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10.07.2008, 10:19
Die weiße Tür

Als ich heute Morgen aufgewacht bin und die Fenster aufgerissen habe, ist mir das unglaubliche Blau des Himmels auf die Seele gefallen, hat mich lichtdurchflutet und mir die Erkenntnis gegeben, dass bald alles besser wird. Ich habe das Gesicht eines geliebten Menschen auf meiner Wange gespürt, so kurz, dass ich dachte, ich habe es mir nur eingebildet.

Was geschieht jetzt?

Schonwieder steht unser Leben an einem Wendepunkt, der – so Gott will – so oder so gut ausgehen wird. Nur stellt sich die Frage, wann sich alles in die Richtungen wendet, die wir uns erhoffen. Das Warten und Gespanntsein kann das Herzkreislaufsystem bei einem Menschen meines ungehaltenen Temperamentes ganz schön belasten, aber inzwischen kann ich über meine Kindereien schmunzeln, so wie Peyman immer über sie schmunzelt.

Ich habe ein gutes Gefühl…

Letzte Nacht hatte ich einen Traum. Ich träumte, eine große, weiße Tür öffnet sich. Das “Land”, das sich dahinter verbirgt, ist hell und groß, aber ich traue mich nicht, reinzuschauen aus Angst, es sei zu schön, um wahr zu sein und würde wie soviele meiner Hoffnungen und Illusionen in Schall und Rauch aufgehen. Doch eine vertraute, starke Hand (ich weiß, wer es war) nimmt die meine und führt mich dahin. Seine warme Stimme sagt: “Hier ist noch nicht Dein endgültiges zu Hause, aber der Weg dahin durch diese Tür ist um sovieles einfacher als das, was Du Dir jeden Tag aussuchst…” (Heißt das, ich suche mir selber den steinigeren Weg aus? Sieht wohl so aus)

Vorsichtig übertrete ich die Schwelle und begegne Freunden, die ich aber noch gar nicht kenne. Aber es sind Freunde. Die Wärme steigt wie ein goldener Fluss in mir auf, lässt mich lächeln – und so wache ich auf…

Lieber Omid,

eigentlich ist das Schreiben für mich wie Atmen oder wie “Âb khordan” (Wasser trinken) – aber diesmal habe ich es vor mich hingeschoben. Ich habe überlegt, woran das liegen könnte; und erst vorhin ist es mir bewusst geworden – und nur deshalb kann ich jetzt schreiben: Vielleicht will ich nicht herausfinden, wer wir sind. Vielleicht will ich nicht erfahren, dass das, was wir heute sind, nicht einmal annähernd das ist, was einer der großen Wiegen der Zivilisation würdig wäre.

Als ich 15 Jahre alt war, reichte mein Vater mir irgendwelche Formulare. Ich sollte sie ausfüllen, damit wir zusammen ins Rathaus gehen, um meine Einbürgerung zu beantragen. Wenn Du wüsstest, wie empört ich ihn ansah, wie trotzig ich antwortete: “Niemals! Ich bin Iranerin, Papa! Ich will keinen deutschen Pass. Soetwas würde ich nie tun. Wie kannst Du nur?”

Seine Antwort darauf war ernüchternd: “Dokhtaram (Meine Tochter), wenn Du Dich schon von einem Stück Papier der Identität berauben lassen kannst und Dich nicht mehr als vollwertige Iranerin fühlst, dann solltest Du Dich fragen, warum man Dich so schnell bedrohen kann. Denk’ darüber nach, ob Du wirklich weißt, wer Du bist und woher Du kommst – vielleicht bist Du viel unsicherer, als Du Dich gibst. Denn wärst Du es nicht, würdest Du keine einzige Sekunde auf die Idee kommen, mit dieser Urkunde keine Iranerin mehr zu sein. Ich lege Dir die Einbürgerungsformulare auf Deinen Tisch. Wenn Du Dir Deiner sicher genug bist, dann füll’ sie aus.” Er ließ mich mit meinen Gedanken allein und schloss die Tür hinter sich. Erst 3 Jahre später übergab ich ihm die Formulare ausgefüllt zurück.

Diese Geschichte wiederholt sich heute erneut: Hier und jetzt. Viele Jahre später und um viele Gedanken und Zweifel stärker als damals, als ich 15 Jahre alt war, frage ich erneut: Wer bin ich?

