27.12.2011, 03:09
Die Zukunft feiern
Zu Weihnachten und zum neuen Jahr möchte ich euch ein paar Worte hinterlassen, aber es sind nicht meine eigenen, denn ich finde keine. Es sind dafür jene von Little Bee, einem nigerianischen Mädchen aus dem Roman von Chris Cleave – und ich finde, sie haben mit Weihnachten zu tun, ja. Und damit, dass wir Weihnachten so feiern, wie wir es feiern, prunkvoll, warm, heimelig und schön glitzernd. Und sie haben mit dem neuen Jahr zu tun und was es für uns bedeutet. Nämlich unsere Zukunft. Wir feiern unsere Zukunft, den ersten Tag von einer Zukunft, die besser sein wird als unsere Gegenwart. Deshalb möchte ich euch sagen, was Little Bee über die Freiheit und die Zukunft zu erzählen hat. Auf geht’s. Ich tippe nun ab:
“[...] Ein Hund muss ein Hund sein und ein Wolf ein Wolf – so lautet ein Sprichwort bei mir zu Hause. Eigentlich sagen wir das gar nicht bei mir zu Hause. Warum sollten wir ein Sprichwort über Wölfe haben? Bei uns gibt es zweihundert Sprichwörter über Affen und dreihundert über Cassava. Wir sagen Kluges über die Dinge, die wir kennen. Aber mir ist aufgefallen, dass ich in eurem Land alles sagen kann, solange ich hinzufüge: So lautet ein Sprichwort bei mir zu Hause. Dann nicken die Leute und schauen ernst drein. Es ist ein guter Trick. Für Sarah ist Freiheit eine lange Zukunft, in der sie das Leben ihrer Wahl leben kann. Ein Hund muss ein Hund sein und ein Wolf ein Wolf und eine Biene eine Biene. Für ein Mädchen wie mich bedeutet Freiheit, einen Tag nach dem anderen lebend zu überstehen.
Die Zukunft ist noch eine andere Sache, die ich den Mädchen bei mir zu Hause erklären müsste. Die Zukunft ist der wichtigste Exportartikel meines Landes. Sie verschwindet so schnell über unsere Seehäfen, dass die meisten meiner Leute sie nicht kennen und gar nicht wissen, wie sie aussieht. In meinem Land besteht die Zukunft aus Goldnuggets, die in den Felsen versteckt sind, oder sie liegt in dunklen Reservoirs tief unter der Erde. Unsere Zukunft verbirgt sich vor dem Licht, aber eure Leute kommen zu uns mit dem Talent, sie ausfindig zu machen. Auf diese Weise wird unsere Zukunft Stück für Stück zu eurer Zukunft. Ich bewundere eure Zauberkunst, weil sie so subtil und vielfältig ist. In jeder Generation ist der Förderprozess anders. Es stimmt, dass wir naiv sind. In meinem Dorf waren wir beispielsweise überrascht, dass man die Zukunft in 42-Gallonen-Fässer pumpen und in eine Raffinerie abtransportieren kann. Weiterlesen… »
20.11.2011, 17:31
Little Bees Augen
Manchmal, da ist das eben so. Da fragt dich niemand Warum und Weshalb, und überhaupt. Da fragt niemand niemanden, und alle schweigen sich an, indem sie lachen und über das Wetter reden. Ich weiß nichts, und ich will auch nichts wissen. In meinem Kopf hämmert es. Vielleicht hätte ich das Buch nicht lesen dürfen. Und dann auch noch zweifach. Abwechselnd alle Kapitel einmal auf Deutsch, dann auf Englisch – oder umgekehrt. Kapitel um Kapitel. Und ich weiß nicht, was ich tun soll. Ähnlich wie bei “Die durchs Feuer gehen” habe ich mich fast übergeben, nein, bei Ersteren habe ich mich wirklich übergeben. Nicht so übergeben, wie bman sich bei “Feuchtgebieten” und den gewollt ekelhaften Scheiß übergeben würde, sondern übergeben, weil man über etwas liest, das es nicht geben darf. Einfach nicht geben darf, weil es das nicht geben darf. Das muss als Grund reichen. Punkt. Weil es das nicht geben darf, und weil es das gibt. Da versucht er, mein Mann, mir zu sagen, dass diese Geschichte so nicht abgelaufen sei, dass es eine Erfundene sei, auch, wenn es Schlimmere gebe oder auch ähnliche, aber dass diese Person, nein, die nicht. Die gibt es nicht. Und ich denke nur “Geh’, lass mich in Ruhe.” Ich weiß Bescheid, will ich ihm entgegen schmettern. Ich weiß Bescheid, dass das alles jetzt, jetzt, jetzt, j-e-t-z-t in diesen Sekunden mehrfach, hundertfach, tausendfach geschieht, und mehr als tausendfach. Denn jeden Tag, wenn einer dieser Menschen aufwacht, wird es sie verfolgen. Es wird sie verfolgen, bis es sie umbringt. Ich weiß Bescheid, will ich ihm sagen. Und ich will, dass er geht. Und er bleibt. Und ich bin erleichtert, dass er bleibt. Weiterlesen… »
Die Kanten meines Kopfes geben der Zeit eine Grenze. Grobzerhackt in Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Hack. Hack. Hack. Da frage ich mich, wenn wir dazu in der “Lage” sind, soetwas Großes und ur-kontinuierliches wie die Zeit so dermaßen vereinfachend zu entfremden, was machen wir da nur mit uns selbst und der Welt, die wir betrachten? So fasziniert ich von der Denk- und Analysierfähigkeit unserer Spezies bin, manchmal sollte sie doch wirklich einfach den Kopf zuhalten.
