Posts Tagged ‘Geborgenheit’

Ich hatte immer einen Traum. Einen, der für mich alleine ist und nicht für die Menschheit. Und ich weiß, dass er irgendwann in Erfüllung gehen wird (denn ich habe ihn gestutzt, der Realität einwenig angepasst). Ich träume von einer großen, hellen Wohnung. Platz für mindestens dreißig Gäste in gelöster Körperhaltung – irgendwo auf den Sofas und Couches unserer kleinen Welt der großzügigen und dennoch warmen, intimen Räume. Lachend, strahlend, witzelnd – einander sehend und fühlend. Gebt mir eine Küche, eine große. Ein paar Kochbücher, so international wie möglich. Einen großen Esstisch – und ich will für alle kochen. Kochen und backen. So seltsam sich das anhört, aber ich diene gerne. Die einzige Art, zu dienen, ohne dabei seltsam morbide zu wirken, ist das Bedienen der Gäste. Das Geben an Menschen, die man liebt. Und als (Gast)geberin, das weiß ich, das fühle ich, kann man die meisten Menschen lieben. Einfach, weil man das im Akte des Bedienens tun muss, damit all die Sinnesschätze sich von ihrem Gaumen auf die Seele setzen und dort tanzen. Ich hab’ ein warmes Nest – und ich will, dass ihr euch darin wohl fühlt. Geborgen, einwenig berauscht, einwenig so wie im Halbschlaf, glücklich und selig – wie kurz vor der Freiheit. Und versteht dieses Nest nicht einfach als Wohnung. Versteht es als mein eigenes Herz. Dann wisst ihr, was ich meine und warum ich all das hier will.

01.11.2011, 11:27
Gesehenwerden

In einer dieser engen Altstadtgassen angekommen, suchen wir nach einem Parkplatz. Und da, direkt vor dem klitzekleinen REWE mit der viel zu kleinen Eingangstür, finden wir eine rudimentäre Parklücke, die man auch leicht hätte übersehen können so furz-unsichtbar ist sie. Mr. Serious entscheidet, trotzdem einen Versuch zu starten. Vor dem Supermarkt-Eingang sitzen zwei ältere Männer. Deutlich vom Leben gezeichnet, nicht ganz nüchtern – und zumindest einer von ihnen, der mit dem weißen, langen Bart, ist sehr kommunikativ. Ich bemerke alte Klamotten, ein altes durchlöchertes T-Shirt, das ihm die Welt bedeutet, und eine abgewetzte Jacke. Die Cappies zieren beide, geben beiden Sicherheit, eine Art Einheitlichkeit – und sah man sie, wusste man sofort Bescheid: Ja, die beiden gehören zusammen. Auf der Straße vermutlich eine wichtigere Verbindung, als wir Normalos uns mit einer Wohnung und einer uns umsorgenden Familie vorstellen können. Vielleicht weniger emotional, aber dafür hoch funktional. “Für bedingungslos emotionale Beziehungen holt man sich lieber Haustiere”, erinnere ich mich an die Worte meiner alten Nachbarin, die vor sieben Jahren einem aufgeplatzten Aneurysma erlag. Möge sie in Frieden ruhen.

Mr. Serious macht da irgendetwas am Lenkrad – ich würde sogar sagen, er kämpft. Dreht sein Gesicht nach hinten, schätzt ab, tut irgendetwas. Das Autofahren, das wird nie mein Freund werden, das geht mit meinem ADS einfach nicht gut, denke ich noch, als ich den Bärtigen lachend sagen höre: “Do da bin isch aba jezze ma jespannt, junga Mann. Zack zack und rinne!” Mr. Serious grinst den Bärtigen an. Fast einwenig schüchtern sieht er dabei aus. Das Autofenster ist bis zum Anschlag runter gedreht, damit er sehen kann, was auch immer er meint, sehen zu müssen, um in diese immer lächerlicher wirkende Parklücke rein zu kommen. Ich finde, da kann man nichts sehen oder abschätzen, das waren Millimeterunterschiede – als ob man das Auto millimetergenau kontrollieren könnte. Ich hatte ihm ja auch angeboten, auszusteigen, ihm Anweisungen zu geben wie eine leidenschaftliche Verkehrspolizistin, die aus ihren Hand- und Armbewegungen eine tolle Break-Dance-Welle hinlegt. (Die kann ich übrigens wirklich, und zwar ganzkörper. Das wollte ich nur einmal klarstellen) Aber nein, Mr. Serious will keine Hilfe, außer es geht nicht anders. Und wann er dieses “es geht nicht anders” anfängt, zu empfinden, kann das schon an einem Zeitpunkt sein, an dem “es geht nicht mehr ganz” eigentlich schon “kurz vor Katastrophe” ist. Mr. Serious Definition war dem Bärtigen gleich. Er verteilt fröhlich Ratschläge an ihn und macht klar, was am besten der nächste Schritt sein sollte. Mr. Serious lacht und sagt “Danke, ich weiß” und wendet nervig elegant das Auto in ungefähr zwei bis drei Lenkradhandlungen in die Parklücke. Ich verdrehe die Augen. Hätte er es doch wenigstens einwenig vermasselt, dann hätte der Bärtige noch ein “Siehste Junge” sagen können. Das hätte mir gefallen. Weiterlesen… »

