29.12.2011, 15:16
Tagebuch
Früher, als ich Tagebücher meistens innerhalb von nur zwei Wochen vollgeschrieb, habe ich mir immer sehr Günstige gekauft. Manchmal waren es auch nur dickere Seminarblöcke. Nun, da ich für eines über ein Jahr brauche, dürfen sie auch einmal so aussehen. Das hier ist mein 162. Tagebuch.


Für das neue Semester ein Stifte-Etui, ein Hausaufgabenheft und ein Bleistift im selben Stil. Und für das neue Jahr einen neuen Notizkalender. Gesehen, verliebt, gekauft.


22.07.2011, 03:12
Bauchgefühlt.
Die “Liebe”, die im Bauch weh tut. Wir hatten vielleicht nur dieses eine Gefühl in jungen Jahren. Bauchweh. Und haben das umschrieben in die eine Sehnsucht, die da zog – im Bauch und in der Brust. Zog, bis wir kannibalisch seufzten, unwissend, ob es die Gedärme sind, die sich da beschwerten oder die Seele, die nicht aus ihrem Körper konnte. Dieses Ziehen auf das Gesicht eines x-beliebigen Jungen oder Mädchen projiziert und dafür gelebt, dass es verschwindet mit – ja, verschwindet mit dem ersten Kuss. Mit der Erlösung dieses ersten Kusses. Wir haben durch dieses Bauchweh die größten poetischen Werke über Liebe, Hass, Tod und Verrat karikatiert, uns in Goethes Gesülze plötzlich Zuhause gefühlt und Wehmut und suizidale Melancholie wie Wein gesoffen, bis wir daran verkatert und gänzlich eingenässt den Alltag verneinten, nur um im dunklen, miefenden Jugendzimmer weiter leiden zu können. Am Liebeswahn, das sich nur im Bauchweh zeigte. Und Pups.
Es war eine grandiose Zeit. Grandiose Emotionen, Vulkane von Unsinnsgedanken, Wirrsinnstäler ohne Mittelhügel – nur himmelhochweit oder abgrundtieftot. Eine Zeit voller Hingabe, Größenwahn und Unterwerfung. Und all das Grandiose, das äußerte sich in Bauchweh. Und einer grandiosen Verdauung. Diese plumpen, eigentlich nichtssagenden Bauchschmerzen, die auch hätten einfach aufgrund von Blähungen entstehen und in einer Dünnschissspirale enden können. Darin fanden wir den Beweis der Echtheit und Größe unserer Emotionen. Pups.
An Erich Frieds Gedichten haben wir geschnüffelt wie an Koksstraßen zum bitteren Ende. Sie in unsere Nase gejagt, uns zurückgelehnt und “Aaahhh…” ausgerufen, als sei es das Ur-Wort unserer geballten Leidenschaft gewesen, das einzig Würdige. “Aaah, ich will leben oder auch nicht oder so!”, geschworen und dann über uns selbst gelacht. Allein und zusammen. Mit der besten Freundin unter der Decke mit der Taschenlampe – oder auf dem Spielplatz allein mit dem Tagebuch in der Hand und der Liste voll von Träumen, die man ab sofort zu jagen schwor. Dann den Fried wieder gelesen und geweint ob all dieser Tiefe, die eben nur er – Dein einziger Freund – verstand. Bis wir auf Hafez und Rumi trafen und entschieden, wir müssen sterben, weil wer (er)trägt schon all diese Fluten voller Schönheit, Rosen und Gott, ohne sich zu erhängen? Als dann die letzte Seite von Hafez Wein und Rumis Liebe gelesen war, fielen wir in Löcher. Tiefe Löcher der Leere, tiefe Löcher der Schwere, weil das Warten auf diesen einen Kuss unerträglich wurde und in immer weiterer Ferne lag. Und diese Ungeduld, der Kampf gegen sich selbst, der äußerte sich in Bauchschmerzen. Plump wie eine Magen-Darm-Verstimmung nach zuviel Völlerei und schlechtem Fisch. So in etwa. Wieder Pups. Weiterlesen… »
Eigentlich wollte ich ja klassisches Werkzeug nehmen. Aber ehrlichgesagt habe ich weniger einen Bezug dazu, als zu diesem Werkzeug. Ich meine, wenigstens nutze ich das hier tatsächlich.

