Wenn Du aufwachst und nach 32 Jahren der bestialischen Fremdbesatzung Deines Landes noch immer diesen einen ersten Schockgedanken des Tages hast und denkst: “Oh Gott, mein Land ist in Gefahr, ich muss was tun!”, dann bist Du Iraner. Wenn Du aufstehst und Dich mit verbalem Dreck beschmeißt, weil Du hier ein normales Leben ohne Folter und Tod führst und dabei die zugebundenen Augen jener Namenlosen nicht vergessen kannst, die gestern, vorgestern, heute und morgen für Dinge hingerichtet werden, die es gar nicht gibt, dann bist Du Iraner. Wenn Du Dein Frühstück zu Dir nimmst und weißt, dass Du statt Orangensaft einen schwarzen Tee mit Safranaroma willst, aber ihn nicht trinkst, weil er Dein Heimweh in ein unermessliches Maß vergrößert, dann bist Du Iraner. Wenn Du auf dem Weg zur Arbeit die Gesichter Deiner Landsleute in Bahnen, Bussen und Straßen suchst, um dann beim Entdecken Dein eigenes doch abzuwenden, dann bist Du Iraner. Und wenn Du dann nochmal hinter ihnen herschaust, Dir in Deinem Innern denkst: “Verzeih’ mir. Aber ich kann mich jetzt nicht mit Dir und mir konfrontieren. Denn alles, was mit uns zu tun hat, ist unerträglich schwarz” und ihnen flüsternd mit Eurer inzwischen gebrochenen Muttersprache alles Glück der Welt wünschst, dann bist Du Iraner. Wenn Du trotz all der übermalten Schminke in Deinem Gesicht und Deinen betonten Augen- und Augenbrauen, noch immer Deine Trauer nicht verbergen kannst – und Deine dunklen Augenringe Deine schlaflosen Nächte verraten, dann bist Du Iraner. Wenn Du Dich vier Mal in der Woche auf Partys zwingst. Partys, in denen es nur Iraner gibt. Die Du zwar Zeit Deines Lebens suchen wirst, aber auch am liebsten bezwingen oder ihnen entfliehen willst, weil ihre Dekadenz Dich zur Weisglut bringt, dann bist Du Iraner. Und wenn Du dann trotz Deines Gefühls, im Sumpf dieser Oberflächlichkeit zu ersticken, noch immer weiter tanzt und die berühmten nichtssagenden Floskeln allen, die Dir begegnen, in ihre Gesichter schmeißt, anstatt über Deine Sehnsucht zur Heimat zu reden, um endlich im Gefühl der einheitlichen Verzweiflung den Boden mit allen ungeweinten Tränen zu füllen, dann bist Du Iraner. Weiterlesen… »
Sari Galin (auf azari: Die Blonde / Goldene Braut) ist ein berühmtes Volkslied der Armenier, Azaris und Iraner. Man weiß nicht, ob das Golden oder das Gelb sich auf das blonde Haar der Braut, die helle Haut oder das Hochzeitsgewand bezieht. Die alternative Übersetzung der Armenier bedeutet: “Die Braut der Berge”. Das Wort “Sar” bedeutet dort nämlich “Berg”. Man weiß nicht sicher, aus welchem Land dieses wunderbare Lied tatsächlich kommt, was die Geschichte, in der es in diesem Lied geht, noch bedeutsamer macht.
Es geht um die Geschichte eines Paares, das wegen verschiedener Ethnie und Religion nicht heiraten darf. Und da geht sie, die goldene Braut. Das ganze Lied ist wie ein sanftmütiger, trauriger, rosenbenetzter Trauermarsch der wunderschönen Braut in die Arme eines anderen. Hört selbst. Sie geht an ihm vorüber. Die goldene Braut am trauernden Liebenden.
Am Anfang hört Ihr das Lied auf Azari, in der Mitte auf Armenisch, am Ende auf Persisch. Ich hoffe, es entführt Euch so, wie es mich jedesmal entführt. Klick zum Lied: ❀ Sari Galin – Azari, Armenian und Persian Trio ❀
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08.03.2011, 12:07
Delicate Romance
Ihr habt sicherlich alle mitbekommen, was in Nord-Afrika geschehen ist, nicht wahr? Vielleicht freut Ihr Euch sogar für Tunesien und Ägypten? Vielleicht sind Euch einige Ungereimtheiten nicht aufgefallen, wenn Ihr Glück habt. Dann gratuliere ich Euch, Ihr konntet ruhig schlafen.
Mir hingegen ist das nicht gelungen. Mit großem Schrecken beobachtete ich den unglaublich parallelen Ablauf zwischen Ägypten 2011 und Iran 1979. Unsere Monarchie zerfiel nach der Revolution punktgenau am 11. Februar 1979. Punktgenau am 11. Februar 2011 gab Mubarak seinen Rücktritt bekannt.
