Posts Tagged ‘Klinische Psychologie’
17.04.2010, 14:38
Deine Wege

Du öffnest irgendwann die Augen und erschreckst dich ob der strahlenden Sonne. Sie penetriert nicht nur deine lichtempfindlichen Augen, sondern auch dein lebloses Gemüt. Schleppend bist du, schleppend sind deine Gedanken, schleppend ist jede Regung in deiner trägen Seele. Die einst einander neckenden Lichtreflektionen in dir – du nanntest sie „Freude“ – liegen komatös in der Dunkelheit deines Seelenkerkers. Du atmest kurz. Kaum hörbar. Mit schweigender Brust. Und nimmst dein Leben hin, wie es ist. Du kämpfst nicht, du spielst nicht, du liebst (dich) nicht, du willst nicht – weil es nichts mehr zu wollen gibt.

Irgendwann regt sich wie von selbst deine Hand. Du schaust auf die Uhr. Der Tag ist weder früh noch spät. Irgendetwas dazwischen – so wie du. Nicht ganz lebendig, aber auch nicht ganz tot. Du hasst „dazwischen“. Dazwischen ist schlecht. Dazwischen ist, wenn es zu spät ist, um wichtige Dinge erledigen zu können, um dich nützlich zu fühlen – aber zu früh, um den Tag ungenutzt dahin rieseln zu lassen. Du hast noch die Chance, dich zu entscheiden. Etwas Gutes wirst du tun, etwas Gutes. Nur was? Stunden verharrst du in der Frage und lässt den Tag dann doch aus deinen Händen in den Wind gleiten. Sang- und klanglos weht er dahin, der Tag – und „Irgendwann auch mein Leben…“, denkst du.

Verloren schaust du in die Augen jener, die Angst um dein Leben haben und sich still fragen, ob du je wieder zurückkommen wirst. Halt suchst du, doch ungesagte Vorwürfe findest du. Du munterst sie tapfer lächelnd, aber wortlos auf: „Natürlich. Ich komme wieder. Aber nicht jetzt, ich bin so müde. So müde. Bitte lasst ab von mir.“ Und sie gestehen dir zu, was du dir wünschst. Zweifelnd und verzweifelt darüber, ob das nachlässig oder notwendig ist. Ob das hilft oder hemmt.

Irgendwann stehst du auf. Nicht, weil du Mut oder Kraft gefasst hast. Die plumpe Notdurft deines Körpers zwingt dich einfach dazu. Kurz glaubst du wieder an den Mythos von reinigendem Wasser und wäschst dir das Gesicht mit ihrer Kälte. „Durch die Augen soll es in meine Seele, dort flussgleiche Kreise ziehen und sie von ihrem bleiernem Untreiben befreien.“ Doch ein Blick in den Spiegel zeigt dir, dass nicht einmal dein Gesicht zum Leben zu erwecken ist.

Kurz schreitest du zum Fenster. Nicht, um die schweren Vorhänge zu öffnen, sondern die letzten durchschimmernden Lichtstrahlen zu ersticken, damit die Sonne dich nicht verhöhnen kann. Erschöpft lässt du dich erneut in dein Bett fallen. „Hallo Bett…! Da bin ich wieder“, lächelst du traurig. Dann lässt du dich voller Hingabe fallen und bleibst doch erstarrt wie verkrusteter Dreck an alter Kleidung liegen. Beschaust jede Ecke deines Zimmers, zählst die Wandfarben-Noppen deiner weißen Decke und verharrst stundengleiche Augenblicke bewegungslos, während in dir träge Lava brodelt. Du weißt, bald eruptierst du. Aber vorher bleibst du wach. Zeitlose Ewigkeiten, gefangen in deiner eigenen Schwärze, passierst du angsterfüllt deine Wege, wenn andere Schäfchen zählen. Du suchst die Tür nach draußen. Draußen ist dort, wo es kein „dazwischen“ mehr gibt. Wo das Lachen nach Lachen und das Weinen nach Weinen klingt. Da willst du hin… Weiterlesen… »

