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Es muss vor einer Woche gewesen sein. Ich schlenderte mit Mama lustlos durch die graue Einkaufsstraße, während jede noch so interessante Seelenfarbe an mir vorbaurauschte. Wie, als sei ich eine emotionslose Maschine, unempfänglich für jegliche Schönheit. Die Welt war uninteressant, gemein, ungerecht – und vor allem: Nicht veränderbar. Jemand hatte uns Menschen mit einem heißen Eisenmetall das Gehirn um-gequetscht – und da liefen wir nun orientierungslos rum und suchten in irgendwelchen zu habenden Dingen unser Glück. Ich fühlte mich mit jedem Zombie vollkommen überein, indem ich mich wie diese vollkommen einsam fühlte und diesen Zustand vollkommen verteidigte. Als ich begann, mich in meiner neuen Zombie-Haut wohl zu fühlen und die fast naive Begeisterung meiner schönen Mutter über dies und jenes an mir vorbeiging wie Passanten, hörte ich aus der Entfernung das rege Spielen von Straßenmusikern. Die erst dumpfen, verworrenen Töne zogen mich in ihre Richtung und gewannen an Schärfe und Klarheit. Der Duft von irgendeiner undefinierbaren Süße stieg in meine Nase bei diesen vertrauten Klängen. Ich erwachte aus meinen diffusen Gedanken und schaute meinte Mutter an:

“Gehen wir zur Musik, Mama.”, sagte ich bestimmt, als habe ich eine wichtige Mission zu erfüllen.
Dort angekommen, hörte ich sie. Edelgraue Melancholie in der lieblichen Melodie, die sich in die Tiefe meines Abgrunds hinab steigerte und sich erlaubte, mit den unruhigen, dunklen Zonen meiner Seele zu reden und dann zu tanzen. Mein Mund stand offen, als ich diese Musiker ansah. Es waren vielleicht vier Männer: Einer sehr jung, einer sehr alt, die anderen mittig. Eine Violine, ein Bass, ein Akkordeon und eine Klarinette redeten zu mir in einer Sprache, die keine Verbale der Welt auch nur annähernd greifen könnte. Die melancholischen Wellen überfrauten mich. Von oben und unten herab überflutete mich eine heftige Gänsehaut und traf sich in meiner Mitte, so dass ich mich aufbäumte und mir die Tränen in die Augen schossen. „Scheiße!“, dachte ich. „Sie hatten mich berührt.“ – Und dann fühlte ich mich darüber doch noch dankbar.

“Mama…”, sagte ich fassungslos. “Mama, was sind das für wundervolle Musiker? Wie wundervoll sie spielen, Mama…”

“Ja, mein Schatz, ich weiß. Schön, nicht wahr?”, sagte sie milde lächelnd.
“Mama… Warum sind die nicht reich? Warum stehen hier nicht alle rum und lassen sich mitreißen?”

Ich sah mich um und bemerkte plötzlich, dass tatsächlich ein paar Zombies – wie meine Wenigkeit – aufgewacht waren und entzückt bis fasziniert auf die Musiker schauten und ihre Körper zur Musik mitwippen ließen. Aus der grauen Tristesse lösten sich plötzlich die Grautöne auf und wichen einer sich erschaffenden, bunten Welt, die sich wie ich aufbäumte und wie eine hypnotisierte Schlange, die sich durch die Melodie ihrer Sehnsucht willenlos herausgezogen fühlte, in ihrer unmittelbaren Umgebung verbreiten wollte. Und genau das geschah. Mitten im Alltagsgrau der Einkaufsstraße entstand eine kleine, bunte Oase von wachen Seelen und frohen Farben.

In meiner Bauchumgebung spielte sich irgendetwas Ungewohntes ab. Zwar etwas sehr Vertrautes, doch lang Vermisstes. Ich fühlte, wie sich der Vorbote eines mich überschwappenden Glücksgefühls streichelte und sich feierlich ankündigte. Ich hielt ungläubig und fast ängstlich die Luft an und schloss die Augen. Ich schloss die Augen und drückte Mamas Hand, bis mich jemand antippte. Von vorne. Ich klimperte die Lider auf und sah dem jungen Violinisten direkt ins Gesicht. Er lächelte heiter und fragte in seinem bulgarischen Akzent:

“Woher kommst Du?”
“Ich? Ich bin Iranerin.”
“Ah, Iran!”, rief er laut aus. “Okaaaay…”

Er drehte sich zu seinen Freunden um und rief irgendetwas auf bulgarisch. Und dann laut “Persien! Sie ist aus Persien! Okay, legen wir los!”

