Posts Tagged ‘Identität’
04.08.2011, 04:44
Ich – und weiter?

Wir sprechen tagtäglich und selbstverständlich vom Ich. Ich fühle, ich denke, ich bin, ich will, Ich. Und dann posaunen wir sämtliche Pläne heraus. Pläne und Ansprüche vom Sich-Selbst-Verwirklichen. Vom Selbst haben. Vom Zu-Sich-Selbst-Finden. Von Selbstentfremdung. Von der Suche, nach sich Selbst. Selbstliebe. Selbst und Ich. Wir tun so, als sei unser Ich oder unser Selbst ein Konstrukt unseres eigenen Willens. Etwas, das wir formen können, wie es uns beliebt. Wir tun zudem so, als sei dieses Ich oder Selbst völlig individuell und so prägnant anders als das Ich von anderen, dass man uns auf jeden Fall unter all den anderen Menschen wiedererkennen würde. Und natürlich liegt das nicht an unserer äußeren Erscheinung und dem unglaublich guten Gesichtererkennungssystems des Gehirns (anderer, die uns erkennen), sondern an unserer Einzigartigkeit. Wir sind einzigartig. Unser Selbst ist es. Unser Ich. Deshalb erkennt man uns. Wir nehmen uns so wichtig mit der Erschaffung, Schöpfung und dem Pflegen unseres Selbst, dass wir uns kleiden und schmücken mit Attributen und Styles, die die Message unseres Selbst weitertragen. “Ich bin lebenskritisch, gesellschaftskritisch und eigentlich mag ich die Menschen nicht, deshalb bin ich ein Goth.” “Ich hasse mich, ich hasse das Leben, mein Leben ist scheiße, niemand versteht mich. Deshalb bin ich ein Emo.” “Ich bin ein Opfer der Gesellschaft, ein armer Kanacke, Deutschland will mich nicht, ich habe eine harte Kindheit hinter mir, deshalb bin ich ein Gangsta-Rapper.”

Ich habe oft darüber nachgedacht, was an uns eigentlich uns selbst gehört. Welcher Teil unserer Persönlichkeit haben wir tatsächlich selbst erschaffen, rein aus dem Nichts, nur aus uns selbst? Damals schon blühte mir keine Antwort, die ich mögen würde. Und seit dem Studium werden die Konturen meiner damaligen ungewollten Ahnung immer deutlicher: Nichts. Nichts von uns gehört uns selbst. Nichts. Das Temperament, das wir haben, ist angeboren. Nahezu bei jedem Menschen. Verhaltenshemmung (Schüchternheit) oder Extraversion (Offenheit, Ausdrucksstärke) liegen auf irgendeinem Genstrang und sind wohlkodiert. Das ist sogar ein Merkmal, das sich im Laufe des Lebens kaum verändert, außer die Einschnitte sind so traumatisch, dass sich da etwas tut, aber das geht dann auch meistens mit einer Störung einher. Bleiben wir beim Normalfall. Durch diese angeborene Disposition werden die Erfahrungen, die ein temperamentvolles oder verhaltensgehemmtes Kind macht, fast vorgeschrieben. Zumindest die Tendenz wird es. Offene Kinder gehen auf die Welt zu und lernen viele Menschen kennen, verfeinern dadurch natürlich ihre sozialen Kompetenzen, werden deshalb gelobt und gemocht, lernen sich entsprechend darzustellen und im Berufsleben später zu verkaufen. Verhaltensgehemmte Kinder suchen weniger Kontakt zu anderen, bekommen weniger positive Bestätigung, bauen kein starkes Selbstbewusstsein auf und können sich später nicht so gut darstellen und verkaufen. Die Eigenschaften beider Kinder verstärken sich durch die Interaktion mit ihrer Umwelt quasi selbst. Das sind nun zwei Extreme, zugegeben. Es gibt natürlich auch Zwischentöne. Es geht aber nur darum, aufzuzeigen, wie sehr unsere Wege vorgeschrieben sind. Sogar die Art, wie wir unsere Umwelt gestalten (offen auf Menschen zugehen und mehr Erfahrungen mit ihnen sammeln oder der umgekehrte Fall). Der Einfluss der Erziehung und in der Schule gehören natürlich dazu, aber sie schwächen oder verstärken vorhandene Tendenzen, aber sie lassen sich nicht komplett wegerziehen. Weiterlesen… »

25.12.2010, 15:08
Realität vs. Realität

Seit zwei Tagen spielen wir Playstation 3D Spiele. Wenn wir abgeschossen werden oder etwas abschießen, knallen uns die Funken und Feuerwerke um die Ohren. Die Maschinenteile unserer Raumschiffe splittern uns entgegen, wir halten uns die Hand zum Schutz vor’s Gesicht, damit wir nicht getroffen werden. Die schweren 3D Brillen auf unseren Nasen nehmen wir nicht mehr wahr. Das da – dort, wo wir draufschauen – ist die Realität, in jenem Moment ist sie das. Eine, in der wir zwar nicht so große Angst haben und die Ungereimtheiten nicht wirklich gewichten, aber alles, was wir denken, wahrnehmen und mit Knopfdrucken tun, aktiviert in unserem Gehirn genau jene Areale, die aktiviert werden würden, würden wir all die Aktionen tatsächlich ausführen. Was ist nun Realität? Woran genau können wir sie festmachen?

Vielleicht ist das hier ein schlechtes Beispiel für eine klare Trennschärfe der Realitätsdefinition, denn immerhin findet dieses Spiel noch immer in unserer uns bekannten realistischen Alltag statt. Kommen wir zu einem anderen Beispiel.

