Posts Tagged ‘Iran’
11.09.2011, 23:36
Der Lauf der Dinge

Der Lauf der Dinge ist nicht zu stoppen. Auf der Welt erscheinen, sich dort allen Hürden stellen und dann mal selig, mal gequält vom Leben schreiten. Trauer, Niedergang, Naturkatastrophen – alles muss hingenommen werden, weil man sich sagt, dass es die “unergründlichen Wege des Herren” sind. Alles muss getragen werden – ob man will oder nicht -, weil die Realität selbst den visionären Wissenschaftler ernüchtert, der in seinen Ambitionen, ein neues Heilmittel gegen XYZ entdecken zu wollen, auf der molekularen, finanziellen und ethischen Ebene scheitert – oder es eben an der Nichtprojizierbarkeit von der tot-experimentierten Laborrate zum Menschen tut.

Wir halten uns fest, klammern uns, hoffen, reden uns ein, dass es eine höhere Instanz gibt, die weiß, was sie tut. Gerade wir Orientalen neigen dazu. Wir beten sie an und huldigen ihr, selbst wenn wir wissen, dass diese Instanz gegen viele Millionen ethische Grundsätze verstoßen hat. Vom Kleinsten angefangen (unterlassene Hilfeleistung) bishin zum Massenmord (Naturkatastrophen). Die von ihm sadistisch gezeichneten Biografien geschehen dann innerhalb dieses Verbrechensintervalls. Anstatt zu revoltieren, bücken wir uns immer ein Stückchen mehr in die Tiefe – in der Hoffnung, weiterhin in der Gunst dieses Gottes zu stehen. “Möge er uns nicht dafür in die Hölle schmeißen, dass wir nun einmal so sind, wie er uns geschaffen hat!”, sagen wir und merken die Skurrilität dieses (un)logischen Gefüges nicht. Die einen beten fünf Mal am Tag, weil ihr Gott die potenzierte Eitelkeit einer Diva besitzt – und die anderen lassen ihre Sünden von einem dick mit Klunkern und Fett behangenen Geistlichen wegreden – nach Bezahlung versteht sich – und der schon zehn Minuten später seine Macht an einem kleinen Jungen demonstrieren kann und vereinzelt auch wird. In welcher Form, will ich nicht näher beschreiben.

Dann gehen sie sich darüber streiten, wer von ihnen näher an Gottes Brust – nein, das wäre ja noch mütterlich – an Gottes Zepter (Phallus) hängt und meinen, die wahre Antwort auf diese Frage wäre Kriege, Tote, Gesteinigte und Kreuzzüge wert. Während die Wissenschaftler schon die kleinsten Bewegungen des Lebens erforschen, debattiert der Klerus noch über Adam und Eva und der Entstehung des Lebens innerhalb von sieben Tagen. Homosexuelle hängen an Seilen in meiner Heimat und schwenken mit ihren leichenblassen Körpern hin und her. Denn “Gott” sprach einst, Homosexuelle seien unzüchtig und minderwertig. Frauen, die der Rache ihrer Ehemänner ausgesetzt werden, weil ihre Ehre in irgendeiner Weise verletzt worden ist, werden in einigen Ländern gesteinigt. Geistliche, die sich intensiver als jeder andere normale 0815-Religiöse mit ihrer Religion beschäftigt haben, erkennen die fundamentalen Gedankenkonstrukte ihrer Religion und verstehen die Worte Gottes, wenn er sagt, dass sein Buch “einfach, klar und deutlich” geschrieben worden ist und keinen Raum für Interpretation lässt. Deshalb heißen all die Wörter wie “schlagen”, “hacken”, “töten” und “verfolgen” auch nicht “streicheln” oder “trennen” statt “schlagen” – und auch nicht “Kratzer hinzufügen” oder “Kläpschen geben”, sondern schlicht und einfach “Hand abhacken” (bei Diebstahl). Auch, wenn Menschen, die sich für ihre Religion rechtfertigen wollen, es gerne anders sehen. Und die anderen? Sie schließen sich in große, kalte Gotteshäuser aus Stein ein, behaupten, im Zölibat leben zu müssen, um Gott zu dienen. Sie lassen die Frucht ihrer Lenden vergammeln und sich krank in ihre eigenen Körper ergießen. Was dabei rauskommt ist, dass sie versuchen diesen unnatürlichen Zustand anders zu kompensieren – immer an den Schwachen und Schutzbedürftigen. Wie, das möchte ich hier nicht näher beschreiben. Weiterlesen… »

22.08.2011, 01:45
Freiheit tut weh

Freiheit ist ein stetig sterbender Augenblick, weil er mit neuen Wünschen vergeht. Sie ist eine Illusion. Ohne echten Anfang, aber mit dramatischem Ende. Aber Freiheit gibt es nicht. Doch der Moment, in dem Du nach einem lebensopfernden Kampf die Axt des Diktators aus der Hand gerissen hast, um seine Werte vor aller Welt zu köpfen – das ist einer jener Momente, die Dich die Freiheit spüren lassen. Durch jede bebende Zelle Deines Körpers. Innig und tief – und allen voran: vergänglich. Was für ein Armutszeugnis für die Menschheit, dass Freiheit mit dem Geschmack vom Blut eines Diktators auf der Zunge einhergehen muss. Aber das ist ein anderes Thema.