Ich schaute die Musiker nur mit großen Augen an und wusste nicht, was jetzt kommen würde. Wollten die jetzt etwa persische Musik spielen? Vielleicht Traditionelle? Oder neuere Lieder? Sind die sich sicher, dass sie persische Musik kennen? Woher bitteschön? Die waren doch bis jetzt mehr bei russisch-ungarisch geblieben. Ich weiß im Nachhinein nicht, ob ich mir diese Fragen wirklich gestellt habe, aber ich erinnere mich, dass ich mich kurz so fühlte, als habe man mich auf einen Fleck Erde genagelt, von dem ich nicht mehr fort konnte – nicht mehr fort wollte.

Der erste Ton erfolgte, der zweite erfolgte, der dritte… Eine ganze Melodie wurde laut lachend von den Musikern gemalt. Sie schauten mich an und wollten in meinen Augen sehen, wie ich die Melodie wiedererkenne, ob ich sie wieder erkennen würde, ob ich sie so sehr lieben würde, wie sie es just in dem Moment, in dem sie sie malten und mir schenken wollten, liebten. Ich wurde ganz hastig. Ist das wirklich das Lied? Sind das wirklich Oldies? Persische Lieder aus meiner Kindheit, die die Geschichte meiner Eltern und die Geschichte meiner Großeltern mit sich trugen? Das Glück durchzuckte meinen Körper wie ein länger andauernder Höhepunkt unter den Händen eines Geliebten. Ich hörte Mamas Begeisterung. Sie drückte meine Hand. Die Bilder der Vergangenheit prasselten auf mich ein. Bilder, die ich nie selber mit eigenen Augen gesehen habe, aber immer mit einem Sinn erfühlt habe, der das Auge um Dimensionen überstieg. Ich sah…

…Papa, wie er Mama an der Hand zieht und sagt: “Mir ist es gleich, was Deine Eltern sagen, wir gehören zusammen.” Ich sah Mama weinen. Ich sah Papa eine Straßenprügelei anfangen, weil Mama mit ihren zarten vierzehn Jahren von mehreren Männern umkreist worden war. Ich sah Papa im Gefängnis, weil Mamas Eltern die beiden voneinander trennen wollten. Ich sah Mama, wie sie am Fenster ihres Jugendzimmers saß und weinend Tagebuch schrieb und Papa Gedichte schrieb. Ich sah Papa, wie er Steine an Mamas Fenster warf, nur um ihr sein Gedicht zu bringen und ihres von ihr zu erhalten. Ich sah, wie Mama von zu Hause weglief und ohne nichts in den Händen an der Tür von Papas Familie klopfte und eingeschüchtert sagte:

“Ich bin seine… Frau. Ich bin von zu Hause abgehauen. Kann ich hier auf Ihren Sohn warten?”
Ich sah, wie sie sofort in die Familie aufgenommen wurde. Ich sah, wie sie für immer dort blieb, weil sie sonst von ihren Eltern getrennt worden wären. Ich sah, wie sie heirateten – ganz hastig in Schlaghosen und T-Shirts. Wie Mamas Bauch kugelrund wurde, wie ich hinaus in die Welt wuchs und immer mehr mit ihnen selbst verwuchs. Ich sah, wie ich Anlass genug war, dass sich alle mit Mamas Eltern versöhnten und Mama und Papa nicht mehr um ihre Liebe bangen mussten. Ich sah ein Mofa, einen ernstblickenden Papa, eine glückliche, lachende Mama, die sich an Papas Brust von hinten festhielt. Ich sah Nächte voller Musik und Leidenschaft am Schlagzeug und am Mikro, wie Papa in der Musik alles gab, um mitten in Teheran ein kleines Haus zu kaufen. Ich sah so viel… Ich sah ihre Liebe, öffnete die Augen, um die Tränen frei zu lassen. Um sie frei zu lassen, damit mein Glück die Erde nährte. Die Musiker spielten ein altes, persisches Lied nach dem Anderen, inspiriert von unserer Freude und den nostalgischen Tränen, die wir dabei ließen.

