03.04.2012, 13:23
Verflechtungen
Sehr gelacht habe ich heute. Es gibt Dinge, die bringen mich, ob ich nun will oder nicht, einfach so dermaßen zum lachen, dass ich in dem Augenblick denke, das Leben sei das Schönste, was uns je hätte passieren können. Diese Momente sind welche, in denen die geistige Naivität der ersten Lebensjahre wieder Besitz von mir ergreift. Momente des Friedens waren das, weil man noch nicht so viel über das Leben und seine Regelmechanismen wusste. Momente der Hoffnung, weil man sich sagen konnte, sobald ich Erwachsen werde, stehen mir alle Möglichkeiten offen. Dass das Sehen offener Türen eher darin begründet lag, dass wir meinten, wir seien noch nicht zu unserer kompletten Größe herangewachsen und hinter uns und unserem tapsigen Schritten verberge sich mehr und mehr, das wussten wir nicht. Sind wir am Ende unseres Zieles angelangt; sprich, sind wir erwachsen, sind wir mündig und ausgebildet, gibt es diesen Weg weiter zum Horizont bis zum Tag {x} der phönixartigen Auferstehung nicht mehr; zumindest nicht, ohne dass wir einige Eigenarten des verpflichtenden Alltags ignorieren. Wir wissen {im Grunde}, wir sind am Zenit unseres Lebens angelangt, alles ab den Dreißigern beginnt, schwächer zu werden, langsamer, aber dafür bedachter und sorgsamer. Unsere Denkfähigkeit, unsere Merkfähigkeit, unsere Lernfähigkeit und die Fähigkeit, aus unseren festgefahrenen Mustern herauszukommen, nimmt ab. Dann sitzen wir hier, sind erwachsen, fühlen uns um unsere Hoffnungen und unsere Zukunft betrogen, aber arbeiten weiter wie fleißige Bienen für die Königin – den Staat – um uns wenigstens nützlich zu fühlen. Dinge zu tun, das hält uns davon ab, zu sterben, denken wir. Und ein wenig ist es auch so, zumindest hören wir die Zeit dann nicht mehr ungenutzt ticken. Und trotzdem, kommt mit diesen Erkenntnissen wundersamer Weise auch eine Gelassenheit in unsere Leben, die den Reiferen vor den Jüngeren einen Vorteil gibt. Sie entspringt aus der Erkenntnis, dass es jedem so gehen wird und niemand davon verschont bleibt, dass das Werden und Gehen einander ablösen wie guten Freunde bei der Nachtwache am Lagerfeuer. Weiterlesen… »
14.11.2011, 21:55
Was nicht stimmt.
“Hast du gesehen? Es geht ihm schon wieder gut. Das Leben geht weiter, sagt er. Und das ist der Lauf der Dinge, und man muss das akzeptieren, sagt er auch! Und dass das okay so ist. O-k-a-y.”
“Ja, ich weiß, ich weiß. Ich hab’ auch mit ihm gesprochen.”
“Was stimmt mit uns nicht? Was nur?”
“Vieles.”
“Ja, was?”
“Wir haben anders geliebt. Mit unserem Leben. Und wenn wir mehr gehabt hätten, dann auch damit. Das stimmt mit uns nicht. Würdest du das rückgängig machen, wenn du könntest?”
“Nein, niemals.”
“Siehst du? Auch das stimmt mit uns nicht. In Kauf nehmen, was uns zerstört, weil wir nichts Halbes ertragen.”
Die andere nickt. Sie essen weiter.
05.11.2011, 23:24
Mainhatten
Hier ein paar Eindrücke aus Frankfurt. Nicht viele, aber für mich gewichtige. Die Wildgänse waren heute sehr laut und aggressiv. Zwei haben sogar miteinander gekämpft. Neben all dem Lärm habe ich ihn gefunden. Etwas abseits, fast, als habe er sich aus allem rausgezogen, ganz bewusst. Als ich auf ihn zuging, entdeckte ich, dass sein Bein amputiert ist. Das war traurig, aber nicht bemitleidenswert. Er war genauso wohl genährt wie die anderen. Aber er war ein Einzelkämpfer. Das spürte man sofort. Vor allem als Einzelkämpferin. Ein bemerkenswertes Wesen. Seht seinen Blick. Wachsam, aber zu stolz, um mir gegenüber Angst zu zeigen. Ich glaube, ich hab’s mit Vögeln. Und sie es mit mir.







03.11.2011, 09:01
Walking Alone
Einige unserer Wege gehen wir alleine, wenn nicht sogar ein paar mehr als nur einige. Egal, wer um uns herum ist, wir fühlen, dass wir an diesen Stellen unseres Lebens Dinge gesehen und erlebt haben, die keine Sprache haben, die ungesagt in unseren zugenähten Mündern Folterknecht spielen und immer unbemerkt und das Rätsel des Hofnarrs bleiben werden, der von seiner Königin zur Hinrichtung freigegeben wird. Denn niemand kennt die Lösung. Denn niemand weiß, wie das, was als Rätsel steht, benannt werden kann. Wenn wir uns solchen Wegen stellen, sie durch ihre engen Gassen hindurch kriechen, setzen wir uns einer Veränderung aus, einer Isolation, einer vollkommenen Verarmung an menschlicher Wärme und Wahrnehmbarkeit, dass unsere Existenz uns als Schein, als Illusion als unfassbares Nicht-Ereignis erscheint. Wir kollidieren mit allem Gewesenen, ohne dass es kracht, denn es gibt uns nicht mehr – und wir fallen während des Versuches, die eine Hand mit der anderen zu packen, um zu fühlen, um zu fühlen, dass wir echt sind, immer mehr. Denn wir fassen ins Leere.
Wir brauchen Wegweiser. So sehr wir die Tatsache hassen, dass wir alleine sind, den Weg in der unfreiwilligen Intensität, in der Höllenfeurigkeit nur alleine empfinden, so brauchen wir dennoch Wegweiser. Einen Menschen, der anders ist als wir. Einen Menschen, hereingezogen aus der normalen Welt, aus der festen Welt des routinierten, oberflächlichen Miteinanders, in der Dinge Namen und Farben haben, in der Dinge Konturen haben, in der sie aus Stein oder Plastik sind – damit wir nicht in unserer De-Realisation ersaufen, um uns nicht panisch in frei fliegenden, verschwindenden Seelenpartikeln aufzulösen, so als seien wir nur eine Erfindung unserer Selbst. So, als habe man sein eigenes Trauma nur selbst erschaffen, so, als sei man nur eine Ausgeburt der eigenen Bösartigkeit gegen sich selbst.
Wegweiser sagen, dass du da bist, dass du echt bist. Packen sie unsere Hände, lösen sie sich in den ihren nicht auf, weil sie ihrem Gefühl, sich alles nur eingebildet zu haben, nicht erliegen, wie wir es tun. Für sie stellt sich diese Frage nach der Echtheit und dem Wahnsinn gar nicht, denn nicht alle haben erlebt, was schier unerträglich, also unmöglich ist. Nehmt sie also mit, auch wenn ihr Leben so unglaublich anders ist als unseres. Als Öllampe oder als Goldmünze, in die ihr beißen könnt oder als Zwicker, der euch sagen kann: “Das hier ist real. Das hier ist leider kein Traum, sondern ein Trauma. Ja, das hier ist deine Hölle, und nun gehen wir sie schließen. Sie dichtmachen. Ich komme mit.” Nehmt sie mit, diese Wegweiser. Und geht eure Hölle schließen.

Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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