Posts Tagged ‘Familie’

Ich weiß nicht, warum wir das nicht vorher schon gemacht haben. Aber gewollt haben wir das schon lange. Und Gott sei Dank etabliert sich da gerade eine kleine Tradition des Immerwiederzueinanderfindens, die hoffentlich noch lange anhalten wird. Meine zwei Cousinen und ich haben im selben Jahr alle drei geheiratet. Patpatpat. Fertig. Und wir haben alle Drei Männer geheiratet, die von der Großfamilie sofort an die Brust gedrückt worden sind, wie unbezahlbare Schätze. [Wenn die wüssten!] Seit drei Jahren hören wir Mädels uns an, was für ein riesen Glück wir gehabt haben, dass wir so gute Männer gefunden haben. Dabei vergaß unsere Familie manchmal zu erwähnen, dass es doch sie waren – also unsere Liebsten – die wirklich mehr als Glück gehabt haben, uns gefunden zu haben. Aber Schwamm drüber, vermutlich wird unser Glück höher bewertet, weil Männer eher zum Arschlochseinismus neigen als Frauen. Hihi. Höhö. Haha.

Jedenfalls, ich erinnere mich noch an den Tag meiner Trauung. Sowieso ein seltsamer Tag mit einer Oktobersonne, einer goldenen Umgebung und einem magischen uns umspielenden Herbstlaub, das mir heute bei der Erinnerung noch den Atem verschlägt. Ich war die Letzte von uns Dreien, die sich endlich getraut hatte, sich zu trauen. Das war bei mir auch schon immer eine schwierige Geburt, mein Cousin K. hat da einige Anekdoten zu erzählen, die ich immer schön abwürge. Egal. Irgendwann, als wir nach dem anstrengenden, aber unfassbar zauberhaften Trauungstag- und Fest nachts alle im McDonalds landeten [wie immer] – völlig overdressed, aber was soll’s – meinten meine Cousins nur: “Gott sei Dank, jetzt haben wir drei Sorgen weniger” [Damit meinten sie uns. Ts.], machten eine kleine Pause, bis Cousin K. leise-sentimental-zum-Erdrücken-lieb meinte: “Und drei gute Freunde mehr.” Lange Rede, noch größerer Sinn: Die Jungs sind jetzt ein Herz und eine Seele, was richtig nervig sein kann. Und bei Familientreffs unter uns “jungen Leuten”, gibt es immer so eine Art Battle zwischen Frauen und Männern in sämtlichen Partyspielen und Grundsatzdiskussionen. In Scharade haben wir sie das vorletzte Mal plattgemattet, so dass sie danach noch eine Woche lang alle Punkte aufzählten, die unfair waren und die bedingt haben, dass wir Frauen gewonnen haben. Nur Empathie, gute Antennen, Kreativität und Intelligenz gehörten nicht dazu. Letztens bei TABU, da sind die Armen wirklich in den Boden versunken, nachdem wir ihnen zehn ganze Felder Vorsprung gelassen haben und dann einfach in zwei Schlägen zwölf Felder bis zum Sieg aufgeholt haben. Sie warfen uns Hexenkräfte vor! Schwarz-magische Kräfte, für die wir unsere Seele an den Teufel verkauft haben und im Mittelalter verbrannt worden wären. Wir nickten wissend und antworteten kühl, dass wir einfach nur intelligenter seien, forderten unser McFlurry ein und die Schulden vom letzten Treffen, was sie natürlich nicht beglichen mit den Worten: “Aber wir kaufen Euch doch ständig Essen!”, was mein Liebster natürlich noch toppen musste mit einem kleinlauten: “Sieht man doch!” Egal, auch Schwamm drüber, sie waren verzweifelt. Haha. Was ich sagen will, diese ganzen liebevollen Sticheleien haben bewirkt, dass wir das hier nun mindestens ein Mal im Monat wiederholen wollen, auch wenn wir leider nicht alle in meiner tollen Stadt leben [aber dennoch nur 1 Stunde Autofahrt entfernt voneinander].
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22.04.2011, 09:18
Beimirsein ist Beidirsein

Meine Großstadt ist in den letzten Jahren geschrumpft. Egal, wohin ich gehe, ich kenne ein paar Gesichter – und die Gebäude kommen mir bekannt vor. Man müsste meinen, sie habe dadurch an Vertrautheit gewonnen, am positiven Gefühl, Zuhause zu sein. Aber das hat sie nicht – manchmal zumindest nicht. Vor allem gestern nicht.