Diese Lieder tragen nicht nur die Geschichte meiner Eltern, sondern inzwischen auch meine eigene. Ich werde nie von ihnen loskommen. Ich werde sie nie wieder hören können, ohne dabei in Melancholie und in Glück gleichermaßen zu versinken. Ich werde diese Lieder nie hören können, ohne mich in eine andere Zeit, in eine andere Welt wünschen zu können. Ich kann diese Lieder nie hören, ohne Papa und Mama dabei unendlich zu lieben, meine Muttersprache zu lieben und ihre Art, einander zu lieben zu lieben. Diese Lieder höre ich immer mit Bedacht und Ehrfurcht. Ich weiß, ich kann sie nicht immer hören, weil sie mich in Depressionen stürzen können oder in eine heillose Nostalgie, die mich dann eine Woche ins Bett wirft, damit ich mich in ihr suhlen und baden kann. Suhlen kann in der Hoffnung, dass ich beim nächsten Augenaufschlag nicht hier bin, sondern dort – in der Vergangenheit. Dort, wo alle glücklich sind, die Welt weniger mechanisch ist und vor allem alle noch leben.

Deshalb lasse ich in meinen eigenen vier Wänden nicht zu, dass diese Art von Liedern unerwartet und erschlagend in die Atmosphäre prasseln. Denn ich weiß um ihre zerreißende und niederreißende Wirkung. Doch dort, auf der Straße – in der grauen Tristesse der Zombiemassen und des Nieselregens, der ich mich so bieder fügte – wo ein junger Musiker auf mich zukommt und fragt, woher ich komme und dann auf seinen Befehl hin alle anfangen, die Geschichte meiner Eltern und die meiner Großeltern zu spielen, erliege ich gnadenlos dem Glück. Ich halte die Luft an, mache seltsame Bewegungen mit den Armem, nehme die Situation mit der Kamera auf, schließe die Augen, um jeden weiteren Moment zu vermeiden, damit dieser nie endet, balle meine Fäuste zusammen – und das alles im ewig scheiternden Versuch, das Glück festzuhalten, es einzurahmen, an die Wand zu nageln, mich für immer mit ihm zu vermählen.

Und trotz seiner Vergänglichkeit sitze ich hier – und dieses Glück ist eine Erinnerung. Aber was ist eine Erinnerung? Die Erinnerung ist ein einst gegenwärtiger Moment gewesen. Ich habe ihn erlebt, ich habe ihn gesehen – es ist gar nicht so lange her. Und das ist der Beweis dafür, dass er wieder geschehen kann.

“Hast Du gesehen, Mama?”, sah ich nach links zu ihr und drückte ihre Hand.
“Ja, ich habe alles gesehen. Alles.”, lächelte sie und drückte meine zurück.

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19.05.2007, 15:53
Mein kleiner Mann

“Dein Papa war ein starker Mensch, mein großer Junge.” – sie kniete vor Shirvan in Augenhöhe und sah dem Jungen in seine viel zu ernsten Augen. Er war gerade erst fünf Jahre alt und hatte durch das Schicksal die Ernsthaftigkeit eines ruhigen Einzelgängers, der seine Mutter grimmig vor jedem Fremdling beschützen wollte. Sie roch so gut, ihre leicht gebräunte Haut war an manchen Stellen von Narben übersät – er hatte die Augen seines Vaters, dachte sie, doch eigentlich hatte er ihre Melancholie.

Sie umarmte ihn fest und sprach weiter. “Ich habe schon viele Menschen sterben sehen, Shirvan, und sie sind oft mit einer Art der inneren Einwilligung gestorben. Sie haben letztendlich losgelassen. Aber Dein Vater, Shirvan, Dein Vater nicht. Er verblutete und hat bis zur letzten Sekunde gekämpft. Er hat nie losgelassen, er wollte bleiben oder uns mitnehmen.”

Shirvan sah seine Mutter ernst an und nickte. Seine Erinnerungen gehen bis zu seinem zweiten Lebensjahr zurück. Er erinnerte sich an seinen Vater, an seine bestimmte und autoritäre Ausstrahlung, die an Wärme und Güte aber niemals fehlen ließ. Er sah ihn und seine dunklen Augen, die so unergründlich waren. Er sah sein markantes Kinn und die Willensstärke eines Kriegers, der bereit war, alles für seine Familie zu geben. Er erinnerte sich an diese Liebe, die sie zu Dritt lebten. Er erinnerte sich an das wortlose Lächeln seiner schönen Mama, wenn ihr Mann sie zu sich rief mit einem Blick, den nur sie verstehen konnte. Ihre Hingabe ihm gegenüber schien an freiwilliger Hörigkeit zu grenzen. Alles war richtig, wie es war.

Ihre Locken glänzten damals vor Stolz und Glück. Die Narben an ihrem Körper gab es nicht. Sie hatten Feinde – schon immer, aber es gab nichts, was ihnen hätte Angst einjagen können. Seine Erinnerungen wurden plötzlich schwarz. Als hätte jemand mit einem Schwert durch die Atmosphäre und die Luft, die sie atmeten, geschnitten und eine neue Zeit markiert.

