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25.02.2010, 14:15
Zahnräder

Letzte Nacht. Irgendwo einsam im Netz sucht eine schlaflose junge Frau nach Zeilen in anderen virtuellen Tagebüchern, die ihr wirklich etwas zu sagen haben. Zeilen, die es schaffen, die Skurrilität der Existenz am Schopf zu packen und – wenn auch nur kurz – zu schütteln und zu rütteln, zu beherrschen und zu zähmen. Alles hätte sie für dieses kurze Szenario gegeben. Jemand tritt all den Grenzen und Determinanten von Erschaffung und Zerstörung, dem Kreislauf des Lebens und dem Tod – und Gottes Gesetzen so dermaßen in den Allerwertesten, dass man die Sterne hätte lachen hören können. Aber sie hat nichts gefunden. Nichts, außer tausend Floskeln des Alltags, die sich Menschen gegenseitig in die Hand drücken, um sich selbst und ihrem ratsuchenden Mitmenschen die Illusion von Kontrolle über ihre skurrile Existenz zu geben.

“Wenn Du fest an etwas glaubst, dann passiert es auch.”
“Glaube versetzt Berge.”
“Wenn Du wirklich willst, dann schaffst Du es auch.”
“Es liegt vollkommen an Dir, Dich zu entscheiden. Du hast Dein Leben in der Hand.”
“Der Geist ist frei.”

Die junge Frau schüttelte den Kopf. Gab es denn niemanden, der wirklich klug und weise war? Der unbeeindruckt war, ohne die starke innere Verzweiflung der Mitmenschen zu passieren als seien sie nicht existent oder gar lächerlich? Weisheit bedeutete nicht, an der Absurdität des Lebens zu zerbrechen, sondern sie hinzunehmen. Weisheit bedeutet, dass selbst wenn man weiß, dass man mitten in einem unkontrollierten Schlachtfeld voneinander bedingender Ursache-Wirkungs-Interaktionen steht und in diesem Dominofeld eine von vielen Ursachen und Wirkungen zugleich ist ohne das Geringste dagegen tun zu können, dennoch milde über das Leben lächeln, Freude empfinden und Kraft spenden kann. Weiterlesen… »

“Nicht, dass ich wirklich selbstmordgefährdet wäre, nein. Ich halte mir immer nur diese kleine Tür offen, damit ich im Tragen dieser sinnentleerten Tage einen Fluchtweg sehen kann. Einen, von dem ich weiß, dass ich ihn niemals nutzen darf, egal was passiert. Das Licht, das mich erreicht, wenn ich mir vorstelle, wie ich mich selbst von dieser nichtigen Existenz wegschlachte – wegschlachte wie ein Stück Vieh – und befreit meinen Schmerz ausblute, was ich bis jetzt in Überdosierungen wie grün-gelbe Galle durch meine Adern habe fließen lassen, ist unsagbar schwerelos und warm.

Nicht, dass ich wirklich selbstmordgefährdet wäre, nein. Doch der Gedanke daran ist einfach nur kraftspendend und befreiend. Ich könnte, wenn ich wollte. Wie gut, dass ich könnte, wenn ich wollte. Wenn Ihr wüsstet, was ich könnte, wenn ich wollte… Und dass ich könnte, wenn ich wollte, macht mich unschlagbar.

Der Abgrund ist mein bester Freund, er schaut lächelnd hoch zu mir. Nicht, dass ich wirklich selbstmordgefährdet wäre.”

Von einem Unbekannten,
der Alles hatte,
Alles verlor –
Aber Nichts mehr zurücklassen wollte.
Schon gar nicht sich…