“Und wenn wir einfach abhauen? Wir müssen nicht zurückschauen. Zurückschauen ist wie die leckerste Süßspeise im Gaumen schmeckend und seufzend zu kauen und dann auszuspucken.” Das war der Schlussteil ihres Appels an ihre Freunde. Sie will nicht mehr zurück in ihr altes Leben und hofft, in den Gesichtern ihrer Gefährten, die durch ein seltsames Schicksal zusammen gefunden haben, den selben, militanten Fluchtreflex zu entdecken, den sie nicht mehr zurück halten kann – und der sie nicht mehr los lässt.
“Aber was ist mit …”, wirft Aiolos ein und stockt, weil ihm dann doch nichts einfällt. Gäbe es in dieser Gruppe einen Anführer, wäre er es gewesen. Seine wachen Augen sahen alles. “Das geht nicht, Seda. Wir sind gebunden. Alle.” Sie schüttelt den Kopf. Woran genau waren sie gebunden?, denkt sie und vergisst diesmal das Sprechen nicht. “Woran? Woran Aiolos!”, setzt sie ihn unter Druck und schaut in die Runde rein. “Im Ernst. Denkt alle nach. Bitte. Denkt jetzt nach. Heute ist die Nacht der Nächte. Wir können alle unsere sinnlosen Leben beenden und neu beginnen. Gemeinsam. Ohne Gruppensuizid – den wir eh niemals umsetzen würden, wenn Plan A nicht klappt. Doch wie soll Plan A klappen, wenn wir ihn meiden? Unsere Geschichte kann nur ein Happy End haben, wenn wir uns aus diesem Kriegsgebiet unseres Lebens hinaushauen. Zusammen. Wir. Gemeinsam. Wir“, wiederholt sie verzweifelt, denn sie findet kein innigeres Wort, das ihre Verbundenheit beschreiben kann. “Ist das etwa unsere Freundschaft? Soll alles hier enden? Soll das hier alles sein? Wir wollten die Welt verändern. Wir wollten Grenzen durchbrechen, wir wollten der Liebe einen neuen Namen geben, wir wollten tausend Schleier im Flug gen Himmel zerreißen, und wir wollten uns in altes Pergament werfen und in den Gedichten der Alten unsere Träume wieder finden und mit ihnen tanzen. Wir wollten unsere Seelen wieder finden und müde in ihre Arme fallen. Hast du nicht gesagt, Aiolos, hast du nicht gesagt, solange die Träume eines Menschen schöner sind als sein Leben, hat er etwas falsch gemacht? Lasst uns hier weg. Lasst unser Leben schöner sein als unsere Träume, weil wir uns unsere Träume endlich nehmen. Wir nehmen sie uns, so wie sich das Leben nimmt, was es will, so nehmen wir uns, was uns zusteht. Wir wollten soviel tun. Wir wollten alles. Und nicht weniger. Wir wollten die Welt verändern, wir wollten dieses Haus am Meer …” Der Drang ihrer Lunge, Luft zu schnappen, unterbricht sie. Weiterlesen… »
Die “Liebe”, die im Bauch weh tut. Wir hatten vielleicht nur dieses eine Gefühl in jungen Jahren. Bauchweh. Und haben das umschrieben in die eine Sehnsucht, die da zog – im Bauch und in der Brust. Zog, bis wir kannibalisch seufzten, unwissend, ob es die Gedärme sind, die sich da beschwerten oder die Seele, die nicht aus ihrem Körper konnte. Dieses Ziehen auf das Gesicht eines x-beliebigen Jungen oder Mädchen projiziert und dafür gelebt, dass es verschwindet mit – ja, verschwindet mit dem ersten Kuss. Mit der Erlösung dieses ersten Kusses. Wir haben durch dieses Bauchweh die größten poetischen Werke über Liebe, Hass, Tod und Verrat karikatiert, uns in Goethes Gesülze plötzlich Zuhause gefühlt und Wehmut und suizidale Melancholie wie Wein gesoffen, bis wir daran verkatert und gänzlich eingenässt den Alltag verneinten, nur um im dunklen, miefenden Jugendzimmer weiter leiden zu können. Am Liebeswahn, das sich nur im Bauchweh zeigte. Und Pups.