Da fällt mir ein: Es ist völlig legitim, in der Vergangenheit zu leben, denn sie ist nicht vorbei. Sie findet irgendwo statt, sagte Einstein. Und der wird es ja wohl wissen. Also suche ich einmal weiter. Vielleicht finde ich ja einen Weg in ein Paralleluniversum, in dem alles anders verlaufen ist als es hier verlaufen ist. Ich werde suchen und finden. Das Universum, in dem nicht nur 1979 anders war und es keine Mullahs, keine Yankees und keine Links- und Rechtsextremen gibt, sondern Mutter Erde geben und nehmen darf, ohne ständig schreien zu müssen, weil die Körper großer, weiser Bäume auf sie fallen wie sinkende Leichen nach einem plötzlichen Tod. “Wenn du das Paralleluniversum suchst, musst du aber darauf vorbereitet sein, nicht deine eigene Spezies aufzufinden, wenn du dort bist – sondern eine andere. Ob du dich da wohlfühlen wirst?”, fragt meine skeptische Stimme mich. “Werde ich denn dazugehören können? Wenn ja, dann schon”, antworte ich zurück. “Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Aber denk’ doch einmal nach. Wie kannst du als Wesen mit menschlichen Erinnerungen, Denkwegen, Prägungen, Wahrnehmungsmechanismen und menschlichen Motivationen und Begegnungen zu Wesen gehören, die so ganz anders sind?”, fragt die Skeptikerin. “Na so, wie ich zu einer Katze gehören kann und sie zu mir, obwohl wir so grundverschieden sind, vielleicht”, gebe ich ihr leicht gereizt ihre Portion Angriffsfläche. “Die Katze ist ein Säugetier, ihr seid artverwandter, als du denkst. Sie will ähnliche Dinge. Aufmerksamkeit, Zärtlichkeit, Futter, Wasser, einen warmen Platz zum schlafen. Sie ist laut, wenn sie will und manchmal kratzt und beißt sie. So wie wir Menschen. Und bedenke, du hast nur ein Zugehörigkeitsgefühl zu ihr, weil ihr zuzweit seid. Stell dir vor, du bist in einem Raum mit zwanzig Katzen. Kannst du dich zu der einen zugehörig fühlen? Und wird sie es tun? Aber weiter zur anderen Welt. In der schönen Parallelwelt will wohl niemand so sehr, dass er bereit wäre, zu zerstören. Oder zu kratzen und zu beißen. Das Wollen ist hier, was destruktiven Charakter hat. Das haben du und die Katze, du und die Welt hier, aber die dort nicht. Wie willst du zu ihnen gehören?” Weiterlesen… »
“Erzähl’ einem suizidgefähredeten Menschen niemals, wie lebenswert das Leben sei. Es sind deine Gründe nicht seine. Das wird ihm weh tun, denn er erkennt mit einer großen Schlagwucht, dass er diese Gründe einfach nicht sehen kann – oder noch schlimmer: solche gar nicht hat. Er kann es wirklich nicht, verstehst du? Hör’ erst einmal nur zu, zeig’ Verständnis, aber signalisiere deutlich, dass Selbstmord keine Option ist. Bis hierhin klar?” Der junge Therapeut in Ausbidieldung nickt seinem Lehrer zu. Er steht auf, nimmt seine Patientenakte mit und geht hoch angespannt zu seinem ersten, wirklich herausfordernden Patienten.
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“Wenn du wirklich schreiben willst, dann hör’ auf, ständig über dich zu schreiben. Sätze, die mit ‘Ich’ anfangen und wirklich ‘Ich’ meinen, hängen den meisten leidenschaftlichen Lesern zum Hals raus. Woran das liegt? Ganz einfach. Die, die über’s Lesen hinausgewachsen sind, sind heimliche Idealisten und Weltverbesserer, die ihre Hände jedoch zur Ruhe gelegt haben und ihre Hoffnung in euch Schrifstellern legen. Sie erhoffen sich jemanden, der schreibend die Welt erklärt und sie danach auch gleich rettet. Es hat schon einen Grund, warum männliche Schriftsteller meistens die Besseren sind. Sie verstecken ihr Ego trotz ihrer unüberwindbaren Größe besser als Frauen, die durch ihre Lamentiererei ständig das eine Thema haben: Selbstfindung, Selbstverwirklichung, Neuerschaffung – nenn’s wie du willst. Dieses abgenutzte “Ich, meine Beziehungen, mein (innerer) Kampf, Hüpfididu, das Leben ist so schön, ich danke dir Gott, mein Beauty Tag” will niemand hören, der den Wert von Büchern wirklich kennt. Mach’ auf alles aufmerksam. Du bist schon tief genug mit involviert, allein aufgrund der Tatsache, dass du – ob du nun willst oder nicht – der Beobachter dessen bist, was du (be)schreibst oder als wertvoll genug ansiehst, es zu beschreiben. Mehr von dir brauchst du nicht hineinfließen zu lassen. Bis hierhin klar?” Die junge Frau nickt ihrem Mentor zu, packt ihr Notebook ein und setzt sich in die Bibliothek, um ihre ersten Zeilen zu tippen. Entmutigt stellt sie fest, dass sie über nichts anderes schreiben kann als über sich selbst. Gefangen in einem unendlich kleinen Kreis der reduzierten Interaktionen zwischen sich und ihren Männern, sich und ihren Freunden, sich und ihrer Vergangenheit, sich und irgend etwas. Zu mehr war sie nicht in der Lage. Weiterlesen… »
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