Ist Euch eigentlich schon einmal aufgefallen, (also das geht an die Leser, die schon etwas älter sind), dass gerade die Deutschen hier völlig aufgebracht gegen den bösen Shah protestierten, die ganze Welt Hass gegen dieses “Monstrum” an König schürte – aber als der Regierungswechsel dann tatsächlich statt gefunden hatte und die Massenhinrichtungen durch Khomeini und seine Handlanger geschahen, sogar Amnesty International die Fresse hielt? Es juckte niemanden, dass aus einem bunten Iran plötzlich ein schwarz verschleiertes Iran wurde. Plötzlich waren die größeren Regime-Monster gar nicht mehr so salient in Deutschlands Köpfen. Niemand ging hier in Deutschland auf die Straße. Sogar die Menschenrechtsorganisationen schliefen das erste Jahrzehnt. Hauptsache, der “Diktator-Shah” war weg. Wisst Ihr, woran das liegt? Eure Medien. Sie bestimmen, was im Fokus Eurer Aufmerksamkeit erscheint und was nicht. Da die khomeinistische Regierung in Ordnung war für die Interessen Eurere Regierungen, hielten die Medien still – und somit auch Ihr, weil Ihr einfach nichts (oder nur wenig) davon mitbekamt.
Was denkt Ihr, warum USA und EU so stark im Fall Ägypten Partei gegen Mubarak ergriffen und das ägyptische Volk unterstützten, einen “sauberen Übergang” plan(t)en – aber Obama sich 2009 zu den mindestens genauso großen grünen Massenprotesten im Iran sich “diplomatisch” zurück hielt? Warum die minutiöse Berichterstattung bezüglich Ägypten, aber die sporadische bezüglich Iran? Was denkt Ihr, warum die deutschen Medien einen Dre…ist-Scholl Latour einlud, damit er sagen konnte, es seien keine Millionen Demonstranten bei uns gewesen, sondern höchstens Zehntausend? Warum bestätigt Rados diese Lüge mit ihrem scheiß obligatorischen Mikro? Und wieso wird gerade in der Zeit, in der meine jungen Landsleute sich nicht anders zu helfen wussten, als all die Greueltaten der Basijis auf ihren wackeligen Handykameras aufzunehmen, während sie noch verprügelt wurden, plötzlich von der Fraglichkeit von Youtube-Videos, Twitter- und Facebookmeldungen debattiert? Weiterlesen… »
Mich drückt es. Überall. Im Kopf, im Herzen, im Bauch – und jemand zieht mir an den Armen, jemand tritt mir ins Gesäß – und meine Beine werden unruhig, trippeln und wollen loslaufen. Loslaufen! Irgendwohin, nur wohin, das weiß ich noch nicht. Ich weiß nur: ich möche auswandern. Ernsthaft auswandern.
Der Drang, hier weg zu wollen, wird immer größer. Aus einem kleinen Wunsch in der Ecke meines Kopfes, der mit 16 Jahren schon entstand, ergibt sich in der letzten Zeit das Gefühl einer Notwendigkeit. Der Notwendigkeit, einer beunruhigenden Entwicklung zu entfliehen. Einer, die weder Blonde, Blauäugige, noch christliche Migranten so stark spüren wie wir: den Atem von Sarrazin, dieser außerordentlichen Witzfigur.
Ich gehörte immer zu den Menschen, die Deutschland verteidigt haben, wenn andere ihren Unmut äußerten. Stets sagte ich, sie sollten dankbar sein, dass sie hier leben dürfen und nicht in ihrer Heimat unter Krieg, Bomben und barbarischen Gesetzen einer Theokratie zu leiden haben. Ich blendete aus, dass die deutsche Regierung in den Siebzigern ein fast genauso großes Interesse an dem Sturz vom Shah hatte wie die Briten und die USA ihn hatten, weil er es doch tatsächlich wagte, das Öl für den Aufbau Irans nicht nur zu Dumpin’preisen³ zu verkaufen, sondern zu Dumpin’preisen hoch². Ich blendete sogar aus, dass die deutsche Regierung – zugehörig zu einer Gruppe eines heuchlerischen profitgierigen Kanons – im Iran-Irak-Krieg Saddam mit Waffen versorgte, während meine Landsleute dort ihr Leben ließen, weil sie ihre Munition abzählen und portionieren mussten. Ich vergaß, dass die deutsche Regierung seit 31 Jahren Milliardengeschäfte mit Mullahs beschließt, Steinigern, Erhängern, Folterer und Massenmörder die Hände schüttelt und das Geschäft mit einem Wangenkuss besiegelt. Ich sagte mir, dass die deutsche Bevölkerung doch nichts dafür könne, sie wissen ja von gar nichts und dass jede Regierung über Leichen gehe (das tut sie vermutlich auch wirklich nicht). Man sollte soetwas nicht persönlich nehmen, es geht nur um Profit, sagte ich mir. Solange sie mich, meine Familie, meine Freunde hier in Ruhe lassen, sie uns arbeiten und leben lassen, ist alles okay. Doch es ist nichts okay, schon lange nicht mehr. Weiterlesen… »
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