20.03.2010, 06:29
Mario und Minou
„Eine deiner angeblich guten Eigenschaften ist doch, dass du ach so einfühlsam bist!“, erhebt Mario seine Stimme und schaut wütend in das Gesicht seiner besten Freundin.
„Ja!“, brüllt sie zurück. „Das ist es. Was willst du mir jetzt damit sagen?“ Ihre Stimme ist unerträglich schrill, wenn sie wütend ist. Mario hält sich die Ohren zu, und am liebsten würde er sich auch die Augen zuhalten, als er die unerträgliche wutverkrampfte Spannung ihrer auf- und ab-bebenden Brust sieht. „Was hast du dir da bloß eingebrockt?“, denkt er sich noch und bereut, sich mit ihr angelegt zu haben. Sie konnte so nerv-tötend sein, dass man bereit war, sogar Verträge mit dem Teufel zu schließen, wenn sie doch nur ihren Drang, desaströs aufzutreten, unterbinden würde.
Sie stampft vor Wut auf den Boden und bringt ein lautes, undefinierbares „Hmmmmmgrrrrrr“ raus. Wie eine verzogene Göre meint sie, so den Lauf der Welt verändern zu können. Mario hingegen zeigt sich erleichtert. Denn seine Erfahrungen haben weitaus schlimmere Prognosen (Horrorvorstellungen) erstellt, die – Gott sei gedankt – nicht zu Stande gekommen sind. Nichts ist zu Bruch gegangen, weder Geschirr noch seine Nase. Sein Trommelfell scheint auch noch unversehrt zu sein, seine Kontrahentin heult nicht unkontrolliert, sein Kanarienvogel zeigt noch keine Anzeichen von Todesangst. Er unterdrückt ein Lachen bei dem Bild, das sie ihm bot. Sie sieht so niedlich aus, wenn sie mit ihren kleinen, herrischen Händen alles nach ihren Regeln anpassen will. Sie merkt es und schaut ihn mit einem vernichtenden Blick an – und Marios Augenbrauen runzeln erneut seine Stirn.
„Mario, so geht das nicht.“, sagt sie ruhiger, aber immer noch mit einem störrischen Unterton.
„Was genau geht nicht? Dass du keinerlei Rücksicht auf meine Gefühle nimmst?“, schleudert er ihr entgegen.
„Mario!“, ruft sie aus.
„Mariooo! Maaarioooo! Ich bin ein sterbender Schwaaaaan! Siehst du, wie ich sterbe, Mario?“, äfft er sie nach.
Sie fuchtelt mit den Armen, winkt ihn ab, macht auf dem Absatz kehrt, geht weg, dreht sich wieder um, geht schnellen Schrittes auf ihn zu und schmettert – Gott sei Dank nur mit Worten und nicht mit der flachen Hand, denkt sich Mario noch – ihm entgegen: „Du willst also, dass ich in unseren abendlichen Runden mit der Clique nicht mehr mit ‚fremden Männern‘ rede? Bitte, Mario. Wie weit soll das noch gehen? In der letzten Zeit behandelst du mich wie jemanden, der ständig mit irgendwelchen Typen ins Bett hüpft. Dabei sage ich nur ‚Hallo, hier, ja, du hast Recht, ich mag Rosa, keinen Fisch, ich, du, echt? Wieso das denn? Aha. Glückwunsch, Beileid, Auf Wiedersehen! Tschö!‘ und noch so uninteressanten Scheiß! Und du springst dem Olaf deshalb fast an die Gurgel? Mario, was kann ich denn dafür, dass du dich in mich…“ sie bricht abrupt ihren Satz ab und hält den Atem an. Das würde zu weit gehen. Sie durfte ihm nicht das Gefühl geben, dass es falsch gewesen war, mit ihr offen geredet zu haben.
„Ja, sag‘ schon. Dass ich mich in dich verliebt habe, Minou!“, beendet er laut ihren Satz. Als sie zur Antwort ansetzen will, hält sie die Luft an und seufzt sie wieder aus. Sie senkt ihren Kopf und schaut traurig umher. Hilflos wartet sie, bis Mario etwas sagt, denn die Stille zerreißt den Raum. Es knistert. Weiterlesen… »
03.06.2008, 01:45
Nach Hause
Der Regen hatte aufgehört, gegen die Ladenfenster zu schlagen und rann an ihrer Glätte runter und seufzte in den Schlaf. Es war nass-kalt, ein Wetter, wie es unangenehmer hätte nicht sein können. Die Straßen waren leer, zumindest hatten sich die Passanten nach Hause retten müssen, weil die Läden schon längst geschlossen hatten. Mittelgroße Hagelstücke lagen reglos auf dem Boden. Vorhin noch wütend und stark in ihrer Einheit gegen die Welt, lagen sie müde da, seufzend, wie ihre Geschwister Regenguss und Peitschenwind.
