Posts Tagged ‘Geborgenheit’
07.05.2012, 10:32
Eineinhalb Zimmer

Wir lebten in einer kleinen Wohnung in der engsten Gasse der Stadt. In den eineinhalb Zimmern hatte ich es uns so wohnlich wie möglich eingerichtet. Das Halbe war eigentlich als Spint gedacht. Es war zu groß für einen, aber zu klein für ein Zimmer. Doch es passte eine große Matratze hinein. Dort teilten wir Schlaf und manchmal auch Lust.

Meine Freundin Lucia schüttelte jedesmal den Kopf, wenn sie mich besuchen kam. Für gewöhnlich war Rafael zu der Zeit noch auf der Arbeit. Die beiden mochten sich nicht sonderlich. Lucia fand, Rafael müsse inzwischen genug auf dem Bau verdienen, um mir ein besseres Leben zu bieten; und Rafael befürchtete, sie würde mir Flausen in den Kopf setzen und den Haussegen zerstören. Beide hatten sie Unrecht. Ich machte mir nichts aus Luxus und auch nichts aus der Meinung von Lucia und ihren Freundinnen.

Oft kam er spät nach Hause. Vor allem die letzten Wochen setzten seinen Knochen zu. Oft war er zu müde, um über den Tag zu reden. Er wusch sich kurz die Hände, während ich ihm das Essen aufwärmte und aß konzentriert und mit Bedacht. Danach saßen wir oft noch vor dem kleinen Fernseher. Unsere Gegenseitigkeit zeigte sich selten in mehr als nur im Anlehnen. Oft streichelte ich dabei seine Hände. Ich liebte seine Hände, die er nie ganz sauber bekam. Hände, die nie lügten. Während man von anderen sagte, ihre Augen seien der Schlüssel zur Seele, waren es bei Rafael seine Hände. Wenn er schlief, küsste ich sie manchmal und hielt sie kurz an meine Wange. Weiterlesen… »

01.04.2012, 08:19
Die Anderen

Manchmal sind sie ganz laut, die Gefühle der Anderen. Ich bilde mir dann ein, dass ich sie greifen kann wie eine gefüllte Glaskugel voller Gedanken, Wein und Selbstfragmente, die einander hinterherjagen, um sich endlich zu vereinen. Sie wollen eine überlebenswichtige Geschichte werden und einen Sinn ergeben. Denn ohne Sinn geht es nicht weiter, zumindest nicht für uns Menschen. Dann muss ich mich oft bewusst herauszoomen aus ihrem Erschaffungsakt, mich aus den Seelenfarben anderer mit aller Macht entfernen, gegen alle Widerstände der Anziehung kämpfen, um einen klaren Blick zu behalten. Manchmal ist es so schwierig, mit allen zusammen zu sein, ohne mich selbst zu verlassen. Ich muss diesen Drahtseilakt endlich bestehen lernen, sonst bleibt mein Befinden immer abhängig vom Befinden anderer. Das ist einerseits schön, andererseits auch bodenlos.

Gestern gab sie mir ihre kleine Hand, die vielleicht einviertel so groß war wie meine. Sie sagte mit ihrer kleinen Stimme, dass auch sie Nagellack auf ihren Fingern habe, so wie ich. Aber sie möge meine Farbe lieber. Dabei sahen mich große, liebe Noch-Baby-fast-Kind-Augen an, und ich wusste, sie fragte sich, ob man die Nagellackfarben einfach tauschen könne. In meiner Vorstellung tat ich es. Ich kippte meine Finger nach unten auf ihre kleine Hand – und die Farben flohen auf ihre Nägel, und sie lächelte. Als ich fast dachte, es würde klappen, legte sie ihr Gesicht auf meine Brust. Als wollte sie sagen, es sei schon okay, dass es nicht klappen wird. Ich solle nicht traurig sein. {Die Anderen. Sie sind oft so schön. Wer braucht da noch sich selbst?}

28.03.2012, 11:44
Und dann ist es gut

Was ich in den letzten Wochen gelernt habe ist, dass es mich nicht umbringt, den Falschen zu vertrauen. Sie haben beim Lamentieren schon längst meinen wunden Punkt vergessen. Und erkannt habe ich, dass nichts dabei ist, wenn ich den Richtigen nicht vertraue. Denn sie stehen noch immer da, am Wegrand meines Blickes, und warten geduldig auf mich, bis ich endlich weiß, was zu sagen ist. Das ist ein schöner Monat, dieser März. Wir feiern das neue Jahr ganze dreizehn Tage lang. Und diese dreizehn Tage sind erst in vier vorbei. Dieser Frühling ist der Erste nach Jahren, den ich annähernd so lieben kann, wie es ein Frühling nun einmal verdient hat. Die Veränderungen geschehen {in mir} in rasanter Form. Und ich weiß, bald fängt ein neuer Lebensabschnitt an – und in der neuen Arbeit gehe ich wie eine kleine Sonne auf. Die Melancholie bleibt aus die letzten Tage. Das macht mich unkreativ, doch glücklich, weil ich nichts Schlechtes über mich zu berichten habe. Ich renne raus und alle lächeln {mich an}. Ich stehe in der Schlange, und das Warten ist ein kleiner Augentanz. Ich lauf’ zur Bahn, und der Fahrer wartet auf mich drei Ampelzyklen lang. Ich setz’ mich hin, und ein kleines Mädchen zeigt – seiner Mutter zugewandt – auf mich, fragt sie um Erlaubnis und setzt sich dann neugierig zu mir hin.