Letzte Nacht träumte ich. Ich stand in einem großen Atelier vor einem Gemälde. Es war noch nicht einmal ein großes Gemälde. Eine warme, vertrauenswürdige Person – ich weiß nicht mehr, ob Mann oder Frau (was dort in der Traumwelt aber einfach keinen großen Unterschied machte) – schaute mich direkt an. Das Bild war lebendig, aber nur zweidimensional und so bewegungslos, wie Bilder nun einmal sind, wenn man kein ganz spezielles Auge für sie hat. Ich verfing mich in den Augen dieser warmherzigen, vertrauenswürdigen Person und lächelte sie einfach an. Als Dank dafür, dass ich mich kurz in dieser kargen Atelierslandschaft sicher fühlen durfte.

Was dann geschah, war so faszinierend. Als hätte mein Lächeln eine Welle in das Bild geschlagen, fing es an, sich zu bewegen. Wie die Kreise in einem stillen See, der einen flachen Stein in sich aufgenommen hat, bewegte es sich, wellte es, trieb es, bis das Bild im Rahmen eine 3D-Landschaft zeigte. So ein digitales 3D, wie ich es in meinen 3D-Spielen erlebte, aber um vieles weicher, weltfremder, wärmer. Das Gemälde war ein sich bewegendes 3D Gebilde. Glitzerndes Wasser im Hintergrund, rechts oben die Milchstraße, bei der ich “um die Ecke” des Rahmens schauen konnte und die Unendlichkeit greifen konnte. Weiterlesen… »

Most Iranian exiles carry their very own private tale of a refugee’s life, full of sorrow and pain, yet carefully guarded from public view. Each one of them has his unique reasons for not being with his family in Tehran, Shiraz, Esfahan, or Tabriz, living half a world away instead. And each and every one of them has his own key experience which made him or her escape to the West, empty handed but for their children, and for the tears and farewells of their loved ones who stayed behind, facing an uncertain new life abroad, in a thunderstorm of homesickness, separation, and frustrating cultural and language barriers.

Whenever Iranians meet, there will be cordial small talk, warm and empathic on the surface, yet cautious beneath, with each character’s individuality disappearing behind a delicate curtain of Tarofs (polite phrases). Heartiness that does not reveal our inner selves, human interaction without any real hope of getting closer – this is a truly Iranian craft.

However, contrary to widespread presumption, I reject the idea that these traits are mere expressions of covert animosity or hypocrisy. I rather believe their origins to lie in our disoriented perception of our own identity and history, and thus of our home country and our compatriots. Indifference towards politics has never been an option for Iranian exiles – particularly not for the older generations. Each one of us has his or her firm opinions on the past and current events surrounding Iran. And we all know from painful experience, the dire repercussions that certain forms of political activity can bring about – even in exile. So we decide it’s best to keep our silence on our personal history, yet we cannot do without each other – for we long for each other a lot more than we’d expect after all our negative experiences with our fellow countrymen.

Upon leaving Iran, we didn’t just surrender our happiness, but also the confidence and trust we used to put in our own kind – a loss that came at no small price. The act of saying goodbye, the usual cascade of Tarofs (“oh please, you must come visit us”), avoiding, by silent mutual agreement, details such as exchanging phone numbers and addresses, leaves us with a big sigh of relief – but even more, it makes us realize our bitter loneliness.

“Who are we?”

Every Iranian has asked himself this question many, many times in his life. Sometimes, you ask yourself during an Iranian party when everybody shows off their bleached blonde hair, when even men have neatly trimmed eyebrows and their noses look like images from the illustrious history of plastic surgery, and it all seems as if we tried to get rid of as many of our people’s typical phenotypic traits as possible. And sometimes, you ask yourself during the oh-so-familiar dinner at your friends’ place, where people are once again more interested in your social and professional achievements than in how your really feel inside, while at the same time, inconspicuously showing off their own wealth and accomplishments. Who really are we?

When asked about our origins, we take refuge in answers like “I’m Persian, I’m from Persia”, hoping to somehow evoke an association with the glory of the ancient Persian Empire. But beware of telling anybody you’re Iranian! Beware of being linked to the ugly, bearded face who used to send millions of young Iranians to their death during the gulf war, in order to consolidate his Islamic Republic.

For God’s sake, who are we? Where are we going find a new identity? In our ancient Persian origins? In Dariush’s and Kurosh’s legacy? In the brief, treacherously romantic era of Behrooz Vosooghi and Googoosh, just before the revolution? In the toupees and flare pants of those times, and in Haydeh’s songs? Do we find our identity in whatever our parents and grandparents tell us about those times, because we never had a chance to witness them ourselves? Or do we find it in Islam and its Arab prophet, the Shia, the current religious rulers? Who exactly are we?

What’s there to tell Westerners about Iran? The latest jokes about Ahmadinejad? Should we talk about his latest outrageous comments, bursting into desperate laughter? About our fears of the looming war? Our political prisoners? About Mrs. Kazemi – and what she must have gone through during the final minutes of her life? About the scars on our cousin’s back, and how they flogged him for nothing more than selling music CDs?

What are we supposed to tell them? Should we rather talk about “Kurosh (Cyrus) the Great” and his declaration of Human Rights, 2500 years ago? About Mazdak being the world’s first socialist, 1500 years ago? How Dariush completed the Suez Canal? That we had powerful empresses, yes female emperors, such as Iran-Dokht and Azarmidokht, who in fact ruled Iran all by themselves? About the Parthian earthenware our ancestors built, which appears to have been the first electric batteries in human history – at least 2000 years ago? That we had the first non-violent, monotheistic religion/philosophy? That our women used to command warships? That they held the same high offices as our men, even religious ones, such as being protectors of the fires in our fire temples? That we had guaranteed workers’ rights, such as maternity leave, unemployment benefits, and free medical care? The world’s first mail service?