Nur sie war nicht nach Hause gegangen und stand dort an der surrenden Straßenlaterne, die gleich nach dem nächsten Windstoß auszugehen drohte. Ein paar Autos fuhren unberührt von Nässe und Kälte vorbei und alle würden sie ein zu Hause finden. “Wie jeder in dieser gottverdammten Stadt”, dachte sie und versuchte sich am flackernden Licht der Straßenlaterne zu wärmen.
Regungs- und emotionslos schaute sie den Lichtern auf der Straße nach. Die Richtung, in der die Autos fuhren, fand sie interessant. Sie riet ihren Ziel und die Wohnanlagen und Häuser, in denen sie wohl leben würden. Wer würde ihnen die Tür öffnen, wenn sie klingelten? Die Frau? Der kleine Sohn? Würde der Hund freudig an der Tür bellen und kratzen und sein Herrchen erwarten? – Auch sie wollte nach Hause, nach Hause in irgendein kleines, enges Zimmerchen, in dem irgendwer auf sie wartete – egal wer, Hauptsache jemand, der ihr half, die nassen, kalten Schuhe auszuziehen und sie im Bett wärmte. Irgendwer, dessen Leben wie zerstört wäre, würde sie eines Tages nicht nach Hause kommen. Doch diese Person gab es nicht, deshalb ging sie nicht in ihr kleines Zimmer. Weiterlesen… »
(Click: Marcel Khalife – Popular Cafe)
…und wie wir Hand in Hand
durch die Wüste ritten
und unsere Lebensträume
als Proviant sparsam in Rationen
schnitten
Und Deine dunklen Augen
wie schwarze Pfeile gen Oase schossen
Während wir unsere Herzen in
der nächtlichen Rast
mit unseren kühlenden Küssen
begossen
Wie meine weißes Gewand
Dich vor der Sonne schützte
und Deine Hand mich durch
die harten Felsen
durch die Kargheit unserer
Gegenwart stützte
Wie der heiße Wüstensand
mir die Brandwunden in die
Füße sengte
So sengte Dein Blick
mir das Herz
in abertausende
Dich immer mehr liebende
Stücke
Und wie in den alten Geschichten
der Liebenden
fühlte ich,
wie sich mein Verstand
in Deiner Nähe
immer mehr in die Ferne rückte
Und genauso,
wie Majnoon seinem Wahne folgte
so folgte ich auch Deinem Wahne
Unsere Oase nanntest Du
voller Hingabe ‘Heimat’
Auch, wenn Du nicht wusstest,
wo sie war
und wie sie hieß
doch unsere Träume,
sagtest Du,
verliehen ihr
ein deutliches Gesicht
so deutlich wie das Meine
in Deinem Seelenlicht
Unser Zukunft nanntest Du ‘Zu Hause’
Auch, wenn Du nicht wusstest,
wer dort weilte
und dort in der Nacht zu seinen
Hoffnungen weinte,
doch unsere Sehnsucht,
sagtest Du,
flüsterten unserem Zu Hause
als Vorbote unserer Ankunft
ein Liebesgedicht
so lieblich wie einst
Deines an mich
Und genauso,
wie Majnoon seinem Wahne folgte
so folgte ich auch Deinem Wahne
Und so wie aller Jasminblüten
tanzender Düfte
durch das Paradies und seine Tiefen eilten
So eilte ich herz-zer-rasend auch durch Dich
Und genauso,
wie Majnoon seinem Wahne folgte
so folgte ich auch Deinem Wahne
Und genauso,
wie Leyli Majnoons Tode folgte
So folgte ich auch Deinem
…und das Gesicht,
das Du einst unsere
Heimat nanntest,
streichelte uns
in seinem Licht
So wie in Deinem Wahne
aus einem großen Garten,
lachenden Gästen,
unserer Kinder-
und Kindeskinder-Lachen -
und Dich und Mich…