“Ich weiß nicht, Sherry. Ich weiß nicht, was das ist. Aber es hört sich an wie die Konstruktion einer dramatischen Soap mit einer sterbenden Diva mittendrin. Deine Geduld ist wirklich nicht nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass Du schon bei einer Einkaufsschlange kurz vor’m Abdrehen bist und am Liebsten die ganze minderbemittelte Technologie beschimpfen will, die es irgendwie nicht schafft, eine menschliche Schlange zu verkürzen. Technologisch, versteht sich.” Sie lacht. Ihr lachen ist schön. Es ist ein leises lachen. Oder nein, es ist nicht leise, aber es hat die Luft definitiv um Erlaubnis gefragt, es für den sanften Schalldruck ihres Lachens benutzen zu dürfen. Sie fragt immer, egal, was sie tut, sie fragt erst einmal die Seele(n) neben sich, die physikalische  Realität um sich herum, ob sie darf. Ob das in Ordnung ist, wenn sie sich ihres Daseins bedient. Selbst, wenn sie sich kratzt, fragt sie sich, ob sie irgendwelchen Keimen Leid angetan hat. Sie fragt sich das schon lange nicht mehr bewusst, aber sie handelt so, als würde sie genau das tun. Und doch ist sie zu wenig grausam, um sie Mutter Erde zu nennen. Mutter Erde muss lieben und hassen können. Ihre eigenen Kinder tadeln, wenn sie die anderen Kinder zerstören. Den Menschen schlagen. Ich schweife ab. Ich lächle müde und antworte: “Keine Ahnung, Chikita. So ist das eben. Hätte ich nicht außerordentliche Geduld mit Menschen, würde ich doch nicht Psychologie studieren. Was denkst Du?” Sie ahmt meine Müdigkeit nach – nein, sie ahmt sie nicht nach – sie fühlt sie mit und antwortet: “Hättest Du weniger Geduld, könntest Du sie besser zur Änderung zwingen, Sherry. Aber ich weiß, dass Du mit Patienten anders umgehst, als mit Deinen Lieben und Deinen Freunden. Du bist ein Punchingball. Das habe ich Dir damals schon gesagt, als ich mit ansehen musste, wie Du alles mitmachst, nur um gewissen Menschen die Erlaubnis zu geben, auf Deine Kosten ihr Selbstwertgefühl aufzubauen.” Ich schweige.

Der gestrige Tag war ein Hin- und Her von neuen Erkenntnissen und wichtigen Entscheidungen. Wirklich wichtigen Entscheidungen. “Sag’, Schatz, was machen wir heute? Was wünschst Du Dir? Du hattest soviele Ideen, dass ich Dich heute lieber spontan entscheiden lassen will”, sagt er. “Lass uns mal zu diesem Restaurant, das genau zwei Minuten Fußweg von uns entfernt ist. Wieso muss man immer weit weg? In-die-Stadt? Hier ist auch Stadt”, meckere ich, obwohl niemand Widerspruch leistet. “Wie schmeckt’s dort denn?” “Keine Ahnung, Schatz. Es steht hier schon seit 15 Jahren, aber ich war nie drin.” – Das zu meiner Kenntnis über meine Stadt. Mir ist aufgefallen, dass ich die meisten Locations nur von Außen betrachtet habe und nur die Besondersten von Innen. Besonders ist eine Location nicht, wenn sie besonders hoch angesehen oder bekannt ist, sondern wenn ich wichtige Erinnerungen mit ihr verknüpfe. Weiterlesen… »

Es gibt zwei Sorten von DSDS-Konsumenten: Jene, die DSDS verurteilen und so tun, als würden sie über den Dingen stehen und jene, die DSDS je nach Kandidatenformat mit Leidenschaft verfolgen. Doch eines haben beide Gruppen gemeinsam: Sie schauen diese Show mit Argusaugen. Ob Kritiker oder Liebhaber: Sie zappen nicht weg. Sie schalten nicht ab. Sie verfolgen die Show.

