Die Schreibtischlampe surrt ihr weißes Licht auf meine müden Hände. Sie tippen wahllos weiter, ohne zu wissen, welche Vorgaben von Herz und Kopf kommen werden. Also beschließen sie, ohne ihr Zutun weiter zu tippen. Die Schreibtischlampe und ihr Licht. So habe ich mir das Licht einer abgelegenen Folterkammer immer vorgestellt, nur ist es dort in meiner Vorstellung ein aggressives, dumpfes Gelb. Ungreifbar, undefinierbar, brennend in den Augen und eiskalt wie ein Henker. Und das Surren ist nicht ein zufälliges Produkt von elektrischen Unregelmäßigkeiten, sondern ein bewusst eingesetztes Foltermittel, das dem Opfer die Zeit so unberechenbar und unwirklich erscheinen lässt, dass es Tage lang ausharren kann und trotzdem befürchten muss, es seien nur Sekunden vergangen.
Wenn ich lange genug auf meine tippenden Finger schaue, sehe ich sie Klavier spielen. Obsessiv, voller Leidenschaft und teils hauend mit einem unmachbaren Ziel wie etwa der Flucht vor mir selbst. Wie eine Flucht aus den Grenzen des Körpers, des Gehirns, weit hinaus in dieses wunderschöne, kalte Universum, was der letzte Zufluchtsort sein soll und mich doch nur zurück spuckt und sagt: “Du bist doch schon im Universum, Fitzelhirnchen.” Oh, und wie sie spielen, diese Hände. In die Tasten hauen, als würden sie um ihr Leben spielen – und doch nur schreiben.
Ich war einst sehr talentiert. Mit neun Jahren kam ich aus der Schule, schmiss meinen Schulranzen in den Flur, riss meine Zimmertür auf – und ein Klavier stand in meinem Kinderzimmer. Einem ab dem Zeitpunkt unbedeutenden Kinderzimmer. Dort war nur noch ein Klavier, und drumherum ein Nebending, mein Zimmer. Mein Papa stand plötzlich hinter mir, ohne dass ich es merkte. Er legte seine warmen Hände auf meine Schultern und antwortete auf mein strahlendes “Warum, wie Papa?” mit: “Weil es ein Talent ist, wenn man mit sieben Jahren auf einem alten Keyboard kleine, neue Melodien entwirft, die so reif sind wie die traurigen Stücke der Großen, Tochter… Und sie soviel Seele haben, dass ich schon Texte und Lieder daraus machen konnte.” Also begann ich zu spielen. Es war unsere persönliche Liebe. Papas und meine. Die Musik. Er an seinem Schlagzeug und am Mikrophon, denn er konnte beides gleichzeitig und ich am Klavier oder am Keyboard, je nachdem, wo wir zusammen angaben. Bei der Familie, bei seinen Bandkollegen oder nur Zuhause für die Kinder aus der Siedlung. Im Zeitraffer rückblickend, war ich in einer unendlichen Spirale zwischen dem ehrlichen körperlichen Kampf auf dem “Fußballfeld” und dem ruhelosen Spielen auf dem Klavier in meinem Zimmer gefangen. Irgendwann saß die alte Klavierlehrerin neben mir, spielte Stücke, die ich aufzufressen schien mit jeder Zelle meines Körpers. Jene, die wir vierhändig spielten, waren mir die Liebsten. Das war wie das gemeinsame Andocken an unser beider Seelen, um mit größerer Kraft andere Seelen anlocken zu können. Und so war es dann, dass immer, wenn wir mit vier Händen spielten, Mama und Papa vorsichtig die Kinderzimmertür öffneten und dort stehen blieben. Egal wie lange. Sie standen dort und lauschten, bis sich unsere vier Hände auseinanderkeilten und jede Hand wieder zu seinem Besitzer zurück ging. Was für eine Zeit das war. Und wie verwundert meine Lehrerin damals war, als ich ihr nach zwei Jahren gestand, noch immer keine Noten lesen zu können, aber jedes Stück spielen konnte, wie sie es sich wünschte. Denn sie akzeptierte meine eigene Prägung der Stücke ohne Wenn und Aber. Und dennoch. Und dennoch tat ich etwas Unveständliches. Ich hörte auf. Der Sport übernahm meine Raserei. In ihm konnte ich mich stärker verausgaben. Die ewige Unruhe in mir in Erschöpfung umwandeln und wenigstens kurz in gedankenleere Ohnmacht fallen. Gefolgt von der ersten Verliebtheit in wen oder was und dem ersten Melancholiewahn, verblasste mein Klavier immer mehr – bis es irgendwann nicht mehr in meinem Zimmer stand. Und ich weinte ihm keine Träne nach, denn der Stift war nun mein bester Freund. Wenn ich rannte, dann nur auf dem Papier. Ich