“Wir haben die Tage bis zur Freiheit gezählt
und mit unserem Blut dennoch den Sinn verfehlt;

Ich sehe nichts.
Nichts, was mich hier auf meinen
einst geliebten Boden hält.”
(Sherry)

Ich würde so gerne sagen, ich sei hoffnungslos, lieber Omid, denn dann wäre dieses Hin und Her vorbei. Ich würde so gerne sagen, ich könne mich von Iran abwenden, nicht mehr kämpfen, nicht mehr schimpfen, nicht mehr weinen – aber für die Hoffnungslosigkeit bin ich noch zu verzweifelt. Um diese Verzweiflung zu besiegen, muss eine Lösung her. Also geht der Kampf weiter.

Ich habe nicht soviele Erinnerungen an Teheran, wie Du. Ich bin dort geboren – und bis zu meinem 3. Lebensjahr habe ich dort gelebt. Danach hatte ich kaum Kontakt zu Iranern. Doch immernoch erkenne ich jeden Iraner an seinem Geruch, an seiner Körperhaltung und an seinen Augen. Die Erfahrung mit den Ermordeten der IR selbst in Deutschland, lehrten mich schnell, einem Iraner nicht alles zu erzählen – und dennoch: Immer, wenn ich einen sehe, lächle ich, trotz seines ersichtlichen Misstrauens mir gegenüber und weiß, dass er aus meinem Nest kommt. Die Schatten unter seinen Augen verraten mir, dass er den Geruch des Rosenwassers genauso sehr vermisst, wie ich. Ich fühle mich ihm zugehörig, will ihm anbieten, sich neben mich zu setzen und mit mir Noon o panir o sabzi (Fladenbrot & Schafskäse) zu teilen, mir seine Geschichte zu erzählen und mit mir über sein Heimweh zu reden – doch außer einem flüchtigen Blick und einem unmerklichem Nicken, bleibt nichts übrig. Warum ist das so? Ist es die Angst? Oder schämen wir uns für unsere Geschichte und wollen ihr am Liebsten nirgends begegnen? Schon gar nicht im Gesicht eines Landsmenschen? Sag’ Du es mir, Omid.

Omid: “Bin ich nur undankbar, wenn ich mich nach meiner alten Heimat sehne? Ich bin eher verzweifelt. Sag Du es mir, liebe Sherry: Welche Nationalhymne ist denn unsere gemeinsame? Und welche Flagge ist für uns die iranische?”

Nein, diese Frage musste ich mir nie stellen, denn meine Nationalhymne ist “Ey Iran”. Ich habe noch nie eine andere mit soviel Begeisterung gehört und auch noch nie eine andere soviel Kraft gesungen. Es sagt nicht alles so, wie ich es wohl gesagt hätte, denn die Hymne ist sehr männlich – aber ich hatte nur die der Qajaren und die der heutigen, islamischen Republik Iran zur Auswahl. Die von den Qajaren war schön, aber die Dynastie war schrecklich. Und die heutige? Die spricht mehr von Religion und Märtyrern, als von Iran. Wenn “Ey Iran” auch nicht unsere gemeinsame Hymne ist, vielleicht kannst Du mit dem, was diese Hymne über Iran sagt, etwas anfangen. Oder? Versuch’s nochmal, Omid. Hör’ sie Dir an. Ey Iran

Was meine Nationalflagge angeht – so stand auch diese niemals zur Debatte. Es war und ist “Shir o Khorshid” (Der Löwe und die Sonne). Du darfst sie nicht nur mit den Pahlavi’s assoziieren, lieber Omid, denn gerade diese Flagge ist es, die sich einer sehr alten, iranischen Symbolik bedient. Auch in Ferdowsis “Shahname” wirst Du lesen, was er dazu schrieb: Es war Rostam, unser Held, der diese Symbole stets hoch hielt. Wie kann ich mich Helden wie Ferdowsi und Rostam entziehen? Gar nicht. Ferdowsi ist für mich der Retter der persischen Sprache. Der Retter eines großen Stückes Kultur, das uns trotz der aggressiven arabisch-islamischen Invasion geblieben ist. Dafür werde ich ihm ewig dankbar sein.

