Posts Tagged ‘Leben’
03.04.2012, 13:23
Verflechtungen

Sehr gelacht habe ich heute. Es gibt Dinge, die bringen mich, ob ich nun will oder nicht, einfach so dermaßen zum lachen, dass ich in dem Augenblick denke, das Leben sei das Schönste, was uns je hätte passieren können. Diese Momente sind welche, in denen die geistige Naivität der ersten Lebensjahre wieder Besitz von mir ergreift. Momente des Friedens waren das, weil man noch nicht so viel über das Leben und seine Regelmechanismen wusste. Momente der Hoffnung, weil man sich sagen konnte, sobald ich Erwachsen werde, stehen mir alle Möglichkeiten offen. Dass das Sehen offener Türen eher darin begründet lag, dass wir meinten, wir seien noch nicht zu unserer kompletten Größe herangewachsen und hinter uns und unserem tapsigen Schritten verberge sich mehr und mehr, das wussten wir nicht. Sind wir am Ende unseres Zieles angelangt; sprich, sind wir erwachsen, sind wir mündig und ausgebildet, gibt es diesen Weg weiter zum Horizont bis zum Tag {x} der phönixartigen Auferstehung nicht mehr; zumindest nicht, ohne dass wir einige Eigenarten des verpflichtenden Alltags ignorieren. Wir wissen {im Grunde}, wir sind am Zenit unseres Lebens angelangt, alles ab den Dreißigern beginnt, schwächer zu werden, langsamer, aber dafür bedachter und sorgsamer. Unsere Denkfähigkeit, unsere Merkfähigkeit, unsere Lernfähigkeit und die Fähigkeit, aus unseren festgefahrenen Mustern herauszukommen, nimmt ab. Dann sitzen wir hier, sind erwachsen, fühlen uns um unsere Hoffnungen und unsere Zukunft betrogen, aber arbeiten weiter wie fleißige Bienen für die Königin – den Staat – um uns wenigstens nützlich zu fühlen. Dinge zu tun, das hält uns davon ab, zu sterben, denken wir. Und ein wenig ist es auch so, zumindest hören wir die Zeit dann nicht mehr ungenutzt ticken. Und trotzdem, kommt mit diesen Erkenntnissen wundersamer Weise auch eine Gelassenheit in unsere Leben, die den Reiferen vor den Jüngeren einen Vorteil gibt. Sie entspringt aus der Erkenntnis, dass es jedem so gehen wird und niemand davon verschont bleibt, dass das Werden und Gehen einander ablösen wie guten Freunde bei der Nachtwache am Lagerfeuer. Weiterlesen… »

28.03.2012, 11:44
Und dann ist es gut

Was ich in den letzten Wochen gelernt habe ist, dass es mich nicht umbringt, den Falschen zu vertrauen. Sie haben beim Lamentieren schon längst meinen wunden Punkt vergessen. Und erkannt habe ich, dass nichts dabei ist, wenn ich den Richtigen nicht vertraue. Denn sie stehen noch immer da, am Wegrand meines Blickes, und warten geduldig auf mich, bis ich endlich weiß, was zu sagen ist. Das ist ein schöner Monat, dieser März. Wir feiern das neue Jahr ganze dreizehn Tage lang. Und diese dreizehn Tage sind erst in vier vorbei. Dieser Frühling ist der Erste nach Jahren, den ich annähernd so lieben kann, wie es ein Frühling nun einmal verdient hat. Die Veränderungen geschehen {in mir} in rasanter Form. Und ich weiß, bald fängt ein neuer Lebensabschnitt an – und in der neuen Arbeit gehe ich wie eine kleine Sonne auf. Die Melancholie bleibt aus die letzten Tage. Das macht mich unkreativ, doch glücklich, weil ich nichts Schlechtes über mich zu berichten habe. Ich renne raus und alle lächeln {mich an}. Ich stehe in der Schlange, und das Warten ist ein kleiner Augentanz. Ich lauf’ zur Bahn, und der Fahrer wartet auf mich drei Ampelzyklen lang. Ich setz’ mich hin, und ein kleines Mädchen zeigt – seiner Mutter zugewandt – auf mich, fragt sie um Erlaubnis und setzt sich dann neugierig zu mir hin.

Was passiert denn nur, wenn die Sonne scheint? Überhaupt war vieles anders in den letzten Wochen. Ich rede und hülle mich nicht in Schweigen ein, und das bei Themen, die mich direkt betreffen. Geknickte Freundschaften erheben sich gen Himmel wie Tulpen. Sie wollen einen Neuanfang, und ich sage “Ja”. Nie dagewesene Freundschaften werden endlich beendet. Ich entlasse mich aus der selbst auferlegten Pflicht, für immer da zu sein, und sage erleichtert “Nein”. Eine neue Energie erwacht aus meinem Schmerz heraus. Eine Botschaft, die mich aus der inneren Resignation befreit. So dass der reißende Fluss meines Handelns sich vom Sprudeln meiner Seele nähren kann, und ich endlich nicht – wie sonst – im Minus meiner Kräfte weile. Nichts kann bleiben, wie es ist. Die Veränderung ist die Mutter der Natur. Und Mutternatur? Sie nickt, wenn sie mich das hier schreiben sieht.