kleckste Tinte, gravierte Herzblut und Brustschmerz mit dem Kugelschreiber in jede Seite ein. Irgendwann sprengte ich die Seiten und musste einen anderen Weg für den inneren Drang finden, der Notwendigkeit, aus mir herauszuplatzen, bevor ich innerlich erstickte. Also schrieb ich Gedichte, malte Weltuntergänge und erschuf Paradiese mit Worten. Worte in Farben, Worte in Klängen, Worte in Täler, Worte in Liebe, Worte in Tode. Oasen des Glücks schrieb ich, von denen viele etwas haben wollten. Vor allem meine beste Freundin und meine Cousine. Also gehörte es irgendwann zu unserem Leben, dass ich ihnen aus meinen Tagebüchern vorlas, bis wir zufrieden einschliefen. Ich vergaß die Stücke, die ich einst mit meinen kleinen Klavierfingern komponiert hatte. Sie waren vergessen, obwohl meine summende Stimme immer wieder nach ihnen suchte, doch die Melodien brechen ab. Und heute noch, wenn ich mich an dieses Vergessen erinnere, trauere ich um diese Zeit und um mein verstorbenes Talent. Weiterlesen… »
Gestern waren Mr. Serious und ich in der Stadt und suchten nach einem passenden Spielzeug für meine heute frisch zwei Jahre alt gewordene Klein-Cousine. Nennt man das so? Ich sehe mich dann doch eher als Tante. Jedenfalls, es war erschreckend, zu sehen, was es für Spielzeug gibt für Mädchen. Erst einmal: Alles ist quasi Rosa. Nicht, dass ich etwas gegen Rosa hätte, aber ich finde es furchtbar, darauf getrimmt zu werden. Meine Rosa-Sucht ist ja eher von selbst entstanden, nachdem ich jahrelang hochjungenhaft gelebt hatte und fast nur Jungsspiele für Jungs und mit Jungs spielte. Jedenfalls (die Zweite), war das Rosa nicht das größte Problem. Das größte Problem war, dass wir versucht haben, ein Spielzeug zu finden, das a) das verwöhnte Mädchenauge für Ästhetik und Formschönheit befriedigt und b) dennoch kognitive Fähigkeiten fördert. Das heißt, es wäre gut gewesen, etwas zu finden, das nicht kämmbar, schminkbar, stillbar oder streichelbar wäre – oder wenn, dann nicht ausschließlich.
Aber alles Intelligenzfördernde war in schwarz-blau-kriegerisch-jungenbezogen. Es war dunkel, männlich, heldenhaft, aggressiv, hoch technologisch. Nichts für eine Zweijährige. Nichts für ein Mädchen, eigentlich auch nichts für einen Menschen, den man eben nicht zum Kriegerischen erziehen will – und das sollte man am Besten niemanden. Ich war innerlich ganz geknickt, während ich äußerlich mit meinen “Alice Schwarzer-Sätzen” (so nennt Pepe das immer, wenn er mich zur Weisglut bringen will) so rumspie. Er konnte mich gar nicht mehr zügeln, so übel wurde das. Immerhin waren wir unter Zeitdruck, und so ein Spielzeug konnte die ganze weitere Entwicklung eines kleinen Mädchens beeinflussen. Irgendwann meinte er nur noch: “Schatz, muss das jeder mitkriegen, dass Du in Deinem letzten Leben Xena, die Kriegerprinzessin warst?” – Schachmatt. Ich fauchte wortlos – und wir gingen nach Hause und aßen erst einmal, bevor wir uns dann in die hitzende Einkaufsstraße begaben, um noch einmal unser Glück zu suchen. Und siehe da, wir wurden fündig. Sowas von fündig.
Pepes ingenieurtypischen Einfluss seht Ihr in den Legobausteinchen. Sie sind groß und super geeignet für patschige, neugierige zweijährige Händchen. Und da seht Ihr den Einfluss des Mädchen- und Frauseins (von mir): Hello Kitty. Rosa, Lila, Gelb, Türkis – alles, was das Mädchenherz an hellen, frohen Farben begehrt. Und keine Kriegerburg, keine Ritter, keine Transformers-Elektrik-Robot-Knarre-Gedönsi, aber trotzdem gut für’s Köpfchen. Ich bin hellauf begeistert und total glücklich. Wenn sie sich also heute desinteressiert anstellt, meine kleine Klein-Cousine, dann nehme ich das Spielzeug einfach mit, baue ein Legohaus mit Garten, setze Hello Kitty drauf und benutze es als Deko für unsere Vitirine. Für den Fall, dass sie es doch liebt, habe ich eben ein Erinnerungsfoto von diesem Prachtspielzeug gemacht und kann’s einrahmen und in die Vitrine stellen. Mr. Serious weiß noch nichts von meiner Idee. Aber das ist auch irrelevant. Ich sehe, ich werde verstanden!