Es war eine grandiose Zeit. Grandiose Emotionen, Vulkane von Unsinnsgedanken, Wirrsinnstäler ohne Mittelhügel – nur himmelhochweit oder abgrundtieftot. Eine Zeit voller Hingabe, Größenwahn und Unterwerfung. Und all das Grandiose, das äußerte sich in Bauchweh. Und einer grandiosen Verdauung. Diese plumpen, eigentlich nichtssagenden Bauchschmerzen, die auch hätten einfach aufgrund von Blähungen entstehen und in einer Dünnschissspirale enden können. Darin fanden wir den Beweis der Echtheit und Größe unserer Emotionen. Pups.
An Erich Frieds Gedichten haben wir geschnüffelt wie an Koksstraßen zum bitteren Ende. Sie in unsere Nase gejagt, uns zurückgelehnt und “Aaahhh…” ausgerufen, als sei es das Ur-Wort unserer geballten Leidenschaft gewesen, das einzig Würdige. “Aaah, ich will leben oder auch nicht oder so!”, geschworen und dann über uns selbst gelacht. Allein und zusammen. Mit der besten Freundin unter der Decke mit der Taschenlampe – oder auf dem Spielplatz allein mit dem Tagebuch in der Hand und der Liste voll von Träumen, die man ab sofort zu jagen schwor. Dann den Fried wieder gelesen und geweint ob all dieser Tiefe, die eben nur er – Dein einziger Freund – verstand. Bis wir auf Hafez und Rumi trafen und entschieden, wir müssen sterben, weil wer (er)trägt schon all diese Fluten voller Schönheit, Rosen und Gott, ohne sich zu erhängen? Als dann die letzte Seite von Hafez Wein und Rumis Liebe gelesen war, fielen wir in Löcher. Tiefe Löcher der Leere, tiefe Löcher der Schwere, weil das Warten auf diesen einen Kuss unerträglich wurde und in immer weiterer Ferne lag. Und diese Ungeduld, der Kampf gegen sich selbst, der äußerte sich in Bauchschmerzen. Plump wie eine Magen-Darm-Verstimmung nach zuviel Völlerei und schlechtem Fisch. So in etwa. Wieder Pups. Weiterlesen… »
Tatsache ist: Hätte man mich damals als Vierzehnjährige gefragt, was ich später gerne werden würde, hätte ich – wenn ich denn ehrlich gewesen wäre – geantwortet: “Ich möchte gerne kriminell werden. Ja. Ich möchte eine Meisterdiebin sein, die schön, beweglich und stark ist, und mit meiner Gang sämtliche reiche Museen oder Leute ausrauben und durch die Armenhäuser verteilen. Gerne behalte ich auch das eine oder andere schöne Schmuckstück für mich. Von irgend etwas müssen wir uns ja die High-Tech Utensilien für unsere kriminellen Wohltaten finanzieren, finden Sie denn nicht, lieber Interviewer?” – “Ja”, hätte er wohl geantwortet. “Gewiss, Frau Sherry. Was für ein guter Mensch Sie doch sind. Und so abenteuerlustig und idealistisch.” Was hätte er sonst antworten sollen? “Ist doch einfach nur edel mein Berufswunsch, oder?”, hätte ich damals gedacht. Ich war komplett davon überzeugt, dass das Geld von extrem reichen Menschen niemals in einer angemessenen Relation zu ihrer Arbeit stehen konnte. Soviel kann ein Mensch gar nicht arbeiten, als dass er als Milliardär ein Existenzrecht hätte. Schon gar nicht, wenn andere neben ihm hungern und verzweifelt nach den 10$ suchen, die sie und ihre Kinder satt machen. Arbeitete dieser Mensch denn soviel weniger? Die geschwielten Hände sprachen meist eine andere Sprache. Weiterlesen… »
In der Fülle Deiner jugendlichen Gedanken und der Menschen um Dich herum findest Du erst einmal Halt. Du beginnst, jeden philosophischen Gedanken, jede Möglichkeit in Deinem inneren Auge zu kombinieren und meinst, daraus eine neue Welt kreiert zu haben. In Deinem neuen Idealismus fängst Du an, Deine “Theorien” vorsichtig an zu testen. Erstmal bei den weniger Klugen, dann bei dem guten Mittelmaß-Mitmenschen – und wenn es bis dahin recht gut angekommen ist; das heißt, man Dich nicht ausgelacht hat ob Deiner Konstruktionen, gehst Du auf die hellen Köpfe zu. Die hellen Köpfe in der Schule sind nicht die ewig auswendig lernenden Streber, sondern die irgendwie etwas miefenden Skurrilos, die sich von den in Deinen Augen “armseligen” Fashion-Victims abheben und jedem Lehrstoff zum Trotz bis zu zehn plausible Gegenargumente ins Gesicht des Lehrers knallen, um zu zeigen, wie sehr sie sein gefressenes Wissen verachten. Irgendwann merkst Du, dass man nicht richtig liegen kann – also der Wahrheit am nächsten sein kann – wenn man – egal, worum’s geht – eine Antihaltung einnimmt. Also entfernst Du Dich von den Skurrilos und suchst weiter.