25.10.2011, 11:51
Vollendung

In der Stille
deiner Arme
beginnt mein
Traum

Vergiss
wer du bist
und ich vergess’
was ich haben
will

Lass!
Lass uns
eins
nur sein:
Eins

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23.10.2011, 10:13
Die Welt hinter der Welt

Es ist zwecklos, meinen Traum auch nur annähernd beschreiben zu wollen, es wird mir nicht gelingen, es wird ihn verändern, es wird ihn banalisieren. Und doch will ich es versuchen, er ist zu kostbar, um ihn nur für mich zu behalten. Ich bin direkt aus dem Bett wie in Trance hierhin gekommen, um zu teilen, was ich sah. Bevor ich das Gefühl für Realität wieder erlange.

Leoparde saßen da. Ein wissendes Paar. Waren sie Geschwister oder Liebende? Sie waren beides. Ihrem Fell konnte ich als Beobachterin ganz nah kommen. Roch an ihrer Macht und empfing als Antwort nur ihre Sanftmut. Sie schienen zu wissen, wer sie sind. Und sie schienen zu wissen, dass sie alles sind. Sie waren satt, denn jagen wollten sie nicht. Sie waren intelligent, denn die Natur verändern, das wollten sie nicht. Die Tiere, die sie gejagt hatten, fühlten ihr Leben nicht umsonst in ihren säursprühenden Mägen zu Ende gehen. Das kleine Reh, das sie ab und an entwischen ließen, war die von uns verstandene Wohltat, das Spenden, um der Erde für ihre Vielfalt zu danken. Und der Mutter ihr Kleines zu lassen.

Sie schauten in die Ferne. Die weibliche Suchende, der männliche Wollende. Und doch, ihre Seelen waren gezähmt. Trotz ihrer Zähne und den umrahmten Augen, waren sie nicht so, wie wir sie sonst sahen, wenn wir sie aus den Augen eines Menschen betrachteten. Sie waren sanft, gezähmt und Zähmende. Ich ging ganz nah zu ihnen, ließ mein Gesicht in ihr weiches Fell reintauchen, roch an ihnen, weinte vor Liebe. Ein Leben aus Wärme und Sonnengold war ihr Fell. Die schwarzen Flecken, das waren kleine Streichler, sie umlauerten diese spirituellen Jäger und küssten sie, liebten sie, wollten sie für sich selbst und doch der Welt ihre Schönheit nicht verwehren. Jeder sollte wissen, wie gut die Mutter Erde zu allen war. Wie gut es war, zu sein, wer man war. Zu tun, was man tat, zu wollen, was man wollte, zu finden, was man suchte. Die Suchende legte ihr Gesicht in den Hals des Wollenden. Sie roch an ihm, wie ich an ihnen. Sie beobachteten in einem Gefühl vollkommener Freiheit die feuerrote Sonne beim untergehen und verharrten in der Stellung, bis sie wieder aufging. Sie nahmen mich wahr, reagierten aber nicht. So, als sei es immer so gewesen, dass ich – eine Fremde – mich an ihnen labte wie jemand, der Nahrung und Erkenntnis suchte.