Omid: “[...] Dann kam ein Freund meines Vaters zu Besuch und war empört, dass ich die Flagge des Regimes („Partschame Hesbollahiha“) aufgehängt habe. Mit Tränen in den Augen bat er mich, dies nie wieder zu tun. Später erfuhr ich, dass sein alter Vater auf der Straße von Revolutionswächtern erschossen worden war.”

Ich verstehe den Freund Deines Vaters. Sollten wir uns eines Tages einmal gemeinsam ein Fußballspiel anschauen, würde auch ich Dich auch darum bitten, eine andere Flagge zu benutzen. Diese Flagge wurde nur für die Islamische Republik Iran konstruiert. Sie steht für alles, was unseren Landsleuten widerfahren ist. Sie steht für die vielen Tote im Irak-Krieg. Sie steht für alle Studenten und politischen Gefangenen, die noch jetzt auf die Freiheit warten. Sie steht für Hinrichtungen. Und sie steht dafür, dass Du und Ich hier des Nachts sitzen und darüber sinnieren, wer wir sind. Wenn Du Shir o Khorshid nicht magst, dann basteln wir einfach eine Eigene. Wieso nicht, Omid? Reich genug ist unsere Geschichte und unsere Kultur dazu. Wir haben soviel Auswahl. Lass’ uns für Dich eine Flagge basteln.

Omid: “Ich gehöre zu der Spezies, die der Meinung ist, dass die Revolution richtig und notwendig war. Die Rückkehr der Monarchie wäre das letzte, was ich mir für den Iran wünschte. In meiner Iran-Flagge haben Löwe und Sonne nichts zu suchen. Ich habe in der zweiten Klasse gern den Gottesnamen mit dem Schwert in der Mitte gemalt. Ich wusste, das ist die Flagge meines Landes. Heute weiß ich: Das ist sie nicht mehr.”

Ich gehöre zu der Spezies, die der Meinung ist, dass die Revolution das Schlimmste ist, was uns widerfahren konnte. Sie war nicht nur das Schlimmste, sie war gänzlich unnötig. Die Wege für eine weitere Modernisierung und der Erschaffung demokratischer Strukturen waren damals viel offener und geebneter, als heute. Der Shah war dabei, seine Politik zu korrigieren, indem er Bakhtiar großen Einfluss gab. Für 1979 standen sogar Neuwahlen an. Alle Wege wurden dafür bereitgestellt, dass Iran so wird, wie wir es uns heute noch erträumen. Nein, lieber Omid: Etwas Schlimmeres hätte uns nicht passieren können, als diese Revolution. Sie hat alle Modernisierungen, die wirklich eine schwere Geburt waren, mit einem Schlag zunichte gemacht. Einfachso. Weg.

Omid: “So ist die islamische Revolution auferstanden und gibt uns Glauben und Leben…”

“Az bas ke setareh koshtid,
ruye zaman siyah ast”
(“Ihr habt soviele Sterne getötet,
dass das Gesicht der Zeit erschwarzt ist”)

Du siehst, wir sind beide Iraner und haben dennoch soviele, voneinander abweichende Eindrücke und Meinungen. Und trotzdem: Die Verzweiflung ist die Selbe. Unser Heimweh, ist das Selbe. Die besondere, verborgene Tiefe unserer im grauen Alltag geheim gehaltenen hybriden Seele die Selbe. Und wieder bleibt die Frage offen: Wer sind wir? Oder sollten wir die Erkundung anders beginnen? Sollten wir vielleicht fragen, wer und was Iran ist? Wofür dieses Wort, diese große, stolze Katze steht? Woran denken wir, wenn wir Iran sagen? Sag’ Du es mir, Omid. Ich sag’s Dir in diesem Gedicht:

“Du bist meine Mutter,
auf meinem tränengetränkten Laken,
liegst Du in meiner geheimen Schatztruhe,
ich spreche zu Deinen Wunden
und küsse ihnen Deinen Namen drauf:
Iran…

Du bist mein Traum,
fernab von dieser Welt,
bist Du frei,
ich liebe Deine heiße Stirn,
ich male Dich auf ihr drauf:
Iran…

Du bist meine Seele,
Deine schwere Erde -
die Salbe auf meiner sehnsuchtgeplagten Haut,
ich schlage meine Wurzeln rein:
Iran…