What are we to tell them, my dear readers? That Herodot considered Persians to be barbarians for the simple reason that they “didn’t even hold slaves”, and common people enjoyed some of the same rights that only kings were supposed to have? Not to mention our then thriving sciences: medicine, mathematics, astronomy, philosophy. Where shall we begin, my dear compatriots? With our folk heroes? With Babak Khorramdin and his son Azar? With our women? With the world’s first multi-ethnic state? The world’s first empire? Where shall we begin? And first and foremost: WHY should we begin? For the sake of the painful realization that Iran no longer has anything to give to mankind that would even come close to the accomplishments of our past? Just to remind ourselves once again for what – and more important for WHOM – the Iranian people took to the streets during the revolution of 1979? To finally admit that there’s almost nothing left that’s genuinely Iranian, and therefore it is almost impossible for us to BE Iranian?

Who are we? For myself, dear reader, I can no longer think of anything upon which I could build any personal national identity. I tend to hole up in all those pre-revolutionary movies of Behrooz Vosooghi, Googoosh, and so on. Badly synced nostalgia in Black and White, from a time when I hadn’t even been conceived – still for me, it is the only remaining fragment of a motherland that never was. I’m listening to “Vatan” (“Homeland”) by Dariush in the background – and I’m coming to realize that we’re stuck here, that we haven’t even created a noteworthy opposition to our country’s regime, no alternatives, no firm stance, and no real prospect for the future.

I’m sitting here, realizing that even if everything played out perfectly for us, no war happened, the old Mullahs took their turbans and went on a permanent vacation to Dubai or elsewhere for good, even if our youth let off a cry of joy that made the world tremble, freeing themselves from the dark shadow on their souls, and our soccer team won the world cup – even then, my dear readers, there would be so much more work to do that we would never be able to see Iran prosper again during our lifetimes. What remains for us, is to do everything in our might, so that for our children, Iran will no longer be a dream, but become reality instead.

Please, dear reader, whenever you meet a fellow Iranian, and he or she stops speaking Farsi, turning to English, German, or French instead, sheepishly avoiding eye-contact: never forget, this is not done out of animosity or contempt – it is plainly out of insecurity and anxiety. And please remember, you can take the first step by not responding to a polite “Haletun chetore” (“How are you?”) with a reserved smile, but by telling the true, personal story of yourself, of how you really feel, and of what is on your mind. And you’ll see that after saying goodbye, you’ll have rediscovered something you once thought you had lost forever: a little bit of home.

(c) Iran-Now Network

Lieber Omid,

eigentlich ist das Schreiben für mich wie Atmen oder wie “Âb khordan” (Wasser trinken) – aber diesmal habe ich es vor mich hingeschoben. Ich habe überlegt, woran das liegen könnte; und erst vorhin ist es mir bewusst geworden – und nur deshalb kann ich jetzt schreiben: Vielleicht will ich nicht herausfinden, wer wir sind. Vielleicht will ich nicht erfahren, dass das, was wir heute sind, nicht einmal annähernd das ist, was einer der großen Wiegen der Zivilisation würdig wäre.

Als ich 15 Jahre alt war, reichte mein Vater mir irgendwelche Formulare. Ich sollte sie ausfüllen, damit wir zusammen ins Rathaus gehen, um meine Einbürgerung zu beantragen. Wenn Du wüsstest, wie empört ich ihn ansah, wie trotzig ich antwortete: “Niemals! Ich bin Iranerin, Papa! Ich will keinen deutschen Pass. Soetwas würde ich nie tun. Wie kannst Du nur?”

Seine Antwort darauf war ernüchternd: “Dokhtaram (Meine Tochter), wenn Du Dich schon von einem Stück Papier der Identität berauben lassen kannst und Dich nicht mehr als vollwertige Iranerin fühlst, dann solltest Du Dich fragen, warum man Dich so schnell bedrohen kann. Denk’ darüber nach, ob Du wirklich weißt, wer Du bist und woher Du kommst – vielleicht bist Du viel unsicherer, als Du Dich gibst. Denn wärst Du es nicht, würdest Du keine einzige Sekunde auf die Idee kommen, mit dieser Urkunde keine Iranerin mehr zu sein. Ich lege Dir die Einbürgerungsformulare auf Deinen Tisch. Wenn Du Dir Deiner sicher genug bist, dann füll’ sie aus.” Er ließ mich mit meinen Gedanken allein und schloss die Tür hinter sich. Erst 3 Jahre später übergab ich ihm die Formulare ausgefüllt zurück.

Diese Geschichte wiederholt sich heute erneut: Hier und jetzt. Viele Jahre später und um viele Gedanken und Zweifel stärker als damals, als ich 15 Jahre alt war, frage ich erneut: Wer bin ich?

“Wir haben die Tage bis zur Freiheit gezählt
und mit unserem Blut dennoch den Sinn verfehlt;

Ich sehe nichts.
Nichts, was mich hier auf meinen
einst geliebten Boden hält.”
(Sherry)

Ich würde so gerne sagen, ich sei hoffnungslos, lieber Omid, denn dann wäre dieses Hin und Her vorbei. Ich würde so gerne sagen, ich könne mich von Iran abwenden, nicht mehr kämpfen, nicht mehr schimpfen, nicht mehr weinen – aber für die Hoffnungslosigkeit bin ich noch zu verzweifelt. Um diese Verzweiflung zu besiegen, muss eine Lösung her. Also geht der Kampf weiter.

Ich habe nicht soviele Erinnerungen an Teheran, wie Du. Ich bin dort geboren – und bis zu meinem 3. Lebensjahr habe ich dort gelebt. Danach hatte ich kaum Kontakt zu Iranern. Doch immernoch erkenne ich jeden Iraner an seinem Geruch, an seiner Körperhaltung und an seinen Augen. Die Erfahrung mit den Ermordeten der IR selbst in Deutschland, lehrten mich schnell, einem Iraner nicht alles zu erzählen – und dennoch: Immer, wenn ich einen sehe, lächle ich, trotz seines ersichtlichen Misstrauens mir gegenüber und weiß, dass er aus meinem Nest kommt. Die Schatten unter seinen Augen verraten mir, dass er den Geruch des Rosenwassers genauso sehr vermisst, wie ich. Ich fühle mich ihm zugehörig, will ihm anbieten, sich neben mich zu setzen und mit mir Noon o panir o sabzi (Fladenbrot & Schafskäse) zu teilen, mir seine Geschichte zu erzählen und mit mir über sein Heimweh zu reden – doch außer einem flüchtigen Blick und einem unmerklichem Nicken, bleibt nichts übrig. Warum ist das so? Ist es die Angst? Oder schämen wir uns für unsere Geschichte und wollen ihr am Liebsten nirgends begegnen? Schon gar nicht im Gesicht eines Landsmenschen? Sag’ Du es mir, Omid.

