Der Herbst liegt in seinen letzten Atemzügen. Er stirbt noch zu Ende. Seine Schönheit verblasst mit seinen Farben, und er – eigentlich eine sie – schaut wehmütig auf sich zurück. Und wir folgen ihrem Blick. Hätten die Menschen dem kahlen Winter keine unnatürliche Maske der Buntheit aufgesetzt, wäre er vielleicht trostlos und eine Zeit des Schlafens, eine Zeit des Isolierens, des Insichfühlens und dennoch Unwohlfühlens geworden, weil wir es sind, die die Einsamkeit als Feind erklärt haben anstatt als Quelle von tiefen Selbst- und Welterkenntnissen. Aber das gibt es nicht. Nicht hier. Nicht heute. Nicht in einer Großstadt. Manchmal voller Sehnsucht nach dem wahren Kern des Winters, aber heute voller Erleichterung darüber, dass es so ist.
Lieber durch die Einkaufsstraßen gehen, mir von all den Kaufenden und bunten Angeboten einreden lassen, ich bräuchte dies und ich bräuchte das, weil all die Dinge, zum Haben und Nehmen, so präsent sind, so konturenstark und so kopfbelastend, dass die eigenen Angstgedanken federleicht werden. So realitätsverleugnend, dass man die so bedrohliche Kahlheit einer winterlichen Baumkrone vergessen kann. Zum Glück, dass alles glitzert und verziert ist, anstatt den Winter in all seiner Größe, in all seiner philosophischen Tragweite aufbäumen, zu uns sprechen und uns den Prozess des Lebenskreislaufes fühlen zu lassen. Besser so. Zum Glück. Da draußen riecht es nach gerösteten Kastanien und Maronen, nach Gebäck und Licht. Nach Zimt und Glühwein und kandiertem Obst. Nach verkauftem, gekauftem, geliehenem, geleasten, verschenktem Glück. Besser, die bunten Lichter spielen Pinocchio – und wir gleich mit. Und mir wird klar, der Winter ist ein Mann. Ein Mann, der den weiblichen Herbst von uns genommen hat, um ihn nicht mehr mit uns zu teilen, um ihn endlich zu besitzen. Und wir treulosen Menschen ersetzen ihn mit all dem Klunker. Hier und da. Und lachen und wissen, er ist vorbei. Der Herbst. Die Weibliche. Ja, der Winter ist ein Mann. Und bald, wenn sich beide paaren – die Schönheit und der Tod sich miteinander vermählen – wird der Frühling kommen. Und wie er kommen wird. Sich mit seinen Knospen und seinem wollenden lebensergreifenden Wachstum in den Himmel erstrecken und uns auf ein Beltanefeuer vorbereiten. Denn: Der Frühling ist ein Kind. Aber das ist eine andere Geschichte.

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