30.09.2011, 10:23
Joséphine
“Deine Augen sind
so müde, Joséphine.
Was hat man dir
nur angetan?”
“Meine Augen sind
so müde, Held?
Was denkst du,
wer hier all die Jahre
nicht mehr war?”
“Du weißt doch, Liebste
Gekämpft habe ich.
Gegen Dämonen,
gegen Soldaten
gegen mich
Weißt du denn nicht?”
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26.09.2011, 23:53
Vergesst sie nicht
Tief in euch, dort ist sie verborgen, eingelullt von den kriegerischen Engeln unserer Seele: eure Kindheit. Da liegt es, das Kind in euch, bevor es verletzt wurde, bevor es aus seinen kleinen Locken und den großen Augen entwuchs und in die Welt der Erwachsenen schritt. Pscht, lasst sie nicht raus aus dem Schlaf des Friedens, aus dem Urvertrauen für die Mutter und die Verehrung des Vaters. Lasst sie dort. Schlafen sollen sie, träumen sollen sie – und mit weißen Federn, Regenbogenlaub und Seifenblasen spielen, die niemals zerplatzen, weil es keine Realität gibt, an dessen spitzen Kanten sie sich stoßen könnten. Lasst sie – und vergesst sie nicht.
Manche von uns – nein, viele von uns, hatten diese Kindheit nicht. Hatten diesen Schutz nicht. Ihre Locken hingen traurig runter, bevor sie erwachsen wurden. Das Blond ihrer weichen Haare wurde asch und fahl, das Schwarz ihrer seidenen Haare verlor sich in der Dunkelheit der Angst. Ihre Augen vergossen ihren Glanz an ungehörte Tränen, bevor ihre Körper zu jungen Frauen und starken Männern heranwachsen konnten. Viele von uns hatten diese Kindheit nicht, hatten sie einfach nicht. Lass sie nicht allein – und vergesst sie nicht.
Und trotzdem, wenn ihr sie fragt, haben sie die selben Bilder wie ihr, wenn sie sich in kalten Nächten selbst wärmen müssen. Sie singen sich selbst die selben Lieder vor, die euch eure Eltern vorsangen, als ihr euch nicht in den Schlaf wiegen lassen wolltet. Was ihr Erinnerung nennt, nennen sie Träume. Was ihr Erfahrung nennt, nennen sie Wünsche. Die Zeit, an die ihr mit einem Lächeln zurück denkt, lässt das furchtsame Gesicht eines kleinen Kindes zurück in der Mimik eines Erwachsenen erscheinen. Lasst sie nicht allein – und vergesst sie nicht. Sie sind um euch herum, seid nicht blind, sagt nicht “Das schaffst du schon!” oder “Die Zeit heilt alle Wunden, man muss nur positiv denken”, denn für sie ist das so nicht. Vergesst nicht, nicht jeder hatte ein sicheres Bett mit Blümchenfeen, Mütter und Väter, die sie in den Schlaf küssten, das Gefühl von absolutem Schutz genossen, solange die Vater und Mutter einen mit Liebe durch alle Wege begleiteten. Vergesst das nicht. Vergesst nicht, dass nicht jeder seinen Glauben in sich und in die Zukunft heute noch von dem liebevollen Geflüster seiner Eltern in alten Tagen nähren kann. Vergesst sie nicht. Ich vergesse sie nicht.
Was für ein Bild… Weitere Bilder findet ihr hier: ArtPics.

Für die Liebe meines Lebens – Papa & Mama…

Quelle: Margitta Freyt, Malerin
31.05.2008, 19:51
Der Vogel
Manchmal, wenn ich meinen inneren Selbstgesprächen unterliege und wirklich nicht von irgendwelchen eigentlich sonst angenehmen Begegnungen unterbrochen oder gestört werden will, verlasse ich das Haus durch den Keller, in den Hinterhofgarten unserer Siedlung und erkämpfe mir von dort aus den Weg nach Hause zu meiner Familie. Wir leben in einer ruhigen Insel und begegnen überrascht immer wieder mal selbst in der Straße wandernden Entenpaaren, die sich verlaufen haben, nächtlich rumwuselnden Igeln und einigen schwer um ihr Revier kämpfenden Katern.
