(Vom 09/12/2004 )


~*Die Musik dazu: Axiom of Choice – Chaos of Paradise.mp3*~

Ihre Füße taten weh. Damenhafte Stöckelschuhe waren einfach nichts für sie. Und dieser Rock. Viel zu kurz. Alles ganz und gar nicht ihr Stil. Sie bückte sich, um ihre Pumps – oder wie diese frauenverachtenden Klötze auch immer hießen – wutentbrannt auszuziehen. Fluchend verlor sie ihr Gelichgewicht, so dass ihr Lebensgefährte sie stützen musste, dessen einzige Sorge darin bestand, ob die feine Partygesellschaft das peinliche Verhalten seiner Gefährtin sah oder nicht.

"Schatz, stell’ Dich doch nicht so an. Kannst Du Dich nicht ein Mal einfach wie eine Erwachsene benehmen?" und schüttelte spöttisch den Kopf.

Ihre kleinen, vollen Lippen formten schon ein "Arschloch", als sie beschloss, kein Wort mehr für diesen Voll-Spießer á la Karriere-Trottel zu verschwenden. Sie drückte ihm heftig sein "Geschenk" in die Hände und sagte barsch: "Lauf’ Du doch mit denen rum! Das würde Dein Spießerdasein um Einiges interessanter machen!", schnaufte nocheinmal und rannte davon – ständig behindert von diesem viel zu engen Rock.

Es regnete warm. Sie sollte besser nach Hause gehen. Aber allein der Gedanke an die routinierten Berührungen ihres Gefährten Bernds, seine Spießer-konformen, monotonen Rein-Raus-Aktionen, die Art, wie er desinteressiert in seine scheiß Börsen-Zeitung glotzte, wie er jeden Funken an Romantik durch seinen von ihm so gepriesene analytischen Verstand zerschlug und wie er immer nur merkte, wenn sie zunahm – aber nie, wenn sie strahlte – machte sie krank. Einfach krank!

"Nein! Heute gehe ich nicht nach Hause!", beschloss sie energisch – und das Tempo ihrer Schritte beschleunigte sich wieder.

Wie lange sie schon so durch die dunklen Gassen ging, wusste sie nicht. Doch sie genoss jeden barfüßigen Schritt. Sie blieb kurz stehen, um ihre Füße in der matschfreien Fütze zu baden, als sie plötzlich Musik aus der Seitenstraße hörte. Es war sehr undeutlich, aber sie schloss die Augen, um die unvollständigen Töne in schemenhafte Melodien zu vervollständigen. Es klang orientalisch, das verrieten ihr die halben Töne und der herausfordernde Rhythmus. Wie sehr sie sich nach dem Orient sehnte. Bei Bernd, ihrem Snob, hatte sie fast vergessen, dass sie eine Frau aus dem Orient war. Eine voller Leidenschaft und Glut in allem, was sie tat und fühlte. Das war der Teil in ihr, der immer einsam war und nie ein Echo fand – schon gar nicht bei Bernd.

Die Musik zog sie an. Sie ging, wie in Trance und nicht mehr Herrin ihrer Sinne, in die Seitengasse hinein. Nach jedem Schritt, der sie näher an diese Musik ihrer fernen Sehnsüchte brachte, fingen ihre weiblichen Hüften an, sich selbständig zu machen und kaum merkbar zu bewegen. Alles in ihr wurde mit einer angenehmen Wärme begossen.
Plötzlich sah sie sich in diesen Raum reingehen, es duftete nach Apfeltabak & orientalischen Gewürzen. Die Menschen waren laut und tanzten im Rausch des Weines und ertrunken im Duft der Jasmin auf dem Schweiß der Frauen. Sie fiel nicht auf mit ihren pechschwarzen Haaren und ihren Hüften, die sich nun schon lebhafter mit dem Rhythmus unterhielten.

Wo war sie bloß gelandet? Sie sah im Schleier des Rauches eine Frau tanzen. Sie schwebte, neckte die Luft mit ihren Hüftschlägen, so dass der Rauchschleier eine sie umarmende Silhouette um ihren kurvigen Körper bildete – schnell schlug sie ihre Hüften und blieb dabei dennoch so weich wie eine Welle auf der Haut des Geliebten, der sie atemstockend beobachtete. Diese Frau war wunderschön. Sie hatte volle Brüste und eine schmale Taille die ihren steilen Weg zu ihren leidenschaftlichen Hüften zu wandern schien. Ihre Augen waren groß, feuerfunkelnd und mandelförmig und ihre Augenbrauen so stolz geschwungen wie aus den großen, kalligrafischen Schriften, die sie leider nicht mehr lesen konnte. Wie gerne hätte sie sie einmal berührt. Der Wunsch verwirrte sie – der nackte Wahnsinn, in dem die Tänzerin tanzte – wie eine gepeitschte Geliebte der Rhythmen – entlockte in ihr den Wunsch, sich auch diesen mächtigen Rhythmen hinzugeben.

Ohne zu merken wie, tanzte sie immer deutlicher in Richtung dieses erhitzten Paares. Der Mann interessierte sie nicht, obwohl er sehr schön war. Sein Körper schien geschmeidig und dennoch gestählt. Die Oberarme deutlich, seine Hände groß und besitzergreifend. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er die Kontrolle über seine Lust verlor und dem Rhythmus seine Geliebte wegreißen würde…

…aber noch hatte sie Zeit und wollte die Gelegenheit nutzen, der Tänzerin eine würdige Anbeterin zu sein.

