15.05.2012, 12:28
Ich habe Muskeln
Ich habe Muskeln. Ich habe sie in meinen Ohren gelassen, sie wollen dort wachsen und der Welt durch ihren Resonanzkörper ihr eigenes Echo zurückschenken. Wir müssen wissen, wie laut wir sind und wie leer. Und wir müssen wissen, was wir jeden Tag tun, wenn wir Kaffee trinken – von Kinderhänden angebaut-, ihnen mit Peitschenhieben das letzte Brot aus den Händen schlagen und durch unsere Völlerei ihrer Zukunft berauben.
Die Nachrichten öden uns an. Schon wieder Tote, denken wir. Wir sind es gewöhnt, sie wie im Sturzflug auf unser’n Asphalt fallen zu sehen. Wie vertriebene Engel sehen sie aus, dabei sind sie nur vergessene Kinder. Doch kurz vor Knochen- und Blutgeräuschen, lösen sie sich auf und verharren stillstummgepeinigt in der Zeit, weil irgendein neues Event, das man uns als Flyer vor die Augen hält, uns unseren Sinn für sie versperrt. Literaturrunde am Reichenspergerplatz, Integrationsdebatte Nähe Ludwigmuseum, “Wir alle sind Kunst”-Gruppen im Zentrum des Lebens. Studierende erwünscht. Die Elite muss ge-elitet werden. Wir wollen uns in einer geistigen Orgie gemeinsam auf die Schultern klopfen, bestätigen, wie intellektuell wir seien, wie fortschrittlich, wie wichtig – {für uns selbst}. Dann fragt jemand in die Runde “Seid ihr das wirklich? Habt ihr die Toten im Sturzflug gesehen?” Ja, sagt jemand unberührt, angemessen für sein stattliches Bild als rationaldenkender Universalmoralist, der die abgeklärte Überlegenheit aufweist, dem menschlichen Leben so wenig Wert wie möglich beizumessen, so rein philosophisch betrachtet völlig korrekt, doch fernab der fleischlichen Realität. “Ja”, sagt er, “Habe ich. Deshalb bin ich hier, ich plädiere für Bildung, damit soetwas nicht mehr passiert.” Der Jemand schüttelt den Kopf. Ein Zeichen für mittlere Betroffenheit. Kommt an, wird gewürdigt. Weiterlesen… »
10.05.2012, 21:41
Ich bin Akeem
Mein Name ist Akeem. Ich bin zweiunddreißig Jahre alt, und es ist nicht leicht für mich hier. Ich bin fremd. Nach dem Israel-Libanon Krieg im Jahre 2006 bin ich auf das Flehen meiner Eltern hin nach Deutschland gekommen. Am Anfang war ich sehr dankbar, hier sein zu dürfen. Hier war die Sicherheit, von der meine Eltern träumten. Meine Cousins und Cousinen schreiben mir ein Mal im Monat Briefe und danken Gott dafür, dass wenigstens ich es gut habe, und ich kann nichts tun, außer mich in Demut zu üben und Dankbarkeit zu zeigen, denn sie haben alle einiges dafür geopfert, damit ich hier ein erfolgreicher Künstler werden kann. Bevor der Krieg begann, lief es sehr gut mit meinen Bildern, und ich war dabei, bekannt zu werden.
Manchmal fühle ich mich hier wie ein unerwünschter Fremdkörper, aber einer, der auch weiß, dass er ein Fremdkörper ist und keinerlei Antrieb hat, seine Existenz mit Gewalt im Wirtsorganismus durchzusetzen. So kam es, dass ich anfing, meine Bilder anders zu malen, als ich es in der Heimat tat. Wenn ich mich hier einem Gemälde widme, dann halte ich mich inzwischen zurück, sonst wird das Ergebnis als “kitschig” betitelt. Ein Wort für Kitsch mit einer negativen Konnotation gibt es in meiner Sprache nicht, und wenn, dann habe ich es vergessen. Es verletzt mich. Vor allem, weil niemand aus meiner Familie hier ist, um mich vor diesen kritischen Stimmen zu verteidigen. Niemand ist hier, um den anderen zu sagen, dass ich wirklich so fühle wie ich male. So, wie es in meinen Bildern zu sehen ist. Was sie eigentlich sagen, diese Fremden hier, bedeutet nämlich, dass das, was ich fühle, nicht echt sei, sondern eine Übermalung dessen, was “normale Menschen” sonst in sich erleben würden. Sie haben auch andere Wörter für das, was sie an mir ablehnen. Wörter wie “sentimental”. Eine genaue Grenze dessen, was sentimental ist und was nicht, können sie mir nicht nennen. Also muss ich den ganzen Tag in Unsicherheit die Angst brüten und raten, was zu sagen und zu malen richtig ist. Meine Intuition redet nicht mehr mit mir, seit ich Angst habe. Weiterlesen… »
Seit nun mehr als einer Woche ist die Initiative “Israel loves Iran” und der darauf folgenden Antwort der jungen Iraner “Iran loves Israel” am blühen und trägt schon erste Früchte. Abgesehen davon, dass Israelis und Iraner sich über Emails, Kommentare und Facebook-Freundschaften gerade kennenlernen, ihre Kulturen miteinander vergleichen und eine gemeinsame Geschichte finden, anstatt die ewig propagierten Unterschiede, sind sie sich vor allem in dem Wunsch einig, dass sie – als Völker dieser beiden Länder – keinen Grund sehen, einander zu hassen und zu bekriegen.