Gestern war wieder einer dieser Tage, an denen ich meinen Gedanken nachhing und man fast meinen könnte, ich sei einer mathematischen Problemlösung auf die Spur, die die Menschheit für immer verändern würde, bis ich, auf den Boden blickend, aus dem Seitenblick einen schwarzen Vogel entdeckte. Leider habe ich mich in meinem Leben schon mit diversen Bereichen beschäftigt, aber nicht mit Vögeln, also konnte ich die Vogelart leider nicht ausmachen, aber das war unwichtig, nachdem ich die ängstlichen Augen des Vogels sah, der mich gehetzt ansah und versuchte, von der Stelle zu kommen. Der Anblick brach mir das Herz, denn so oft es auch humpelnd zum Fliegen ansetzte, es wollte ihm nicht gelingen, wie gewohnt in die Höhe zu schwingen, um sich vor mir in Sicherheit zu bringen. Ich blieb stehen, darauf bedacht, Abstand zu ihm zu halten, damit ich seine Paniksituation nicht noch verstärkte und überlegte, wie ich ihm helfen kann, ohne ihm weh zu tun. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Er schien sich verletzt zu haben, am Flügel oder am Füßchen, ich weiß es einfach nicht – und ich wagte auch nicht, ihm mit meiner Näherung noch mehr Angst zu machen.
Also fing ich verzweifelt an, leise mit ihm zu reden und ihm bei bleibendem Abstand zu versprechen, ja inbrünstig zu versprechen auf alles was mir heilig ist, dass ich ihm nichts tun würde und dass ich nur wissen will, ob ich irgendetwas für ihn tun könnte. Aber er verstand mich einfach nicht und wurde bei meinem kontinuierlichen Blickkontank immer verzweifelter in seinen Versuchen, starten und fliegen zu wollen. Ich schwieg und sah ihn traurig an und versuchte, zu akzeptieren, dass ich nichts tun kann. Dass ich loslassen muss (eines meiner größten und sich immer wiederholenden Prüfungen in meinem Leben, die mich in den verschiedensten Situationen zum Loslassen auffordern, mich quasi lehren wollen, wie man loslässt) und weitergehen muss.
Ich drehte mich um, schluckte den Kloß in meinem Hals runter und ging hoch zu meiner Familie. Oben angekommen, setzte ich mich hin und überlegte noch, ob ich ihm nicht etwas Brot runterwerfen solle – aber ich dachte mir, wenn er bald sterben müsse, dann sollte ich ihn nicht weiter künstlich am Leben erhalten. Ich hoffte, dass diese Vogelart irgendwie solidarisch war und dieser Vogel nicht allein verenden würde und glitt immer tiefer in irgendwelche Kombinationen von Möglichkeiten…
Irgendwann landete ich bei einer alten Erinnerung von mir. Ich muss ungefähr 10 Jahre alt gewesen sein, als mir genau so ein Vogel auf dem Spielplatz begegnet war und der panisch versuchte vor der Menge an Kindern wegzuhumpeln. Ich hatte Angst, sie würden den Vogel zertreten, außerdem wirbelten die Kinder soviel Staub und Sand auf, dass ich Angst hatte, der Vogel würde sich daran verschlucken. Unwissend – und weitaus unbedachter als gestern – nahm ich diesen Vogel in die Hand und nahm ihn mit nach Hause. Ich hielt ihn meinen Eltern hin und sagte: “Papa, Mama, dieser Vogel ist verletzt. Wir müssen ihn pflegen.” – Entgegen der typisch orientalischen Mentalität, sind meine Eltern Gott sei Dank keine Menschen, die an Tieren etwas “Schmutziges” sehen, das nicht ins Haus gehört. Sie wussten zwar wahrscheinlich von Anfang an, dass diesem Vogel nicht zu helfen war und überlegten wahrscheinlich noch in der selben Nacht, wie sie mir das erklären sollten, aber sie ließen mich erst einmal machen.