Ab dieser Zeit erinnerte er sich nur noch an dunkle Augenringe und das lethargische in die Ferne schauen seiner Mutter. Alles lief in schweren Bewegungen vor seinem inneren Auge ab. Gliedmaßen, Innereien und Kopf schmerzten bis zum zerreißen. Blutergüsse am weichen Körper seiner Mutter, Platzwunden, viele wortlose Schreie verfolgten ihn. Wie oft hörte er sie nachts weinen und mit einem Messer über seinem Bettchen stehen? Bereit, alles zu erdulden, was seine Mutter für richtig hielt, gab er sich weiter schlafend und hielt wartend die Luft an. Wie oft wollte sie ihn und sich mitnehmen und zu ihm – ihrem Mann, seinem Vater – zurückkehren. Egal, wo er war, sie wollte nur noch zu Dritt existieren und aus dieser unerträglichen Daseinsform der schneidenden, inneren Kälte und brustzerberstenden Ängste fliehen. Alles in ihr schrie nach ihm. Und auch Shirvan vernahm diesen markerschütternden Schrei seiner Mutter. Seine Ernsthaftigkeit erkannte sofort, was seine Mutter ihm seitdem immer sagen wollte, sich aber nicht traute. Bis heute.

“…und weißt Du, ich habe solange ausgehalten. Du weißt, ich kämpfe für uns beide, mein kleiner Mann, ich kämpfe wirklich. Aber Dein Vater ruft nach uns, das höre ich. Und ich weiß nicht, wie lange ich diesem Ruf noch widerstehen kann. Ich schaffe es nicht. Mein Mann ruft mich, mein kleiner Mann.” Sie sah ihren Sohn schuldbewusst an. “Shirvan… mein Gewissen ist das Einzige, das mich noch hier hält. Mein Gewissen will, dass Du die Möglichkeit bekommst, selbst zu entscheiden, wohin Du willst.” Sie sah ihren Sohn bedeutungsvoll an.

“Ich will bei Dir bleiben.“, sagte er leise, aber bestimmt. “Bei Dir und Papa.“
“Shirvan, wenn Du mit mir kommen willst, dann kannst Du nie wieder hierhin zurück. Verstehst Du? Und ich weiß nicht, wo wir ankommen werden. Und ich weiß auch nicht, ob wir überhaupt bei Deinem Vater ankommen werden. Vielleicht landen wir auch im Nichts oder in der Hölle, weil man sagt, das, was ich vorhabe zu tun, eine Sünde sei.” Ihre Stimme überschlug sich.

“Ich will bei Dir bleiben, Mama. Egal wo wir hingehen.”, antwortete er selbstsicher.
“Bist Du ganz sicher?”
“Ja. Ich habe auch keine Angst vor dem Messer, Mama.”

Sie schaute ihn mit großen Augen an und senkte unwillkürlich ihr Gesicht. Sie schämte sich plötzlich so, denn sie wusste jetzt, dass er sie nachts bei ihren Versuchen, ihr eigenes Kind zu töten und dann selbst mitzugehen, beobachtet hatte.

“Mein großer Junge, mein kleiner Mann…”, ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie konnte diesen empfindsamen, so ernsten Jungen – ihren Sohn – nicht direkt ansehen.

“Mama, ich habe keine Angst vor dem Messer.” Er blieb ernst und streichelte mit seinen kleinen Händen die Locken im Gesicht seiner schönen Mutter weg, die den Glanz in ihren Augen seit dem Tod ihres Geliebten zwar nicht verloren hatte, der sich aber von Stolz und Leidenschaft in tiefe Trauer verwandelt hatte.

“Mein kleiner Mann, ich werde unsere Reise nicht mit dem Messer antreten. Ich habe etwas Besseres gefunden. Wir sollten keine Schmerzen dabei haben.”

Sie holte aus dem Ausschnitt ihres Kleides ein kleines, festverschnürtes Lederpäckchen heraus, öffnete es und holte einen Ballen getrocknete Kräuter mit einem ihnen fremden Geruch.

“Ich werde die Tabletten zermalmen und zu einem unserer Lieblingstränke umrühren, mein kleiner Mann, und sie uns in unsere Lieblingsgetränke schütten. Wir trinken ihn zusammen und legen uns dann gemeinsam in unser Bett. In Ordnung?”, sie atmete erleichtert auf. Jetzt, da sie das Gefühl hatte, dass sie ihren Sohn hat selbst entscheiden lassen, fühlte sie sich nicht mehr so schwer. Den Gedanken, dass ein Junge in dem Alter keine andere Wahl hatte, als mitzugehen, wohin die Mutter auch hingeht, schüttelte sie sofort ab. Sie war so kurz an ihrem Ziel. So kurz davor, die pulsierende Fleischwunde ihrer Seele endlich zur Ruhe zu bringen, wollte sie nichts mehr zulassen, das sie hätte aufhalten können.