Deutschland „liebt“ (und hasst) DSDS. Und das hat weniger mit Dieter Bohlen oder seinem „musikalischen Genie“ zu tun, als vielmehr mit der Tatsache, dass man live bei der musikalischen – und was uns vor allem interessiert – der Persönlichkeitsentwicklung der Kandidaten dabei sein kann. DSDS ist erfolgreich, weil die Zuschauer das Gefühl bekommen, am Entstehen einer neuen Lebensgeschichte maßgeblich mitbeteiligt zu sein. Der Zuschauer hört und schaut (hin), der Zuschauer will, der Zuschauer entscheidet, der Zuschauer siegt – und mit ihm sein Superstar. Dass Dieter Bohlen durch stark tendenziöse Kritik, die Bevorzugung gewisser Kandidaten (bzw. optimaler Geldquellen) und die enorme Einschränkung der Song-Zuteilungen, die die Kandidaten angeblich selber aussuchen können, versucht, das Publikum massiv zu lenken, braucht hier nicht erwähnt zu werden, denn Deutschland hat diesmal gegen die Bohlen-Crew und für Mehrzad Marashi entschieden! Allen Widerständen, Beleidigungen und Kampfansagen von Menowin („Ich lass mir den Sieg nicht mehr nehmen!“) und seinen Fans zum Trotz.

Die Entscheidung

Jeder kennt den Moment der Entscheidung, den Marco Schreyl in alter Manier wie einen Kaugummi so sehr in die Länge gezogen hat, dass er uns Herzinfarkte in Kurzintervallen bescherte. Der Abend verlief für Mehrzad so schlecht, dass viele von uns – wie er selbst – den Sieg und seine Zukunftsträume den Bach runtergehen sahen. Nicht nur, dass die manchmal katastrophalen Texthänger und schiefen Töne seines Kontrahänten weg-gelobt wurden (und das in den Olymp der Götter und Titanen), nein: Mehrzads In-Ear Kopfhörer gaben zufällig (?) den Geist auf. Als er den wichtigsten Song des Abends („Don’t believe“) so präsentieren wollte, als würde er um sein Leben singen, hörte er nur Zuschauerlärm. Weder seine eigene Stimme noch die Musik, auf die er singen musste, war für ihn hörbar. Also improvisierte er. Er schloss die Augen, konzentrierte sich, sprach vielleicht noch ein Gebet und ging durch die lodernde Hölle. Und doch – oder gerade deshalb – kam es für ihn anders als erwartet. Bei der Verkündung des Siegers hob Menowin noch kurz sein siegessicheres Fäustchen an und ließ es abrupt wieder fallen. Mehrzads ungläubiges und um sich blickendes Gesicht zeigte ganz Deutschland, dass er nach irgendwelchen Indizien suchte, die ihm bestätigten, dass der Name, den er gerade gehört hatte, tatsächlich sein eigener war. Und seine ihn überschwemmende Familie und Freunde gaben ihm genau die Bestätigung, die er suchte. Er kam, sang und siegte. Weiterlesen… »

31.05.2008, 19:51
Der Vogel

Manchmal, wenn ich meinen inneren Selbstgesprächen unterliege und wirklich nicht von irgendwelchen eigentlich sonst angenehmen Begegnungen unterbrochen oder gestört werden will, verlasse ich das Haus durch den Keller, in den Hinterhofgarten unserer Siedlung und erkämpfe mir von dort aus den Weg nach Hause zu meiner Familie. Wir leben in einer ruhigen Insel und begegnen überrascht immer wieder mal selbst in der Straße wandernden Entenpaaren, die sich verlaufen haben, nächtlich rumwuselnden Igeln und einigen schwer um ihr Revier kämpfenden Katern.

Gestern war wieder einer dieser Tage, an denen ich meinen Gedanken nachhing und man fast meinen könnte, ich sei einer mathematischen Problemlösung auf die Spur, die die Menschheit für immer verändern würde, bis ich, auf den Boden blickend, aus dem Seitenblick einen schwarzen Vogel entdeckte. Leider habe ich mich in meinem Leben schon mit diversen Bereichen beschäftigt, aber nicht mit Vögeln, also konnte ich die Vogelart leider nicht ausmachen, aber das war unwichtig, nachdem ich die ängstlichen Augen des Vogels sah, der mich gehetzt ansah und versuchte, von der Stelle zu kommen. Der Anblick brach mir das Herz, denn so oft es auch humpelnd zum Fliegen ansetzte, es wollte ihm nicht gelingen, wie gewohnt in die Höhe zu schwingen, um sich vor mir in Sicherheit zu bringen. Ich blieb stehen, darauf bedacht, Abstand zu ihm zu halten, damit ich seine Paniksituation nicht noch verstärkte und überlegte, wie ich ihm helfen kann, ohne ihm weh zu tun. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Er schien sich verletzt zu haben, am Flügel oder am Füßchen, ich weiß es einfach nicht – und ich wagte auch nicht, ihm mit meiner Näherung noch mehr Angst zu machen.