Es muss vor einer Woche gewesen sein. Ich schlenderte mit Mama lustlos durch die graue Einkaufsstraße, während jede noch so interessante Seelenfarbe an mir vorbaurauschte. Wie, als sei ich eine emotionslose Maschine, unempfänglich für jegliche Schönheit. Die Welt war uninteressant, gemein, ungerecht – und vor allem: Nicht veränderbar. Jemand hatte uns Menschen mit einem heißen Eisenmetall das Gehirn um-gequetscht – und da liefen wir nun orientierungslos rum und suchten in irgendwelchen zu habenden Dingen unser Glück. Ich fühlte mich mit jedem Zombie vollkommen überein, indem ich mich wie diese vollkommen einsam fühlte und diesen Zustand vollkommen verteidigte. Als ich begann, mich in meiner neuen Zombie-Haut wohl zu fühlen und die fast naive Begeisterung meiner schönen Mutter über dies und jenes an mir vorbeiging wie Passanten, hörte ich aus der Entfernung das rege Spielen von Straßenmusikern. Die erst dumpfen, verworrenen Töne zogen mich in ihre Richtung und gewannen an Schärfe und Klarheit. Der Duft von irgendeiner undefinierbaren Süße stieg in meine Nase bei diesen vertrauten Klängen. Ich erwachte aus meinen diffusen Gedanken und schaute meinte Mutter an:
“Gehen wir zur Musik, Mama.”, sagte ich bestimmt, als habe ich eine wichtige Mission zu erfüllen.
Dort angekommen, hörte ich sie. Edelgraue Melancholie in der lieblichen Melodie, die sich in die Tiefe meines Abgrunds hinab steigerte und sich erlaubte, mit den unruhigen, dunklen Zonen meiner Seele zu reden und dann zu tanzen. Mein Mund stand offen, als ich diese Musiker ansah. Es waren vielleicht vier Männer: Einer sehr jung, einer sehr alt, die anderen mittig. Eine Violine, ein Bass, ein Akkordeon und eine Klarinette redeten zu mir in einer Sprache, die keine Verbale der Welt auch nur annähernd greifen könnte. Die melancholischen Wellen überfrauten mich. Von oben und unten herab überflutete mich eine heftige Gänsehaut und traf sich in meiner Mitte, so dass ich mich aufbäumte und mir die Tränen in die Augen schossen. „Scheiße!“, dachte ich. „Sie hatten mich berührt.“ – Und dann fühlte ich mich darüber doch noch dankbar.
“Mama…”, sagte ich fassungslos. “Mama, was sind das für wundervolle Musiker? Wie wundervoll sie spielen, Mama…”
“Ja, mein Schatz, ich weiß. Schön, nicht wahr?”, sagte sie milde lächelnd.
“Mama… Warum sind die nicht reich? Warum stehen hier nicht alle rum und lassen sich mitreißen?”
Ich sah mich um und bemerkte plötzlich, dass tatsächlich ein paar Zombies – wie meine Wenigkeit – aufgewacht waren und entzückt bis fasziniert auf die Musiker schauten und ihre Körper zur Musik mitwippen ließen. Aus der grauen Tristesse lösten sich plötzlich die Grautöne auf und wichen einer sich erschaffenden, bunten Welt, die sich wie ich aufbäumte und wie eine hypnotisierte Schlange, die sich durch die Melodie ihrer Sehnsucht willenlos herausgezogen fühlte, in ihrer unmittelbaren Umgebung verbreiten wollte. Und genau das geschah. Mitten im Alltagsgrau der Einkaufsstraße entstand eine kleine, bunte Oase von wachen Seelen und frohen Farben.
In meiner Bauchumgebung spielte sich irgendetwas Ungewohntes ab. Zwar etwas sehr Vertrautes, doch lang Vermisstes. Ich fühlte, wie sich der Vorbote eines mich überschwappenden Glücksgefühls streichelte und sich feierlich ankündigte. Ich hielt ungläubig und fast ängstlich die Luft an und schloss die Augen. Ich schloss die Augen und drückte Mamas Hand, bis mich jemand antippte. Von vorne. Ich klimperte die Lider auf und sah dem jungen Violinisten direkt ins Gesicht. Er lächelte heiter und fragte in seinem bulgarischen Akzent:
“Woher kommst Du?”
“Ich? Ich bin Iranerin.”
