Die peinlichsten Augenblicke des Tages sind die, in denen wir andere dabei erwischen, wie sie sich selbst belügen, um ihrem gewohnten Trott und ihrer Sichtweise auf die Welt weiter frönen zu können. Ohne quälende Fragen nach ihrem Sinn und ihrer Richtigkeit. Und die noch peinlicheren Augenblicke sind jene, in denen wir andere dabei beobachten, wie sie uns selbst bei der Selbstlüge erwischen.
Jetzt, da das Thema in mir am abklingen ist, wo ich nun anfange, zu akzeptieren, auch auf emotionaler Ebene, dass der Arabische Frühling ein Arabisches Desaster ist, möchte ich euch direkt eine Frage stellen. Ich stelle sie, weil mir Statements entgegen gebracht worden sind, die mich diese Frage nach dem Fundament unserer Ideale als wichtig erscheinen lässt und ich irgendwie verstehen möchte, wo ich da stehe und ob ich ganz alleine dastehe. Wie einige von euch wissen, hatte ich von Anfang an bei diesem Revolutionsfeuer des “Arabischen Frühlings” ein sehr schlechtes Gefühl, schien mir doch alles sehr eingeleitet worden zu sein. Ich lasse die politischen und historischen Hintergründe jetzt einmal beiseite, darüber können andere viel besser schreiben als ich. Aber mein Statement ist, dass man einer überwiegend konservativ islamisch-orientierten und westliche Werte negativ zugeneigten Gesellschaft mit unglaublich geringer politischer wie historischer Bildung erst einmal besser keine uneingeschränkt freien Wahlen zusprechen sollte, zumindest nicht, ohne vorher extremistische Gruppen als Parteien ausgeschlossen zu haben. Als Analogie dazu: Wir würden unsere Kinder auch nicht selbst entscheiden lassen, ob sie Rattengift essen wollen oder nicht, außer, wir treffen Sicherheitsvorkehrungen und vertauschen das Gift mit Kaugummi. Weiterlesen… »
Die größten Gedanken fallen einem nicht ein, sondern fallen einem aus dem Bauch, um sich dann vom Kopf in Gedankenstrukturen und Worte manifestieren zu lassen. Wir werden die simplifizierende Dichotomie niemals auf emotionaler Ebene aufgeben können, solange wir Menschen sind. Wenn, dann nur auf der Metaebene. Unser Körper reagiert auf “angenehm” und “unangenehm”. Alles andere hätte das Überleben verhindert, das von der natürlichen Homöostase unserer Kleinorganismen gewährleistet wird. Denn die Bewertung zu differenzierteren Körperempfindungen mit mehr als nur zwei Qualitäten hätte ein echtes Bewusstsein unserer Organe erfordert. Das hieße Ressourcenverbrennung für die Vergeistigung von Zellen, Drüsen und Darm. Komplett sinnlose Strategie. Ineffizienz pur.
Selbst, wenn Empfindungen ambivalent sind, so besteht diese Ambivalenz aus verschiedenen Skalenwerten auf einem Kontinuum von “angenehm” bis “unangenehm” – und sonst nichts. Nur durch die anfänglichen Schwierigkeiten, sie zu lokalisieren, entsteht Angst, Unsicherheit und Blindertapperei. Doch irgendwann kommt der Moment – bei dem einen früher, bei dem anderen später – in dem unsere subtilen Erklärungsversuche für diese Körperempfinden artikuliert werden (müssen). Erst vorsichtig, dann mutiger. Und wenn sie gefunden worden sind, entlastet uns das von der brodelnden Diffusität in unseren Gefühlsgehegen. Selbst, wenn unsere Erklärungen nicht stimmen.
Seltsam sind wir, weil uns – trotz unserer Bemühungen, die Realität akkurat einzuschätzen – sogar falsche Erklärungen ruhig stellen. Hauptsache, es gibt eine. Und seltsam ist auch, dass wir, trotz der Komplexität unseres Gehirns, das Prinzip der Kontraste in Form von Dichotomien brauchen, um an der Welt um uns herum agieren zu können und uns selbst aushalten zu können. Aber manchmal führt dieses effiziente Regelwerk auch schlicht und einfach zu Faschismus. Und dann stehen wir da. Ratlos wie eh und je und fragen uns: “Wie konnte das bloß passieren?”.
Sicherlich nerve ich mit dem Thema, aber ich habe etwas Interessantes gefunden. Bei den Recheren nach Studien und Analysen zu Geschlechterunterschieden finden sich manchmal Überschriften wie “Sind Frauen wirklich anders?” “Worin sich Frauen in kognitiven Fertigkeiten unterscheiden”, “Die Diskrepanz von Frau zum Mann”. Einige empirische Daten und Metaanalysen kommen durch Frauen zustande und beinhalten in ihrer Fragestellung solche Überschriften, in denen die Frau sich selbst als Diskrepanz zur Referenzquelle “Mann” sieht. Die Überschriften verändern sich interessanterweise im Laufe der Jahreszahlen. Und dennoch sagen mir diese Überschriften, die in wissenschaftlichen Abhandlungen den Kopf schmücken, dass die Frau als Abweichung angesehen wurde, als eine Anomalität neben dem Mann. Aber niemals der Mann selbst als Abweichung gesehen wurde, trotz seines höher ausgeprägten Aggressionspotenzials. Ist das nicht interessant?