Ich baute dem Vogel ein kleines Nest aus einem größeren Karton, einem Bereich mit weichem Kissen und Gras, etwas Brot, Wasser und einigen Würmern, die ich ihm gesammelt hatte. Jeden Tag nach der Schule kam ich nach Hause und sah nach ihm. Er wurde trotz meiner liebevollen Fürsorge irgendwie immer dünner und müder, aber ich redete mir ein, dass er müde ist, weil sein Körper sich anstrengt, wenn es gesund werden muss – so wie beim Fieber. Eines Tages kam ich nach Hause und der Vogel war nicht mehr in seinem kleinen offenen Karton. Meine Eltern kamen zu mir und sagten, er sei weggeflogen, er habe sich wohl endlich gesund genug dazu gefühlt.
Ich war traurig und erleichtert zugleich. Ich würde ihn so vermissen, aber auf der anderen Seite: Was war ein schöneres Geschenk als die Freiheit und die Gesundheit dieses Vogels?
Ich war zufrieden mit der Welt. Sie schien mir gerecht, gut, heilbar. Erst gestern begriff ich zum ersten Mal, dass meine Eltern mich wohl angelogen hatten, um mir die Natur dieser Welt noch vorzuenthalten. Ich könnte sie heute noch danach fragen, aber ich werde es nicht tun. Denn insgeheim hoffe ich noch immer, dass der Vogel von damals tatsächlich noch weiterleben durfte…
Es muss vor einer Woche gewesen sein. Ich schlenderte mit Mama lustlos durch die graue Einkaufsstraße, während jede noch so interessante Seelenfarbe an mir vorbaurauschte. Wie, als sei ich eine emotionslose Maschine, unempfänglich für jegliche Schönheit. Die Welt war uninteressant, gemein, ungerecht – und vor allem: Nicht veränderbar. Jemand hatte uns Menschen mit einem heißen Eisenmetall das Gehirn um-gequetscht – und da liefen wir nun orientierungslos rum und suchten in irgendwelchen zu habenden Dingen unser Glück. Ich fühlte mich mit jedem Zombie vollkommen überein, indem ich mich wie diese vollkommen einsam fühlte und diesen Zustand vollkommen verteidigte. Als ich begann, mich in meiner neuen Zombie-Haut wohl zu fühlen und die fast naive Begeisterung meiner schönen Mutter über dies und jenes an mir vorbeiging wie Passanten, hörte ich aus der Entfernung das rege Spielen von Straßenmusikern. Die erst dumpfen, verworrenen Töne zogen mich in ihre Richtung und gewannen an Schärfe und Klarheit. Der Duft von irgendeiner undefinierbaren Süße stieg in meine Nase bei diesen vertrauten Klängen. Ich erwachte aus meinen diffusen Gedanken und schaute meinte Mutter an:
“Gehen wir zur Musik, Mama.”, sagte ich bestimmt, als habe ich eine wichtige Mission zu erfüllen.
Dort angekommen, hörte ich sie. Edelgraue Melancholie in der lieblichen Melodie, die sich in die Tiefe meines Abgrunds hinab steigerte und sich erlaubte, mit den unruhigen, dunklen Zonen meiner Seele zu reden und dann zu tanzen. Mein Mund stand offen, als ich diese Musiker ansah. Es waren vielleicht vier Männer: Einer sehr jung, einer sehr alt, die anderen mittig. Eine Violine, ein Bass, ein Akkordeon und eine Klarinette redeten zu mir in einer Sprache, die keine Verbale der Welt auch nur annähernd greifen könnte. Die melancholischen Wellen überfrauten mich. Von oben und unten herab überflutete mich eine heftige Gänsehaut und traf sich in meiner Mitte, so dass ich mich aufbäumte und mir die Tränen in die Augen schossen. „Scheiße!“, dachte ich. „Sie hatten mich berührt.“ – Und dann fühlte ich mich darüber doch noch dankbar.
“Mama…”, sagte ich fassungslos. “Mama, was sind das für wundervolle Musiker? Wie wundervoll sie spielen, Mama…”
“Ja, mein Schatz, ich weiß. Schön, nicht wahr?”, sagte sie milde lächelnd.
“Mama… Warum sind die nicht reich? Warum stehen hier nicht alle rum und lassen sich mitreißen?”
