“Erzähl’ einem suizidgefähredeten Menschen niemals, wie lebenswert das Leben sei. Es sind deine Gründe nicht seine. Das wird ihm weh tun, denn er erkennt mit einer großen Schlagwucht, dass er diese Gründe einfach nicht sehen kann – oder noch schlimmer: solche gar nicht hat. Er kann es wirklich nicht, verstehst du? Hör’ erst einmal nur zu, zeig’ Verständnis, aber signalisiere deutlich, dass Selbstmord keine Option ist. Bis hierhin klar?” Der junge Therapeut in Ausbidieldung nickt seinem Lehrer zu. Er steht auf, nimmt seine Patientenakte mit und geht hoch angespannt zu seinem ersten, wirklich herausfordernden Patienten.
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“Wenn du wirklich schreiben willst, dann hör’ auf, ständig über dich zu schreiben. Sätze, die mit ‘Ich’ anfangen und wirklich ‘Ich’ meinen, hängen den meisten leidenschaftlichen Lesern zum Hals raus. Woran das liegt? Ganz einfach. Die, die über’s Lesen hinausgewachsen sind, sind heimliche Idealisten und Weltverbesserer, die ihre Hände jedoch zur Ruhe gelegt haben und ihre Hoffnung in euch Schrifstellern legen. Sie erhoffen sich jemanden, der schreibend die Welt erklärt und sie danach auch gleich rettet. Es hat schon einen Grund, warum männliche Schriftsteller meistens die Besseren sind. Sie verstecken ihr Ego trotz ihrer unüberwindbaren Größe besser als Frauen, die durch ihre Lamentiererei ständig das eine Thema haben: Selbstfindung, Selbstverwirklichung, Neuerschaffung – nenn’s wie du willst. Dieses abgenutzte “Ich, meine Beziehungen, mein (innerer) Kampf, Hüpfididu, das Leben ist so schön, ich danke dir Gott, mein Beauty Tag” will niemand hören, der den Wert von Büchern wirklich kennt. Mach’ auf alles aufmerksam. Du bist schon tief genug mit involviert, allein aufgrund der Tatsache, dass du – ob du nun willst oder nicht – der Beobachter dessen bist, was du (be)schreibst oder als wertvoll genug ansiehst, es zu beschreiben. Mehr von dir brauchst du nicht hineinfließen zu lassen. Bis hierhin klar?” Die junge Frau nickt ihrem Mentor zu, packt ihr Notebook ein und setzt sich in die Bibliothek, um ihre ersten Zeilen zu tippen. Entmutigt stellt sie fest, dass sie über nichts anderes schreiben kann als über sich selbst. Gefangen in einem unendlich kleinen Kreis der reduzierten Interaktionen zwischen sich und ihren Männern, sich und ihren Freunden, sich und ihrer Vergangenheit, sich und irgend etwas. Zu mehr war sie nicht in der Lage. Weiterlesen… »
01.11.2011, 11:27
Gesehenwerden
In einer dieser engen Altstadtgassen angekommen, suchen wir nach einem Parkplatz. Und da, direkt vor dem klitzekleinen REWE mit der viel zu kleinen Eingangstür, finden wir eine rudimentäre Parklücke, die man auch leicht hätte übersehen können so furz-unsichtbar ist sie. Mr. Serious entscheidet, trotzdem einen Versuch zu starten. Vor dem Supermarkt-Eingang sitzen zwei ältere Männer. Deutlich vom Leben gezeichnet, nicht ganz nüchtern – und zumindest einer von ihnen, der mit dem weißen, langen Bart, ist sehr kommunikativ. Ich bemerke alte Klamotten, ein altes durchlöchertes T-Shirt, das ihm die Welt bedeutet, und eine abgewetzte Jacke. Die Cappies zieren beide, geben beiden Sicherheit, eine Art Einheitlichkeit – und sah man sie, wusste man sofort Bescheid: Ja, die beiden gehören zusammen. Auf der Straße vermutlich eine wichtigere Verbindung, als wir Normalos uns mit einer Wohnung und einer uns umsorgenden Familie vorstellen können. Vielleicht weniger emotional, aber dafür hoch funktional. “Für bedingungslos emotionale Beziehungen holt man sich lieber Haustiere”, erinnere ich mich an die Worte meiner alten Nachbarin, die vor sieben Jahren einem aufgeplatzten Aneurysma erlag. Möge sie in Frieden ruhen.