Sie kam ihr immer näher. Rauch, Jasmin, Wein, gellendes Gelächter – die Welt um sie herum und das dumpfe Licht ließen alles so surreal erscheinen. Sie kämpfte so sehr – doch ihre Sinne kapitulierten, der Rhymthmus hatte sie gedrosselt. Ihr Körper unterwarf sich. Er war Sklaven der schlagenden Trommeln.

Die Tänzerin bemerkte sie. Aus ihrem Tanz herausgerissen, fielen ihre großen, dunklen Augen auf die Fremde und musterten sie bewundernd. Sie hatte sofort gemerkt, dass sie sich dem Wahnsinn hingegeben und Vergessenes neu erweckt hatte. Sie sah die Fremde so fordernd an, dass sie nicht mehr anders konnte, als ihr ganz nahe zu kommen. Lange schauten sie sich im Delirium ihrer gegenseitigen Bewunderung in die Augen, bevor die Tänzerin ihren Körper herantastend an den ihren schmiegte, so dass sie sich noch nicht ganz berührten, aber die Hitze mit aller Macht für eine Verschmelzung kämpfte. Ihre großen Brüste berührten die Spitzen ihrer – beide schrien im Tanz und schmiegten ihre Körper wie ineinandergegossenes Gold aneinander und bewegten sich wie eine fliehende Schlange im Wüstensand. Die Tänzerin packte die Taillie der Fremden und zog sie an sich, um ihren Hals besser riechend erforschen zu können… Große Augen, wie die Ihren, sahen sie lustgepeinigt an, sie schlossen sich und ein kleiner, voller Mund öffnete sich und flehte um Befreiung… Sie roch den Atem der Tänzerin und ihre Zungespitze, die sich noch nicht ihrem geöffneten Mund hingeben wollte, sondern ihre Lippenkonturen mit ihnen nachmalte. Die Fremde stöhnte auf, so sehr litt sie. Wie lange musste sie noch warten, um ihre Zunge in sich aufnehmen zu dürfen? Geknechtet und machtlos gegenüber dieser Folter, merkte sie erst sehr spät, dass die kräftigen Hände, die sie vorhin nicht all zu sehr beachtete, ihre Brüste von hinten erst vorsichtig, dann fester packten. Ihr tanzender Hintern schmiegte sich wie von selbst an die schon harte Männlichkeit des Geliebten der Tänzerin. Sie hielt die Luft an bei dem Schock und spürte plötzlich die peitschende Zunge der Tänzerin in sich… Sie schmeckte wie süßer, nasser Samt, ihre Hände hielten ihr Gesicht, der Geliebte der Tänzerin presste sein Unterleib an ihren Hintern immer fester, seine Hände krallten sich in ihre Brüste, als er ihr in den Nacken biss. Als sie aufschrie, lachte die Tänzerin laut und küsste ihren Bauch, während sie zu ihr aufschauend keinen Atemzug lang ihren Blick von dem ihren abließ. Sie streichelte ihre Innenschenkel erst zart, dann gierig nach oben, schob ihre Hand zwischen ihren Slip und berührte sie an der pochenden Stelle. Die Fremde stöhnte laut auf & griff in die Haare der Tänzerin – und wäre vor Lust zu Boden gefallen, wenn sie nicht fest und sicher am Körper des Geliebten gepresst gewesen wäre, der ihr von hinten seine Forderungen mitteilte und ihre Lust noch steigerte. Lustlavinen aus ihrem Unterleib wurden von den Händen und der Zunge der Tänzerin durch ihren Körper gebebt, so dass sie die Kontrolle verlor und aufschrie… Und nochmal aufschrie und immerwieder aufschrie, hin und her geschmissen vom Rhythmus, der sie auslachte… in Besitz genommen von diesem kräftigen Mann, der auf sein Recht wartete… geliebkost von dieser feuerfunkelnden Tänzerin…

Sie sank erschöpft in sich zusammen.
Der Geliebte legte die Fremde auf die Couch im Trubel der Feiernden und fuhr mit seiner Fingerkuppe über ihren erschöpften Körper. Sein Finger wurde sogleich von seiner Tänzerin geschickt in ihren Mund entführt und ins Hinterzimmer gelockt. Dort führten sie das Spiel des Feuers weiter…

Die Fremde lag da. Gar nicht mehr so fremd und so sehr bei sich und ihren Sehnsüchten zu Hause, wie noch nie zuvor und schlief den Schlaf der Berauschten und Seligen.

Im Morgengrauen klirrte ihr Schlüssel an ihrer verhassten Haustür. Bernd saß mit seiner Zeitung am Frühstückstisch. Er schien nicht einmal bemerkt zu haben, dass sie die Nacht über fort war.

"Bernd, wir müssen reden.", sagte sie in einem so klaren Ton, der sogar ihn aufweckte. Er sah zu ihr auf.

"Ich weiß wieder, wer ich bin und was ich einst vom Leben wollte…", begann sie das Gespräch. Und zum ersten Mal merkte Bernd, dass seine Gefährtin weit weg war, und er ihr emotional niemals genügen könnte. Sie war einfach zu viel für ihn.