Posts Tagged ‘Liebe’
01.04.2012, 08:19
Die Anderen

Manchmal sind sie ganz laut, die Gefühle der Anderen. Ich bilde mir dann ein, dass ich sie greifen kann wie eine gefüllte Glaskugel voller Gedanken, Wein und Selbstfragmente, die einander hinterherjagen, um sich endlich zu vereinen. Sie wollen eine überlebenswichtige Geschichte werden und einen Sinn ergeben. Denn ohne Sinn geht es nicht weiter, zumindest nicht für uns Menschen. Dann muss ich mich oft bewusst herauszoomen aus ihrem Erschaffungsakt, mich aus den Seelenfarben anderer mit aller Macht entfernen, gegen alle Widerstände der Anziehung kämpfen, um einen klaren Blick zu behalten. Manchmal ist es so schwierig, mit allen zusammen zu sein, ohne mich selbst zu verlassen. Ich muss diesen Drahtseilakt endlich bestehen lernen, sonst bleibt mein Befinden immer abhängig vom Befinden anderer. Das ist einerseits schön, andererseits auch bodenlos.

Gestern gab sie mir ihre kleine Hand, die vielleicht einviertel so groß war wie meine. Sie sagte mit ihrer kleinen Stimme, dass auch sie Nagellack auf ihren Fingern habe, so wie ich. Aber sie möge meine Farbe lieber. Dabei sahen mich große, liebe Noch-Baby-fast-Kind-Augen an, und ich wusste, sie fragte sich, ob man die Nagellackfarben einfach tauschen könne. In meiner Vorstellung tat ich es. Ich kippte meine Finger nach unten auf ihre kleine Hand – und die Farben flohen auf ihre Nägel, und sie lächelte. Als ich fast dachte, es würde klappen, legte sie ihr Gesicht auf meine Brust. Als wollte sie sagen, es sei schon okay, dass es nicht klappen wird. Ich solle nicht traurig sein. {Die Anderen. Sie sind oft so schön. Wer braucht da noch sich selbst?}

21.03.2012, 21:32
Geschützt: Hetzjagd

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14.11.2011, 21:55
Was nicht stimmt.

“Hast du gesehen? Es geht ihm schon wieder gut. Das Leben geht weiter, sagt er. Und das ist der Lauf der Dinge, und man muss das akzeptieren, sagt er auch! Und dass das okay so ist. O-k-a-y.”
“Ja, ich weiß, ich weiß. Ich hab’ auch mit ihm gesprochen.”
“Was stimmt mit uns nicht? Was nur?”

“Vieles.”
“Ja, was?”

“Wir haben anders geliebt. Mit unserem Leben. Und wenn wir mehr gehabt hätten, dann auch damit. Das stimmt mit uns nicht. Würdest du das rückgängig machen, wenn du könntest?”

“Nein, niemals.”
“Siehst du? Auch das stimmt mit uns nicht. In Kauf nehmen, was uns zerstört, weil wir nichts Halbes ertragen.”
Die andere nickt. Sie essen weiter.

13.11.2011, 01:30
Aiolos und seine Freunde

“Und wenn wir einfach abhauen? Wir müssen nicht zurückschauen. Zurückschauen ist wie die leckerste Süßspeise im Gaumen schmeckend und seufzend zu kauen und dann auszuspucken.” Das war der Schlussteil ihres Appels an ihre Freunde. Sie will nicht mehr zurück in ihr altes Leben und hofft, in den Gesichtern ihrer Gefährten, die durch ein seltsames Schicksal zusammen gefunden haben, den selben, militanten Fluchtreflex zu entdecken, den sie nicht mehr zurück halten kann – und der sie nicht mehr los lässt.