Mr. Serious macht da irgendetwas am Lenkrad – ich würde sogar sagen, er kämpft. Dreht sein Gesicht nach hinten, schätzt ab, tut irgendetwas. Das Autofahren, das wird nie mein Freund werden, das geht mit meinem ADS einfach nicht gut, denke ich noch, als ich den Bärtigen lachend sagen höre: “Do da bin isch aba jezze ma jespannt, junga Mann. Zack zack und rinne!” Mr. Serious grinst den Bärtigen an. Fast einwenig schüchtern sieht er dabei aus. Das Autofenster ist bis zum Anschlag runter gedreht, damit er sehen kann, was auch immer er meint, sehen zu müssen, um in diese immer lächerlicher wirkende Parklücke rein zu kommen. Ich finde, da kann man nichts sehen oder abschätzen, das waren Millimeterunterschiede – als ob man das Auto millimetergenau kontrollieren könnte. Ich hatte ihm ja auch angeboten, auszusteigen, ihm Anweisungen zu geben wie eine leidenschaftliche Verkehrspolizistin, die aus ihren Hand- und Armbewegungen eine tolle Break-Dance-Welle hinlegt. (Die kann ich übrigens wirklich, und zwar ganzkörper. Das wollte ich nur einmal klarstellen) Aber nein, Mr. Serious will keine Hilfe, außer es geht nicht anders. Und wann er dieses “es geht nicht anders” anfängt, zu empfinden, kann das schon an einem Zeitpunkt sein, an dem “es geht nicht mehr ganz” eigentlich schon “kurz vor Katastrophe” ist. Mr. Serious Definition war dem Bärtigen gleich. Er verteilt fröhlich Ratschläge an ihn und macht klar, was am besten der nächste Schritt sein sollte. Mr. Serious lacht und sagt “Danke, ich weiß” und wendet nervig elegant das Auto in ungefähr zwei bis drei Lenkradhandlungen in die Parklücke. Ich verdrehe die Augen. Hätte er es doch wenigstens einwenig vermasselt, dann hätte der Bärtige noch ein “Siehste Junge” sagen können. Das hätte mir gefallen. Weiterlesen… »
21.10.2011, 18:38
Der krumme Tag
Gestern war ein krummer Tag. Eine Freundin von mir schrieb eine seltsame SMS. So, als fordere sie eine Rechtfertigung dafür, dass jemand Bestimmtes, den wir beide kennen, traurig aussah, als ihr das Glück beschert wurde, meiner Freundin über den Weg zu laufen. “Hi Süße, ich habe heute So-und-so gesehen. Sie hat mich wohl nicht gesehen, und sie sah so traurig aus. Warum denn nur?” Mein Herz pochte. In den letzten Jahren schießt meine Wut sehr schnell in meine Stirnader und randaliert dort um die Wette mit wem-oder-was-auch immer. Dann entwickelt sich eine bedrohliche Unruhe in mir, die ich mit aller Macht zu bändigen suche. Was, wenn ich das nicht schaffe? Was, wenn ich meinen animalischen Impulsen freien Lauf lasse und mit all den Vorwürfen, all dem kalten Zorn antworte, mit dem ich inzwischn jedem antworten will, selbst, wenn die Person nichts dafür kann? Gehörte die Person zu jenen, die meine Wutschleuder verdient hätten? Ganz sicher nicht. Ein lieber Mensch ist sie, schon immer gewesen. Nur ihr Weltbild ist etwas einfach gestrickt. Sie hat klare Linien, die einiges einteilen. Einteilen in Gut und Böse, Rechtschaffenheit und Unehrlichkeit, in Paradies und Hölle. Und da sie gerade selbst ein Happy End in einer brenzlichen Lage erfahren hatte, wird das Leid anderer schon in irgendeiner Weise seine Richtigkeit haben.