Die Odysee ging sehr lange, ohne dass ich es merkte. Ich habe immer wieder Menschen gesucht, bei denen ich mich in irgendeiner Weise gedanklich und emotional zu Hause fühle, aber es hat nur sehr selten geklappt. Manchmal waren die Begegnungen sogar so kurz (aber auch so genussvoll) wie eine Portion Frappucino an einem seltsam verregneten Tag mitten im Sommer – aber wenigstens gab es sie, diese kurzen Raststätten; und man tankte wieder Zuversicht.
Im Laufe meiner Entwicklung habe ich Menschen überbewertet, die es nicht wert waren, “Freund/in” genannt zu werden. Ich fing an, mich zu rechtfertigen, mich zu erklären, alles dafür zu tun, dass sie sich nicht verletzt fühlten aufgrund der Tatsache, dass ich so bin, wie ich bin. Sogar verbogen habe ich mich, um niemanden weh zu tun, außer Acht lassend die Tatsache, dass man mir weh tat, weil man mich nur unter Bedingungen “akzeptierte”. Ich wollte manche von ihnen sogar auf eine subtile Art “heilen” und ihnen Großherzigkeit beibringen, indem ich ihnen immer wieder die Hand hinhielt, wenn sie Hilfe brauchten, damit sie sehen, dass nicht nur die Freundschaft von Loyalität lebt, sondern das ganze Miteinandersein – und wurde wieder und wieder Zeuge ihrer Versuche, mir ein Messer in den Rücken zu stechen. Und sei es auch nur bei einer dezenten Zurückhaltung in einer Situation, in der sie hätten so hinter mir stehen müssen, wie ich immer hinter ihnen stand oder auch nur die nach Oberflächlichkeit stinkende Unbedachtheit, mit der sie dem Leid begegnen, wenn auch ganz ohne böse Absicht – distanziere ich mich sofort.
Nach dieser langen Suche nach einem “zu Hause” in Freundeskreisen, habe ich einfach akzeptiert, dass ich eine Einzelgängerin bin und immer eine bleiben werde. Ich habe mich mit anderen Einzelgänger/innen zusammen getan, aber ich bin immer eine geblieben. Ich habe lange gebraucht, um das wirklich zu erkennen, weil man Einzelgänger als Menschen kennt, die nicht so sehr von einem großen Garten träumen, in dem es ein großes, weißes Haus gibt, in der jede geliebte Kleinfamilie der Großfamilie lebt und jeder Freund ein Zimmer bewohnte – aber so ist es: Ich bin eine Einzelgängerin.
In der letzten Zeit denke ich sehr ans Auswandern. Die Konstruktion “Deutschland” hat mich nie mehr belastet als in den letzten 3-4 Jahren. Ich dachte immer, ich fühle mich wohl hier; und vielleicht war es auch immer so, aber ich tu’ es nicht mehr. Ich fühle mich nicht mehr sicher hier – und damit das nicht falsch verstanden wird: Es liegt nicht ausschließlich an den “Deutschen”, sondern auch an einigen Ausländergruppen, die mich immer mehr nerven und auf Kosten von Ausländern, die sich hier wirklich eingliedern wollen, ihre “Manieren” und ihre “Kultur” meinen, in pervertierter Form ausleben zu müssen. Auch die Iraner in Deutschland stoßen mich in gewissen Punkten immer mehr ab. Kein Zusammenhalt, keine Offenheit, kein Rückhalt, keine Sicherheit.