Omid: “Bin ich nur undankbar, wenn ich mich nach meiner alten Heimat sehne? Ich bin eher verzweifelt. Sag Du es mir, liebe Sherry: Welche Nationalhymne ist denn unsere gemeinsame? Und welche Flagge ist für uns die iranische?”

Nein, diese Frage musste ich mir nie stellen, denn meine Nationalhymne ist “Ey Iran”. Ich habe noch nie eine andere mit soviel Begeisterung gehört und auch noch nie eine andere soviel Kraft gesungen. Es sagt nicht alles so, wie ich es wohl gesagt hätte, denn die Hymne ist sehr männlich – aber ich hatte nur die der Qajaren und die der heutigen, islamischen Republik Iran zur Auswahl. Die von den Qajaren war schön, aber die Dynastie war schrecklich. Und die heutige? Die spricht mehr von Religion und Märtyrern, als von Iran. Wenn “Ey Iran” auch nicht unsere gemeinsame Hymne ist, vielleicht kannst Du mit dem, was diese Hymne über Iran sagt, etwas anfangen. Oder? Versuch’s nochmal, Omid. Hör’ sie Dir an. Ey Iran

Was meine Nationalflagge angeht – so stand auch diese niemals zur Debatte. Es war und ist “Shir o Khorshid” (Der Löwe und die Sonne). Du darfst sie nicht nur mit den Pahlavi’s assoziieren, lieber Omid, denn gerade diese Flagge ist es, die sich einer sehr alten, iranischen Symbolik bedient. Auch in Ferdowsis “Shahname” wirst Du lesen, was er dazu schrieb: Es war Rostam, unser Held, der diese Symbole stets hoch hielt. Wie kann ich mich Helden wie Ferdowsi und Rostam entziehen? Gar nicht. Ferdowsi ist für mich der Retter der persischen Sprache. Der Retter eines großen Stückes Kultur, das uns trotz der aggressiven arabisch-islamischen Invasion geblieben ist. Dafür werde ich ihm ewig dankbar sein.

Omid: “[...] Dann kam ein Freund meines Vaters zu Besuch und war empört, dass ich die Flagge des Regimes („Partschame Hesbollahiha“) aufgehängt habe. Mit Tränen in den Augen bat er mich, dies nie wieder zu tun. Später erfuhr ich, dass sein alter Vater auf der Straße von Revolutionswächtern erschossen worden war.”

Ich verstehe den Freund Deines Vaters. Sollten wir uns eines Tages einmal gemeinsam ein Fußballspiel anschauen, würde auch ich Dich auch darum bitten, eine andere Flagge zu benutzen. Diese Flagge wurde nur für die Islamische Republik Iran konstruiert. Sie steht für alles, was unseren Landsleuten widerfahren ist. Sie steht für die vielen Tote im Irak-Krieg. Sie steht für alle Studenten und politischen Gefangenen, die noch jetzt auf die Freiheit warten. Sie steht für Hinrichtungen. Und sie steht dafür, dass Du und Ich hier des Nachts sitzen und darüber sinnieren, wer wir sind. Wenn Du Shir o Khorshid nicht magst, dann basteln wir einfach eine Eigene. Wieso nicht, Omid? Reich genug ist unsere Geschichte und unsere Kultur dazu. Wir haben soviel Auswahl. Lass’ uns für Dich eine Flagge basteln.

Omid: “Ich gehöre zu der Spezies, die der Meinung ist, dass die Revolution richtig und notwendig war. Die Rückkehr der Monarchie wäre das letzte, was ich mir für den Iran wünschte. In meiner Iran-Flagge haben Löwe und Sonne nichts zu suchen. Ich habe in der zweiten Klasse gern den Gottesnamen mit dem Schwert in der Mitte gemalt. Ich wusste, das ist die Flagge meines Landes. Heute weiß ich: Das ist sie nicht mehr.”

Ich gehöre zu der Spezies, die der Meinung ist, dass die Revolution das Schlimmste ist, was uns widerfahren konnte. Sie war nicht nur das Schlimmste, sie war gänzlich unnötig. Die Wege für eine weitere Modernisierung und der Erschaffung demokratischer Strukturen waren damals viel offener und geebneter, als heute. Der Shah war dabei, seine Politik zu korrigieren, indem er Bakhtiar großen Einfluss gab. Für 1979 standen sogar Neuwahlen an. Alle Wege wurden dafür bereitgestellt, dass Iran so wird, wie wir es uns heute noch erträumen. Nein, lieber Omid: Etwas Schlimmeres hätte uns nicht passieren können, als diese Revolution. Sie hat alle Modernisierungen, die wirklich eine schwere Geburt waren, mit einem Schlag zunichte gemacht. Einfachso. Weg.