Und trotzdem meldete sich mein Verstand. Was ich vorher wusste, wusste ich wieder nicht. Plötzlich doch nicht sicher, ob sie mich sahen oder nicht, pirschte ich auf allen Vieren vorsichtig vor ihre Füße und sah zu ihnen hinauf. Ihre Brust und ihre Hälse waren wie die einer Pharaonin, die stolz regierte. Ihr nach oben geneigtes Gesicht, zeichnete sie zu natürlichen Herrschern aus, doch sie empfanden keine Arroganz und nicht den Wunsch, zu degradieren, um zu herrschen. Denn sie waren, wer sie waren, und nichts mussten sie beweisen. Und niemandem mussten sie Rechenschaft ablegen. Und doch, da schien ein Bedauern in ihnen zu sein. Ein Bedauern darüber, dass sie stärker waren und ihrer Stärke von Menschen mit Furcht begegnet wurde. Ich kniete vor ihnen nieder und ließ meinen Kopf sinken. Ich wollte ihn tief in die Erde vor ihre Füße drücken, ihnen sagen, ich wolle von ihnen gefressen werden. Ich flüsterte ein Gebet, und das Ende dieses Gebetes war “Möge ich euch schmecken …” Doch sie bemerkten mich nicht, und wenn, so wollten sie mein Opfer nicht annehmen. Und ich wiederholte mein Gebet, und das Ende dieses Gebetes war wieder “Möge ich euch schmecken. Denn ich will ein Teil von euch sein. Ein Teil von euch. Gewährt es mir. Bitte …” Weiterlesen… »

26.09.2011, 23:53
Vergesst sie nicht

Tief in euch, dort ist sie verborgen, eingelullt von den kriegerischen Engeln unserer Seele: eure Kindheit. Da liegt es, das Kind in euch, bevor es verletzt wurde, bevor es aus seinen kleinen Locken und den großen Augen entwuchs und in die Welt der Erwachsenen schritt. Pscht, lasst sie nicht raus aus dem Schlaf des Friedens, aus dem Urvertrauen für die Mutter und die Verehrung des Vaters. Lasst sie dort. Schlafen sollen sie, träumen sollen sie – und mit weißen Federn, Regenbogenlaub und Seifenblasen spielen, die niemals zerplatzen, weil es keine Realität gibt, an dessen spitzen Kanten sie sich stoßen könnten. Lasst sie – und vergesst sie nicht.

Manche von uns – nein, viele von uns, hatten diese Kindheit nicht. Hatten diesen Schutz nicht. Ihre Locken hingen traurig runter, bevor sie erwachsen wurden. Das Blond ihrer weichen Haare wurde asch und fahl, das Schwarz ihrer seidenen Haare verlor sich in der Dunkelheit der Angst. Ihre Augen vergossen ihren Glanz an ungehörte Tränen, bevor ihre Körper zu jungen Frauen und starken Männern heranwachsen konnten. Viele von uns hatten diese Kindheit nicht, hatten sie einfach nicht. Lass sie nicht allein – und vergesst sie nicht.

Und trotzdem, wenn ihr sie fragt, haben sie die selben Bilder wie ihr, wenn sie sich in kalten Nächten selbst wärmen müssen. Sie singen sich selbst die selben Lieder vor, die euch eure Eltern vorsangen, als ihr euch nicht in den Schlaf wiegen lassen wolltet. Was ihr Erinnerung nennt, nennen sie Träume. Was ihr Erfahrung nennt, nennen sie Wünsche. Die Zeit, an die ihr mit einem Lächeln zurück denkt, lässt das furchtsame Gesicht eines kleinen Kindes zurück in der Mimik eines Erwachsenen erscheinen. Lasst sie nicht allein – und vergesst sie nicht. Sie sind um euch herum, seid nicht blind, sagt nicht “Das schaffst du schon!” oder “Die Zeit heilt alle Wunden, man muss nur positiv denken”, denn für sie ist das so nicht. Vergesst nicht, nicht jeder hatte ein sicheres Bett mit Blümchenfeen, Mütter und Väter, die sie in den Schlaf küssten, das Gefühl von absolutem Schutz genossen, solange die Vater und Mutter einen mit Liebe durch alle Wege begleiteten. Vergesst das nicht. Vergesst nicht, dass nicht jeder seinen Glauben in sich und in die Zukunft heute noch von dem liebevollen Geflüster seiner Eltern in alten Tagen nähren kann. Vergesst sie nicht. Ich vergesse sie nicht.