27.06.2011, 14:23
Leerliebe
Als ich jünger war, war ich die Verfechterin der unendlichen Liebe. Unendlich nicht in der Größe und Intensität, sondern in der Zeit. Ich war der festen Überzeugung, dass wenn man erst einmal einen Menschen in sein Herz gelassen hat, man nie wieder aufhören würde, ihn zu lieben. Komme was wolle. Bezaubert von der Idee der bedingungslosen nicht-enden wollenden Liebe, die so passend ist zu meinem persischen Namen “Mohnblume, die ewig Verliebte” war, behielt ich also jeden in mir und meine liebevolle Obhut, den ich Freund, Freundin und Seelenverwandter nannte.
Das Erwachsenwerden belehrte mich eines Besseren. Nun, vielleicht nicht eines Besseren, aber eines Realistischeren. Wenn Erwachsensein bedeutet, dass man sich seiner Illusionen entledingen muss, dann weiß ich: Erwachsenwerden tut weh. Und zum Anderen weiß ich: Erwachsen bin ich noch nicht ganz, denn einige Illusionen lasse ich nicht los. Meine Unschuld verlor ich also das erste Mal, als ich merkte, dass ich Menschen, die ich einst geliebt habe, auch durchaus nicht mehr lieben kann, wenn sie Grenzen überschritten haben. Dabei gab es immer den einen Aspekt, der genau diese langsam schwindende Liebe ins Nichts beförderte: Vertrauensbrüche. Immer wieder Vertrauensbrüche, die durch ihre Mehrmaligkeit unverdaubar wurden.
Und nun, da ich über Misstrauen nachdenke, frage ich mich, ob ich nicht eventuell vielleicht doch nicht mit dem Lieben aufgehört habe, sondern nur mit dem Vertrauen. Und ob diese Entfremdung beider Größen voneinander in mir lediglich eine Leere hinterlassen, die mich glauben lässt, dass es sich nicht mehr um Liebe handeln kann. Immerhin ist Liebe ja warm oder schmerzhaft heiß. Aber leer? Ich sollte meine Desillusionierung also noch einmal überdenken. Vielleicht kann Liebe auch leer sein. Leerliebe eben. Gewohnheitsbedingt gedacht, anstatt enthusiastisch gefühlt. Was denkt Ihr?


“Zu den denkwürdigsten Geschichten meiner Großmutter gehörten die von einem frostigen Wintertag im Zweiten Weltkrieg, als ein Schiff eine Gruppe polnischer Frauen und Kinder in den Hafen von Anzali brachte:
‘An jenem Tag war Euer Großvaterganz aufgeregt nach Hause gekommen. Er bat mich, schnell Nahrungsmittel und ein paar Teller und Besteckt zusammenzupacken. Er wollte, dass ich mitkomme, für den Fall, dass sie Probleme hätten, die sie mit den Männern nicht besprechen könnten. Er sagte auch, ich solle ein paar von meinen Kleidern und auch ein paar Kleidungsstücke der Mädchen mitbringen.
Auch Gholam, der Lehrling Eures Großvaters, war gekommen. Ich hatte einige Marmeladenbrote geschmiert und sogar eingepackt, was noch vom Abendessen übrig war, und wir haben uns auf den Weg gemacht. Euer Großvater war losgelaufen, um Seyed Hashem, den Stadtmullah, zu holen und ihn zu fragen, was wir tun sollten…
Als wir dort ankamen, war es so herzzerreißend: Schöne Frauen und junge Mädchen wie Blumen mit grauen und blauen Augen, aber sie sahen aus, als kämen sie direkt aus einer Kohlengrube… Sie waren hungrig, durstig und voller Flöhe… Der einzige Arzt in der Stadt war gerufen worden, und einige Zelte wurden vom Rathaus herübergebracht. Der Doktor bat uns Frauen, ihm zu helfen und sie mit Soblimeh-Seife zu waschen. Ihr könnt Euch das Durcheinander gar nicht vorstellen, die ganze Stadt war auf den Beinen und holte Sachen aus den Läden.
Als unser Mullah Seyed Hashem ankam, erklärte er, es sei unsere religiöse Pflicht, für diese Leute zu sorgen, die bei uns Zuflucht suchten. ‘Behandelt sie mit absolutem Respekt’, sagte er. ‘Es ist egal, wenn sie nicht das glauben, was Ihr glaubt… Behandelt sie wie Gäste in Eurem Haus… Verteilt sie auf die einzelnen Häuser, aber trennt die Kinder nicht von ihren Müttern. Nun holt heißes Wasser…’
Das Geschrei der Menschen, die heißes Wasser von zu Hause an den Strand brachten… All die Barbiere der Stadt, die den von Flöhen gepiesackten Polinnen die Haare abschnitten. Und wir brachten sie in die Zelte und wuschen sie, trockneten sie ab und kleideten sie an. Ihr habt keine Vorstellung, wie schön sie waren, als sie gewaschen waren!