Ihr Revolutionären! In einer pseudo-moralisierten Welt, in der die Verbrechen in Anzug und Krawatte durch neue diplomatische oder außenpolitische Beschlüsse begangen werden und deshalb von der dummen Masse ungesehen bleiben, ist es schwer, sein kämpferisches Handeln zu rechtfertigen. In meiner bequemen Welt mit all ihrer Schöngeistigkeit (aus purem Luxus) besteht eine Distanz zu Eurem körperlichen Kampf mit Blut und Totschlag, die mit keinem Spagat der Welt zu überwinden ist. Wir ekeln uns. Wir finden das absurd. Wir lassen sinnentleerte Sätze heraus wie “Gewalt ist keine Lösung” und “Gewalt erzeugt nur Gegengewalt”, wenn wir Euch sehen. In meiner dekadenten Welt voller Fettärsche hättet Ihr genauso gut auch als “Radikale” und “Extremisten” hingestellt werden können, wenn die politische Agenda dieses Landes das so diktiert hätte. Und wir hätten den Medien Glauben geschenkt. Je nachdem wie der Wind der Mächtigen weht, seid Ihr Helden oder Mörder. Je nachdem, wie sehr sich einige Moralapostel langweilen, seid Ihr gefährlich, seid Ihr wütend, seid Ihr aggressiv, unkontrollierbar und vor allem primitiv. Man vergisst zu schnell, dass Ihr es seid, die man braucht, um Staaten von Monstern zu befreien. Man vergisst, dass Ihr es seid, die Ihr – so zerstört von Leid und Gewalt – Euer Leben zu opfern bereit seid. Für die Zukunft Eurer Kinder. Für die Zukunft überhaupt. Man vergisst als dickköpfiger Pazifist und selbsternannter zivilisierter Mensch oft das menschliche Grundrecht auf körperliche und geistige Unversehrtheit und eine minimale Freiheit, seine Meinung zu äußern. Schnell vergessen diese tagein tagaus philosophierenden Dünnschissdenker all das, was Ihr erleiden musstet mit der Forderung, dass Gewalt ein primitives Recht sei – und somit gar kein Recht.

Ich hingegen sage nur: Wie gut, dass Ihr nicht wie meine Landsleute Eure Leiber vor Eure Feinde geworfen habt, um sie vor der wütenden Masse zu schützen. Wie gut, dass Ihr reagiert habt, so wie man reagieren muss, wenn jemand vor einem steht, der einen zerfleischen will und jeder Bemühung, zu atmen, mit dem Seil den Hals zudreht. Wie gut. Ihr habt meinen Respekt. Ihr habt gekämpft, Ihr habt gekämpft bis zum Ende. Rückschläge hingenommen, Tage der Hoffnungslosigkeit einfach ausgeharrt und die vergeistigte, kränkelnde Moral von fetten Ärschen aus einer Luxus- und Konsumwelt einfach zur Seite gelegt, auch wenn Ihr während der Schlacht teilweise zu Bestien mutiert seid. Ihr habt vielen Generationen eine Beschleunigung in eine bessere Zukunft beschert. Davon bin ich überzeugt. Zumindest einige von Euch aus den verschiedenen Ländern. Leider war das bei meinen Landsleuten anders. Sie haben gegen einen weichen Diktator gekämpft und fanden sich mutig dabei, obwohl er nicht auf sie hat schießen lassen. Das waren sie auch, ja, das waren sie – doch sie haben das Land in den Ruin geritten. Nach 32 Jahren bluten wir noch immer aus. Weiterlesen… »

10.07.2011, 20:10
Anabolika-Erdbeeren

Mutiert, gespritzt – was auch immer – sie sind unheimlich groß, prall, rot und beeindruckend. Um die Relationen sehen zu können, musste mein Mr. Serious seine Hände zur Verfügung stellen. Ich habe letztens bei Flickr eine ganz normale (für uns verwunderliche), ungespritzt gewachsene Erdbeere gesehen von einem Buddy dort, der im Iran lebt. Die ist wirklich winzig klein gewesen, absolut nicht perfekt und in einer Art asymmetrisch, dass man schon fast Mitleid mit ihr hatte. Aber ich weiß aus Erfahrung, dass diese Erdbeere, so sehr sie auch ohne Obst-Botox vor sich hinlebt, unfassbar süß schmeckt. Irdisch süß. Irdisch, weil man die Wurzel, die in der Erde steckte und die Frucht versorgte, noch rausschmecken kann. Ich erinnere mich noch an iranisches Obst. Man konnte dick davon werden, so lecker war das. Die dicken, mutierten Erdbeeren hier schmecken zwar gut, aber eben auch einwenig zu sehr nach Wasser. Anabolikabehandelt, wie sie nun einmal sind, ist alles mehr Schein als Sein. Aber guckt mal, wie die aussehen. Unfassbar knallig.



