls einfach – bis die nächste „einheimische“ Großmutter einen Kulturschock bekommt, weil „Du Ausländer“ ihr die Tür am Kaufhaus aufgehalten hast. Der große deutsche Schriftsteller Feridun Zaimoglu spricht gern von „hybriden Identitäten“. Das ist nicht mehr ganz so einfach. Aber die „Hybriden“ sind pünktlich und haben trotzdem Tiefgang. Ich will nicht Iran-Deutscher sein. Ich bin Iraner. Ich bin Deutscher.

Schaue ich mir an, wo Du unsere Identität suchst, dann fällt mir auf, dass Du in die Vergangenheit und in die Gegenwart blickst. An der Vergangenheit klammernd, an der Gegenwart verzweifelnd. Dein Blick in Zukunft aber ist resigniert, optimistisch, und vor allem vage:

Sherry: „Ich sitze hier und werde mir dessen bewusst, dass selbst, wenn alles optimal liefe, kein Krieg stattfände, die lieben Mullahs ihre Turbane einpacken und für immer Urlaub in Dubai oder sonst wo machen würden und unser junges Volk einen erdpulsierenden Freudenschrei ausstoßen würde, sich vom dunklen Schleier auf der Seele befreien und dann noch die WM gewinnen würde – selbst dann, liebe Leser, selbst dann hätten wir noch soviel zu tun, dass wir Iran nicht mehr wirklich blühen sehen könnten. Aber wir könnten wenigstens dafür sorgen, dass unsere Kinder es dürfen.“

Ich bin in meinem Umfeld nicht für meinen Optimismus bekannt. Ich schwöre Dir aber beim heiligen Abbas von Kalbarlah, der für die Kinder der Seinen nur Wasser besorgen wollte, bei Mazdaks schönem Kadaver, den Anushiravan „der Gerechte“ monatelang am Stadttor hängen ließ, beim Atem Shariatis, der im heutigen Iran ein politischer Gefangener wäre, beim Gesang der „Hamsafar“: Du und ich werden den Vogel der Morgenröte fliegen sehen, und sei es als Zuschauer in den deutschen Fernsehnachrichten. Dies ist nicht mein Glaube, tief in mir weiß ich es. Lass uns den Gedanken an diesen Augenblick kultivieren als unsere Identität.

Beste Grüße,
Omid Nouripour

© INN Redaktion (Von Omid Nouripour)

Jeder Exil-Iraner, jede Exil-Iranerin hat eine persönliche, traurige Geschichte zu hüten. Gründe, warum er mit seiner Familie nicht in Teheran, Shiraz, Esfahan, Tabriz etc. lebt, sondern in der Fremde. Jeder hat ein Schlüsselerlebnis zu schildern, das ihn dazu bewog, mit nichts in den Händen, außer den eigenen Kindern und den Abschiedstränen der Verwandten im Gepäck, ins Ausland zu fliehen und in einem schwindelerregenden Karussel aus Heimweh, fremder Kultur und frustrierender Sprachbarrieren eine neue Existenz aufzubauen.

Begegnet man heute als Iraner anderen Iranern, wird man einen warmen Small-Talk beginnen, der äußerlich zwar herzlich, aber eigentlich vorsichtig ist. Man bedient sich so vieler Tarofs (Floskeln), dass man vollkommen von sich ablenkt. Herzlichkeit, ohne etwas preis zu geben; Kontakt, ohne wirklich darauf zu hoffen, dass er sich vertieft – das sind iranische Spezialitäten.

Entgegengesetzt vieler Meinungen, denke ich nicht, dass es sich hierbei um “freundliche” Abneigung oder Heuchelei handelt, sondern um eine schizophrene Haltung der eigenen Identität, der eigenen Geschichte und somit der eigenen Heimat und seinen Landsleuten gegenüber. Kein Iraner – schon gar nicht der älteren Generation – kann unpolitisch denken. Jeder von ihnen hat eine feste Haltung gegenüber den aktuellen sowie vergangenen Geschehnissen. Und welche Repressalien auf gewisse, politische Gedanken stehen – und das auslandsübergreifend – wissen wir aus schmerzlicher Erfahrung. Also schweigt man sich über seine persönliche Geschichte aus, ohne jedoch gänzlich aufeinander verzichten zu können – denn es ist viel mehr Sehnsucht zueinander vorhanden, als man seinen eher negativ bewerteten Erfahrungen mit den eigenen Landsleuten zutrauen mag.