“Ah, Iran!”, rief er laut aus. “Okaaaay…”
Er drehte sich zu seinen Freunden um und rief irgendetwas auf bulgarisch. Und dann laut “Persien! Sie ist aus Persien! Okay, legen wir los!”
Ich schaute die Musiker nur mit großen Augen an und wusste nicht, was jetzt kommen würde. Wollten die jetzt etwa persische Musik spielen? Vielleicht Traditionelle? Oder neuere Lieder? Sind die sich sicher, dass sie persische Musik kennen? Woher bitteschön? Die waren doch bis jetzt mehr bei russisch-ungarisch geblieben. Ich weiß im Nachhinein nicht, ob ich mir diese Fragen wirklich gestellt habe, aber ich erinnere mich, dass ich mich kurz so fühlte, als habe man mich auf einen Fleck Erde genagelt, von dem ich nicht mehr fort konnte – nicht mehr fort wollte.
Der erste Ton erfolgte, der zweite erfolgte, der dritte… Eine ganze Melodie wurde laut lachend von den Musikern gemalt. Sie schauten mich an und wollten in meinen Augen sehen, wie ich die Melodie wiedererkenne, ob ich sie wieder erkennen würde, ob ich sie so sehr lieben würde, wie sie es just in dem Moment, in dem sie sie malten und mir schenken wollten, liebten. Ich wurde ganz hastig. Ist das wirklich das Lied? Sind das wirklich Oldies? Persische Lieder aus meiner Kindheit, die die Geschichte meiner Eltern und die Geschichte meiner Großeltern mit sich trugen? Das Glück durchzuckte meinen Körper wie ein länger andauernder Höhepunkt unter den Händen eines Geliebten. Ich hörte Mamas Begeisterung. Sie drückte meine Hand. Die Bilder der Vergangenheit prasselten auf mich ein. Bilder, die ich nie selber mit eigenen Augen gesehen habe, aber immer mit einem Sinn erfühlt habe, der das Auge um Dimensionen überstieg. Ich sah…
…Papa, wie er Mama an der Hand zieht und sagt: “Mir ist es gleich, was Deine Eltern sagen, wir gehören zusammen.” Ich sah Mama weinen. Ich sah Papa eine Straßenprügelei anfangen, weil Mama mit ihren zarten vierzehn Jahren von mehreren Männern umkreist worden war. Ich sah Papa im Gefängnis, weil Mamas Eltern die beiden voneinander trennen wollten. Ich sah Mama, wie sie am Fenster ihres Jugendzimmers saß und weinend Tagebuch schrieb und Papa Gedichte schrieb. Ich sah Papa, wie er Steine an Mamas Fenster warf, nur um ihr sein Gedicht zu bringen und ihres von ihr zu erhalten. Ich sah, wie Mama von zu Hause weglief und ohne nichts in den Händen an der Tür von Papas Familie klopfte und eingeschüchtert sagte:
“Ich bin seine… Frau. Ich bin von zu Hause abgehauen. Kann ich hier auf Ihren Sohn warten?”
Ich sah, wie sie sofort in die Familie aufgenommen wurde. Ich sah, wie sie für immer dort blieb, weil sie sonst von ihren Eltern getrennt worden wären. Ich sah, wie sie heirateten – ganz hastig in Schlaghosen und T-Shirts. Wie Mamas Bauch kugelrund wurde, wie ich hinaus in die Welt wuchs und immer mehr mit ihnen selbst verwuchs. Ich sah, wie ich Anlass genug war, dass sich alle mit Mamas Eltern versöhnten und Mama und Papa nicht mehr um ihre Liebe bangen mussten. Ich sah ein Mofa, einen ernstblickenden Papa, eine glückliche, lachende Mama, die sich an Papas Brust von hinten festhielt. Ich sah Nächte voller Musik und Leidenschaft am Schlagzeug und am Mikro, wie Papa in der Musik alles gab, um mitten in Teheran ein kleines Haus zu kaufen. Ich sah so viel… Ich sah ihre Liebe, öffnete die Augen, um die Tränen frei zu lassen. Um sie frei zu lassen, damit mein Glück die Erde nährte. Die Musiker spielten ein altes, persisches Lied nach dem Anderen, inspiriert von unserer Freude und den nostalgischen Tränen, die wir dabei ließen.
