01.04.2012, 08:19
Die Anderen
Manchmal sind sie ganz laut, die Gefühle der Anderen. Ich bilde mir dann ein, dass ich sie greifen kann wie eine gefüllte Glaskugel voller Gedanken, Wein und Selbstfragmente, die einander hinterherjagen, um sich endlich zu vereinen. Sie wollen eine überlebenswichtige Geschichte werden und einen Sinn ergeben. Denn ohne Sinn geht es nicht weiter, zumindest nicht für uns Menschen. Dann muss ich mich oft bewusst herauszoomen aus ihrem Erschaffungsakt, mich aus den Seelenfarben anderer mit aller Macht entfernen, gegen alle Widerstände der Anziehung kämpfen, um einen klaren Blick zu behalten. Manchmal ist es so schwierig, mit allen zusammen zu sein, ohne mich selbst zu verlassen. Ich muss diesen Drahtseilakt endlich bestehen lernen, sonst bleibt mein Befinden immer abhängig vom Befinden anderer. Das ist einerseits schön, andererseits auch bodenlos.
Gestern gab sie mir ihre kleine Hand, die vielleicht einviertel so groß war wie meine. Sie sagte mit ihrer kleinen Stimme, dass auch sie Nagellack auf ihren Fingern habe, so wie ich. Aber sie möge meine Farbe lieber. Dabei sahen mich große, liebe Noch-Baby-fast-Kind-Augen an, und ich wusste, sie fragte sich, ob man die Nagellackfarben einfach tauschen könne. In meiner Vorstellung tat ich es. Ich kippte meine Finger nach unten auf ihre kleine Hand – und die Farben flohen auf ihre Nägel, und sie lächelte. Als ich fast dachte, es würde klappen, legte sie ihr Gesicht auf meine Brust. Als wollte sie sagen, es sei schon okay, dass es nicht klappen wird. Ich solle nicht traurig sein. {Die Anderen. Sie sind oft so schön. Wer braucht da noch sich selbst?}
26.09.2011, 23:53
Vergesst sie nicht
Tief in euch, dort ist sie verborgen, eingelullt von den kriegerischen Engeln unserer Seele: eure Kindheit. Da liegt es, das Kind in euch, bevor es verletzt wurde, bevor es aus seinen kleinen Locken und den großen Augen entwuchs und in die Welt der Erwachsenen schritt. Pscht, lasst sie nicht raus aus dem Schlaf des Friedens, aus dem Urvertrauen für die Mutter und die Verehrung des Vaters. Lasst sie dort. Schlafen sollen sie, träumen sollen sie – und mit weißen Federn, Regenbogenlaub und Seifenblasen spielen, die niemals zerplatzen, weil es keine Realität gibt, an dessen spitzen Kanten sie sich stoßen könnten. Lasst sie – und vergesst sie nicht.
Manche von uns – nein, viele von uns, hatten diese Kindheit nicht. Hatten diesen Schutz nicht. Ihre Locken hingen traurig runter, bevor sie erwachsen wurden. Das Blond ihrer weichen Haare wurde asch und fahl, das Schwarz ihrer seidenen Haare verlor sich in der Dunkelheit der Angst. Ihre Augen vergossen ihren Glanz an ungehörte Tränen, bevor ihre Körper zu jungen Frauen und starken Männern heranwachsen konnten. Viele von uns hatten diese Kindheit nicht, hatten sie einfach nicht. Lass sie nicht allein – und vergesst sie nicht.
Und trotzdem, wenn ihr sie fragt, haben sie die selben Bilder wie ihr, wenn sie sich in kalten Nächten selbst wärmen müssen. Sie singen sich selbst die selben Lieder vor, die euch eure Eltern vorsangen, als ihr euch nicht in den Schlaf wiegen lassen wolltet. Was ihr Erinnerung nennt, nennen sie Träume. Was ihr Erfahrung nennt, nennen sie Wünsche. Die Zeit, an die ihr mit einem Lächeln zurück denkt, lässt das furchtsame Gesicht eines kleinen Kindes zurück in der Mimik eines Erwachsenen erscheinen. Lasst sie nicht allein – und vergesst sie nicht. Sie sind um euch herum, seid nicht blind, sagt nicht “Das schaffst du schon!” oder “Die Zeit heilt alle Wunden, man muss nur positiv denken”, denn für sie ist das so nicht. Vergesst nicht, nicht jeder hatte ein sicheres Bett mit Blümchenfeen, Mütter und Väter, die sie in den Schlaf küssten, das Gefühl von absolutem Schutz genossen, solange die Vater und Mutter einen mit Liebe durch alle Wege begleiteten. Vergesst das nicht. Vergesst nicht, dass nicht jeder seinen Glauben in sich und in die Zukunft heute noch von dem liebevollen Geflüster seiner Eltern in alten Tagen nähren kann. Vergesst sie nicht. Ich vergesse sie nicht.