Doch haben wir im Iran nicht nur unser Glück verlassen, sondern auch unser Vertrauen in dieses Volk begraben – mit all den zu beklagenden Opfern. Im Moment des Abschiedsnehmens und einer Palette weiterer Tarofs wie “Kommen Sie vorbei, wir würden uns freuen”, ohne dabei die Telefonnummer oder die Adresse auszutauschen, bleibt man erleichtert – aber allem voran sehr einsam zurück.

Wer sind wir?

Diese Frage hat sich jeder Iraner schon oft gestellt in seinem Leben. Oft mitten in einer iranischen Party, in der fast alle blondiert sind, die Männer gezupfte Augenbrauen haben oder mit operierten Nasen posieren, wie als würde man versuchen, alle phänotypischen Merkmale unseres Volkes zu verschleiern. Oder an einem Abend bei Bekannten, an dem man wieder mehr über seine gesellschaftlich anerkannten Leistungen ausgefragt wird, als über sein seelisches Befinden – und ganz nebenbei erzählt bekommt, wieviele Statussymbole man schon gesammelt hat. – Wer sind wir eigentlich?

Bei der Frage eines Deutschen nach unserer Herkunft, versuchen wir unsere Haut noch irgendwie mit “Ich bin Perser, ich bin Perserin” zu retten – in der Hoffnung, man könne uns irgendwie noch mit der antiken Pracht Persiens in Verbindung bringen. Bloß nicht sagen, dass man Iraner ist. Bloß nicht mit dem alten, bärtigen Mann mit dem unfreundlichen Gesicht in Verbindung gebracht werden, der Millionen, junge Iraner im Golfkrieg in den Tod geschickt hat, um dann in Ruhe seine neue Idee eines Gottesstaates stabilisieren zu können.

Verdammt, wer sind wir? Wo finden wir unsere Identität wieder? In der alt-iranischen Antike? Bei Dariush und Kurosh (Darios und Kyros)? In der Zeit vor der Revolution und Behrouz Vossughi und Googoosh? Bei den toupierten Haaren, den Schlaghosen und Haydeh’s Stimme? In den Geschichten unserer Eltern und Großeltern, weil wir keine andere Wahl haben und jene Zeit nicht miterleben durften? Beim Islam und seinem arabischen Propheten, der Shia, den religiösen Machthabern? Wer genau sind wir?

Was können wir einem Deutschen über den Iran erzählen? Die neuesten Witze über Ahmadi Nejad? Die neuen skandalösen Äußerungen – und uns dabei aus Verzweiflung einem grotesken Lachanfall hingeben? Über die Angst vor einem bevorstehenden Krieg reden? Über unsere politischen Gefangenen? Über Frau Kazemi – und was sie in den letzten Minuten ihres Lebens wohl erlitten hat? Darüber, wieviele Verwandte wir schon verloren haben? Von den Narben der Peitschenhiebe auf dem Rücken unseres Cousins, weil er Musik CD’s verkauft hat? Was genau?

Was sollen wir sagen? Doch lieber, dass “Kurosh der Große” (Kyros) vor 2500 Jahren die ersten Menschenrechte der Welt formuliert und verankert hat? Dass Mazdak vor 1500 Jahren der erste Sozialist der Welt war? Dass Dariush (Darios) den Sueskanal fertiggestellt hat? Dass wir Kaiserinnen wie Iran-Dokht und Azarmidokht hatten, die Iran regierten? Dass wir die ersten Batterien (Parthische Tongefäße) erfunden haben – und das vor mindestens 2000 Jahren? Dass wir die erste monotheistische Religion/Philosophie der Welt hatten, die ganz ohne Gewalt überzeugte? Dass unsere Frauen Kriegsschiffe führten? Dass sie genauso hohe und heilige Posten, wie das Hüten des Feuers im Feuertempel, besetzten – so wie Männer? Dass wir Mutterschaftsurlaub, Sozialhilfe und obligatorische, medizinische Versorgung des Volkes gewährleisteten? Die erste Post?