Diese Lieder tragen nicht nur die Geschichte meiner Eltern, sondern inzwischen auch meine eigene. Ich werde nie von ihnen loskommen. Ich werde sie nie wieder hören können, ohne dabei in Melancholie und in Glück gleichermaßen zu versinken. Ich werde diese Lieder nie hören können, ohne mich in eine andere Zeit, in eine andere Welt wünschen zu können. Ich kann diese Lieder nie hören, ohne Papa und Mama dabei unendlich zu lieben, meine Muttersprache zu lieben und ihre Art, einander zu lieben zu lieben. Diese Lieder höre ich immer mit Bedacht und Ehrfurcht. Ich weiß, ich kann sie nicht immer hören, weil sie mich in Depressionen stürzen können oder in eine heillose Nostalgie, die mich dann eine Woche ins Bett wirft, damit ich mich in ihr suhlen und baden kann. Suhlen kann in der Hoffnung, dass ich beim nächsten Augenaufschlag nicht hier bin, sondern dort – in der Vergangenheit. Dort, wo alle glücklich sind, die Welt weniger mechanisch ist und vor allem alle noch leben.
Deshalb lasse ich in meinen eigenen vier Wänden nicht zu, dass diese Art von Liedern unerwartet und erschlagend in die Atmosphäre prasseln. Denn ich weiß um ihre zerreißende und niederreißende Wirkung. Doch dort, auf der Straße – in der grauen Tristesse der Zombiemassen und des Nieselregens, der ich mich so bieder fügte – wo ein junger Musiker auf mich zukommt und fragt, woher ich komme und dann auf seinen Befehl hin alle anfangen, die Geschichte meiner Eltern und die meiner Großeltern zu spielen, erliege ich gnadenlos dem Glück. Ich halte die Luft an, mache seltsame Bewegungen mit den Armem, nehme die Situation mit der Kamera auf, schließe die Augen, um jeden weiteren Moment zu vermeiden, damit dieser nie endet, balle meine Fäuste zusammen – und das alles im ewig scheiternden Versuch, das Glück festzuhalten, es einzurahmen, an die Wand zu nageln, mich für immer mit ihm zu vermählen.
Und trotz seiner Vergänglichkeit sitze ich hier – und dieses Glück ist eine Erinnerung. Aber was ist eine Erinnerung? Die Erinnerung ist ein einst gegenwärtiger Moment gewesen. Ich habe ihn erlebt, ich habe ihn gesehen – es ist gar nicht so lange her. Und das ist der Beweis dafür, dass er wieder geschehen kann.
“Hast Du gesehen, Mama?”, sah ich nach links zu ihr und drückte ihre Hand.
“Ja, ich habe alles gesehen. Alles.”, lächelte sie und drückte meine zurück.
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13.06.2007, 15:20
“Alles aus Liebe”
Manchmal sehe ich Dich von Weitem auf Petras Balkon sitzen. Wie damals schaust Du neugierig mit Deinem blonden Schopf durch die Blumen raus und heckst irgendwelche frechen Pläne aus. Noch gestern habe ich genau diese Szene beobachten können. Du siehst mich von Weitem, beobachtest mich, ich sehe Dich, drehe mich auf dem Absatz um und gehe wieder nach Hause.
Du musst denken, ich sei verrückt. Vor allem, wenn man die Anstalten bedenkt, die ich mache, um nicht aufzufallen. Plötzlich nehme ich das Handy in die Hand, rede irgendetwas Wirres auf Persisch vor mich hin, drehe mich wieder Richtung Haustür und verschwinde, als hätte ich irgendwas vergessen. Sobald die Tür im Treppenhaus im Schneckentempo zufällt, lehne ich mich an die kühle Wand und atme tief durch.
Ich gehe Dir leider aus dem Weg, Du sollst die Zeichen meiner seelischen Hoch- und Tiefflüge nicht an meinem Gesicht ablesen und nachfragen, wie es mir geht – ich könnte durch diese ehrliche, durchdringende Frage in Deinen Augen völlig auseinanderdriften. Und die Tatsache, dass ich ab meinem fünften Lebensjahr schon in Dich verliebt war, was sich mit sieben zwar wieder legte, aber dafür mit dreizehn in heftigster emotionaler Orgie wie ein Lastwagen-Platt-Walzer über mich gerollt ist und ungelogen sechs ganze Jahre lang andauerte, macht eine Begegnung mit Dir nicht leichter, auch wenn ich Dir nie meine Liebe beichtete, so schien sie sie doch für jeden sonnenklar gewesen zu sein.