Was passiert denn nur, wenn die Sonne scheint? Überhaupt war vieles anders in den letzten Wochen. Ich rede und hülle mich nicht in Schweigen ein, und das bei Themen, die mich direkt betreffen. Geknickte Freundschaften erheben sich gen Himmel wie Tulpen. Sie wollen einen Neuanfang, und ich sage “Ja”. Nie dagewesene Freundschaften werden endlich beendet. Ich entlasse mich aus der selbst auferlegten Pflicht, für immer da zu sein, und sage erleichtert “Nein”. Eine neue Energie erwacht aus meinem Schmerz heraus. Eine Botschaft, die mich aus der inneren Resignation befreit. So dass der reißende Fluss meines Handelns sich vom Sprudeln meiner Seele nähren kann, und ich endlich nicht – wie sonst – im Minus meiner Kräfte weile. Nichts kann bleiben, wie es ist. Die Veränderung ist die Mutter der Natur. Und Mutternatur? Sie nickt, wenn sie mich das hier schreiben sieht.

15.11.2011, 10:37
Normalität

“Hast du das gesehen?”
“Was genau? Was meinst du?”
“Na, da war ein Huschen über deinem Gesicht.”
“Ein Huschen, wie, wo?”

“Na, als du das Eichhörnchen gesehen hast. Ich habe es deutlich gesehen. Ein Huschen, so wie, wenn etwas, das glänzt, das Licht reflektiert, das auf es fällt – und alles plötzlich kurz aufleuchtet. Ich hab’s genau gesehen. Das Glänzen. Und Huschen!”

“Und was willst du mir nun damit sagen?”
“Ich will sagen: Herzlichen Glückwunsch. Du willst wieder leben.”
“Achso. Das meinst du.”
“Wie? So unbeeindruckt? Heißt das, du weißt es schon länger als ich?”
“Nein, nicht wirklich. Aber ich dachte immer, das Weiterlebenwollen würde sich anders anfühlen. Spektakulärer. So Feierlaunemäßig, obergroß, oberkrass eben. Aber es ist ein ganz normales Gefühl, so normal eben.”
“Na, es ist ja auch normal, leben zu wollen. Es gibt nichts Normaleres.”

Die junge Frau schaut ihren Onkel an und begreift jetzt erst, dass es normal ist, leben zu wollen. Dass es nichts Besonderes ist, wenn man Freude an einigen schönen Ereignissen wie das eines vorbeiflitzenden Eichhörnchens empfindet. Dass es hingegen außerordentlich war, dass ihr das Leben nicht wichtig war, dass sie ihre Ziele nicht nur nicht greifen konnte, sondern gar keine hatte, geschweige denn entwickeln konnte. Und dass sie sich ganz langsam und unmerklich mit dem milchigen Schleier, der ihren Blick auf die Welt abdämpfte, immer weiter runtergezogen hatte. Weiterlesen… »

13.11.2011, 01:30
Aiolos und seine Freunde

“Und wenn wir einfach abhauen? Wir müssen nicht zurückschauen. Zurückschauen ist wie die leckerste Süßspeise im Gaumen schmeckend und seufzend zu kauen und dann auszuspucken.” Das war der Schlussteil ihres Appels an ihre Freunde. Sie will nicht mehr zurück in ihr altes Leben und hofft, in den Gesichtern ihrer Gefährten, die durch ein seltsames Schicksal zusammen gefunden haben, den selben, militanten Fluchtreflex zu entdecken, den sie nicht mehr zurück halten kann – und der sie nicht mehr los lässt.

“Aber was ist mit …”, wirft Aiolos ein und stockt, weil ihm dann doch nichts einfällt. Gäbe es in dieser Gruppe einen Anführer, wäre er es gewesen. Seine wachen Augen sahen alles. “Das geht nicht, Seda. Wir sind gebunden. Alle.” Sie schüttelt den Kopf. Woran genau waren sie gebunden?, denkt sie und vergisst diesmal das Sprechen nicht. “Woran? Woran Aiolos!”, setzt sie ihn unter Druck und schaut in die Runde rein. “Im Ernst. Denkt alle nach. Bitte. Denkt jetzt nach. Heute ist die Nacht der Nächte. Wir können alle unsere sinnlosen Leben beenden und neu beginnen. Gemeinsam. Ohne Gruppensuizid – den wir eh niemals umsetzen würden, wenn Plan A nicht klappt. Doch wie soll Plan A klappen, wenn wir ihn meiden? Unsere Geschichte kann nur ein Happy End haben, wenn wir uns aus diesem Kriegsgebiet unseres Lebens hinaushauen. Zusammen. Wir. Gemeinsam. Wir“, wiederholt sie verzweifelt, denn sie findet kein innigeres Wort, das ihre Verbundenheit beschreiben kann. “Ist das etwa unsere Freundschaft? Soll alles hier enden? Soll das hier alles sein? Wir wollten die Welt verändern. Wir wollten Grenzen durchbrechen, wir wollten der Liebe einen neuen Namen geben, wir wollten tausend Schleier im Flug gen Himmel zerreißen, und wir wollten uns in altes Pergament werfen und in den Gedichten der Alten unsere Träume wieder finden und mit ihnen tanzen. Wir wollten unsere Seelen wieder finden und müde in ihre Arme fallen. Hast du nicht gesagt, Aiolos, hast du nicht gesagt, solange die Träume eines Menschen schöner sind als sein Leben, hat er etwas falsch gemacht? Lasst uns hier weg. Lasst unser Leben schöner sein als unsere Träume, weil wir uns unsere Träume endlich nehmen. Wir nehmen sie uns, so wie sich das Leben nimmt, was es will, so nehmen wir uns, was uns zusteht. Wir wollten soviel tun. Wir wollten alles. Und nicht weniger. Wir wollten die Welt verändern, wir wollten dieses Haus am Meer …” Der Drang ihrer Lunge, Luft zu schnappen, unterbricht sie. Weiterlesen… »