22.07.2011, 03:12
Bauchgefühlt.
Die “Liebe”, die im Bauch weh tut. Wir hatten vielleicht nur dieses eine Gefühl in jungen Jahren. Bauchweh. Und haben das umschrieben in die eine Sehnsucht, die da zog – im Bauch und in der Brust. Zog, bis wir kannibalisch seufzten, unwissend, ob es die Gedärme sind, die sich da beschwerten oder die Seele, die nicht aus ihrem Körper konnte. Dieses Ziehen auf das Gesicht eines x-beliebigen Jungen oder Mädchen projiziert und dafür gelebt, dass es verschwindet mit – ja, verschwindet mit dem ersten Kuss. Mit der Erlösung dieses ersten Kusses. Wir haben durch dieses Bauchweh die größten poetischen Werke über Liebe, Hass, Tod und Verrat karikatiert, uns in Goethes Gesülze plötzlich Zuhause gefühlt und Wehmut und suizidale Melancholie wie Wein gesoffen, bis wir daran verkatert und gänzlich eingenässt den Alltag verneinten, nur um im dunklen, miefenden Jugendzimmer weiter leiden zu können. Am Liebeswahn, das sich nur im Bauchweh zeigte. Und Pups.
Es war eine grandiose Zeit. Grandiose Emotionen, Vulkane von Unsinnsgedanken, Wirrsinnstäler ohne Mittelhügel – nur himmelhochweit oder abgrundtieftot. Eine Zeit voller Hingabe, Größenwahn und Unterwerfung. Und all das Grandiose, das äußerte sich in Bauchweh. Und einer grandiosen Verdauung. Diese plumpen, eigentlich nichtssagenden Bauchschmerzen, die auch hätten einfach aufgrund von Blähungen entstehen und in einer Dünnschissspirale enden können. Darin fanden wir den Beweis der Echtheit und Größe unserer Emotionen. Pups.
An Erich Frieds Gedichten haben wir geschnüffelt wie an Koksstraßen zum bitteren Ende. Sie in unsere Nase gejagt, uns zurückgelehnt und “Aaahhh…” ausgerufen, als sei es das Ur-Wort unserer geballten Leidenschaft gewesen, das einzig Würdige. “Aaah, ich will leben oder auch nicht oder so!”, geschworen und dann über uns selbst gelacht. Allein und zusammen. Mit der besten Freundin unter der Decke mit der Taschenlampe – oder auf dem Spielplatz allein mit dem Tagebuch in der Hand und der Liste voll von Träumen, die man ab sofort zu jagen schwor. Dann den Fried wieder gelesen und geweint ob all dieser Tiefe, die eben nur er – Dein einziger Freund – verstand. Bis wir auf Hafez und Rumi trafen und entschieden, wir müssen sterben, weil wer (er)trägt schon all diese Fluten voller Schönheit, Rosen und Gott, ohne sich zu erhängen? Als dann die letzte Seite von Hafez Wein und Rumis Liebe gelesen war, fielen wir in Löcher. Tiefe Löcher der Leere, tiefe Löcher der Schwere, weil das Warten auf diesen einen Kuss unerträglich wurde und in immer weiterer Ferne lag. Und diese Ungeduld, der Kampf gegen sich selbst, der äußerte sich in Bauchschmerzen. Plump wie eine Magen-Darm-Verstimmung nach zuviel Völlerei und schlechtem Fisch. So in etwa. Wieder Pups. Weiterlesen… »
28.06.2011, 12:10
Blumenwege
Zu kurz die Zeit
des tiefen Atmens
Zu kurz die Augenblicke
des Friedens wegen
Schau’ die Blumen,
wie sie atmen
Schau’ wie sie sich
an Wiesen laben
Grob kastrierte
Lebensträume
Hand in Hand mit
Lebensängsten
Schau’ die Blumen,
wie sie tanzen
Schau’ wie sie
ihre Liebe pflanzen
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Es gibt nichts Neues hier zu sagen.
Noch immer kommen sie.
Gehen sie.
Und gehen dann
in Särgen.
Nichts hat sich geändert.
Die Maus sitzt noch immer in der Falle.
Ihr Nacken ist gebrochen.
Doch noch immer zappelt sie
Und hofft auf die Gnade einer
Kralle.
Es gibt nichts Neues hier zu sagen.
Noch immer gehen sie.
Kommen nicht mehr zurück.
Doch vorher zerreißen sie Dich
und Dein Leben
in Stück’.
Nichts hat sich sich geändert.
Der alte Mann ist noch immer blind.
Als er hoffte, er würde endlich Farben sehen,
war er noch ein Kind.
Es gibt nichts Neues hier zu sagen.
Immer noch beten sie.