Dr. P. war ein Musiker von Rang und Namen, ein seit vielen Jahren weithin bekannter Sänger und Lehrer. Bereits ein paar Sekunden nach unserer ersten Begegnung war mir klar, dass es bei ihm keine Anzeichen von Demenz gab. Er war ein sehr kultivierter und charmanter Mann, er sprach gepflegt und flüssig, besaß Fantasie und Humor (…)

“Was fehlt Ihnen denn?”, fragte ich ihn schließlich.
“Nichts von dem ich wüsste”, antwortete er mit einem Lächeln, “aber die Leute scheinen u denken, dass etwas mit meinen Augen nicht stimmt.”
“Aber Sie bemerken keinerlei Sehschwierigkeiten?”
“Nein, nicht gerade, aber hin und wieder mache ich Fehler.” (…)

Das erste seltsame Erlebnis trat auf, als ich seine Reflexe untersuchte. Ich hatte seinen linken Schuh ausgezogen und mit einem Schlüssel seine Fußsohle gekratzt – ein albern erscheinender, aber wesentlicher Test eines Reflexes – und entschuldigte mich dann für einen Moment, um mein Ophtalmoskop zusammen zu schrauben, wobei ich ihn zurückließ, damit er sich wieder seinen Schuh anziehen konnte. Zu meiner Überraschung hatte er das aber nach einer Minute noch nicht getan.

“Kann ich Ihnen helfen?”, fragte ich.
“Wobei helfen? Wem helfen?” (…)
“Ihr Schuh”, wiederholte ich. “Vielleicht sollten Sie ihn wieder anziehen?”

Er blickte immer noch nach unten, wen auch nicht auf den Schuh, mit einer intensiven, fehlgerichteten Konzentration. Schließlich ließ sich sein Blick auf seinem Fuß nieder.

“Das ist mein Schuh, nicht wahr?” Hatte ich mich verhört? Hatte er sich verblickt?
“Meine Augen”, erklärte er und legte seine Hand auf seinen Fuß. “Das ist mein Schuh, nicht wahr?”

“Nein, das ist er nicht. Das ist Ihr Fuß. DORT ist Ihr Schuh.”

Machte er Witze? War er verrückt? War er blind? Wenn das einer seiner 2seltsamen Fehler” war, dann war es der seltsamste Fehler, dem ich je begegnet bin. Ich half ihm mit seinem Schuh (seinem Fuß), um weitere komplikationen zu vermeiden. Ich setzte meine Untersuchung fort. Seine Sehschärfe war gut; er hatte keine Schwierigkeiten, eine Stecknadel auf dem Boden zu sehen. (…)

Er sah zwar gut, aber was sah er?

“Was sit das?”, fragte ich ihn und hielt einen Handschuh hoch.
“Darf ich es untersuchen?”, fragte er und nahm ihn mir aus der Hand.
“Eine ununterbrochene Oberfläche”, gab er schließlich bekannt, “die in sich selbst gefaltet ist. Es scheint fünf” – er zögerte – “Ausstülpungen zu haben, wenn das das richtige Wort dafür ist.”

“Ja”, sagte ich vorsichtig. “sie haben mir eine Beschreibung gegeben. Nun sagen Sie mir, was es ist.”
“Irgendeine Art Behälter?”
“Ja”, sagte ich, “aber was würde er aufnehmen dieser Behälter?”
“Er würde seinen Inhalt aufnehmen”, sagte Dr. P. mit einem Lachen. “Es gibt viele Möglichkeiten. Es könnte zum Beispiel ein Geldbeutel für Münzen in fünf unterschiedlichen Größen sein. Es könnte…”

“Sieht er nicht vertraut aus? Denken Sie, es könnte einen Teil des Körpers umfassen, zu einem Körperteil passen?”