Am nächsten Tag sagte Seyed Hashem in der Moschee: ‘Dies sind ehrenhafte Frauen. Sie haben mich gebeten, bekannt zu machen, dass sie nähen, stricken und sticken und gern dafür bezahlt werden würden. Schickt Eure Mädchen zu ihnen in die Lehre und bezahlt sie, damit sie auf eigenen Füßen stehen können.’
Meine Großmutter schickte meine Mutter zu Marous in die Lehre, die ihr Spitzhäkeln, Sticken und Perlenarbeiten beibrachte. Alle Mädchen in Anzali ließen ihre Aussteuer besticken. Und die Bräute in vielen Familien waren jene blonden, blauäugigen Schönheiten. Als ich in der Grundschule war, hatten Houma und ein anderes Mädchen, Maryam, ihre schönen blauen Augen von ihren polnischen Großmüttern geerbt. Und jedes Mal, wenn ich ihnen in die Augen schaute, erinnerte ich mich an die Geschichten meiner Großmutter über jenen Tag…
Aber da ist eine große Frage, die mich quält: suchen nicht auch zwei Millionen Afghanen im Iran eine sichere Zuflucht? Sind wir nicht dasselbe Volk? Glaubte nicht Seyed Hashem, der alte Stadtmullah, an dasselbe wie unsere derzeitigen Herrscher? Was ist mit uns geschehen? Was haben sie uns angetan?”
http://bamdad.blogspot.com/
* 1941 sollen sich schätzungsweise 300.000 polnische Flüchtlinge nach ihrer Freilassung aus Stalins Lagern bis in den Iran durchgeschlagen haben.
Diesen “Rap” hat mir mein kleiner Bruder (16) vor ein paar Tagen geschickt. Er meinte, ich solle wegen der Rechtschreibung mal drüberschauen. Was ich da zu lesen bekam, war ein emotionales Meisterwerk. Er schrieb es für seine beste Freundin, mit der er all seine Sorgen teilt. Sie schneidet sich ab und zu in die Arme, wenn es ihr sehr schlecht geht… Im letzten Beitrag “Männer sind doof” habe ich noch erklärt, wie das Trösten nicht klappt. Und hier ist ein Beispiel dafür, dass es auch Jungs / Männer gibt, die einfach eine Seele dafür haben.
Ich bin total stolz auf den Kleinen, der inzwischen 1.82m groß ist und mich wie ein kleines Mädchen tätschelt. Ich liebe Dich, Bruderherz. Egal, was sein wird.
Blut im Bad
Sehr gerne würde ich Dir Deine Probleme nehmen
und Deinen Schmerz teilen
ihn verheilen
Ich höre Dein kleines starkes herz
so laut weinen…
Meins weint mit schatz…
Sehr gerne würde ich immer für Dich da sein…
Dir schenken mein ganzes Dasein…
Dir helfen bei Angst und Sorgen
Bei Dir sein, bei Nacht und Morgen.
Schatz Du zweifelst am Sinn des Lebens
Versuchst Deinem Leben einen Sinn zu geben
Sag’, wieso bist Du eben mit Klinge im Bad gewesen?!
Hast Dir in Gedanken jeden Grund gegen das Leben vorgelesen
Du willst spürn’ starke Schmerzen…
Willst wissen, ob überhaupt nochwas da ist
Und Deine Wunden auch wirklich noch schmerzen…
Deshalb überkam Dich das Gefühl, zur Klinge zu greifen
Und Dir in die Arme und ins Herz zu schneiden…
das Blut tropft – Du bist erleichtert
Es ist dumm, doch Du denkst
“Ich fühl nix mehr, was soll’s dann schneid’ halt weiter!”
Dein Leben ist ein Gefängnis in Deinen eigenen vier Wänden…
Sehr gern würd ich helfen, das Blatt Deines Lebens für immer wenden
Doch ich kann Dir nur, nur dieses lied hier schenken!
