Posts Tagged ‘Kinder’
26.09.2011, 23:53
Vergesst sie nicht

Tief in euch, dort ist sie verborgen, eingelullt von den kriegerischen Engeln unserer Seele: eure Kindheit. Da liegt es, das Kind in euch, bevor es verletzt wurde, bevor es aus seinen kleinen Locken und den großen Augen entwuchs und in die Welt der Erwachsenen schritt. Pscht, lasst sie nicht raus aus dem Schlaf des Friedens, aus dem Urvertrauen für die Mutter und die Verehrung des Vaters. Lasst sie dort. Schlafen sollen sie, träumen sollen sie – und mit weißen Federn, Regenbogenlaub und Seifenblasen spielen, die niemals zerplatzen, weil es keine Realität gibt, an dessen spitzen Kanten sie sich stoßen könnten. Lasst sie – und vergesst sie nicht.

Manche von uns – nein, viele von uns, hatten diese Kindheit nicht. Hatten diesen Schutz nicht. Ihre Locken hingen traurig runter, bevor sie erwachsen wurden. Das Blond ihrer weichen Haare wurde asch und fahl, das Schwarz ihrer seidenen Haare verlor sich in der Dunkelheit der Angst. Ihre Augen vergossen ihren Glanz an ungehörte Tränen, bevor ihre Körper zu jungen Frauen und starken Männern heranwachsen konnten. Viele von uns hatten diese Kindheit nicht, hatten sie einfach nicht. Lass sie nicht allein – und vergesst sie nicht.

Und trotzdem, wenn ihr sie fragt, haben sie die selben Bilder wie ihr, wenn sie sich in kalten Nächten selbst wärmen müssen. Sie singen sich selbst die selben Lieder vor, die euch eure Eltern vorsangen, als ihr euch nicht in den Schlaf wiegen lassen wolltet. Was ihr Erinnerung nennt, nennen sie Träume. Was ihr Erfahrung nennt, nennen sie Wünsche. Die Zeit, an die ihr mit einem Lächeln zurück denkt, lässt das furchtsame Gesicht eines kleinen Kindes zurück in der Mimik eines Erwachsenen erscheinen. Lasst sie nicht allein – und vergesst sie nicht. Sie sind um euch herum, seid nicht blind, sagt nicht “Das schaffst du schon!” oder “Die Zeit heilt alle Wunden, man muss nur positiv denken”, denn für sie ist das so nicht. Vergesst nicht, nicht jeder hatte ein sicheres Bett mit Blümchenfeen, Mütter und Väter, die sie in den Schlaf küssten, das Gefühl von absolutem Schutz genossen, solange die Vater und Mutter einen mit Liebe durch alle Wege begleiteten. Vergesst das nicht. Vergesst nicht, dass nicht jeder seinen Glauben in sich und in die Zukunft heute noch von dem liebevollen Geflüster seiner Eltern in alten Tagen nähren kann. Vergesst sie nicht. Ich vergesse sie nicht.

30.08.2011, 19:57
[ArtPics] Romero Redondo

Was für ein Bild… Weitere Bilder findet ihr hier: ArtPics.

ArtPics

05.08.2011, 01:10
Shelly ja?

Sie kam auf mich zugerannt, blieb zehn Zentimeter vor mir stehen, schaute mit großen, blauen, kullernden Augen zu mir hoch und schwieg kurz. Dann zeigte sie mit ihrem Fingerchen auf mich und sah ihre Mutter an. “Ja?”, piepste es aus ihrer kleinen Kehle. Es klang wie eine Frage. “Ja, Sophie. Das ist Sherry. Sag’ mal ‘Sherry’!” Sie lächelte vergnügt, quiekte dabei leise, zeigte mit ihrem Fingerchen auf mich und sagte: “Shelly! Ja?” und lacht zufrieden. “Hallooo…” zog ich das Wort lang. “Ich bin Sherry!” Ich sprach meinen Namen langsam und deutlich aus, in einem hohen Ton, ohne bewusst daran zu denken, dass das der Präferenzbereich für kleine Kinderohren war. “Sheeelllrry!”, kicherte und lachte sie mich an und wurde ganz lebendig. “Ja?”, fügte sie hinzu. “Jaaa!”, antwortete ich überrascht und überwältigt. “Richtig!”