Du bist meine Liebe,
Meine kleine Hand in Deiner,
sucht Halt, um weiter zu leben
Mit geschlossenen Augen
spreche ich über meine Sorgen,
ich flehe Dich an
und segne meine Lippen
mit Deinem Namen:
Iran…

(Sherry)”

Ich will Dir glauben. Ich will Deinem Schwur glauben, auf dass Du und ich den Vogel der Morgenröte fliegen sehen – und sei es nur als Zuschauer der deutschen Nachrichten. Ich will Dir glauben. Auf dass wir unseren Kindern eines Tages jenen Ort zeigen können, der beim Verlassen in uns solch’ eine große Leere hinterlassen hat, die wir heute noch zu füllen suchen. Auf dass wir ihnen eines Tages jenen Ort zeigen können, von dem wir vertrieben worden sind… So sei es.

Khoda negahdaret (Möge Gott Dich schützen),
Sherry

© Iran-Now Redaktion

(Von Omid Nouripour für Iran-Now Network)

Omid Nouripour wurde am 8. Dezember 2002 auf der Bundesdelegiertenkonferenz in Hannover in den Bundesvorstand von Bündnis 90 / Die Grünen gewählt. Im August 2005 gab er Iran-Now ein Interview, in dem er als der erste Iraner vorgestellt worden ist, der die Chance hatte, in den deutschen Bundestag einzuziehen. In diesem folgenden persönlichen, dennoch öffentlichen Briefwechsel mit Sherry bezieht er sich auf ihren Artikel “Vom gescheiterten Versuch, iranisch zu sein: Wer sind wir?” und versucht mit ihr zusammen eine Antwort zu finden.

Wer sind wir?

Liebe Sherry,

früher ging es, musste es bei uns immer um Exil, Nostalgie und Rückkehrträume gehen. Alles andere war Verrat, alles andere war verwestlicht. Du aber stellst eine Frage, die all diese Konventionen erschüttert. Du fragst nicht, wann wir zurückgehen. Du fragst nicht einmal, ob wir zurückwollen. Du fragst: „Wer sind wir?“ Damit nimmst Du in Kauf, dass eine Antwort kommen kann, die alle Verbindungen zur „alten Heimat“ negiert. „Wer sind wir?“ lässt Raum für alle Antworten.

„Ich sehne mich so nach meinen Tränen. Wo ist sie, Mutter, wo ist meine Wiege? Jene Wiege, die ich längst vergessen habe, jene wahrhaftige und reine Geborgenheit…“ (Googoosh in „Gahvare“)

„Now I’d like that. But that shit ain’t the truth. The truth is you’re the weak.“ (Samuel L. Jackson in „Pulp Fiction“)

„…Sag mir nicht, dass ich jetzt erwachsen bin, Mutter. Sag mir nicht, dass das Weinen sich deshalb für mich nicht geziemt .“ (Googoosh in „Gahvare“)

Und dafür bin ich Dir dankbar, auch wenn ich eine solche Antwort nicht geben will. Denn einen Aufbruch in die Normalität kann es nicht geben, wenn wir uns unsere Identitätsfrage nicht stellen.. Eine Normalität, in der wir auf den Iran als ein Land schauen, das mehr ist als unsere “vergessene Wiege”. Und bei dessen Anblick wir mehr spüren als Schmerz und Schuldgefühle. Bei der wir das Land nicht verteidigen, wenn wir nicht sollten, es aber nicht aufgeben, weil wir uns dafür schämen. Und bei der wir uns, auf alte Wurzeln gestützt, trotzdem auf das hiesige Land, auf Deutschland einlassen können.

Ich sehe mich gern als einen aufgeklärten, postmodernen Kosmopoliten. Denn so fällt es mir leicht, eine Snob-Antwort zu geben auf Deine Frage: Wer sind wir?

Ist es denn wichtig? Sind wir nicht alle Menschen? Sind denn Verbundenheitsgefühle zu einem Land, zu einem Volk, zu einer Nation, zu einer Glaubensgemeinschaft, zu einer Stadt, zu einem Fußballverein nichts anderes als Konstrukte, die uns nur von den anderen abgrenzen sollen? Haben wir denn nicht zuviel „wir und sie“, und zuwenig „wir“?