Glaub mir, dass ich mit Dir fühl’
Auch wenn auch mich Probleme plagen,
die mich in die irre führn’…
Hab viel Verantwortung, viele Lasten zu tragen,
Schwer solche Lasten zu tragen, wenn meine Hände
keine Lasten mehr tragen…
Ich bin dabei mein Leben zu zerstörn’
Ich tu’ die Stimmen der Weisheit überhörn’
Ficke meine Zukunft Tag für Tag ein Stückchen mehr…
Der Tag, an dem ich’s Schwarz auf Weiß hab, rückt immer näher…
Sehr gerne würde ich Dir Deine Probleme nehmen
und Deinen Schmerz teilen
Ihn verheilen
Ich höre Dein kleines starkes Herz
so laut weinen…
Meins weint mit, Schatz…
30.09.2006, 01:18
Ungereimtheiten
(Tagebucheintrag vom 25/04/2006 – 03:43)
Manchmal brabble ich wie ein Wasserfall, wenn ich schüchtern bin. Ich trete einfach meine Hemmungen weg oder überlaute sie damit. Das ist mir am Samstag passiert. Wie ich geredet habe & dabei meinem Gesprächspartner nicht einmal meines Blickes würdigte, war schon phänomenal. Letztendlich konnte ich es nicht einmal unterlassen, diesem zu sagen, er solle mich bitte nicht ansehen. Mir nicht in die Augen schauen. Nach so langer Zeit empfinde ich immernoch Scham. Aber das ist typisch für mich…
Die meisten Menschen halten mich für selbstbewusst. Das bin ich oft tatsächlich. Immer dann, wenn irgendjemand jemanden anfassen will, der zu meinem Nest gehört. Ich habe ein großes Nest. Da sind manchmal auch Fremde willkommen. Nur was ist mit den banalen Alltagssituationen? Komplimente annehmen. Einem durchdringenden Blick eines Freundes standhalten. Die der Feinde zermürbe ich sofort mit einem kalten oder auch heißen Strahl – aber wehe jemand schaut mit Liebe, dann senke ich mein Haupt. Sage meistens nichts. Doch am Samstag sagte ich: "Guck’ mich nicht an." – wie oft eigentlich? Ich weiß es nicht.
Das Leben ist viel zu kurz, als dass man sich etwas vormachen sollte. Niemand von uns ist ohne Fehler, ohne aberwitzigem Glauben, ohne etwas, woran er sich fest hält. Manche dienen Anderen, die Anderen dienen nur sich – dennoch alles eine Form der Sklaverei. Wir sind Sklaven – nur Sklaven sind frei, sagte einst Hafez. Ich wünschte, einige Menschen würden die Tiefe dieses Satzes verstehen. Weißt Du, Gott, Sklaven wissen, dass sie dienen – und nichts weiter. Wir Menschen hingegen denken, wir würden irgendetwas beherrschen, dabei sind wir nur Opfer unserer eigenen Triebe – nicht soviel weniger als die Tiere, wie wir immer denken.
Selbst das Denken ist nur ein Trieb. Ein Werkzeug von vielen Anderen. Wir sind genauso bedeutungslos oder voll wie alle anderen Tiere auf diesem Planeten. Wer sich etwas einredet, macht sich etwas vor.
Ich mache mir seit ein paar Tagen viele Gedanken um den Narzissmus. Viele finden es chique, narzisstisch zu sein – aber es ist eine ernsthafte Krankheit & zeugt von einer verzerrten Selbstwahrnehmung. Der Narzisst, so meint man, liebt sich abgöttisch. Aber das Gegenteil ist der Fall: Der Narzisst konstruiert ein Image, ein imaginäres Wunsch-Abbild seiner Selbst, das er nach Außen hin trägt und je nach Intensität der narzisstischen Störung auch sich selbst einreden kann. Die Differenz zwischen wahrem Ich und dem Wunsch-Abbild sickert aber immerwieder mal ins Bewusstsein & kippt den Narzissten in eine Ich-Krise. Um dieses enorme, Image-zerstörende Ungleichgewicht zu kompensieren, degradiert er Andere und verstärkt seine Selbstdarstellung… Einige enden tatsächlich in eine Psychose, Paranoia oder im Drogensuff. Die Mittel, um das bröckelnde Selbstbild aufrecht zu erhalten, werden nämlich immer radikaler.
Dieses Phänomen kann man oft bei Stars erleben, wobei es sich bei ihnen anfangs um einen "künstlich erzeugten Narzissmus" handelt. Sie fangen erstmla bewusst an, ein Image aufrecht zu erhalten oder zu konstruieren. Befehl vom Management. Die Resonanz auf dieses Image, das aber nicht die wahre Persönlichkeit widerspiegelt, wirft jeden normal-stabilen Menschen in eine Sinn- und Ich-Krise. "Wen genau lieben sie? Mein Image? Oder mich? Und warum bin ich als Ich nicht genauso erfolgreich und liebenswert wie mein Image? Scheiße! Ich muss immer wie mein Image bleiben, sonst liebt mich niemand mehr…" Das traurigste Endprodukt solch’ einer Tortur sieht dann so aus wie Mariah Carey. Ihr Hund ist ihr bester Freund.
Ich weiß auch nicht. Was schreibe ich hier eigentlich? Ich bin doch doof. Und viel zu müde. Es war schön, besoffen zu sein. Aber meine Nächte im Rausch sind immer so unruhig. An Schlaf ist nicht zu denken… Wie dem auch sei, Du Wesen…
Öhm.
Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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