“Ja, Mutter.”, riss er sie aus ihren Gedanken raus.
Sie redeten noch lange an diesem Abend. Sie planten, was sie alles tun würden, wenn sie wieder beim Geliebten und beim Vater ankommen würden. Sie lachten unbeschwert. Es gab nichts mehr, was man ihnen hätte noch nehmen können, denn sie würden es sich selber bald nehmen.

“Und wenn nichts kommt danach, dann sind wir alle drei im Nichts. Hauptsache alle im selben Zustand..”, fieberte sie erregt.

Shirvan sah seine Mutter das erste Mal nach zweieinhalb Jahren wieder glücklich. Sie strahlte und erlangte kurz vor ihrem Tod ihre alte Lebhaftigkeit zurück. Sie war voller Elan, voller Freude auf die Zukunft. Alles ging ihr wieder leicht von der Hand. Ihre Wangen röteten sich der Vorfreude wegen. Sie hatte ihren Sohn gefragt und er würde mitkommen. Alles würde gut werden.

Beim Trinken saßen sie im Schneidersitz auf dem einstigen Ehebett und sahen einander mit großen Augen schweigend an. Niemand sprach ein Wort. Die Luft war zum Zerreißen gespannt.

Der erste Schluck ließ noch ein wenig die bitteren Kräuter schmecken. Der zweite Schluck war der Letzte, in dem man sie hätte noch stoppen können, ohne dass sie gestorben wären. Der dritte, vierte, fünfte Schluck folgte schnell und gierig aus Angst, sie würden es sich doch noch anders überlegen. Doch als beide ausgetrunken hatten, lächelten sie.

Sie legte sich auf den Rücken und öffnete ihre Arme für ihren Sohn. Er legte sein Gesicht auf ihre Brust und hielt sie ganz fest. Das erste Mal nach all den Jahren fühlte er sich wieder wie ein kleiner Junge mit dem Schutzbedürfnis eines Fünfjährigen. Er lauschte dem Herzschlag seiner Mutter, bis sie fast zeitgleich einschliefen. Und sie schliefen, bis sie nicht mehr atmeten…

03.10.2006, 02:41
Die Liebe einer Frau

Ich habe ein wunderschönes Bild im Herzen, das vielen etwas befremdlich vorkommen mag: Eine Frau stillt ein Baby, dieses wächst zu einer jungen Frau heran und schenkt der einst Stillenden ihrerseits wieder die Brust. Stirn und Augen werden geküsst, die Wangen gestreichelt – ein fremdartiges Lied wird gesungen in keltischer oder orientalischer Sprache, das sich wie Samt auf die Seele legt.

Jetzt, wo ich dieses Bild nieder schreibe, fällt mir ein, was ich solange verdrängt habe, weil ich die Suche danach so trostlos war: Ein weibliches Pendant zu mir, das mich immer begleitet und mir die Liebe gibt, die nur eine Frau einer anderen, einem Kind oder auch einem Geliebten geben kann.

Die meisten Lesbierinnen fanden Xena und Gabrielle stets so toll, weil sie ihnen eine homoerotische Beziehung anerdacht haben. Ich hingegen hing an den Zweien, weil sie das verkörperten, was ich mir immer gewünscht habe: Zwei Frauen, die einander so sehr in Verantwortung standen wie zwei Geliebte, aber es doch nicht waren – und wenn doch, dann nur manchmal und mit peripherer Relevanz, damit ihr Weg wegen solcher Nichtigkeiten, die in einer normalen Liebesbeziehung zu Stande kamen, nicht zerbrechen konnte. Eine Seelenverwandtschaft, der kein einziger Mann genügen konnte und man sich deshalb entschied, nur bei- und füreinander zu bleiben – und nirgendwo anders.

Ich glaube, die weibliche Liebe ist die Tiefste, die ich kenne, denn sie hat das Wesen der Mutter in sich, egal ob in Freundschaften, Geschwisterschaften oder Liebesbeziehungen – sie hat immer das Wesen der alles umarmenden und stillenden Mutter in sich. Deshalb sind Frauen zwar stiller in ihrer Liebe, aber im Grunde auch weiser. Denn ihre Liebe ist fast bedingungslos.