Omid: “So ist die islamische Revolution auferstanden und gibt uns Glauben und Leben…”

“Az bas ke setareh koshtid,
ruye zaman siyah ast”
(“Ihr habt soviele Sterne getötet,
dass das Gesicht der Zeit erschwarzt ist”)

Du siehst, wir sind beide Iraner und haben dennoch soviele, voneinander abweichende Eindrücke und Meinungen. Und trotzdem: Die Verzweiflung ist die Selbe. Unser Heimweh, ist das Selbe. Die besondere, verborgene Tiefe unserer im grauen Alltag geheim gehaltenen hybriden Seele die Selbe. Und wieder bleibt die Frage offen: Wer sind wir? Oder sollten wir die Erkundung anders beginnen? Sollten wir vielleicht fragen, wer und was Iran ist? Wofür dieses Wort, diese große, stolze Katze steht? Woran denken wir, wenn wir Iran sagen? Sag’ Du es mir, Omid. Ich sag’s Dir in diesem Gedicht:

“Du bist meine Mutter,
auf meinem tränengetränkten Laken,
liegst Du in meiner geheimen Schatztruhe,
ich spreche zu Deinen Wunden
und küsse ihnen Deinen Namen drauf:
Iran…

Du bist mein Traum,
fernab von dieser Welt,
bist Du frei,
ich liebe Deine heiße Stirn,
ich male Dich auf ihr drauf:
Iran…

Du bist meine Seele,
Deine schwere Erde -
die Salbe auf meiner sehnsuchtgeplagten Haut,
ich schlage meine Wurzeln rein:
Iran…

Du bist meine Liebe,
Meine kleine Hand in Deiner,
sucht Halt, um weiter zu leben
Mit geschlossenen Augen
spreche ich über meine Sorgen,
ich flehe Dich an
und segne meine Lippen
mit Deinem Namen:
Iran…

(Sherry)”

Ich will Dir glauben. Ich will Deinem Schwur glauben, auf dass Du und ich den Vogel der Morgenröte fliegen sehen – und sei es nur als Zuschauer der deutschen Nachrichten. Ich will Dir glauben. Auf dass wir unseren Kindern eines Tages jenen Ort zeigen können, der beim Verlassen in uns solch’ eine große Leere hinterlassen hat, die wir heute noch zu füllen suchen. Auf dass wir ihnen eines Tages jenen Ort zeigen können, von dem wir vertrieben worden sind… So sei es.

Khoda negahdaret (Möge Gott Dich schützen),
Sherry

© Iran-Now Redaktion

(Von Omid Nouripour für Iran-Now Network)

Omid Nouripour wurde am 8. Dezember 2002 auf der Bundesdelegiertenkonferenz in Hannover in den Bundesvorstand von Bündnis 90 / Die Grünen gewählt. Im August 2005 gab er Iran-Now ein Interview, in dem er als der erste Iraner vorgestellt worden ist, der die Chance hatte, in den deutschen Bundestag einzuziehen. In diesem folgenden persönlichen, dennoch öffentlichen Briefwechsel mit Sherry bezieht er sich auf ihren Artikel “Vom gescheiterten Versuch, iranisch zu sein: Wer sind wir?” und versucht mit ihr zusammen eine Antwort zu finden.

Wer sind wir?

Liebe Sherry,

früher ging es, musste es bei uns immer um Exil, Nostalgie und Rückkehrträume gehen. Alles andere war Verrat, alles andere war verwestlicht. Du aber stellst eine Frage, die all diese Konventionen erschüttert. Du fragst nicht, wann wir zurückgehen. Du fragst nicht einmal, ob wir zurückwollen. Du fragst: „Wer sind wir?“ Damit nimmst Du in Kauf, dass eine Antwort kommen kann, die alle Verbindungen zur „alten Heimat“ negiert. „Wer sind wir?“ lässt Raum für alle Antworten.

„Ich sehne mich so nach meinen Tränen. Wo ist sie, Mutter, wo ist meine Wiege? Jene Wiege, die ich längst vergessen habe, jene wahrhaftige und reine Geborgenheit…“ (Googoosh in „Gahvare“)

„Now I’d like that. But that shit ain’t the truth. The truth is you’re the weak.“ (Samuel L. Jackson in „Pulp Fiction“)

„…Sag mir nicht, dass ich jetzt erwachsen bin, Mutter. Sag mir nicht, dass das Weinen sich deshalb für mich nicht geziemt .“ (Googoosh in „Gahvare“)

Und dafür bin ich Dir dankbar, auch wenn ich eine solche Antwort nicht geben will. Denn einen Aufbruch in die Normalität kann es nicht geben, wenn wir uns unsere Identitätsfrage nicht stellen.. Eine Normalität, in der wir auf den Iran als ein Land schauen, das mehr ist als unsere “vergessene Wiege”. Und bei dessen Anblick wir mehr spüren als Schmerz und Schuldgefühle. Bei der wir das Land nicht verteidigen, wenn wir nicht sollten, es aber nicht aufgeben, weil wir uns dafür schämen. Und bei der wir uns, auf alte Wurzeln gestützt, trotzdem auf das hiesige Land, auf Deutschland einlassen können.

Ich sehe mich gern als einen aufgeklärten, postmodernen Kosmopoliten. Denn so fällt es mir leicht, eine Snob-Antwort zu geben auf Deine Frage: Wer sind wir?

Ist es denn wichtig? Sind wir nicht alle Menschen? Sind denn Verbundenheitsgefühle zu einem Land, zu einem Volk, zu einer Nation, zu einer Glaubensgemeinschaft, zu einer Stadt, zu einem Fußballverein nichts anderes als Konstrukte, die uns nur von den anderen abgrenzen sollen? Haben wir denn nicht zuviel „wir und sie“, und zuwenig „wir“?

Das kann alles stimmen, ist aber nicht das, was ich fühle. Hätte ich denn sonst einen Weinkrampf erlitten, als ich erfuhr, Shirin Ebadi bekomme den Nobelpreis? Überall sonst gibt es auch respektable Frauenrechtlerinnen. Hätte es mir sonst das Herz gebrochen, als Sina Motallebi verhaftet wurde? In China ist die Internetzensur viel brachialer als im Iran. Hätte ich sonst einen Herzstillstand gehabt, als Ali Karimi 2001 beim WM-Relegationsspiel in Dublin kurz vor dem Ende knapp vorbeiköpfte? Miroslav Klose köpft täglich vorbei, meistens nicht einmal knapp.