Auf seinem Gesicht zeigte sich kein Anzeichen eines Wiedererkennens.
Ich muss entsetzt dreingeblickt haben, aber er schien zu denken, dass er seine Sache gut gemacht hatte. Da war eine Andeutung eines Lächelns auf seinem Gesicht. Er schien außerdem beschlossen zu haben, dass die Untersuchung vorbei ist und begann, sich nach seinem Hut umzusehen. Er steckte seine Hand aus und ergriff den Kopf seiner Frau, versuchte ihn hochzuheben und ihn aufzusetzen. Er hatte offenbar seine Frau mit einem Hut verwechselt. Seine Frau sah aus, als ob sie solche dinge gewohnt war.

(Symptome aufgrund der Zerstörung von Bereichen des Assoziations- oder des sekundären sensorischen Cortex)

Nadia litt an schwerem Autismus; ihr IQ lag zwischen 60 und 70. Sie konnte kaum zwei Wörter zusammensetzen. Dennoch konnte sie im Alter von 6 Jahren Bilder von Menschen, Tieren und anderen komplexen Dingen zeichnen, die ausstellungsreif waren.

Ein anderer Savant konnte die Tageszeit bis auf die Sekunde genau angeben, ohne je auf seine Uhr zu schauen. Sogar im Schlaf murmelte er die richtige Zeit.

Eine andere Savant konnte die Breite von Objekten bestimmen. Zum Beispiel wurde sie gebeten, die Breite eines Felsens anzugeben, der 6 Meter entfern auf dem Boden lag. „Genau 90 cm und 8 mm.“ antwortete sie. Sie lag richtig; in der Tat, sie lag immer richtig.

Tom war ein blinder, autistischer 13-jährger, der seine eigenen Schuhe nicht binden konnte. Er erhielt niemals irgendeine musikalische Ausbildung, aber er konnte das schwierigste Klavierstück spielen, nachdem er es nur ein einziges Mal gehört hatte, sogar wenn er mit dem Rücken zum Klavier stehend spielte. Einmal spielte er ein Lied mit der einen Hand und ein zweites mit der anderen, während er ein drittes sang.

Ein autistisches Zwillingspaar hatte Schwierigkeiten, einfache Additionen und Subtraktionen auszuführen, und es konnte nicht einmal erfassen, was Multiplikation und Division sind. Nannte man ihnen jedoch ein Datum der letzten oder der nächsten 40.000 Jahre, so konnten sie den Wochentag bestimmen, auf den es fallen würde. Ihr Kurzzeitgedächtnis für Zahlen war erstaunlich: Sie konnten eine Liste von 300 Ziffern richtig wiederholen, nachdem sie sie nur einmal gehört hatten. Einmal fiel eine Schachtel Streichhölzer auf den Boden: „Einhundert und elf“, riefen sie sofort gemeinsam. Es waren tatsächlich 111.

09.04.2010, 22:44
Der Fall von Genie

Als Genie im Alter von 13 Jahren ins Krankenhaus eingeliefert wurde, war sie nur 1,35 Meter groß und wo lediglich 28,1 Kilogramm. Sie konnte nicht aufrecht stehen, keine feste Nahrung kauen und weder Darm noch Blase kontrollieren. Seit dem Alter von 20 Monaten hatte Genie die meisten Tage in einem kleinen, dunklen, abgeschlossenen Zimmer angebunden an ein Töpfchen verbracht. Ihre einzige Kleidung waren Stoffgurte, die es ihr nicht erlaubten, etwas anderes als ihre Hände und Füße zu bewegen. Am Abend wurde Genie in ein zugedecktes Gitterbett umgelagert und in eine Zwangsjacke gesteckt. Ihr Vater duldete keinen Lärm und er schlug Genie, wenn sie auch nur einen Mucks von sich gab. Nach Angaben ihrer Mutter, die beinahe völlig blind war, sprachen Genies Vater und Bruder nur selten mit Genie, nur manchmal bellten sie sie wie Hunde an. Die Mutter durfte jeden Tag nur ein paar Minuten mit Genie verbringen, und während dieser Zeit fütterte sie Genie mit Cerealien oder Babynahrung – Genie wurde keine feste Nahrung erlaubt. Genies schwere Kindheitsdeprivation hinterließ schwerwiegende Narben.