Das kann alles stimmen, ist aber nicht das, was ich fühle. Hätte ich denn sonst einen Weinkrampf erlitten, als ich erfuhr, Shirin Ebadi bekomme den Nobelpreis? Überall sonst gibt es auch respektable Frauenrechtlerinnen. Hätte es mir sonst das Herz gebrochen, als Sina Motallebi verhaftet wurde? In China ist die Internetzensur viel brachialer als im Iran. Hätte ich sonst einen Herzstillstand gehabt, als Ali Karimi 2001 beim WM-Relegationsspiel in Dublin kurz vor dem Ende knapp vorbeiköpfte? Miroslav Klose köpft täglich vorbei, meistens nicht einmal knapp.

Nun gut, ich bin Iraner. Ich bin in Teheran geboren und dort aufgewachsen. Ich habe viele Verwandte dort und noch mehr Erinnerungen. Die meisten sind verklärt, Iran ist mein persönliches Phantom, meine Fata Morgana. Alles, was mir hier in der Wüste fehlt, gibt es in dieser eingebildeten Oase: Herzlichkeit, Spiritualität, Gastfreundschaft, Trauben, die nicht nach Wasser schmecken, Tiefgang.

Moment: ich bin Deutscher, dafür habe ich gekämpft – neun Jahre lang auf Amtsfluren. Ich liebe meine Heimatstadt Frankfurt. Ich habe hier alle meine Freunde und noch mehr Erinnerungen. Und eigentlich geht es mir gut, denn: schaue ich mich um, ist das gar keine Wüste, sondern ein Ort von Freiheit, Wohlstand und Behagen. Absolut zu wenig, relativ sehr viel. Telefoniere ich mit den Verwandten, beneiden sie mich um die hiesigen Autos, um die Sauberkeit der Straßen, um die Freizügigkeit, um die U-Bahn, um die Karikaturen in den Zeitungen, eigentlich um alles.

„Ein Mann beschließt, den perfekten Würfel zu bauen. Er besorgt sich eine Menge Elfenbein. Er sägt und schleift, er misst und verwirft, er poliert und zertrümmert. Und nach Jahren der Mühe hat er den perfekten Würfel geschaffen. Freudig stellt er sich auf die Straße, der Würfel vor sich, davor ein gut sichtbares Schild mit der Aufschrift ‚der perfekte Würfel‘. Schließlich will er die Menschen teilhaben lassen an seinem endgültigen Werk.

Die Menschen aber beachten ihn nicht. Sie gehen einfach vorbei, die wenigsten würdigen den Würfel eines Blickes, bevor sie gelangweilt und schulterzuckend weiterziehen. Wochen, Monate vergehen, und niemand interessiert sich für das Lebenswerk des Mannes. Frustriert wirft er den Würfel gegen die Wand und zieht von dannen.

Beim Aufprall bricht eine kleine Ecke des Würfels ab. So liegt der nicht mehr perfekte Würfel am Straßenrand, bis ihn ein Kind entdeckt. Es bleibt mit großen traurigen Augen davor stehen und starrt ihn an. Nach und nach kommen immer mehr Menschen dazu. Und bald steht eine große Menschentraube am Straßenrand und richtet die Blicke auf das gebrochene Werk des Mannes. Und sie alle schauen mit einem Gefühl der Trauer und Sehnsucht auf den Würfel und hegen denselben Gedanken: ‚Ein so schön gearbeiteter Würfel. Schade nur, dass eine Ecke fehlt, sonst wäre er perfekt‘“. (Eine Geschichte aus Rumänien)

Bin ich nur undankbar, wenn ich mich nach meiner alten Heimat sehne? Ich bin eher verzweifelt. Sag Du es mir, liebe Sherry: Welche Nationalhymne ist denn unsere gemeinsame? Und welche Flagge ist für uns die iranische?

Ich gehöre zu der Spezies, die der Meinung ist, dass die Revolution richtig und notwendig war. Die Rückkehr der Monarchie wäre das letzte, was ich mir für den Iran wünschte. In meiner Iran-Flagge haben Löwe und Sonne nichts zu suchen. Ich habe in der zweiten Klasse gern den Gottesnamen mit dem Schwert in der Mitte gemalt. Ich wusste, das ist die Flagge meines Landes. Heute weiß ich: Das ist sie nicht mehr.