Nun gut, ich bin Iraner. Ich bin in Teheran geboren und dort aufgewachsen. Ich habe viele Verwandte dort und noch mehr Erinnerungen. Die meisten sind verklärt, Iran ist mein persönliches Phantom, meine Fata Morgana. Alles, was mir hier in der Wüste fehlt, gibt es in dieser eingebildeten Oase: Herzlichkeit, Spiritualität, Gastfreundschaft, Trauben, die nicht nach Wasser schmecken, Tiefgang.

Moment: ich bin Deutscher, dafür habe ich gekämpft – neun Jahre lang auf Amtsfluren. Ich liebe meine Heimatstadt Frankfurt. Ich habe hier alle meine Freunde und noch mehr Erinnerungen. Und eigentlich geht es mir gut, denn: schaue ich mich um, ist das gar keine Wüste, sondern ein Ort von Freiheit, Wohlstand und Behagen. Absolut zu wenig, relativ sehr viel. Telefoniere ich mit den Verwandten, beneiden sie mich um die hiesigen Autos, um die Sauberkeit der Straßen, um die Freizügigkeit, um die U-Bahn, um die Karikaturen in den Zeitungen, eigentlich um alles.

„Ein Mann beschließt, den perfekten Würfel zu bauen. Er besorgt sich eine Menge Elfenbein. Er sägt und schleift, er misst und verwirft, er poliert und zertrümmert. Und nach Jahren der Mühe hat er den perfekten Würfel geschaffen. Freudig stellt er sich auf die Straße, der Würfel vor sich, davor ein gut sichtbares Schild mit der Aufschrift ‚der perfekte Würfel‘. Schließlich will er die Menschen teilhaben lassen an seinem endgültigen Werk.

Die Menschen aber beachten ihn nicht. Sie gehen einfach vorbei, die wenigsten würdigen den Würfel eines Blickes, bevor sie gelangweilt und schulterzuckend weiterziehen. Wochen, Monate vergehen, und niemand interessiert sich für das Lebenswerk des Mannes. Frustriert wirft er den Würfel gegen die Wand und zieht von dannen.

Beim Aufprall bricht eine kleine Ecke des Würfels ab. So liegt der nicht mehr perfekte Würfel am Straßenrand, bis ihn ein Kind entdeckt. Es bleibt mit großen traurigen Augen davor stehen und starrt ihn an. Nach und nach kommen immer mehr Menschen dazu. Und bald steht eine große Menschentraube am Straßenrand und richtet die Blicke auf das gebrochene Werk des Mannes. Und sie alle schauen mit einem Gefühl der Trauer und Sehnsucht auf den Würfel und hegen denselben Gedanken: ‚Ein so schön gearbeiteter Würfel. Schade nur, dass eine Ecke fehlt, sonst wäre er perfekt‘“. (Eine Geschichte aus Rumänien)

Bin ich nur undankbar, wenn ich mich nach meiner alten Heimat sehne? Ich bin eher verzweifelt. Sag Du es mir, liebe Sherry: Welche Nationalhymne ist denn unsere gemeinsame? Und welche Flagge ist für uns die iranische?

Ich gehöre zu der Spezies, die der Meinung ist, dass die Revolution richtig und notwendig war. Die Rückkehr der Monarchie wäre das letzte, was ich mir für den Iran wünschte. In meiner Iran-Flagge haben Löwe und Sonne nichts zu suchen. Ich habe in der zweiten Klasse gern den Gottesnamen mit dem Schwert in der Mitte gemalt. Ich wusste, das ist die Flagge meines Landes. Heute weiß ich: Das ist sie nicht mehr.

Ich habe eine solche Flagge zuhause. Ich habe sie mir von meinem Taschengeld gekauft, 1989, vor dem entscheidenden WM-Qualifikationsspiel gegen Saudi-Arabien. Ich hörte das Spiel im Radio, freute mich über alle Tore von Nader Mohammadkhani, war traurig, dass es am Ende nicht reichte. Dann kam ein Freund meines Vaters zu Besuch und war empört, dass ich die Flagge des Regimes („Partschame Hesbollahiha“) aufgehängt habe. Mit Tränen in den Augen bat er mich, dies nie wieder zu tun. Später erfuhr ich, dass sein alter Vater auf der Straße von Revolutionswächtern erschossen worden war.

Grünweißrot allein aber wird permanent mit Italien, Ungarn oder Mexiko verwechselt. Liebe Sherry, wir haben nicht einmal eine Flagge! Mit der Hymne ist es ähnlich. Die neue kenne ich nicht einmal – und so ist es in Ordnung. Die der Frühzeit der Revolution beginnt mit

„So ist die islamische Revolution auferstanden
und gibt uns Glauben und Leben…“

Also auch nichts für mich. Die der Dynastie interessiert mich nicht, ich habe mit den Pahlavis wie gesagt nichts am Hut. Bleibt nur noch der „Vogel der Morgenröte“, jenes Lied der konstitutionellen Revolution Anfang des zwanzigsten Jahrhundert. Nur: wer kennt dieses Lied schon noch? Ich habe nicht einmal eine Nationalhymne. Oder verfalle ich gerade in Selbstmitleid, weil mich das Vertrauen in andere Iraner verlassen hat, wie Du es beschreibst?

Nur Iraner sein und in Selbstmitleid versinken ist einfach. Nur Deutscher sein und die Wurzeln kappen ist ebenfalls einfach – bis die nächste „einheimische“ Großmutter einen Kulturschock bekommt, weil „Du Ausländer“ ihr die Tür am Kaufhaus aufgehalten hast. Der große deutsche Schriftsteller Feridun Zaimoglu spricht gern von „hybriden Identitäten“. Das ist nicht mehr ganz so einfach. Aber die „Hybriden“ sind pünktlich und haben trotzdem Tiefgang. Ich will nicht Iran-Deutscher sein. Ich bin Iraner. Ich bin Deutscher.