21.03.2012, 21:32
Geschützt: Hetzjagd

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18.03.2012, 10:22
So sind wir eben

Wir hatten nur einen einzigen Grundton, und der war grau. Und durch seine kaum wahrnehmbaren Nunancen verloren wir uns in der Wichtigkeit unserer Individualität. Aber eigentlich waren wir alle eben einfach nur: grau. Die Unterschiede übertrieben wir bis zum Anschlag des Möglichen, damit sie uns markierten und uns nebenbei miteinander unvereinbar machten. Als Trost konnten wir uns in unsere sonnenlosen Zimmer zurückziehen und Lieder über unsere Einsamkeit schreiben. So gingen wir auch mit Wahrheiten um. Wir trieben sie so in die Enge des Extrems, dass ein und die selbe Wahrheit von zwei verschiedenen Graumenschen zu unvereinbaren Grundsätzen auseinander wuchsen. Bis der Krieg dann kam und alle Wahrheiten vernichtete – und nur die der Gewalt übrig ließ.

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“… und so, wie ich mich an den Baum anlehnte, der so alt und weise war wie kein Menschenleben es jemals werden würde, erkannte ich, dass ich einfach das Abbauprodukt von Sternen war. Ich bin die Scheiße von Sternen, das sind wir alle, wir sind nur Abfall einer viel größeren Sache. Und dann musste ich lachen, weißt du? Lachen, weil es so lustig war, dass wir – ein Haufen Scheiße – einander Namen gaben wie Ursula, Dietrich, Liselotte und Waldemar! Und wir Kulturen und Königreiche erschufen, unserer Existenz durch den Aberglaube, wir seien das Ebenbild Gottes, einen Sinn gaben. Ist das nicht lustig? Wenn du Gott wärst, würdest du lieber aussehen wie eine Supernova oder lieber wie wir kurzarmigen, kurzbeinigen, nackten und gliedbehangenen Menschen? Was denkst du?”, fragte er seine beste Freundin schmunzelnd. “Ich denke, dass auch Scheiße wichtig ist. Sie kann die Existenzgrundlage von vielen Lebewesen sein”, antworte sie knapp. Sie hatte ihm nicht widersprochen, sich noch nicht einmal dagegen gewehrt, als Abfallprodukt ihr Leben zu bestreiten, nein. Sie sah die Funktionalität in Scheiße – und schon war alles in Ordnung. Er seufzte. Wie gerne wäre er wie sie.

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Wir fragen uns ständig nach dem Sinn dessen, was wir tun. Und Spaß und Freude als Zweck einer Sache, das lassen wir nicht so einfach gelten. Wir suchen trotzdem weiter nach der Nützlichkeit unseres Tuns und werden auch fündig. So schaffen wir es, die schönsten Dinge der Welt, zur Bürde der Verpflichtung zu machen.

15.11.2011, 10:37
Normalität

“Hast du das gesehen?”
“Was genau? Was meinst du?”
“Na, da war ein Huschen über deinem Gesicht.”
“Ein Huschen, wie, wo?”

“Na, als du das Eichhörnchen gesehen hast. Ich habe es deutlich gesehen. Ein Huschen, so wie, wenn etwas, das glänzt, das Licht reflektiert, das auf es fällt – und alles plötzlich kurz aufleuchtet. Ich hab’s genau gesehen. Das Glänzen. Und Huschen!”

“Und was willst du mir nun damit sagen?”
“Ich will sagen: Herzlichen Glückwunsch. Du willst wieder leben.”
“Achso. Das meinst du.”
“Wie? So unbeeindruckt? Heißt das, du weißt es schon länger als ich?”
“Nein, nicht wirklich. Aber ich dachte immer, das Weiterlebenwollen würde sich anders anfühlen. Spektakulärer. So Feierlaunemäßig, obergroß, oberkrass eben. Aber es ist ein ganz normales Gefühl, so normal eben.”
“Na, es ist ja auch normal, leben zu wollen. Es gibt nichts Normaleres.”

Die junge Frau schaut ihren Onkel an und begreift jetzt erst, dass es normal ist, leben zu wollen. Dass es nichts Besonderes ist, wenn man Freude an einigen schönen Ereignissen wie das eines vorbeiflitzenden Eichhörnchens empfindet. Dass es hingegen außerordentlich war, dass ihr das Leben nicht wichtig war, dass sie ihre Ziele nicht nur nicht greifen konnte, sondern gar keine hatte, geschweige denn entwickeln konnte. Und dass sie sich ganz langsam und unmerklich mit dem milchigen Schleier, der ihren Blick auf die Welt abdämpfte, immer weiter runtergezogen hatte. Weiterlesen… »