21.06.2011, 17:53
Kleine Geschenke
Nach meiner kleinen kreativen Phase, die Euch die letzten Tage vermutlich mal genervt, mal erfreut hat, schlug die totale Verkopfung wieder zu. Mein Kopf dachte systematisch, Distraktoren wurden mit aller Kraft ausselektiert und nicht mehr semantisch verarbeitet, das Verspielte wich der erzwungenen Klarheit – und meinem fokussierendes Hirnorgan entging nichts Relevantes (trotz meines sympathischen ADS). Alles klappte wie am Schnürchen.
Je zwangloser meine kreative Phase sich austobte, desto schwerer fiel es mir, einigen Aufgaben meiner Arbeit und meines Studiums gerecht zu werden. Ich soll Daten auswerten, während jedes Alpha, Beta und jede Effektstärke eine neue Geschichte in meinem Kopf fluktuieren ließ? Das ging nicht. Ich sollte für die Forschungsarbeit präzise Sätze formulieren, wenn ich dazu neigte, das zu erforschende psychologische Konstrukt nach Lust und Laune zu bewerten und nicht etwa nach der psychodiagnostischen Schablone zu gehen? Völlig unmöglich. Also lieber Verkopfungsstrategien anwenden (brutal, sag’ ich Euch!) Am anderen Ufer gelandet – also an der Kopfseite meines Geistes (und glaubt mir, das Wort “Geist” hätte ich vorhin nicht verwendet, weil ja unwissenschaftlich. Höhö!), versuchte ich mein Herz aus’m Kopf zu schieben. Ächzend, keuchend, oft auch zwecklos – heute mal nicht.
Aber dann machte er mir einen Strich durch die Rechnung. Wie so oft, wenn ich angespannt wirkte. Mit diesen beiden bunten Schmuckstücken da unten in der Hand, kam er auf mich zu, lächelte unsicher ob der knalligen Farben und zerstörte meine ganze Streiterei zwischen uns drei (Ich, Herz, Kopf) auf einem Schlag! All die Alphas, Betas und Effektstärken waren kurz verschwunden. Ich strahlte die Pinkheit meiner Freude durch die ganze Atmosphäre, um danach summend und mit mir versöhnt meine Aufgaben erledigen zu können. Mein Baby ist der Beste. Im Ernst. Er weiß Bescheid. Er weiß, dass ich mit Herz und Kopf zusammen zwar etwas länger brauche als nur mit dem Kopf, aber dass die Resultate meiner Arbeit dann umso lebendiger sind. Und darum soll’s in der Psychologie doch gehen, oder? Um das Leben.

Gestern waren Mr. Serious und ich in der Stadt und suchten nach einem passenden Spielzeug für meine heute frisch zwei Jahre alt gewordene Klein-Cousine. Nennt man das so? Ich sehe mich dann doch eher als Tante. Jedenfalls, es war erschreckend, zu sehen, was es für Spielzeug gibt für Mädchen. Erst einmal: Alles ist quasi Rosa. Nicht, dass ich etwas gegen Rosa hätte, aber ich finde es furchtbar, darauf getrimmt zu werden. Meine Rosa-Sucht ist ja eher von selbst entstanden, nachdem ich jahrelang hochjungenhaft gelebt hatte und fast nur Jungsspiele für Jungs und mit Jungs spielte. Jedenfalls (die Zweite), war das Rosa nicht das größte Problem. Das größte Problem war, dass wir versucht haben, ein Spielzeug zu finden, das a) das verwöhnte Mädchenauge für Ästhetik und Formschönheit befriedigt und b) dennoch kognitive Fähigkeiten fördert. Das heißt, es wäre gut gewesen, etwas zu finden, das nicht kämmbar, schminkbar, stillbar oder streichelbar wäre – oder wenn, dann nicht ausschließlich.
Aber alles Intelligenzfördernde war in schwarz-blau-kriegerisch-jungenbezogen. Es war dunkel, männlich, heldenhaft, aggressiv, hoch technologisch. Nichts für eine Zweijährige. Nichts für ein Mädchen, eigentlich auch nichts für einen Menschen, den man eben nicht zum Kriegerischen erziehen will – und das sollte man am Besten niemanden. Ich war innerlich ganz geknickt, während ich äußerlich mit meinen “Alice Schwarzer-Sätzen” (so nennt Pepe das immer, wenn er mich zur Weisglut bringen will) so rumspie. Er konnte mich gar nicht mehr zügeln, so übel wurde das. Immerhin waren wir unter Zeitdruck, und so ein Spielzeug konnte die ganze weitere Entwicklung eines kleinen Mädchens beeinflussen. Irgendwann meinte er nur noch: “Schatz, muss das jeder mitkriegen, dass Du in Deinem letzten Leben Xena, die Kriegerprinzessin warst?” – Schachmatt. Ich fauchte wortlos – und wir gingen nach Hause und aßen erst einmal, bevor wir uns dann in die hitzende Einkaufsstraße begaben, um noch einmal unser Glück zu suchen. Und siehe da, wir wurden fündig. Sowas von fündig.
Pepes ingenieurtypischen Einfluss seht Ihr in den Legobausteinchen. Sie sind groß und super geeignet für patschige, neugierige zweijährige Händchen. Und da seht Ihr den Einfluss des Mädchen- und Frauseins (von mir): Hello Kitty. Rosa, Lila, Gelb, Türkis – alles, was das Mädchenherz an hellen, frohen Farben begehrt. Und keine Kriegerburg, keine Ritter, keine Transformers-Elektrik-Robot-Knarre-Gedönsi, aber trotzdem gut für’s Köpfchen. Ich bin hellauf begeistert und total glücklich. Wenn sie sich also heute desinteressiert anstellt, meine kleine Klein-Cousine, dann nehme ich das Spielzeug einfach mit, baue ein Legohaus mit Garten, setze Hello Kitty drauf und benutze es als Deko für unsere Vitirine. Für den Fall, dass sie es doch liebt, habe ich eben ein Erinnerungsfoto von diesem Prachtspielzeug gemacht und kann’s einrahmen und in die Vitrine stellen. Mr. Serious weiß noch nichts von meiner Idee. Aber das ist auch irrelevant. Ich sehe, ich werde verstanden!

Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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