Was für ein Bild… Weitere Bilder findet ihr hier: ArtPics.

05.08.2011, 01:10
Shelly ja?
Sie kam auf mich zugerannt, blieb zehn Zentimeter vor mir stehen, schaute mit großen, blauen, kullernden Augen zu mir hoch und schwieg kurz. Dann zeigte sie mit ihrem Fingerchen auf mich und sah ihre Mutter an. “Ja?”, piepste es aus ihrer kleinen Kehle. Es klang wie eine Frage. “Ja, Sophie. Das ist Sherry. Sag’ mal ‘Sherry’!” Sie lächelte vergnügt, quiekte dabei leise, zeigte mit ihrem Fingerchen auf mich und sagte: “Shelly! Ja?” und lacht zufrieden. “Hallooo…” zog ich das Wort lang. “Ich bin Sherry!” Ich sprach meinen Namen langsam und deutlich aus, in einem hohen Ton, ohne bewusst daran zu denken, dass das der Präferenzbereich für kleine Kinderohren war. “Sheeelllrry!”, kicherte und lachte sie mich an und wurde ganz lebendig. “Ja?”, fügte sie hinzu. “Jaaa!”, antwortete ich überrascht und überwältigt. “Richtig!”
Ich war da schon längst hin und weg. Sie sollte mich noch weiter beeindrucken. Sie war gerade einmal 20 Monate alt, war sehr klein und schlank, schnell und flink mit ihren Händen. Nicht nur ihr sprachliches Fassungsvermögen schien überdurchschnittlich ausgeprägt zu sein, sondern auch ihre Feinmotorik. Bestimmt bestand da ein Zusammenhang, dachte ich, doch sie riss mich aus meinen Gedanken heraus, indem sie einfach lebendig war. Ihre Mutter ist Russin, ihr Vater Kurde aus der Türkei. Er sprach mit ihr kurdisch, türkisch und deutsch. Und da er etwas persisch konnte, brachten wir ihr innerhalb dieser halben Stunde drei persische Wörter bei, die sie sogar im Kontext verstand und korrekt anwandte. “Salam” (Hallo), “Khoda(ha)fez” (Tschüss / Möge Gott Dich schützen), “Chetori” (Wie geht es Dir?), “Khubi” (Geht es Dir gut?)…
“Sayaaam!”, lachte sie mich mit strahlenden Augen an, so als wolle sie das Wort an sich belachen, weil sie es ulkig fand. “Salaaam!”, antwortete ich entzückt zurück. “Chetori, Sophie?” Sie antwortete: “Chetori? Sherry? Ja?” Dann lachten wir alle und sie lachte mit, lief dann rund durch das Zimmer, holte ein Spielzeug und zeigte mir geduldig, wie man damit zu spielen hatte. Ich sah ihr aufmerksam zu, hing an ihren kleinen erklärenden Lippen, nickte. Sie war zufrieden mit mir. Dabei wollte nur Uni-Unterlagen abholen und kam völlig berauscht zurück. Sie hatte mein Herz im Sturm erobert. Und ich weiß, sie wird irgendwann mal ein Sprach-Genie. Ich muss sie wiedersehen.
26.07.2011, 15:29
Namenlos schön
Dieses Bild habe ich vor Jahren einmal irgendwo gefunden, aus den Augen verloren und Dank meiner Dada wieder gefunden. Leider weiß ich den Namen des Fotografen nicht und finde auch die Quelle dieses Bildes nicht mehr. Je länger ich drauf starre, desto näher bin ich meinen Tränen und meinem Herzschlag. Das Gesicht dieses kleinen Wesens ist in einem Moment aufgenommen worden, in dem die Verletzlichkeit so greifbar ist, dass sie weh tut. Ich sage nicht mehr viel dazu. Verliert Euch selbst darin.

Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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