Schaue ich mir an, wo Du unsere Identität suchst, dann fällt mir auf, dass Du in die Vergangenheit und in die Gegenwart blickst. An der Vergangenheit klammernd, an der Gegenwart verzweifelnd. Dein Blick in Zukunft aber ist resigniert, optimistisch, und vor allem vage:

Sherry: „Ich sitze hier und werde mir dessen bewusst, dass selbst, wenn alles optimal liefe, kein Krieg stattfände, die lieben Mullahs ihre Turbane einpacken und für immer Urlaub in Dubai oder sonst wo machen würden und unser junges Volk einen erdpulsierenden Freudenschrei ausstoßen würde, sich vom dunklen Schleier auf der Seele befreien und dann noch die WM gewinnen würde – selbst dann, liebe Leser, selbst dann hätten wir noch soviel zu tun, dass wir Iran nicht mehr wirklich blühen sehen könnten. Aber wir könnten wenigstens dafür sorgen, dass unsere Kinder es dürfen.“

Ich bin in meinem Umfeld nicht für meinen Optimismus bekannt. Ich schwöre Dir aber beim heiligen Abbas von Kalbarlah, der für die Kinder der Seinen nur Wasser besorgen wollte, bei Mazdaks schönem Kadaver, den Anushiravan „der Gerechte“ monatelang am Stadttor hängen ließ, beim Atem Shariatis, der im heutigen Iran ein politischer Gefangener wäre, beim Gesang der „Hamsafar“: Du und ich werden den Vogel der Morgenröte fliegen sehen, und sei es als Zuschauer in den deutschen Fernsehnachrichten. Dies ist nicht mein Glaube, tief in mir weiß ich es. Lass uns den Gedanken an diesen Augenblick kultivieren als unsere Identität.

Beste Grüße,
Omid Nouripour

© INN Redaktion (Von Omid Nouripour)

Jeder Exil-Iraner, jede Exil-Iranerin hat eine persönliche, traurige Geschichte zu hüten. Gründe, warum er mit seiner Familie nicht in Teheran, Shiraz, Esfahan, Tabriz etc. lebt, sondern in der Fremde. Jeder hat ein Schlüsselerlebnis zu schildern, das ihn dazu bewog, mit nichts in den Händen, außer den eigenen Kindern und den Abschiedstränen der Verwandten im Gepäck, ins Ausland zu fliehen und in einem schwindelerregenden Karussel aus Heimweh, fremder Kultur und frustrierender Sprachbarrieren eine neue Existenz aufzubauen.

Begegnet man heute als Iraner anderen Iranern, wird man einen warmen Small-Talk beginnen, der äußerlich zwar herzlich, aber eigentlich vorsichtig ist. Man bedient sich so vieler Tarofs (Floskeln), dass man vollkommen von sich ablenkt. Herzlichkeit, ohne etwas preis zu geben; Kontakt, ohne wirklich darauf zu hoffen, dass er sich vertieft – das sind iranische Spezialitäten.

Entgegengesetzt vieler Meinungen, denke ich nicht, dass es sich hierbei um “freundliche” Abneigung oder Heuchelei handelt, sondern um eine schizophrene Haltung der eigenen Identität, der eigenen Geschichte und somit der eigenen Heimat und seinen Landsleuten gegenüber. Kein Iraner – schon gar nicht der älteren Generation – kann unpolitisch denken. Jeder von ihnen hat eine feste Haltung gegenüber den aktuellen sowie vergangenen Geschehnissen. Und welche Repressalien auf gewisse, politische Gedanken stehen – und das auslandsübergreifend – wissen wir aus schmerzlicher Erfahrung. Also schweigt man sich über seine persönliche Geschichte aus, ohne jedoch gänzlich aufeinander verzichten zu können – denn es ist viel mehr Sehnsucht zueinander vorhanden, als man seinen eher negativ bewerteten Erfahrungen mit den eigenen Landsleuten zutrauen mag.

Doch haben wir im Iran nicht nur unser Glück verlassen, sondern auch unser Vertrauen in dieses Volk begraben – mit all den zu beklagenden Opfern. Im Moment des Abschiedsnehmens und einer Palette weiterer Tarofs wie “Kommen Sie vorbei, wir würden uns freuen”, ohne dabei die Telefonnummer oder die Adresse auszutauschen, bleibt man erleichtert – aber allem voran sehr einsam zurück.

Wer sind wir?

Diese Frage hat sich jeder Iraner schon oft gestellt in seinem Leben. Oft mitten in einer iranischen Party, in der fast alle blondiert sind, die Männer gezupfte Augenbrauen haben oder mit operierten Nasen posieren, wie als würde man versuchen, alle phänotypischen Merkmale unseres Volkes zu verschleiern. Oder an einem Abend bei Bekannten, an dem man wieder mehr über seine gesellschaftlich anerkannten Leistungen ausgefragt wird, als über sein seelisches Befinden – und ganz nebenbei erzählt bekommt, wieviele Statussymbole man schon gesammelt hat. – Wer sind wir eigentlich?

Bei der Frage eines Deutschen nach unserer Herkunft, versuchen wir unsere Haut noch irgendwie mit “Ich bin Perser, ich bin Perserin” zu retten – in der Hoffnung, man könne uns irgendwie noch mit der antiken Pracht Persiens in Verbindung bringen. Bloß nicht sagen, dass man Iraner ist. Bloß nicht mit dem alten, bärtigen Mann mit dem unfreundlichen Gesicht in Verbindung gebracht werden, der Millionen, junge Iraner im Golfkrieg in den Tod geschickt hat, um dann in Ruhe seine neue Idee eines Gottesstaates stabilisieren zu können.