Ich muss so lachen, wenn ich an damals denke. Dein Problem war unser Altersunterschied, sonst nichts Anderes. Du warst ganze sieben Jahre älter als ich und hieltest immer einen sehr gewissenhaften, wenn auch anstrengenden Abstand zu mir, den Du mit viel Humor und übertriebenem Witz zu stabilisieren suchtest, ohne dabei distanziert zu wirken. Bei Antonio heultest Du Dich dann aus. Abends an der Tischtennisplatte, wenn Ihr durch Eure ernsten Gesichter uns Kleinen fernhieltet, hattet Ihr Zwei Eure Gespräche. Während Du dachtest, Antonio hielte dicht, erzählte er mir gleich die darauffolgenden Tage immer, was in Deinem Herzen vorging. Dass Du “bisschen besorgt” seist wegen meines Vaters.
“Ich mag ihn so gerne, er ist sowas von korrekt, aber was seine Töchter angeht, da versteht er keinen Spaß. Verstehsse, Antonio?” Und Du hattest Recht damit.
Also weiter nichts tun. Ich war sowieso erst dreizehn. Auch wenn ich damals schon fast 1,70 Meter groß war und aussah wie achtzehn, änderte das an meinem Alter nichts. Das wussten wir beide. Also begegneten wir uns weiterhin mit unschuldigem Geplänkel. Beim Fußball und Rundlauf suchten wir heimlich ein wenig Körperkontakt, was dann so ausartete, dass Papa einmal sehr böse aus dem Balkon schaute, als er mich dabei erwischte, wie ich Dir mit dem Tischtennisschläger auf den Po klatschte. Bevor ich auf unseren Balkon sah, spürte ich schon, wie Papa mich mit seinem Blick markiert hatte. Ich lache schon wieder. Ich wollte an dem Tag auf keinen Fall nach Hause, aber so viel Ärger gab’s gar nicht. Um nicht zu sagen, überhaupt keinen.
Das Verlangen, uns zu küssen, stillten wir, indem wir immer aus derselben Cola-Dose tranken. Das ist Romantik, wenn Du mich fragst. Wir verloren kein Wort darüber. Nicht einmal aneinander. Aber ich weiß noch ganz genau, wie lange wir die Dose und die Trinkstelle anstarrten, bevor wir langsam und mit geschlossenen Augen davon tranken.
Für mich, die noch ein Kind war, war das alles aufregend, intensiv, intimer, als ich ausgehalten habe. Aber für Dich als jungen Mann muss das alles frustrierend gewesen sein.
Warum mir all das wieder einfällt? Ich höre gerade Deine Rauf-und-Runter-Lieder, mein alter Freund. Red Red Wine und Kingston Town von UB40. Weißt Du noch? Wir kommunizierten sogar über die Musik als Medium. Sobald ich begann, Klavier zu spielen, machtest Du Deine Anlage aus. Sobald Deine Anlage anging, hörte ich auf, Klavier zu spielen. Mein Zimmer war über Deinem, also benahm ich mich recht laut, damit Du mich hörtest und nicht vergaßest. Wurde ich laut, wurdest Du still, um mich zu hören – wurdest Du laut, wurde ich still, um Dich zu hören. Ein Glas auf dem Boden gehörte schon zu meiner Zimmereinrichtung. Eher mehr als weniger klebte mein neugieriges Ohr daran. Manchmal bildete ich mir ein, wie ich Dich nachts sogar atmen höre.
Wegen all dieser intensiven Erinnerungen will ich Dich heute nicht sehen. Erst, wenn ich wieder richtig leuchte und wieder zu mir gefunden habe. Irgendwann will ich Dir sagen, wie verliebt ich in Dich war als kleines Mädchen und als junge Frau. Ich möchte, dass wir beide über mich lachen. So richtig über mich lachen.
Und wenn Du Dich dann traust, sollst auch Du über jene Zeit erzählen, denn ich bin mir sicher, auch Du hast dazu mehr zu sagen als ein ganz normaler alter Freund.
Ich hoffe, dass dabei im Hintergrund UB40 und “Alles aus Liebe” von den Toten Hosen läuft. Denn es war wirklich alles aus Liebe. Nicht mehr – und schon gar nicht weniger.
Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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