Was sollen wir erzählen, liebe Leser und Leserinnen? Dass die Perser für Herodot damals wie “Barbaren” wirkten aus dem einfachen Grund, weil diese “Barbaren nicht einmal Sklaven hatten und das gemeine Volk genau die selben Rechte wie der König”? Von der Wissenschaft gar nicht zu sprechen. Medizin, Mathematik, Astronomie, Philosophie. Was und wo sollen wir anfangen, liebe Landsleute? Bei unseren Helden? Babak Khorramdin? Seinem Sohn Azar? Bei unseren Frauen? Bei dem ersten Vielvölkerstaat der Welt? Das erste Weltreich der Welt? Wo sollen wir anfangen? Und vorallem: WARUM sollten wir anfangen? Nur, damit uns schmerzlich bewusst wird, dass Iran nichts mehr mit diesen Errungenschaften für die Welt gemein hat? Damit wir daran erinnert werden, dass wir, wenn wir ehrlich sind, keinen Bezug mehr zu dieser Zeit haben – egal, wie sehr wie dahinstrampeln? Damit wir wieder daran erinnert werden, für was – und vorallem für WEN – das iranische Volk bei der Revolution 1979 auf die Straßen gegangen ist? Damit wir uns eingstehen, dass uns nichts übriggeblieben ist, das uns gehört? Und dass uns deshalb das Iranischsein fast unmöglich ist?

Wer sind wir? Ich, liebe Leser und Leserinnen, habe nichts mehr, womit ich mich identifizieren kann. Ich verstecke mich hinter vielen vor-revolutionären Filmen mit Behrouz Vossughi, Googoosh & co. Schlecht synchronisierte Nostalgie in schwarz/weiß Bildern aus einer Zeit, in der ich noch nicht einmal als Embryo existierte – und dennoch das letzte Stück Heimat, das mir bleibt. Im Hintergrund läuft “Vatan” (“Heimat”) von Dariush – und ich werde mir dessen bewusst, dass wir hier feststecken und nicht einmal eine Opposition haben, keine Alternativen, kein Standpunkt, den wir vertreten, keine wirkliche Zukunftsaussicht.

Ich sitze hier und werde mir dessen bewusst, dass selbst, wenn alles optimal liefe, kein Krieg stattfände, die lieben Mullahs ihre Turbane einpacken und für immer Urlaub in Dubai oder sonst wo machen würden und unser junges Volk einen erdpulsierenden Freudenschrei ausstoßen würde, sich vom dunklen Schleier auf der Seele befreien und dann noch die WM gewinnen würde – selbst dann, liebe Leser, selbst dann hätten wir noch soviel zu tun, dass wir Iran nicht mehr wirklich blühen sehen könnten. Aber wir könnten wenigstens dafür sorgen, dass unsere Kinder es dürfen.

Denken Sie immer daran, lieber Leser, wenn Sie einem Landsmann oder einer Landsfrau auf der Straße begegnen und er/sie plötzlich nicht mehr persisch spricht, sondern deutsch – wenn er/sie Ihrem Blick ausweicht und sich abwendet: Es ist keine Abneigung, es ist keine Verachtung – es ist nur Angst. Und denken Sie daran, dass Sie den ersten Schritt machen können, indem Sie sich selbst öffnen und auf ein “Haletun chetore” (“Wie geht es Ihnen”) nicht mit einem unehrlichen, gequälten Lächeln antworten, sondern mit Ihrer ganz persönlichen Geschichte. Und Sie werden sehen, dass Sie nach dem Verabschieden etwas gewonnen haben, von dem Sie dachten, dass Sie es auf ewig verloren haben: Ein Stück Heimat.

© INN Redaktion (Von Sherry)

30.09.2006, 01:23
Der SOS-Zettel einer Nation

Ich weiß nicht, warum, aber dieser Satz aus einem iranischen Weblog hat es mir unendlich angetan:


"Hast du eine Phantasie, die nie verblasst? Ich möchte mit einem Mann zusammen sein, der auf italienisch auf mich einredet … Ich würde zwar kein Wort von dem verstehen, was er zu mir sagt, aber die Bedeutung seiner Worte würde ich in den Tiefen seiner Augen lesen. Ich will nur mit dem Kopf nicken und ihm zustimmen. Auf farsi klingen alle Worte nur noch hohl für mich. Ich will jemanden, der eine andere Sprache spricht. Ich will, dass wir mit unseren Augen und unserer Wärme kommunizieren, denn Worte können trügerisch sein. Schrecklich trügerisch."

Nein, es ist nicht sinnlos. Eine ganze Nation schreibt seine Gedanken & Gefühle nieder. Fast, wie als würde es ein kulturelles Gut pflegen. Ein geheimes Ritual, das sie eines Tages wie ein zerknüllter, gefundener Zettel in der Mülltonne zur Freiheit führen könnte. Ich werde weiterschreiben.