Dachte sie so? Fast befürchte ich: ja. Wenn auch nicht bewusst und in konkreten Gedanken aus dekliniert. Wieso nahm ich das hin? Ganz einfach. Bei langjährigen Freundschaften ist das doch immer so. Man ist gemeinsam vierzehn Jahre alt gewesen – und die Wellenlängen schwingten im selben Takt, wenn auch nicht ganz, so doch angenähert. Das lag einfach in der Natur der Pubertät. Die Themen in der Phase sind recht eingegrenzt und überlappen sich zwischen den Personen so leidenschaftlich wie zwei Nacheinanderverrückte. Und dann? Das Abitur trennt alle, jeder geht seines Weges, ohne den alten gemeinsamen Weg von damals zu vergessen. Man trifft sich, redet, hat einander lieb – teils aus Gewohnheit, teils aus dem innigen Bedürfnis heraus, eine alte, heile Welt in einem alles desillusionierenden Verstand in Interaktion mit seiner empfundenen Realität fest zu halten. Und doch klappt das nur, weil man den Kontakt so spärlich wie möglich hält, um keine Reibungspunkte zu finden. So ist das doch, oder? So scheint es zu sein. So funktionierte es. Bis jetzt – und wird es sicher noch einige Zeit lang. Weiterlesen… »
Ich vertilge gerade ein Buch nach dem anderen, hetze durch die Seiten, springe rein und über-esse mich in der Absicht, soviel außerfachliche Literatur zu konsumieren wie nur möglich. Meine Perspektiven versuche ich offen zu halten, um in einem Moment der Erkenntnis den tiefen Zusammenhang aller Perspektiven zu verstehen und miteinander zu vermählen. Trotz allem stellt sich in mir gerade eine unschöne Müdigkeit ein. Wozu das alles? Was habe ich jemals durch mein Wissen erhalten außer der Gedanken- und Gefühlraserei, die nicht mehr von mir ablässt? Und was hat mir das Wissen gebracht außer dem Gefühl der geißelnden Notwendigkeit, jetzt sofort (!) etwas gegen all die Ungerechtigkeiten tun zu müssen, aber gegen das monströse System der Kosmokraten nichts in der Hand zu haben?
Und dann ist da noch etwas anderes, etwas Stilleres. Wissen verleitet manchmal dazu, zu schweigen. Und Schweigen macht einsam. Vor allem, wenn man Zeugin bei Alltagsgesprächen ist. Man weiß um die Komplexität eines Ereignisses, weiß um ein paar ihrer Ursache-Wirkungsmechanismen und empfindet eine Art Kraftlosigkeit allein beim Gedanken, diese Zusammenhänge erklären zu müssen. Wenn nichtwissenwollende Verbalscheißer Sätze ablassen wie “Wozu um Amy Winehouse trauern, ihr Tod ist selbstverschuldet, dann trauere ich lieber um all die afrikanischen Kinder” (die müssen übrigens immer herhalten bei solchen Gutmenschenauftritten, denn für mehr reicht das globale Wissen nicht), dann frage ich mich, ob es bei so einem simplen Geist – und dann noch im Stammtischkollektiv – überhaupt noch Sinn macht, zu erklären, welcher Leidensdruck hinter selbstzerstörerischen Persönlichkeiten liegt und welche Faktoren zu so etwas führen. Wie kann man Menschen mit solchen Erkrankungen die Menschlichkeit absprechen, indem man ihnen vorwirft, gar nicht glücklich und gesund sein zu wollen wie alle anderen Menschen auch? Aus diesem Grunde verwende ich niemals das Wort Freitod. Niemand stirbt freiwillig, auch nicht der Suizidale. Das war nur ein kleines Beispiel von vielen. Und an wolkigen Tagen führt Wissen eben zu Ohnmachtsgefühlen und Einsamkeit. Ich gehe trotzdem weiter lesen …
08.10.2011, 12:15
So, wie es ist.
Die Tage waren voll von kakophonischen Habseligkeiten. Eine schreiende Frau stampfte die Nerven ihres Ehemannes in den Boden – und sie lagen brach. Ein Bauarbeiter brüllte mit seinem Drucklufthammer um die Wette – und er gewann. Das Buch, das ich gelesen habe, hat durch nicht enden wollende schiefe Metaphern meine sonst so flexible Fantasieapparatur zermartert – und ich kapitulierte. Indem ich in einem Moment des Kurzschlusses das Buch nicht nur zuschlug, sondern wirklich drauf schlug. Trotz allem war alles wie immer. Ich habe den Bauarbeiter zurück angebrüllt – und ihn und seinen Drucklufthammer besiegt durch den Vorteil, kreischen zu können. Ich fand, es war an der Zeit, dass die Frau ihren Ehemann in seine Schranken weist, denn er behandelte sie einen Sommer lang wie ein Dienstmädchen – zumindest auf dem Balkon. Und durch die Misshandlung meines Kopfes durch die gewaltige Wortbildnerei neben einem kleinen Kerngeschehen, konnte ich die wertvolle Überzeugung entwickeln, dass gerade beim Schreiben weniger manchmal tatsächlich mehr ist. Die Sonne scheint, das Laub ist gold-gelb. Das ist in Ordnung, sage ich mir. Aber auch nicht wirklich, denke ich weiter, weil allein ich weiß, was ich hier alles ausgelassen habe. Doch ich übe heute das Weniger. Einfach, weil es gelegen kommt. So ist alles so, wie es ist. Und ich kann nichts dagegen tun.
Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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