Also fing ich verzweifelt an, leise mit ihm zu reden und ihm bei bleibendem Abstand zu versprechen, ja inbrünstig zu versprechen auf alles was mir heilig ist, dass ich ihm nichts tun würde und dass ich nur wissen will, ob ich irgendetwas für ihn tun könnte. Aber er verstand mich einfach nicht und wurde bei meinem kontinuierlichen Blickkontank immer verzweifelter in seinen Versuchen, starten und fliegen zu wollen. Ich schwieg und sah ihn traurig an und versuchte, zu akzeptieren, dass ich nichts tun kann. Dass ich loslassen muss (eines meiner größten und sich immer wiederholenden Prüfungen in meinem Leben, die mich in den verschiedensten Situationen zum Loslassen auffordern, mich quasi lehren wollen, wie man loslässt) und weitergehen muss.

Ich drehte mich um, schluckte den Kloß in meinem Hals runter und ging hoch zu meiner Familie. Oben angekommen, setzte ich mich hin und überlegte noch, ob ich ihm nicht etwas Brot runterwerfen solle – aber ich dachte mir, wenn er bald sterben müsse, dann sollte ich ihn nicht weiter künstlich am Leben erhalten. Ich hoffte, dass diese Vogelart irgendwie solidarisch war und dieser Vogel nicht allein verenden würde und glitt immer tiefer in irgendwelche Kombinationen von Möglichkeiten…

Irgendwann landete ich bei einer alten Erinnerung von mir. Ich muss ungefähr 10 Jahre alt gewesen sein, als mir genau so ein Vogel auf dem Spielplatz begegnet war und der panisch versuchte vor der Menge an Kindern wegzuhumpeln. Ich hatte Angst, sie würden den Vogel zertreten, außerdem wirbelten die Kinder soviel Staub und Sand auf, dass ich Angst hatte, der Vogel würde sich daran verschlucken. Unwissend – und weitaus unbedachter als gestern – nahm ich diesen Vogel in die Hand und nahm ihn mit nach Hause. Ich hielt ihn meinen Eltern hin und sagte: “Papa, Mama, dieser Vogel ist verletzt. Wir müssen ihn pflegen.” – Entgegen der typisch orientalischen Mentalität, sind meine Eltern Gott sei Dank keine Menschen, die an Tieren etwas “Schmutziges” sehen, das nicht ins Haus gehört. Sie wussten zwar wahrscheinlich von Anfang an, dass diesem Vogel nicht zu helfen war und überlegten wahrscheinlich noch in der selben Nacht, wie sie mir das erklären sollten, aber sie ließen mich erst einmal machen.

Ich baute dem Vogel ein kleines Nest aus einem größeren Karton, einem Bereich mit weichem Kissen und Gras, etwas Brot, Wasser und einigen Würmern, die ich ihm gesammelt hatte. Jeden Tag nach der Schule kam ich nach Hause und sah nach ihm. Er wurde trotz meiner liebevollen Fürsorge irgendwie immer dünner und müder, aber ich redete mir ein, dass er müde ist, weil sein Körper sich anstrengt, wenn es gesund werden muss – so wie beim Fieber. Eines Tages kam ich nach Hause und der Vogel war nicht mehr in seinem kleinen offenen Karton. Meine Eltern kamen zu mir und sagten, er sei weggeflogen, er habe sich wohl endlich gesund genug dazu gefühlt.

Ich war traurig und erleichtert zugleich. Ich würde ihn so vermissen, aber auf der anderen Seite: Was war ein schöneres Geschenk als die Freiheit und die Gesundheit dieses Vogels?

Ich war zufrieden mit der Welt. Sie schien mir gerecht, gut, heilbar. Erst gestern begriff ich zum ersten Mal, dass meine Eltern mich wohl angelogen hatten, um mir die Natur dieser Welt noch vorzuenthalten. Ich könnte sie heute noch danach fragen, aber ich werde es nicht tun. Denn insgeheim hoffe ich noch immer, dass der Vogel von damals tatsächlich noch weiterleben durfte…

Man sollte seine (berechtigten) Aversionen gegen den deutschen Rap einfach kurz beiseite legen und sich diesen Track ruhig einmal anhören. Ich finde ihn “schön”…