Ich war da schon längst hin und weg. Sie sollte mich noch weiter beeindrucken. Sie war gerade einmal 20 Monate alt, war sehr klein und schlank, schnell und flink mit ihren Händen. Nicht nur ihr sprachliches Fassungsvermögen schien überdurchschnittlich ausgeprägt zu sein, sondern auch ihre Feinmotorik. Bestimmt bestand da ein Zusammenhang, dachte ich, doch sie riss mich aus meinen Gedanken heraus, indem sie einfach lebendig war. Ihre Mutter ist Russin, ihr Vater Kurde aus der Türkei. Er sprach mit ihr kurdisch, türkisch und deutsch. Und da er etwas persisch konnte, brachten wir ihr innerhalb dieser halben Stunde drei persische Wörter bei, die sie sogar im Kontext verstand und korrekt anwandte. “Salam” (Hallo), “Khoda(ha)fez” (Tschüss / Möge Gott Dich schützen), “Chetori” (Wie geht es Dir?), “Khubi” (Geht es Dir gut?)…

“Sayaaam!”, lachte sie mich mit strahlenden Augen an, so als wolle sie das Wort an sich belachen, weil sie es ulkig fand. “Salaaam!”, antwortete ich entzückt zurück. “Chetori, Sophie?” Sie antwortete: “Chetori? Sherry? Ja?” Dann lachten wir alle und sie lachte mit, lief dann rund durch das Zimmer, holte ein Spielzeug und zeigte mir geduldig, wie man damit zu spielen hatte. Ich sah ihr aufmerksam zu, hing an ihren kleinen erklärenden Lippen, nickte. Sie war zufrieden mit mir. Dabei wollte nur Uni-Unterlagen abholen und kam völlig berauscht zurück. Sie hatte mein Herz im Sturm erobert. Und ich weiß, sie wird irgendwann mal ein Sprach-Genie. Ich muss sie wiedersehen.

26.07.2011, 15:29
Namenlos schön

Dieses Bild habe ich vor Jahren einmal irgendwo gefunden, aus den Augen verloren und Dank meiner Dada wieder gefunden. Leider weiß ich den Namen des Fotografen nicht und finde auch die Quelle dieses Bildes nicht mehr. Je länger ich drauf starre, desto näher bin ich meinen Tränen und meinem Herzschlag. Das Gesicht dieses kleinen Wesens ist in einem Moment aufgenommen worden, in dem die Verletzlichkeit so greifbar ist, dass sie weh tut. Ich sage nicht mehr viel dazu. Verliert Euch selbst darin.

13.06.2011, 14:29
Roxanne

El Tango de Roxanne

Manchmal zeigte sie ihm eine ganze Woche lang nicht einmal einen Hauch von Zuneigung. Keine Spur von einer inneren Überzeugung, dass sie ihre Gründe dafür hat, dass sie mit ihm zusammen war und nicht etwa mit dem übelriechenden Tankwart, der eine Kippe nach der anderen rauchte und die Kunden mit einem leicht sadistischen Lächeln Unbehagen bereitete. Das war jedoch auch immer die Zeit, in der sie körperlich viel Lust auf ihn empfand. Frei ließ sie sich, gab sich hin, warf ihren Kopf stöhnend in den Nacken und trieb ihn zu Höchstleistungen der Lust an, bis sie beide erschöpft in ihre Laken fielen. Jeder für sich.

Diese Vereinigung war kalt und so frei von tief-emotionaler Intensität, dass sie sogar ihm, der Lust hoch bewertete, zuwider war. So heiß es in der Luft auch war nach ihren Nächten, es war kalt in dem Vakuum zwischen ihnen. Er hätte in ihrer Leidenschaft durch jeden anderen ersetzt werden können, und sie hätte es nicht einmal bemerkt. War sie in dieser Phase der Distanz, so schlief sie nicht mit ihm, sondern schlief mit etwas, das sie befriedigte, nicht mehr und nicht weniger. Es gab keine Mittelwege, keine Symbiose zwischen einem „gemeinsam und animalisch“. Es war nur animalisch und einsam.

Manchmal, da war sie so. Diese Phasen dauerten jedoch nicht lange. Sie waren auch sonst nie so intensiv und greifbar wie dieses Mal. Sie zog sich Wochen lang hin, und er stand daneben, wie hinter einer Scheibe, und erreichte sie nicht. Also beobachtete er sie. Wie sie sich im Haus bewegte, wie sie ihn begrüßte, das Essen zubereitete und es ihm auf den Tisch legte. Alles war barscher, aber unmerklich barsch. Rascher, aber unmerklich rasch. Ihre Hand zog sie von seiner Berührung vielleicht nur einen unmerklichen Moment früher weg als sonst, doch die Kraft dahinter, die spürte er – und sie war wie eine Ohrfeige. Es war kein Loslassen, es war ein Wegziehen. Es war kein Schweigen, sondern ein Ersticken seiner Fragen. Das war kein Blickkontakt beim Besprechen des Alltages, sondern eine eingehaltene Konvention. Manchmal, so hatte er das Gefühl, sah sie sogar durch ihn hindurch, so als sei ihr Wohnzimmer schon ohne ihn geplant.