Das Land, in das ich auszuwandern gedenke, ist ausgerechnet Hass-Außenpolitik No. 1 oder 2: Amerika. Ausgelöst wurden diese Wünsche von einem Noruz-Video. Die Straßen von sämtlichen Straßen in den USA waren voll von feiernden Iranern, die gemeinsam Neujahr feierten und am letzten Tag des Neujahres in Massen mit ihren Familien Picknick hielten, so wie es seit tausenden Jahren für einige iranische Völker der Brauch ist. Nebenbei liefen amerikanische Reporterinnen herum und interviewten die Massen. Amerikaner feierten mit und beglückwünschten Iraner zu ihrem neuen Jahr und aßen mit. Die Situation kam mir so unglaublich surreal vor, dass mir der Mund offen blieb. Ich lebe seit über 20 Jahren hier – und mir ist soetwas noch nie begegnet – und dann sehe ich diese Art von Offenheit gerade in dem Land, dessen Außenpolitik ich so dermaßen verachte.
Ich habe schon oft gehört, Amerikaner seien dümmer, ungebildeter, ignoranter, furchtbar patriotisch (was mich besonders nerven würde) und dazu sehr oberflächlich. Das war alles für mich Grund genug, um nicht dort leben zu wollen. Auf der anderen Seite frage ich mich inzwischen: Was habe ich von der angeblichen “Nicht-Oberflächlichkeit” der in Deutschland lebenden Menschen (ob nun Ausländer oder Deutsche)? Und was schadet es mir, wenn ich zwar keine tiefe, innige Freundschaft zu der Amerikanerin eingehe, diese mich aber nett anlächelt und mir ein paar nette, vielleicht sogar ernstgemeinte Komplimente an den Kopf wirft, anstatt passend zur grauen Betonlandschaft voller, selbst auferlegter Ignoranz seiner Umgegbung gegenüber durch die Gegend zu laufen? Es schadet mir nichts. Ich bin schon lange nicht mehr irgendwelche Freundschaften aus. Ich glaube, Freundschaft ist wie Liebe – sie fällt vom Himmel und ist plötzlich da – und es liegt dann an den Beteiligten, sie vorsichtig miteinander zu vertiefen.
Bis aber soetwas Wundervolles vom Himmel fällt, soll der Himmel wenigstens blau sein und die Gesichter nicht so abgeneigt. Ich will hier einfach weg… Ich will hier nicht alt werden. Das Leben soll endlich so sonnig und bunt sein wie diese zwei Eisbecher.
“Wenn ich groß bin, mache ich dies und das…” – Jetzt bin ich groß. Und weiter? “Wenn ich doch wieder ein Kind wäre…” ist wohl das deutlichste Anzeichen dafür, dass man im Leben oder in der jeweiligen Phase, in der man steckt, komplett versagt hat. Nun, da ich diesen Satz sehr oft sage, scheine ich wohl eine kleine Versagerin zu sein, was nicht weiter schlimm ist – ich bin halt eine von Vielen, die Welt wird davon schon nicht untergehen.
Ich gucke gerne dieses Bauchtanz-Duell zwischen dieser Frau und dem Mann. Es ist leider sehr kurz. Aber interessant finde ich einfach, wie plump und unbeweglich die Bauchtänzerin im Vergleich zum Bauchtänzer wirkt. Da hilft ihr das Rosa im Kleid auch nicht. Was zum Teufel sollen diese hohen Absätze auch beim Bauchtanz? Durch die verliert man die Weichheit in den Bewegungen. Warum muss die Eitelkeit immer auf Kosten der Kunst gewinnen? Der feine Staub, der dort durch die Luft wirbelt, ist kein Special Effect, sondern ihr Make-Up Puder. Das nur zur Info.
Warum ich so gemein bin? Weil sie’s ohne Talent geschafft hat, Bauchtänzerin zu werden und ich? Ja, ich. Ach, ich. Ja, ich habe derweil fleißig davon geträumt, mal eine zu sein. Anyway, ich studiere ja jetzt bald Jura. *Augen roll*