Verdammt, wer sind wir? Wo finden wir unsere Identität wieder? In der alt-iranischen Antike? Bei Dariush und Kurosh (Darios und Kyros)? In der Zeit vor der Revolution und Behrouz Vossughi und Googoosh? Bei den toupierten Haaren, den Schlaghosen und Haydeh’s Stimme? In den Geschichten unserer Eltern und Großeltern, weil wir keine andere Wahl haben und jene Zeit nicht miterleben durften? Beim Islam und seinem arabischen Propheten, der Shia, den religiösen Machthabern? Wer genau sind wir?

Was können wir einem Deutschen über den Iran erzählen? Die neuesten Witze über Ahmadi Nejad? Die neuen skandalösen Äußerungen – und uns dabei aus Verzweiflung einem grotesken Lachanfall hingeben? Über die Angst vor einem bevorstehenden Krieg reden? Über unsere politischen Gefangenen? Über Frau Kazemi – und was sie in den letzten Minuten ihres Lebens wohl erlitten hat? Darüber, wieviele Verwandte wir schon verloren haben? Von den Narben der Peitschenhiebe auf dem Rücken unseres Cousins, weil er Musik CD’s verkauft hat? Was genau?

Was sollen wir sagen? Doch lieber, dass “Kurosh der Große” (Kyros) vor 2500 Jahren die ersten Menschenrechte der Welt formuliert und verankert hat? Dass Mazdak vor 1500 Jahren der erste Sozialist der Welt war? Dass Dariush (Darios) den Sueskanal fertiggestellt hat? Dass wir Kaiserinnen wie Iran-Dokht und Azarmidokht hatten, die Iran regierten? Dass wir die ersten Batterien (Parthische Tongefäße) erfunden haben – und das vor mindestens 2000 Jahren? Dass wir die erste monotheistische Religion/Philosophie der Welt hatten, die ganz ohne Gewalt überzeugte? Dass unsere Frauen Kriegsschiffe führten? Dass sie genauso hohe und heilige Posten, wie das Hüten des Feuers im Feuertempel, besetzten – so wie Männer? Dass wir Mutterschaftsurlaub, Sozialhilfe und obligatorische, medizinische Versorgung des Volkes gewährleisteten? Die erste Post?

Was sollen wir erzählen, liebe Leser und Leserinnen? Dass die Perser für Herodot damals wie “Barbaren” wirkten aus dem einfachen Grund, weil diese “Barbaren nicht einmal Sklaven hatten und das gemeine Volk genau die selben Rechte wie der König”? Von der Wissenschaft gar nicht zu sprechen. Medizin, Mathematik, Astronomie, Philosophie. Was und wo sollen wir anfangen, liebe Landsleute? Bei unseren Helden? Babak Khorramdin? Seinem Sohn Azar? Bei unseren Frauen? Bei dem ersten Vielvölkerstaat der Welt? Das erste Weltreich der Welt? Wo sollen wir anfangen? Und vorallem: WARUM sollten wir anfangen? Nur, damit uns schmerzlich bewusst wird, dass Iran nichts mehr mit diesen Errungenschaften für die Welt gemein hat? Damit wir daran erinnert werden, dass wir, wenn wir ehrlich sind, keinen Bezug mehr zu dieser Zeit haben – egal, wie sehr wie dahinstrampeln? Damit wir wieder daran erinnert werden, für was – und vorallem für WEN – das iranische Volk bei der Revolution 1979 auf die Straßen gegangen ist? Damit wir uns eingstehen, dass uns nichts übriggeblieben ist, das uns gehört? Und dass uns deshalb das Iranischsein fast unmöglich ist?

Wer sind wir? Ich, liebe Leser und Leserinnen, habe nichts mehr, womit ich mich identifizieren kann. Ich verstecke mich hinter vielen vor-revolutionären Filmen mit Behrouz Vossughi, Googoosh & co. Schlecht synchronisierte Nostalgie in schwarz/weiß Bildern aus einer Zeit, in der ich noch nicht einmal als Embryo existierte – und dennoch das letzte Stück Heimat, das mir bleibt. Im Hintergrund läuft “Vatan” (“Heimat”) von Dariush – und ich werde mir dessen bewusst, dass wir hier feststecken und nicht einmal eine Opposition haben, keine Alternativen, kein Standpunkt, den wir vertreten, keine wirkliche Zukunftsaussicht.

Ich sitze hier und werde mir dessen bewusst, dass selbst, wenn alles optimal liefe, kein Krieg stattfände, die lieben Mullahs ihre Turbane einpacken und für immer Urlaub in Dubai oder sonst wo machen würden und unser junges Volk einen erdpulsierenden Freudenschrei ausstoßen würde, sich vom dunklen Schleier auf der Seele befreien und dann noch die WM gewinnen würde – selbst dann, liebe Leser, selbst dann hätten wir noch soviel zu tun, dass wir Iran nicht mehr wirklich blühen sehen könnten. Aber wir könnten wenigstens dafür sorgen, dass unsere Kinder es dürfen.

Denken Sie immer daran, lieber Leser, wenn Sie einem Landsmann oder einer Landsfrau auf der Straße begegnen und er/sie plötzlich nicht mehr persisch spricht, sondern deutsch – wenn er/sie Ihrem Blick ausweicht und sich abwendet: Es ist keine Abneigung, es ist keine Verachtung – es ist nur Angst. Und denken Sie daran, dass Sie den ersten Schritt machen können, indem Sie sich selbst öffnen und auf ein “Haletun chetore” (“Wie geht es Ihnen”) nicht mit einem unehrlichen, gequälten Lächeln antworten, sondern mit Ihrer ganz persönlichen Geschichte. Und Sie werden sehen, dass Sie nach dem Verabschieden etwas gewonnen haben, von dem Sie dachten, dass Sie es auf ewig verloren haben: Ein Stück Heimat.

© INN Redaktion (Von Sherry)