Ich sah mich um und bemerkte plötzlich, dass tatsächlich ein paar Zombies – wie meine Wenigkeit – aufgewacht waren und entzückt bis fasziniert auf die Musiker schauten und ihre Körper zur Musik mitwippen ließen. Aus der grauen Tristesse lösten sich plötzlich die Grautöne auf und wichen einer sich erschaffenden, bunten Welt, die sich wie ich aufbäumte und wie eine hypnotisierte Schlange, die sich durch die Melodie ihrer Sehnsucht willenlos herausgezogen fühlte, in ihrer unmittelbaren Umgebung verbreiten wollte. Und genau das geschah. Mitten im Alltagsgrau der Einkaufsstraße entstand eine kleine, bunte Oase von wachen Seelen und frohen Farben.
In meiner Bauchumgebung spielte sich irgendetwas Ungewohntes ab. Zwar etwas sehr Vertrautes, doch lang Vermisstes. Ich fühlte, wie sich der Vorbote eines mich überschwappenden Glücksgefühls streichelte und sich feierlich ankündigte. Ich hielt ungläubig und fast ängstlich die Luft an und schloss die Augen. Ich schloss die Augen und drückte Mamas Hand, bis mich jemand antippte. Von vorne. Ich klimperte die Lider auf und sah dem jungen Violinisten direkt ins Gesicht. Er lächelte heiter und fragte in seinem bulgarischen Akzent:
“Woher kommst Du?”
“Ich? Ich bin Iranerin.”
“Ah, Iran!”, rief er laut aus. “Okaaaay…”
Er drehte sich zu seinen Freunden um und rief irgendetwas auf bulgarisch. Und dann laut “Persien! Sie ist aus Persien! Okay, legen wir los!”
Ich schaute die Musiker nur mit großen Augen an und wusste nicht, was jetzt kommen würde. Wollten die jetzt etwa persische Musik spielen? Vielleicht Traditionelle? Oder neuere Lieder? Sind die sich sicher, dass sie persische Musik kennen? Woher bitteschön? Die waren doch bis jetzt mehr bei russisch-ungarisch geblieben. Ich weiß im Nachhinein nicht, ob ich mir diese Fragen wirklich gestellt habe, aber ich erinnere mich, dass ich mich kurz so fühlte, als habe man mich auf einen Fleck Erde genagelt, von dem ich nicht mehr fort konnte – nicht mehr fort wollte.
Der erste Ton erfolgte, der zweite erfolgte, der dritte… Eine ganze Melodie wurde laut lachend von den Musikern gemalt. Sie schauten mich an und wollten in meinen Augen sehen, wie ich die Melodie wiedererkenne, ob ich sie wieder erkennen würde, ob ich sie so sehr lieben würde, wie sie es just in dem Moment, in dem sie sie malten und mir schenken wollten, liebten. Ich wurde ganz hastig. Ist das wirklich das Lied? Sind das wirklich Oldies? Persische Lieder aus meiner Kindheit, die die Geschichte meiner Eltern und die Geschichte meiner Großeltern mit sich trugen? Das Glück durchzuckte meinen Körper wie ein länger andauernder Höhepunkt unter den Händen eines Geliebten. Ich hörte Mamas Begeisterung. Sie drückte meine Hand. Die Bilder der Vergangenheit prasselten auf mich ein. Bilder, die ich nie selber mit eigenen Augen gesehen habe, aber immer mit einem Sinn erfühlt habe, der das Auge um Dimensionen überstieg. Ich sah…
…Papa, wie er Mama an der Hand zieht und sagt: “Mir ist es gleich, was Deine Eltern sagen, wir gehören zusammen.” Ich sah Mama weinen. Ich sah Papa eine Straßenprügelei anfangen, weil Mama mit ihren zarten vierzehn Jahren von mehreren Männern umkreist worden war. Ich sah Papa im Gefängnis, weil Mamas Eltern die beiden voneinander trennen wollten. Ich sah Mama, wie sie am Fenster ihres Jugendzimmers saß und weinend Tagebuch schrieb und Papa Gedichte schrieb. Ich sah Papa, wie er Steine an Mamas Fenster warf, nur um ihr sein Gedicht zu bringen und ihres von ihr zu erhalten. Ich sah, wie Mama von zu Hause weglief und ohne nichts in den Händen an der Tür von Papas Familie klopfte und eingeschüchtert sagte:
“Ich bin seine… Frau. Ich bin von zu Hause abgehauen. Kann ich hier auf Ihren Sohn warten?”