09.07.2011, 13:58
Shekamu

“Shekamu” ist das persische Wort für Menschen, die sehr gerne essen und den Akt des Essens bis zum Umfallen genießen. “Shekam” bedeutet “Bauch”. “Shekamu” kann man übersetzen mit “bauchmäßig, bauchtechnisch, bauchig”. Wir sprechen es aber “Shikamu” mit “i” aus, ich wollte dennoch die richtige Schreibweise mal geäußert haben. Wenn ich also sage, dass ich shekamu bin (man kann das Wort übrigens als Nomen “ein Shekamu” oder auch als Adjektiv “Sie ist shekamu” beutzen), dann meine ich damit im Grunde, dass ich ein Mensch bin, der sehr bauchmäßig oder bauchbezogen denkt, lebt und genießt. Meine ganze Familie besteht also aus Shekamus. Wir essen, weil wir das Essen lieben, weil es uns beruhigt, weil es uns aufpeppt, weil es uns auch mal den Frust nimmt – und weil es das Leben lebenswerter macht. Ich kann mit meiner Cousine Dada zum Beispiel stundenlang über’s Essen reden. Uns wird in keinsterweise auffallen, dass das Thema nur Essen ist, weil es das Wort “nur” in Bezug auf “Essen” gar nicht gibt.

Was ich sagen wollte ist: Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie verdammt schwierig es war, als Shekamu diese Leckerleien geduldig abzufotografieren und den Ess-Impuls zu kontrollieren. Meisterleistung, sage ich Euch. Also die Impulsunterdrückung, nicht das Bild. Und gibt es überhaupt ein leckereres Getränk als eiskalte Milch? – Nein! Guten Appetit beim Anschauen.

11.06.2011, 09:41
Wenn Du Iraner bist

Wenn Du aufwachst und nach 32 Jahren der bestialischen Fremdbesatzung Deines Landes noch immer diesen einen ersten Schockgedanken des Tages hast und denkst: “Oh Gott, mein Land ist in Gefahr, ich muss was tun!”, dann bist Du Iraner. Wenn Du aufstehst und Dich mit verbalem Dreck beschmeißt, weil Du hier ein normales Leben ohne Folter und Tod führst und dabei die zugebundenen Augen jener Namenlosen nicht vergessen kannst, die gestern, vorgestern, heute und morgen für Dinge hingerichtet werden, die es gar nicht gibt, dann bist Du Iraner. Wenn Du Dein Frühstück zu Dir nimmst und weißt, dass Du statt Orangensaft einen schwarzen Tee mit Safranaroma willst, aber ihn nicht trinkst, weil er Dein Heimweh in ein unermessliches Maß vergrößert, dann bist Du Iraner. Wenn Du auf dem Weg zur Arbeit die Gesichter Deiner Landsleute in Bahnen, Bussen und Straßen suchst, um dann beim Entdecken Dein eigenes doch abzuwenden, dann bist Du Iraner. Und wenn Du dann nochmal hinter ihnen herschaust, Dir in Deinem Innern denkst: “Verzeih’ mir. Aber ich kann mich jetzt nicht mit Dir und mir konfrontieren. Denn alles, was mit uns zu tun hat, ist unerträglich schwarz” und ihnen flüsternd mit Eurer inzwischen gebrochenen Muttersprache alles Glück der Welt wünschst, dann bist Du Iraner. Wenn Du trotz all der übermalten Schminke in Deinem Gesicht und Deinen betonten Augen- und Augenbrauen, noch immer Deine Trauer nicht verbergen kannst – und Deine dunklen Augenringe Deine schlaflosen Nächte verraten, dann bist Du Iraner. Wenn Du Dich vier Mal in der Woche auf Partys zwingst. Partys, in denen es nur Iraner gibt. Die Du zwar Zeit Deines Lebens suchen wirst, aber auch am liebsten bezwingen oder ihnen entfliehen willst, weil ihre Dekadenz Dich zur Weisglut bringt, dann bist Du Iraner. Und wenn Du dann trotz Deines Gefühls, im Sumpf dieser Oberflächlichkeit zu ersticken, noch immer weiter tanzt und die berühmten nichtssagenden Floskeln allen, die Dir begegnen, in ihre Gesichter schmeißt, anstatt über Deine Sehnsucht zur Heimat zu reden, um endlich im Gefühl der einheitlichen Verzweiflung den Boden mit allen ungeweinten Tränen zu füllen, dann bist Du Iraner. Weiterlesen… »