“Aber was ist mit …”, wirft Aiolos ein und stockt, weil ihm dann doch nichts einfällt. Gäbe es in dieser Gruppe einen Anführer, wäre er es gewesen. Seine wachen Augen sahen alles. “Das geht nicht, Seda. Wir sind gebunden. Alle.” Sie schüttelt den Kopf. Woran genau waren sie gebunden?, denkt sie und vergisst diesmal das Sprechen nicht. “Woran? Woran Aiolos!”, setzt sie ihn unter Druck und schaut in die Runde rein. “Im Ernst. Denkt alle nach. Bitte. Denkt jetzt nach. Heute ist die Nacht der Nächte. Wir können alle unsere sinnlosen Leben beenden und neu beginnen. Gemeinsam. Ohne Gruppensuizid – den wir eh niemals umsetzen würden, wenn Plan A nicht klappt. Doch wie soll Plan A klappen, wenn wir ihn meiden? Unsere Geschichte kann nur ein Happy End haben, wenn wir uns aus diesem Kriegsgebiet unseres Lebens hinaushauen. Zusammen. Wir. Gemeinsam. Wir“, wiederholt sie verzweifelt, denn sie findet kein innigeres Wort, das ihre Verbundenheit beschreiben kann. “Ist das etwa unsere Freundschaft? Soll alles hier enden? Soll das hier alles sein? Wir wollten die Welt verändern. Wir wollten Grenzen durchbrechen, wir wollten der Liebe einen neuen Namen geben, wir wollten tausend Schleier im Flug gen Himmel zerreißen, und wir wollten uns in altes Pergament werfen und in den Gedichten der Alten unsere Träume wieder finden und mit ihnen tanzen. Wir wollten unsere Seelen wieder finden und müde in ihre Arme fallen. Hast du nicht gesagt, Aiolos, hast du nicht gesagt, solange die Träume eines Menschen schöner sind als sein Leben, hat er etwas falsch gemacht? Lasst uns hier weg. Lasst unser Leben schöner sein als unsere Träume, weil wir uns unsere Träume endlich nehmen. Wir nehmen sie uns, so wie sich das Leben nimmt, was es will, so nehmen wir uns, was uns zusteht. Wir wollten soviel tun. Wir wollten alles. Und nicht weniger. Wir wollten die Welt verändern, wir wollten dieses Haus am Meer …” Der Drang ihrer Lunge, Luft zu schnappen, unterbricht sie. Weiterlesen… »

Ich hatte immer einen Traum. Einen, der für mich alleine ist und nicht für die Menschheit. Und ich weiß, dass er irgendwann in Erfüllung gehen wird (denn ich habe ihn gestutzt, der Realität einwenig angepasst). Ich träume von einer großen, hellen Wohnung. Platz für mindestens dreißig Gäste in gelöster Körperhaltung – irgendwo auf den Sofas und Couches unserer kleinen Welt der großzügigen und dennoch warmen, intimen Räume. Lachend, strahlend, witzelnd – einander sehend und fühlend. Gebt mir eine Küche, eine große. Ein paar Kochbücher, so international wie möglich. Einen großen Esstisch – und ich will für alle kochen. Kochen und backen. So seltsam sich das anhört, aber ich diene gerne. Die einzige Art, zu dienen, ohne dabei seltsam morbide zu wirken, ist das Bedienen der Gäste. Das Geben an Menschen, die man liebt. Und als (Gast)geberin, das weiß ich, das fühle ich, kann man die meisten Menschen lieben. Einfach, weil man das im Akte des Bedienens tun muss, damit all die Sinnesschätze sich von ihrem Gaumen auf die Seele setzen und dort tanzen. Ich hab’ ein warmes Nest – und ich will, dass ihr euch darin wohl fühlt. Geborgen, einwenig berauscht, einwenig so wie im Halbschlaf, glücklich und selig – wie kurz vor der Freiheit. Und versteht dieses Nest nicht einfach als Wohnung. Versteht es als mein eigenes Herz. Dann wisst ihr, was ich meine und warum ich all das hier will.