Ich habe eine solche Flagge zuhause. Ich habe sie mir von meinem Taschengeld gekauft, 1989, vor dem entscheidenden WM-Qualifikationsspiel gegen Saudi-Arabien. Ich hörte das Spiel im Radio, freute mich über alle Tore von Nader Mohammadkhani, war traurig, dass es am Ende nicht reichte. Dann kam ein Freund meines Vaters zu Besuch und war empört, dass ich die Flagge des Regimes („Partschame Hesbollahiha“) aufgehängt habe. Mit Tränen in den Augen bat er mich, dies nie wieder zu tun. Später erfuhr ich, dass sein alter Vater auf der Straße von Revolutionswächtern erschossen worden war.

Grünweißrot allein aber wird permanent mit Italien, Ungarn oder Mexiko verwechselt. Liebe Sherry, wir haben nicht einmal eine Flagge! Mit der Hymne ist es ähnlich. Die neue kenne ich nicht einmal – und so ist es in Ordnung. Die der Frühzeit der Revolution beginnt mit

„So ist die islamische Revolution auferstanden
und gibt uns Glauben und Leben…“

Also auch nichts für mich. Die der Dynastie interessiert mich nicht, ich habe mit den Pahlavis wie gesagt nichts am Hut. Bleibt nur noch der „Vogel der Morgenröte“, jenes Lied der konstitutionellen Revolution Anfang des zwanzigsten Jahrhundert. Nur: wer kennt dieses Lied schon noch? Ich habe nicht einmal eine Nationalhymne. Oder verfalle ich gerade in Selbstmitleid, weil mich das Vertrauen in andere Iraner verlassen hat, wie Du es beschreibst?

Nur Iraner sein und in Selbstmitleid versinken ist einfach. Nur Deutscher sein und die Wurzeln kappen ist ebenfalls einfach – bis die nächste „einheimische“ Großmutter einen Kulturschock bekommt, weil „Du Ausländer“ ihr die Tür am Kaufhaus aufgehalten hast. Der große deutsche Schriftsteller Feridun Zaimoglu spricht gern von „hybriden Identitäten“. Das ist nicht mehr ganz so einfach. Aber die „Hybriden“ sind pünktlich und haben trotzdem Tiefgang. Ich will nicht Iran-Deutscher sein. Ich bin Iraner. Ich bin Deutscher.

Schaue ich mir an, wo Du unsere Identität suchst, dann fällt mir auf, dass Du in die Vergangenheit und in die Gegenwart blickst. An der Vergangenheit klammernd, an der Gegenwart verzweifelnd. Dein Blick in Zukunft aber ist resigniert, optimistisch, und vor allem vage:

Sherry: „Ich sitze hier und werde mir dessen bewusst, dass selbst, wenn alles optimal liefe, kein Krieg stattfände, die lieben Mullahs ihre Turbane einpacken und für immer Urlaub in Dubai oder sonst wo machen würden und unser junges Volk einen erdpulsierenden Freudenschrei ausstoßen würde, sich vom dunklen Schleier auf der Seele befreien und dann noch die WM gewinnen würde – selbst dann, liebe Leser, selbst dann hätten wir noch soviel zu tun, dass wir Iran nicht mehr wirklich blühen sehen könnten. Aber wir könnten wenigstens dafür sorgen, dass unsere Kinder es dürfen.“

Ich bin in meinem Umfeld nicht für meinen Optimismus bekannt. Ich schwöre Dir aber beim heiligen Abbas von Kalbarlah, der für die Kinder der Seinen nur Wasser besorgen wollte, bei Mazdaks schönem Kadaver, den Anushiravan „der Gerechte“ monatelang am Stadttor hängen ließ, beim Atem Shariatis, der im heutigen Iran ein politischer Gefangener wäre, beim Gesang der „Hamsafar“: Du und ich werden den Vogel der Morgenröte fliegen sehen, und sei es als Zuschauer in den deutschen Fernsehnachrichten. Dies ist nicht mein Glaube, tief in mir weiß ich es. Lass uns den Gedanken an diesen Augenblick kultivieren als unsere Identität.