Ich sah, wie sie sofort in die Familie aufgenommen wurde. Ich sah, wie sie für immer dort blieb, weil sie sonst von ihren Eltern getrennt worden wären. Ich sah, wie sie heirateten – ganz hastig in Schlaghosen und T-Shirts. Wie Mamas Bauch kugelrund wurde, wie ich hinaus in die Welt wuchs und immer mehr mit ihnen selbst verwuchs. Ich sah, wie ich Anlass genug war, dass sich alle mit Mamas Eltern versöhnten und Mama und Papa nicht mehr um ihre Liebe bangen mussten. Ich sah ein Mofa, einen ernstblickenden Papa, eine glückliche, lachende Mama, die sich an Papas Brust von hinten festhielt. Ich sah Nächte voller Musik und Leidenschaft am Schlagzeug und am Mikro, wie Papa in der Musik alles gab, um mitten in Teheran ein kleines Haus zu kaufen. Ich sah so viel… Ich sah ihre Liebe, öffnete die Augen, um die Tränen frei zu lassen. Um sie frei zu lassen, damit mein Glück die Erde nährte. Die Musiker spielten ein altes, persisches Lied nach dem Anderen, inspiriert von unserer Freude und den nostalgischen Tränen, die wir dabei ließen.
Diese Lieder tragen nicht nur die Geschichte meiner Eltern, sondern inzwischen auch meine eigene. Ich werde nie von ihnen loskommen. Ich werde sie nie wieder hören können, ohne dabei in Melancholie und in Glück gleichermaßen zu versinken. Ich werde diese Lieder nie hören können, ohne mich in eine andere Zeit, in eine andere Welt wünschen zu können. Ich kann diese Lieder nie hören, ohne Papa und Mama dabei unendlich zu lieben, meine Muttersprache zu lieben und ihre Art, einander zu lieben zu lieben. Diese Lieder höre ich immer mit Bedacht und Ehrfurcht. Ich weiß, ich kann sie nicht immer hören, weil sie mich in Depressionen stürzen können oder in eine heillose Nostalgie, die mich dann eine Woche ins Bett wirft, damit ich mich in ihr suhlen und baden kann. Suhlen kann in der Hoffnung, dass ich beim nächsten Augenaufschlag nicht hier bin, sondern dort – in der Vergangenheit. Dort, wo alle glücklich sind, die Welt weniger mechanisch ist und vor allem alle noch leben.
Deshalb lasse ich in meinen eigenen vier Wänden nicht zu, dass diese Art von Liedern unerwartet und erschlagend in die Atmosphäre prasseln. Denn ich weiß um ihre zerreißende und niederreißende Wirkung. Doch dort, auf der Straße – in der grauen Tristesse der Zombiemassen und des Nieselregens, der ich mich so bieder fügte – wo ein junger Musiker auf mich zukommt und fragt, woher ich komme und dann auf seinen Befehl hin alle anfangen, die Geschichte meiner Eltern und die meiner Großeltern zu spielen, erliege ich gnadenlos dem Glück. Ich halte die Luft an, mache seltsame Bewegungen mit den Armem, nehme die Situation mit der Kamera auf, schließe die Augen, um jeden weiteren Moment zu vermeiden, damit dieser nie endet, balle meine Fäuste zusammen – und das alles im ewig scheiternden Versuch, das Glück festzuhalten, es einzurahmen, an die Wand zu nageln, mich für immer mit ihm zu vermählen.
Und trotz seiner Vergänglichkeit sitze ich hier – und dieses Glück ist eine Erinnerung. Aber was ist eine Erinnerung? Die Erinnerung ist ein einst gegenwärtiger Moment gewesen. Ich habe ihn erlebt, ich habe ihn gesehen – es ist gar nicht so lange her. Und das ist der Beweis dafür, dass er wieder geschehen kann.
“Hast Du gesehen, Mama?”, sah ich nach links zu ihr und drückte ihre Hand.
“Ja, ich habe alles gesehen. Alles.”, lächelte sie und drückte meine zurück.
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Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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