Als sie ins Krankenhaus eingeliefert wurde, gab sie nahezu keinen Laut von sich und war völlig unfähig zu sprechen.

Nach Genies Entdeckung wurden große Anstrengungen unternommen, ihre Entwicklung in die richtige Bahn zu lenken und ihre Probleme und Fortschritte zu dokumentieren: allerdings „verschwand“ Genie nach ein paar Jahren in einer Reihe von Rechtsverfahren, Waisenheimen und Institutionen.

Obwohl Genie in den Jahren nach ihrer Befreiung, in denen sie eine besondere Betreuung erhielt, einige Fortschritte machte, war es offensichtlich, dass sie niemals auch nur annähernd eine normale psychische Entwicklung erreichen würde.

Nachfolgend sind ein paar ihrer anhaltenden Probleme beschrieben: Sie reagierte nicht auf extreme Wärme und Kälte; sie neigte zu Wutanfällen, während derer sie um sich schlug, spuckte, kratzte, urinierte und ihre eigenen Ausscheidungen über ihren ganzen Körper verschmierte; sie erschrak leicht und zeigte dann starke Angstreaktionen (z.B. bei Hunden und Männern in Khaki Hosen); sie konnte nicht kauen; sie konnte nur kurze, undeutliche Äußerungen von sich geben.

Genie lebt derzeit in einem Heim für geistig behinderte Erwachsene. Dieser Fall zeigt eindeutig, dass Erfahrung bei den Prozessen der neuronalen Entwicklung eine wichtige Rolle spielen.

Sie hat die Vorstellung von „links“ vollständig verloren, sowohl in Bezug auf die Welt als auch in Bezug auf ihren eigenen Körper. Manchmal beschwert sie sich, dass ihre Proportionen zu klein sind, aber nur deshalb, weil sie nur von der rechten Hälfte ihres Tellers isst – es kommt ihr nicht in den Sinn, dass er auch eine linke Hälfte hat.

Manchmal trägt sie Lippenstift auf und schminkt die rechte Hälfte ihres Gesichts, wobei sie die linke Hälfte komplett vernachlässigt: es ist beinahe unmöglich, diese Ausfälle zu behandeln, da ihre Aufmerksamkeit nicht auf sie gelenkt werden kann (…)

Sie hat Strategien entwickelt, um mit ihrem Problem zu recht zu kommen. Sie kann nicht direkt nach links schauen oder sich nach links drehen; daher dreht sie sich nach rechts – bis sie einen ganzen Kreis beschrieben hat. Daher verlangte und erhielt sie einen drehbaren Rollstuhl. Und wenn sie nun etwas nicht finden kann, von dem sie weiß, dass es da sein sollte, dreht sie sich in einem Kreis nach rechts, bis es schließlich zu sehen ist. (…)

Wenn ihr ihre Portionen zu klein erscheinen, dreht sie sich nach rechts, wobei sie ihre Augen nach rechts richtet, bis die zuvor vermisste Hälfte zu sehen ist; sie wird sie essen, oder vielmehr die Hälfte davon, und sich weniger hungrig fühlen als zuvor. Falls sie aber immer noch hungrig ist, oder falls sie über die Sache nachdenkt und bemerkt, dass sie nur die Hälfte der fehlenden Hälfte wahrgenommen haben könnte, wird sie eine zweite Drehung vornehmen, bis das restliche Viertel in Sicht kommt.

(Kontralaterale Neglect ist eine Störung der Fähigkeit, auf Reize zu reagieren, die auf der Körperseite gegenüber einer Gehirnläsion [kontralateral] auftauchen)