Nachts schlief er nicht mehr gut, denn sie tat es in der hintersten Ecke des Bettes – eingerollt und den Rücken zu ihm gedreht. Ihre weichen, weißen Brüste waren nicht mehr für ihn gedacht, er konnte sich nicht auf ihren Bauch legen und durch die Welle ihrer Atmung einschlafen. Auch seine Schultern hatten ihren Sinn verloren. Kein zartes Wesen um ihn herum in Sicht, das manchmal ihren Schutz bei ihnen suchte. Er lag wach und befürchtete das Schlimmste. Dass sie jemand anderen gefunden hatte, jemand anderen, der ihr den Nacken streichelte und ihre dunklen Locken zähmte, wenn sie aufgebracht war. Jemand, der ihr einfach mehr war als er ihr das jemals sein konnte. Jemand, den sie dieses Vakuum nicht spüren ließ, bei dem sie seine Hand nicht einmal losließ, geschweige denn wegzog. Doch warum, fragte er sich, schlief sie noch mit mir? Frauen taten das normalerweise nicht, wenn sie emotional von einem entfernt waren. Was also war los? Weiterlesen… »

Gestern waren Mr. Serious und ich in der Stadt und suchten nach einem passenden Spielzeug für meine heute frisch zwei Jahre alt gewordene Klein-Cousine. Nennt man das so? Ich sehe mich dann doch eher als Tante. Jedenfalls, es war erschreckend, zu sehen, was es für Spielzeug gibt für Mädchen. Erst einmal: Alles ist quasi Rosa. Nicht, dass ich etwas gegen Rosa hätte, aber ich finde es furchtbar, darauf getrimmt zu werden. Meine Rosa-Sucht ist ja eher von selbst entstanden, nachdem ich jahrelang hochjungenhaft gelebt hatte und fast nur Jungsspiele für Jungs und mit Jungs spielte. Jedenfalls (die Zweite), war das Rosa nicht das größte Problem. Das größte Problem war, dass wir versucht haben, ein Spielzeug zu finden, das a) das verwöhnte Mädchenauge für Ästhetik und Formschönheit befriedigt und b) dennoch kognitive Fähigkeiten fördert. Das heißt, es wäre gut gewesen, etwas zu finden, das nicht kämmbar, schminkbar, stillbar oder streichelbar wäre – oder wenn, dann nicht ausschließlich.

Aber alles Intelligenzfördernde war in schwarz-blau-kriegerisch-jungenbezogen. Es war dunkel, männlich, heldenhaft, aggressiv, hoch technologisch. Nichts für eine Zweijährige. Nichts für ein Mädchen, eigentlich auch nichts für einen Menschen, den man eben nicht zum Kriegerischen erziehen will – und das sollte man am Besten niemanden. Ich war innerlich ganz geknickt, während ich äußerlich mit meinen “Alice Schwarzer-Sätzen” (so nennt Pepe das immer, wenn er mich zur Weisglut bringen will) so rumspie. Er konnte mich gar nicht mehr zügeln, so übel wurde das. Immerhin waren wir unter Zeitdruck, und so ein Spielzeug konnte die ganze weitere Entwicklung eines kleinen Mädchens beeinflussen. Irgendwann meinte er nur noch: “Schatz, muss das jeder mitkriegen, dass Du in Deinem letzten Leben Xena, die Kriegerprinzessin warst?” – Schachmatt. Ich fauchte wortlos – und wir gingen nach Hause und aßen erst einmal, bevor wir uns dann in die hitzende Einkaufsstraße begaben, um noch einmal unser Glück zu suchen. Und siehe da, wir wurden fündig. Sowas von fündig.

Pepes ingenieurtypischen Einfluss seht Ihr in den Legobausteinchen. Sie sind groß und super geeignet für patschige, neugierige zweijährige Händchen. Und da seht Ihr den Einfluss des Mädchen- und Frauseins (von mir): Hello Kitty. Rosa, Lila, Gelb, Türkis – alles, was das Mädchenherz an hellen, frohen Farben begehrt. Und keine Kriegerburg, keine Ritter, keine Transformers-Elektrik-Robot-Knarre-Gedönsi, aber trotzdem gut für’s Köpfchen. Ich bin hellauf begeistert und total glücklich. Wenn sie sich also heute desinteressiert anstellt, meine kleine Klein-Cousine, dann nehme ich das Spielzeug einfach mit, baue ein Legohaus mit Garten, setze Hello Kitty drauf und benutze es als Deko für unsere Vitirine. Für den Fall, dass sie es doch liebt, habe ich eben ein Erinnerungsfoto von diesem Prachtspielzeug gemacht und kann’s einrahmen und in die Vitrine stellen. Mr. Serious weiß noch nichts von meiner Idee. Aber das ist auch irrelevant. Ich sehe, ich werde verstanden!