Beste Grüße,
Omid Nouripour

© INN Redaktion (Von Omid Nouripour)

~ Starsailor – Tie Up My Hands.mp3 ~

Ich habe damals immer so liebenswürdige Scheiße geredet, von der ich tatsächlich überzeugt war. Meine tiefsten Überzeugungen waren: “Letztendlich wird alles gut”. Meine Lieblingsweisheiten an Menschen mit verschlossener, unterkühlter Seele war: “Ja, gewiss. Natürlich machen Dich die Mauern schmerz-undurchlässiger. Aber bedenke, sie sind dann gleichzeitig auch undurchlässiger für tiefes Glück.”

Ich habe wirklich jedes verfickte Opfer gebracht, um durstig nach diesen mich tief erzitternden Gefühlen der absoluten Einheit mit der Menschheit zu erreichen. Ich hatte in meinem Leben schon Momente, in denen ich vor Glück alles, was ich in den Händen hielt, fallen ließ und die Luft anhielt. Für diese Momente hätte ich alles getan. Jede Unvernunft in Notwendigkeit umgewandelt, jede noch so große Hürde habe ich gemeistert, auf den Rändern irgendwelcher Klippen ins Endlose bin ich balanciert, in alle offenen Arme bin ich reingelaufen – immer mit der Überzeugung, dass grundsätzlich war kein Mensch böse ist. Böse Menschen waren nur Menschen, die leiden. Menschen, die leiden, brauchten nach meiner Auffassung aber nur Liebe. Die hätte ich mit meiner überschwänglichen Agapé-Liebe schon irgendwie heilen können, dachte ich.

Ich war schon immer ein sehr melancholischer Mensch, der jedoch mit einem sehr temperamentvollen Naturelle und viel Kampfeslust einherging. Aber das alles scheine ich nicht mehr zu sein. Die Melancholie ist zur Resignation aufgestiegen, die Kampfeslust für ein besseres Dasein zu einem alten Wappen, das ich irgendwann nach einer verlorenen Schlacht weggelegt habe. Diese Veränderung ist nicht von heute auf morgen geschehen. Ihr sind viele hässliche, traurige, zerschmetternde Ereignisse vorausgegangen, die ich auch niemals einfach benennen werden kann. Damals hätte die alte Sherry vielleicht darüber berichtet, denn sie hätte niemandem etwas Böses zugetraut. “Mein Gott, wer könnte schon so gemein sein und all diese schwachen, wunden Stellen an Dir dazu nutzen, um Dich zu quälen?” Heute sieht’s anders aus. Völlig anders. Ich weiß, es gibt diese Menschen. Ich habe es am eigenen Leib erlebt. Und Ihr vermutlich auch.

Während man noch dabei ist, sich über das Erwachsenwerden Gedanken zu machen, liegt man schon in der verfickten Scheiße des Erwachsenseins. Erwachsensein bedeutet nichts Anderes, als ein abgestumpftes, gestresstes Etwas zu sein, das seine amputierten Gefühle in irgendeine andere Bahn kanalisiert, um sie doch noch irgendwie zu entladen, wenn auch nicht in ihrer ursprünglichen Form. Bei mir ist es das Essen, bei anderen ist es Sex, bei einem Anderen wiederum ist es der Spaß an Selbstdarstellung. Dann gibt es noch die armen Schweine, die sich und ihre Persönlichkeit nur auf ihren Beruf und ihre gemachten Karriere reduzieren, als seien sie ohne nichts wert. Manche mutieren zum Nihilisten, um sich jede Sekunde einzuhämmern, man habe keine Empfindungen und Erwartungen mehr zum Leben. Andere wiederum gehen Menschen zum Spaß ermorden. Dann gibt es noch unsere Internet Junkies, die sich isolieren, aber aufgrund “reger Kontakte” in virtuellen Gefilden meinen, sie stünden mitten im Leben, während ihre Leben um sie herum jedoch einfach verfällt wie abgestandener Joghurt. Die Echtesten sind noch immer unsere Borderliner. Die Armen sind in einer Situation, in der sie wissen, dass die ganze Welt sich selbst verarscht, deshalb schneiden sie aus Verzweiflung an sich selber rum und sind dabei gar nicht so viel anders als die Aufzählungen vorher: Denn bei allen Beispielen handelt es sich um nichts Anderes als um Selbstverstümmelung auf die eine oder andere Art.

