13.05.2012, 14:02
Langweilig
Die Arena ist leer. Die Schaulustigen von der Mutter der Mütter gestillt, mit Blut. Sie schlafen und träumen treulos von feurigen Huren. Manchmal hegen wir Gelüste und halten sie der Sprachästhetik wegen zurück. Langweilig. Heute möchte ich vom Fleischlichen reden, doch das Meiste bleibt unausgesprochen. Bloß keinen Austausch provozieren, schon gar nicht mit Frauen. Mit Frauen führt das Thema immer nur zur Liebe. Langweilig. Dann trage ich Tüten für den alten Herrn Gauß. Er ist mein Nachbar, und seine Söhne scheren sich nicht, weil Scheren ratsch-ratsch machen und sie lieber pling-pling-geil die Beutel füllen. Und Herr Gauß dankt es mir, auch wenn er morgen wieder vergisst, wer ich bin. Und ich ärgere mich, weil er mir ja ohne Gedächtnis nicht lang genug ein gutes Karma wünschen kann. Langweilig. Kann ich nun zahlen, bitte? Ich bin fertig mit allem.
10.05.2012, 21:41
Ich bin Akeem
Mein Name ist Akeem. Ich bin zweiunddreißig Jahre alt, und es ist nicht leicht für mich hier. Ich bin fremd. Nach dem Israel-Libanon Krieg im Jahre 2006 bin ich auf das Flehen meiner Eltern hin nach Deutschland gekommen. Am Anfang war ich sehr dankbar, hier sein zu dürfen. Hier war die Sicherheit, von der meine Eltern träumten. Meine Cousins und Cousinen schreiben mir ein Mal im Monat Briefe und danken Gott dafür, dass wenigstens ich es gut habe, und ich kann nichts tun, außer mich in Demut zu üben und Dankbarkeit zu zeigen, denn sie haben alle einiges dafür geopfert, damit ich hier ein erfolgreicher Künstler werden kann. Bevor der Krieg begann, lief es sehr gut mit meinen Bildern, und ich war dabei, bekannt zu werden.
Manchmal fühle ich mich hier wie ein unerwünschter Fremdkörper, aber einer, der auch weiß, dass er ein Fremdkörper ist und keinerlei Antrieb hat, seine Existenz mit Gewalt im Wirtsorganismus durchzusetzen. So kam es, dass ich anfing, meine Bilder anders zu malen, als ich es in der Heimat tat. Wenn ich mich hier einem Gemälde widme, dann halte ich mich inzwischen zurück, sonst wird das Ergebnis als “kitschig” betitelt. Ein Wort für Kitsch mit einer negativen Konnotation gibt es in meiner Sprache nicht, und wenn, dann habe ich es vergessen. Es verletzt mich. Vor allem, weil niemand aus meiner Familie hier ist, um mich vor diesen kritischen Stimmen zu verteidigen. Niemand ist hier, um den anderen zu sagen, dass ich wirklich so fühle wie ich male. So, wie es in meinen Bildern zu sehen ist. Was sie eigentlich sagen, diese Fremden hier, bedeutet nämlich, dass das, was ich fühle, nicht echt sei, sondern eine Übermalung dessen, was “normale Menschen” sonst in sich erleben würden. Sie haben auch andere Wörter für das, was sie an mir ablehnen. Wörter wie “sentimental”. Eine genaue Grenze dessen, was sentimental ist und was nicht, können sie mir nicht nennen. Also muss ich den ganzen Tag in Unsicherheit die Angst brüten und raten, was zu sagen und zu malen richtig ist. Meine Intuition redet nicht mehr mit mir, seit ich Angst habe. Weiterlesen… »
07.05.2012, 10:32
Eineinhalb Zimmer
Wir lebten in einer kleinen Wohnung in der engsten Gasse der Stadt. In den eineinhalb Zimmern hatte ich es uns so wohnlich wie möglich eingerichtet. Das Halbe war eigentlich als Spint gedacht. Es war zu groß für einen, aber zu klein für ein Zimmer. Doch es passte eine große Matratze hinein. Dort teilten wir Schlaf und manchmal auch Lust.
Meine Freundin Lucia schüttelte jedesmal den Kopf, wenn sie mich besuchen kam. Für gewöhnlich war Rafael zu der Zeit noch auf der Arbeit. Die beiden mochten sich nicht sonderlich. Lucia fand, Rafael müsse inzwischen genug auf dem Bau verdienen, um mir ein besseres Leben zu bieten; und Rafael befürchtete, sie würde mir Flausen in den Kopf setzen und den Haussegen zerstören. Beide hatten sie Unrecht. Ich machte mir nichts aus Luxus und auch nichts aus der Meinung von Lucia und ihren Freundinnen.
Oft kam er spät nach Hause. Vor allem die letzten Wochen setzten seinen Knochen zu. Oft war er zu müde, um über den Tag zu reden. Er wusch sich kurz die Hände, während ich ihm das Essen aufwärmte und aß konzentriert und mit Bedacht. Danach saßen wir oft noch vor dem kleinen Fernseher. Unsere Gegenseitigkeit zeigte sich selten in mehr als nur im Anlehnen. Oft streichelte ich dabei seine Hände. Ich liebte seine Hände, die er nie ganz sauber bekam. Hände, die nie lügten. Während man von anderen sagte, ihre Augen seien der Schlüssel zur Seele, waren es bei Rafael seine Hände. Wenn er schlief, küsste ich sie manchmal und hielt sie kurz an meine Wange. Weiterlesen… »
02.05.2012, 14:27
Ein Plan
Die besten Männer konnten eine Frau einsam machen. Nur, indem sie dort saßen, an ihren Erdnüssen knusperten und das Wegsehen zur Allerweltsmimik deklarierten. Sie saß neben ihm, das hieß, so weit weg wie es ging. In diesem kümmerlichen Zimmer, das sie ihr Zuhause nannten, existierten zwei Welten, die einander nur trafen, indem sie einander trafen. Sie atmete in tiefen Zügen, um ihrer Blässe zu entgehen. Ein falsches Wort, und er hätte ihren ganzen Satz in der Luft zerrissen, bis sie in sich zusammenfallen würde. Doch vorher würde er sie in sich selbst hinein scheuchen. Ihre kläglichen Versuche des Benennens und Bittens trat er mit einer Bissigkeit entgegen, die keine Durchlässigkeit für menschliche Regungen zuließ. Manchmal machte er sich einen Spaß daraus, ihre Atemluft zum stocken zu bringen, indem er ihr barsch empfahl, mit dem, was sie gerade tat, aufzuhören. Da sie jedoch nichts anderes am tun war, als zu atmen, hielt sie im ersten Schreckmoment stets die Luft an, bis sie ihn sagen hörte: “Atme doch, du dummes Ding! Kusch’ doch nicht immer so. Na, hast du denn gar keine Selbstachtung, du Armes?” Dabei lächelte er in vorgetäuschter Milde, während er sein Herz für jegliche Hilferufe mit seinen stahlharten Armen versperrte. Einmal stolperte sie über ihren eigenen Schluchzer, der trotz allem Kraftaufwand nicht zu stoppen war, und japste nach Luft. Daraufhin klopfte er ihr auf den Rücken, als habe sie sich beim Essen verschluckt; wohl wissend, dass sie gerade gar nicht zu Tische saßen. Er wollte ihren luftschnürenden Kummer einfach nur ignorieren. Es bereitete ihm Freude, sie nicht zu sehen. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als einen Plan zu schmieden …
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