08.03.2010, 14:40
The Laserdance
Tatsache ist: Hätte man mich damals als Vierzehnjährige gefragt, was ich später gerne werden würde, hätte ich – wenn ich denn ehrlich gewesen wäre – geantwortet: “Ich möchte gerne kriminell werden. Ja. Ich möchte eine Meisterdiebin sein, die schön, beweglich und stark ist, und mit meiner Gang sämtliche reiche Museen oder Leute ausrauben und durch die Armenhäuser verteilen. Gerne behalte ich auch das eine oder andere schöne Schmuckstück für mich. Von irgend etwas müssen wir uns ja die High-Tech Utensilien für unsere kriminellen Wohltaten finanzieren, finden Sie denn nicht, lieber Interviewer?” – “Ja”, hätte er wohl geantwortet. “Gewiss, Frau Sherry. Was für ein guter Mensch Sie doch sind. Und so abenteuerlustig und idealistisch.” Was hätte er sonst antworten sollen? “Ist doch einfach nur edel mein Berufswunsch, oder?”, hätte ich damals gedacht. Ich war komplett davon überzeugt, dass das Geld von extrem reichen Menschen niemals in einer angemessenen Relation zu ihrer Arbeit stehen konnte. Soviel kann ein Mensch gar nicht arbeiten, als dass er als Milliardär ein Existenzrecht hätte. Schon gar nicht, wenn andere neben ihm hungern und verzweifelt nach den 10$ suchen, die sie und ihre Kinder satt machen. Arbeitete dieser Mensch denn soviel weniger? Die geschwielten Hände sprachen meist eine andere Sprache. Weiterlesen… »
In der Fülle Deiner jugendlichen Gedanken und der Menschen um Dich herum findest Du erst einmal Halt. Du beginnst, jeden philosophischen Gedanken, jede Möglichkeit in Deinem inneren Auge zu kombinieren und meinst, daraus eine neue Welt kreiert zu haben. In Deinem neuen Idealismus fängst Du an, Deine “Theorien” vorsichtig an zu testen. Erstmal bei den weniger Klugen, dann bei dem guten Mittelmaß-Mitmenschen – und wenn es bis dahin recht gut angekommen ist; das heißt, man Dich nicht ausgelacht hat ob Deiner Konstruktionen, gehst Du auf die hellen Köpfe zu. Die hellen Köpfe in der Schule sind nicht die ewig auswendig lernenden Streber, sondern die irgendwie etwas miefenden Skurrilos, die sich von den in Deinen Augen “armseligen” Fashion-Victims abheben und jedem Lehrstoff zum Trotz bis zu zehn plausible Gegenargumente ins Gesicht des Lehrers knallen, um zu zeigen, wie sehr sie sein gefressenes Wissen verachten. Irgendwann merkst Du, dass man nicht richtig liegen kann – also der Wahrheit am nächsten sein kann – wenn man – egal, worum’s geht – eine Antihaltung einnimmt. Also entfernst Du Dich von den Skurrilos und suchst weiter.
Die Odysee ging sehr lange, ohne dass ich es merkte. Ich habe immer wieder Menschen gesucht, bei denen ich mich in irgendeiner Weise gedanklich und emotional zu Hause fühle, aber es hat nur sehr selten geklappt. Manchmal waren die Begegnungen sogar so kurz (aber auch so genussvoll) wie eine Portion Frappucino an einem seltsam verregneten Tag mitten im Sommer – aber wenigstens gab es sie, diese kurzen Raststätten; und man tankte wieder Zuversicht.
Im Laufe meiner Entwicklung habe ich Menschen überbewertet, die es nicht wert waren, “Freund/in” genannt zu werden. Ich fing an, mich zu rechtfertigen, mich zu erklären, alles dafür zu tun, dass sie sich nicht verletzt fühlten aufgrund der Tatsache, dass ich so bin, wie ich bin. Sogar verbogen habe ich mich, um niemanden weh zu tun, außer Acht lassend die Tatsache, dass man mir weh tat, weil man mich nur unter Bedingungen “akzeptierte”. Ich wollte manche von ihnen sogar auf eine subtile Art “heilen” und ihnen Großherzigkeit beibringen, indem ich ihnen immer wieder die Hand hinhielt, wenn sie Hilfe brauchten, damit sie sehen, dass nicht nur die Freundschaft von Loyalität lebt, sondern das ganze Miteinandersein – und wurde wieder und wieder Zeuge ihrer Versuche, mir ein Messer in den Rücken zu stechen. Und sei es auch nur bei einer dezenten Zurückhaltung in einer Situation, in der sie hätten so hinter mir stehen müssen, wie ich immer hinter ihnen stand oder auch nur die nach Oberflächlichkeit stinkende Unbedachtheit, mit der sie dem Leid begegnen, wenn auch ganz ohne böse Absicht – distanziere ich mich sofort.