Ich frage mich, was es letztendlich ist, das aus uns das gemacht hat, was wir heute sind – nämlich absolute emotionale Versager! Wie oft muss ich noch erleben, wie die Augen der einen und selben Person bei jedem Mal, an dem ich sie wiedersehe, wie in Schlamm versinken und völlig leer und wieder einmal ärmer um einen Kindheitstraum raus blicken? Wie oft muss ich auf der Straße noch jemanden zusammen scheißen, der es tatsächlich wieder fertiggebracht hat, jemanden zu ignorieren, der auf dem Boden liegt und offensichtlich bewusstlos ist? Wie oft muss man die ignoranten, grauen Erscheinungen noch ertragen? Wie lange? Ich mutiere selber bald dazu. Dieser Prozess ist wie Ersticken. Meine Seelenfarben werden eingedeckt in Betongrau, damit sie auch zum Rest der Dreckswelle passen – und ich kann nichts dagegen tun. Es geschieht einfach. Ich krepiere wie alle Anderen auch, indem ich mich zwinge, nur auf der Oberfläche zu leben und nicht mehr in der Tiefe.

Letztens war ich im Amtsgericht irgendeine Formalität erledigen. Dort stank es nach seelischer Verwesung und Frigidität. Im Ernst. Ich hätte nie gedacht, dass man diesen Zustand riechen kann, aber es war so. Ich saß da, habe gewartet – und beim Anblick dieser eigenartig riechenden Menschen dort sind mir einfach so ruhelos die Tränen über das Gesicht gelaufen. Ich wollte jeden einzelnen, stumpfen Menschen dort eigenhändig ermorden. Nicht nur aus Wut, sondern um ihn einfach von seinem nutzlosen Dasein zu befreien. Schlicht und einfach töten und die verpestete Luft von ihrer klanglosen Frigidität befreien. Und da fällt mir auch wieder der Hauptgedanke zu diesem Chaos hier ein: Ja, es kann alles gut werden. Warum? Weil wir alle eines Tages sterben werden und uns und diese Welt von uns befreien.

Bis dahin möchte ich es mir aber noch gemütlich machen und so viel von meinem alten Scheiß in der Welt verbreiten, wie es nur geht. So viel die ursprüngliche Sherry verbreiten, wie es bei meiner fortschreitenden Mutationen noch möglich ist. Vielleicht bringt es ja doch noch etwas. Also, auch, wenn Ihr mir das jetzt nicht abnehmt – aber es gibt für mich noch immer nichts Schöneres als eine Umarmung. Als festgehalten werden. Zu wissen, man nicht alleine ist, auch wenn man sich einsam fühlt. Zu wissen, dass man sich gemeinsam einsam fühlt und das die Einsamkeit wieder aufhebt.

Deshalb hört bitte zu – und damit meine ich auch mich selbst. Bitte seid für Eure Mitmenschen mitverantwortlich, selbst wenn Ihr sie nicht kennt. Seid innerlich nicht so tot, dass eine weinende Frau auf der Straße Eures Blickes nicht würdig ist. Geht hin, fragt sie, was sie hat und ob Ihr etwas für sie tun könnt. Unterhaltet Euch manchmal mit Obdachlosen, denn sie sind so reich an Lebensgeschichten und tiefen Erfahrungen, dass einem schwindelig wird. Seid der kleine, überraschende Lichtblick der grauen Masse um Euch herum. Es muss nichts Großartiges sein. Ihr müsst nichts opfern. Ein Lächeln, ein überraschendes Grüßen, das scheulose auf Andere zugehen und die Bereitschaft zur Hilfe anbieten, kann in Euch und in andere Blumen zum wachsen bringen. Auch, wenn man Euch in Eurem Treiben kurz skeptisch anschaut, lasst Euch nicht aufhalten – ist das Eis nämlich erst einmal gebrochen, ist die Befreiung und das erleichterte Lächeln Eurer Mitmenschen Euch eine unvorstellbare Freude. Seid präsenter. Seid einfach da, verdammt. Ich gebe auch mein Bestes. Lasst es uns versuchen. Dann wird auch alles gut.