Noch immer gibt es zynische Kritiker, die mit den Herzen, Solidaritätsbekundungen und Facebook nichts anfangen können, diese wunderbare Initiative all zu gern belächeln und meinen, sie sei absolut sinnlos, wenn sie einen Krieg nicht verhindern könne. Wer die Wichtigkeit der Völkerverständigung nicht anerkennt, hat nicht verstanden, warum Politiker, bevor sie einen Krieg führen, Monate bis Jahre vorher eine große Medienkampagne starten, um das andere Volk als feindlich gesonnen und vor allem die Regierungen als unhaltbar gefährlich für die eigene Sicherheit hinstellen. Um einen Krieg zu führen, bemühen sich Regierungen noch immer um den Rückhalt des Volkes, um neben einem militärischen Konflikt nicht auch noch einen Internen in Schach halten zu müssen. Das lässt sich durch die neuere Geschichte hinweg beobachten. Nichts desto Trotz sollte diese Initiative nicht erst dann als sinnvoll erachtet werden, wenn sie es durch ihre aus ehrlichen und kritischen Fragen entstandene Bekundung erreicht, dass die israelische Regierung keinen militärischen Angriff startet. Natürlich gibt es Grund für Zweifel daran, dass diese Aktion tatsächlich eine kurzfristiges Zurückrudern der israelischen Regierung bewirkt, aber längerfristig ist so eine Annäherung nur positiv zu bewerten. Wenn solch eine Saat des Friedens und des Miteinanders gelegt wird, bleibt sie selten ohne positive Konsequenzen. Schon jetzt sind genau diese zu sehen. Weiterlesen… »
18.03.2012, 10:22
So sind wir eben
Wir hatten nur einen einzigen Grundton, und der war grau. Und durch seine kaum wahrnehmbaren Nunancen verloren wir uns in der Wichtigkeit unserer Individualität. Aber eigentlich waren wir alle eben einfach nur: grau. Die Unterschiede übertrieben wir bis zum Anschlag des Möglichen, damit sie uns markierten und uns nebenbei miteinander unvereinbar machten. Als Trost konnten wir uns in unsere sonnenlosen Zimmer zurückziehen und Lieder über unsere Einsamkeit schreiben. So gingen wir auch mit Wahrheiten um. Wir trieben sie so in die Enge des Extrems, dass ein und die selbe Wahrheit von zwei verschiedenen Graumenschen zu unvereinbaren Grundsätzen auseinander wuchsen. Bis der Krieg dann kam und alle Wahrheiten vernichtete – und nur die der Gewalt übrig ließ.
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“… und so, wie ich mich an den Baum anlehnte, der so alt und weise war wie kein Menschenleben es jemals werden würde, erkannte ich, dass ich einfach das Abbauprodukt von Sternen war. Ich bin die Scheiße von Sternen, das sind wir alle, wir sind nur Abfall einer viel größeren Sache. Und dann musste ich lachen, weißt du? Lachen, weil es so lustig war, dass wir – ein Haufen Scheiße – einander Namen gaben wie Ursula, Dietrich, Liselotte und Waldemar! Und wir Kulturen und Königreiche erschufen, unserer Existenz durch den Aberglaube, wir seien das Ebenbild Gottes, einen Sinn gaben. Ist das nicht lustig? Wenn du Gott wärst, würdest du lieber aussehen wie eine Supernova oder lieber wie wir kurzarmigen, kurzbeinigen, nackten und gliedbehangenen Menschen? Was denkst du?”, fragte er seine beste Freundin schmunzelnd. “Ich denke, dass auch Scheiße wichtig ist. Sie kann die Existenzgrundlage von vielen Lebewesen sein”, antworte sie knapp. Sie hatte ihm nicht widersprochen, sich noch nicht einmal dagegen gewehrt, als Abfallprodukt ihr Leben zu bestreiten, nein. Sie sah die Funktionalität in Scheiße – und schon war alles in Ordnung. Er seufzte. Wie gerne wäre er wie sie.
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Wir fragen uns ständig nach dem Sinn dessen, was wir tun. Und Spaß und Freude als Zweck einer Sache, das lassen wir nicht so einfach gelten. Wir suchen trotzdem weiter nach der Nützlichkeit unseres Tuns und werden auch fündig. So schaffen wir es, die schönsten Dinge der Welt, zur Bürde der Verpflichtung zu machen.
Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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