Gehen aus dem Glauben in die Hölle.
Kommen zurück als leere Hülle.
Nichts hat sich geändert.
Das Kind schreit nach der Mutter.
Als es Schritte hört und inne hält und lachen will,
waren es doch nur die Soldaten.
Es gibt nichts Neues hier zu sagen.
(Click: Marcel Khalife – Popular Cafe)
…und wie wir Hand in Hand
durch die Wüste ritten
und unsere Lebensträume
als Proviant sparsam in Rationen
schnitten
Und Deine dunklen Augen
wie schwarze Pfeile gen Oase schossen
Während wir unsere Herzen in
der nächtlichen Rast
mit unseren kühlenden Küssen
begossen
Wie meine weißes Gewand
Dich vor der Sonne schützte
und Deine Hand mich durch
die harten Felsen
durch die Kargheit unserer
Gegenwart stützte
Wie der heiße Wüstensand
mir die Brandwunden in die
Füße sengte
So sengte Dein Blick
mir das Herz
in abertausende
Dich immer mehr liebende
Stücke
Und wie in den alten Geschichten
der Liebenden
fühlte ich,
wie sich mein Verstand
in Deiner Nähe
immer mehr in die Ferne rückte
Und genauso,
wie Majnoon seinem Wahne folgte
so folgte ich auch Deinem Wahne
Unsere Oase nanntest Du
voller Hingabe ‘Heimat’
Auch, wenn Du nicht wusstest,
wo sie war
und wie sie hieß
doch unsere Träume,
sagtest Du,
verliehen ihr
ein deutliches Gesicht
so deutlich wie das Meine
in Deinem Seelenlicht
Unser Zukunft nanntest Du ‘Zu Hause’
Auch, wenn Du nicht wusstest,
wer dort weilte
und dort in der Nacht zu seinen
Hoffnungen weinte,
doch unsere Sehnsucht,
sagtest Du,
flüsterten unserem Zu Hause
als Vorbote unserer Ankunft
ein Liebesgedicht
so lieblich wie einst
Deines an mich
Und genauso,
wie Majnoon seinem Wahne folgte
so folgte ich auch Deinem Wahne
Und so wie aller Jasminblüten
tanzender Düfte
durch das Paradies und seine Tiefen eilten
So eilte ich herz-zer-rasend auch durch Dich
Und genauso,
wie Majnoon seinem Wahne folgte
so folgte ich auch Deinem Wahne
Und genauso,
wie Leyli Majnoons Tode folgte
So folgte ich auch Deinem
…und das Gesicht,
das Du einst unsere
Heimat nanntest,
streichelte uns
in seinem Licht
So wie in Deinem Wahne
aus einem großen Garten,
lachenden Gästen,
unserer Kinder-
und Kindeskinder-Lachen -
und Dich und Mich…
Sei sanft,
streichle diese Stirn,
denn sie denkt so oft an Dich
Verschwende keine Worte,
küss mein Herz
sag’, alles wird gut
Sei zart,
zerbrechlich nackt sollst Du
wieder in meinen Armen liegen
ich halte meine Hand über
Deine Brust
Lass uns nicht reden,
ich küss Dein Herz
sag’, alles wird gut
Die dunklen Zeiten strichen
Wange an Wange
Träne an Träne
an uns vorbei
Ein Wolkenbruch,
ein Freudenschrei -
und ich sagt’,
Endlich! Alles wird gut
Sei schön,
verdeck’ Dein gutes Herz
nicht hinter kalten Wolken
halt’ Dein Lächeln in
unser warmes Licht
küss mein Herz,
und sag’, alles wird gut
Endlich gut…
Und so, wie die scharlachroten Blüten
in meinen trauernden Händen ergrauen,
verwelke ich knisternd in den
Krallen des Lebens
und darf dabei nicht mal
mehr nach Hause schauen
Mein goldener Garten weint’ um mich
Mein goldener Garten weint’ für mich
Mein goldener Garten rief nur Dich
Mein goldener Garten schrie für mich
…doch Du bliebst still.
Als die verliebte Sonne untergeht
und ihr glühender Kuss zum Meer
den Mond und sein treues Silberlicht hintergeht,
öffne ich noch einmal meine müden Augen,
schau’ zurück zu meinem goldenen Garten,
liebe ihn, küsse ihn ganz dicht -
doch zuletzt liebe ich viel mehr noch Dich,
lass’ endlich ab von meinem schwarzen Gewand
und muss – so fest nun bei Dir ruhend – Hand in Hand -
niewieder auf Deine Liebe
und Dein Leben warten,
niewieder auf Deine Stimme
und Dein Lachen warten
Wie einst, so ganz allein
in meinem goldenen Garten
…in meinem heut’ verlassenen Garten….
Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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