08.01.2012, 01:11
Freud und die Frau
Ach, wenn Herr Siegmund Freud doch heute noch leben würde, was würde ich ihn für seine Aussagen mit Fragen terrorisieren. Hier, aus einem amerikanischen Lehrbuch zum Thema Geschlechterunterschiede (Ich erwähne “amerikanisch”, weil sie lockerer schreiben, nicht so extrem sachlich und verdichtet mit Informationen). Ich habe mir aus den Darstellungen alter Perspektiven einmal die Psychoanalytische herausgeholt. Freud ist mir aus irgendeinem Grund immer noch sympathisch, aber was er manchmal von sich gegeben hat, ist der Hammer. Hammer im negativen Sinne. Hammer wie Buff:
“[…] Erinnern Sie sich daran, dass der Junge in der phallischen Phase wahrscheinlich ein starkes Verlangen nach seiner Mutter entwickelt und als Resultat davon danach trachtet, an die Stelle seines Vaters zu treten. Da der Vater jedoch viel größer und stärker ist, hat der Junge Angst vor Vergeltung – d.h., Papa wird ihn dafür kastrieren, dass er Mama begehrt. Diese Kastrationsangst wird nach Freud geschürt durch a) die Wichtigkeit seines Penis, um Vergnügen zu empfinden; b) Drohungen seiner Eltern, was Masturbation angeht; und c) die Tatsache, dass er feststellt, dass Mädchen dieses hoch geschätzte Anhängsel nicht haben und deshalb ja wohl schon wegen einer verheerenden Missetat kastriert worden sind. Um mit dieser überwältigenden Angst umzugehen, identifiziert sich der Junge mit dem Vater und übernimmt so dessen Persönlichkeitszüge, während er obendrein indirekt im Stande ist, durch die Erfahrungen seines Vaters auch seine Mutter zu besitzen. Die Lösung dieser Ödipuskrise führt dazu, dass Jungen ‘männliche’ Wesenszüge in ihre Persönlichkeit aufnehmen, einschließlich Ethik- und Moralverhalten der Eltern, was in der Entwicklung des Über-Ich (Gewissen) resultiert. Weiterlesen… »
05.01.2012, 10:21
Sapienti sat est.
Wir haben ein Wesen bekommen, das zu Anteilen bestialisch und zu Anteilen mitfühlend und gut ist. Warum lässt man diese aufeinander los, in einer einzigen Brust, in einer einzigen Seele, in einem einzigen Kopf? Der Sinn der Sache kann nicht so einfach sein wie die Prüfung eines Gottes, der uns dem inneren Kampf zwischen Gut und Böse aussetzt. So ein Allmächtiger weiß doch eh, wie alles ausgeht. Er kennt uns besser als wir uns selbst. So einfach ist die Welt nur bei Harry Potter oder in den heiligen Büchern, aber nicht hier, nicht bei uns.
Ich will so unbedingt Dinge wissen, dass es mich krank macht. Mein Kopf rattert die ganze Zeit nach einer Weltformel, einem Stoff, der allem einen plötzlichen Sinn gibt. So unbedingt will ich Dinge wissen, dass ich wütend werde, wenn in all den eigentlich mich beruhigenden (Sach)-Büchern doch keine Antworten vorhanden sind. Romane befriedigen mich nur noch bedingt, geben nur noch sehr kleine Antworten auf die großen Fragen. Die Schriftsteller/innen, die es konnten, sind leider schon tot. Und die, die es nicht können, werden heute als weise gefeiert. Ich wollte Paulo Coelho schon immer einmal fragen, warum er die Muße hatte, spirituelle Reisen zu machen, wenn sein Leben wirklich schwierig war. Warum sucht man sich überhaupt, wenn Not besteht, echte Not, Überlebensnot? Maslow wusste es doch besser. Kämpfen wir um’s Überleben, denken wir nicht an innere Ruhe und Selbstverwirklichung, sondern an’s Essen, an’s, Nicht-Sterben, an’s Schlafen an einem warmen Platz. Musste er nicht um das Überleben kämpfen, anstatt ständig auf der Suche auf sich selbst und seinem inneren Frieden zu sein? Und wie kann man es schaffen, all das, was passiert, irgendwie noch einem guten Gott zuzuschreiben, den er ständig predigt? “Warum, Herr Colhoe, lassen Sie in Ihren Romanen immer die Hälfte der Wahrheit aus? Blenden die Gewichtung des Zerstörerischen aus, nur um Ihren Lesern Ruhe zu verkaufen, die Sie sich selbst verkauft haben? Können Sie, wenn Sie diese Aspekte unserer Realität einfach meiden, überhaupt von echter Weisheit sprechen? Muss der Weise überhaupt noch etwas leugnen? Und gibt es Weisheit überhaupt?” (Bedenkt, ich mag ihn sehr gerne, er ist ein guter Mensch, dieser Mr. Coelho.) Weiterlesen… »
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