Nach dieser langen Suche nach einem “zu Hause” in Freundeskreisen, habe ich einfach akzeptiert, dass ich eine Einzelgängerin bin und immer eine bleiben werde. Ich habe mich mit anderen Einzelgänger/innen zusammen getan, aber ich bin immer eine geblieben. Ich habe lange gebraucht, um das wirklich zu erkennen, weil man Einzelgänger als Menschen kennt, die nicht so sehr von einem großen Garten träumen, in dem es ein großes, weißes Haus gibt, in der jede geliebte Kleinfamilie der Großfamilie lebt und jeder Freund ein Zimmer bewohnte – aber so ist es: Ich bin eine Einzelgängerin.
In der letzten Zeit denke ich sehr ans Auswandern. Die Konstruktion “Deutschland” hat mich nie mehr belastet als in den letzten 3-4 Jahren. Ich dachte immer, ich fühle mich wohl hier; und vielleicht war es auch immer so, aber ich tu’ es nicht mehr. Ich fühle mich nicht mehr sicher hier – und damit das nicht falsch verstanden wird: Es liegt nicht ausschließlich an den “Deutschen”, sondern auch an einigen Ausländergruppen, die mich immer mehr nerven und auf Kosten von Ausländern, die sich hier wirklich eingliedern wollen, ihre “Manieren” und ihre “Kultur” meinen, in pervertierter Form ausleben zu müssen. Auch die Iraner in Deutschland stoßen mich in gewissen Punkten immer mehr ab. Kein Zusammenhalt, keine Offenheit, kein Rückhalt, keine Sicherheit.
Das Land, in das ich auszuwandern gedenke, ist ausgerechnet Hass-Außenpolitik No. 1 oder 2: Amerika. Ausgelöst wurden diese Wünsche von einem Noruz-Video. Die Straßen von sämtlichen Straßen in den USA waren voll von feiernden Iranern, die gemeinsam Neujahr feierten und am letzten Tag des Neujahres in Massen mit ihren Familien Picknick hielten, so wie es seit tausenden Jahren für einige iranische Völker der Brauch ist. Nebenbei liefen amerikanische Reporterinnen herum und interviewten die Massen. Amerikaner feierten mit und beglückwünschten Iraner zu ihrem neuen Jahr und aßen mit. Die Situation kam mir so unglaublich surreal vor, dass mir der Mund offen blieb. Ich lebe seit über 20 Jahren hier – und mir ist soetwas noch nie begegnet – und dann sehe ich diese Art von Offenheit gerade in dem Land, dessen Außenpolitik ich so dermaßen verachte.
Ich habe schon oft gehört, Amerikaner seien dümmer, ungebildeter, ignoranter, furchtbar patriotisch (was mich besonders nerven würde) und dazu sehr oberflächlich. Das war alles für mich Grund genug, um nicht dort leben zu wollen. Auf der anderen Seite frage ich mich inzwischen: Was habe ich von der angeblichen “Nicht-Oberflächlichkeit” der in Deutschland lebenden Menschen (ob nun Ausländer oder Deutsche)? Und was schadet es mir, wenn ich zwar keine tiefe, innige Freundschaft zu der Amerikanerin eingehe, diese mich aber nett anlächelt und mir ein paar nette, vielleicht sogar ernstgemeinte Komplimente an den Kopf wirft, anstatt passend zur grauen Betonlandschaft voller, selbst auferlegter Ignoranz seiner Umgegbung gegenüber durch die Gegend zu laufen? Es schadet mir nichts. Ich bin schon lange nicht mehr irgendwelche Freundschaften aus. Ich glaube, Freundschaft ist wie Liebe – sie fällt vom Himmel und ist plötzlich da – und es liegt dann an den Beteiligten, sie vorsichtig miteinander zu vertiefen.
Bis aber soetwas Wundervolles vom Himmel fällt, soll der Himmel wenigstens blau sein und die Gesichter nicht so abgeneigt. Ich will hier einfach weg… Ich will hier nicht alt werden. Das Leben soll endlich so sonnig und bunt sein wie diese zwei Eisbecher.
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Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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