Ich bin ein Proll. In vielen Dingen bin ich einfach nur ein Proll. Kommt das überraschend? – Nicht schlimm. Als Kind und in der Pubertät habe ich mich immer nur mit Jungs gemessen, nie mit Mädchen. Pferdchen spielen, Vater Mutter Kind, Barbies fand ich immer langweilig. Ich hatte damals schon das Gefühl, diese Spielchen sollen mich nur auf mein Schicksal als “Frau” vorbereiten, mir dieses Gekoche, Geschnacke, Rosa-Plüsch-Kleidchen-Getrage schmackhaft machen. Das wollte ich nicht, ich wollte mich reiben, messen, fetzen, fallen, wälzen – das Gewinnen war eher eine Nebensache (was wiederum total unmännlich ist).
Woran das lag? Es lag an Papa. Meine Mama arbeitete damals täglich, als ich klein war – und Papa verdiente das Geld als Profischlagzeuger und tourte als Bandmitglied mit berühmten iranischen Sängern um die (europäische) Welt – das aber eben meistens nur am Wochenende. Also war ich tagsüber mit Papa zusammen. Was tat er tagsüber? Hanteln schwingen und danach ab in die Uni, um mit den Jungs Fußball zu spielen.
Fußball war nach Papa gleich meine zweite große Liebe. Glotzend starrte ich damals schon auf den Lockenkopf Maradona im TV und war deshalb immer brustbebend stolz, wenn die Spieler auf den Platz Papas Spitznamen riefen. Wie war sein Spitzname? Richtig: Maradona. Schnell ergab sich da eine Verknüpfung: Papa & Maradona = Meine Helden. So würde es immer bleiben.
Der Kampf. Der lag mir einfach. Während Papa zwei Stunden Fußball spielte, stand ich da und beobachtete das Spiel total gespannt. Anfangs hatte er Angst, ich würde mich dort langweilen. Er konnte sich nicht richtig konzentrieren, schaute immer nach mir und fragte, ob ich was brauchte und dass er gleich fertig sei, aber ich machte ihm klar, dass es für mich nichts Spannenderes gab, als diese Spiele.
Alles roch nach ausgehobenen Gras-Erde-Fetzen. Dieser intensive Geruch macht mich heute noch glücklich. Wie ich es liebte, wenn man sich aufopfernd einsetzte und danach mit geprellten Rippen zurück kam. Mit geprellten Rippen, aber einfach zufrieden. Harter Körperkontakt im Kampf war etwas sehr faszinierendes. Man spürte als kleines Kind sofort diese Kraft dahinter. Respekteinflößend, wie diese Muskeln sich zusammenzogen, pulsierten, sich zusammenzogen, explodierten. Respekteinflößend, wieviel Wasser ein Körper verlieren kann. Bei jedem Laufschritt spritzte der Schweiß nur so durch die Gegend, die Geräuche der Männer klangen aus der Nähe wie irgendein Brunstschrei eines alten, unbekannten, Raubtieres. Adrenalin, Konkurrenz, Dreck – das war die Welt eines kleinen, fünfjährigen Mädchens, das sich nichts mehr wünschte, als sich genauso mit anderen Jungs kämpfend und rennend messen zu dürfen, wie Papa es tat – und natürlich Maradona in hellblau-weiß im TV.
So geschah es dann auch. Morgens bekam ich Hanteln ohne Gewichte von Papa, damit ich mit ihm trainieren konnte – nach ausdrücklichem Wunsch meinerseits. Davon gibt es noch ein Foto. Lockenköpfchen Sherry mit rosa Röckchen, einem weißen T-Shirt und Hanteln in der Hand. Papa daneben mit den schweren Dingern, angeschwollenen Bi- und Trizeps. Und abends beim Fußball? Was für ein Segen, was für ein Glücksfall mir damals doch widerfuhr. Eine Jungenmannschaft begann dort zu trainieren – nur etwa 100 Meter weiter entfernt von jener Wiese, auf der Papa spielte.
So geschah es, dass ich immer weniger dem Spiel meines Papas folgte, sondern den Übungen der Jungenmannschaft, die etwa zwei Jahre älter waren als ich. “Das, was die da machen, kann ich doch schon längst”, dachte ich noch großkotzig, aber dennoch durchaus realistisch.
Ich traute mich nicht, zu fragen, ob ich mit-trainieren durfte. Aber immerwieder kamen die Bälle aus der “Bahn”, wenn jemand einen Pass verschoss – so dass ich den Ball stoppen und zurückpassen konnte. Stoppen und Passen hatte Papa mir sehr gut beigebracht, also war der Trainer der Jungs nicht schlecht erstaunt, als er meine winzigen Fertigkeiten sah. Irgendwann geschah etwas sehr Peinliches. Die Jungs taten sich schwer mit Stoppen und anständigen Pässen. Da rief der Trainer mich zu der Gruppe und meinte: “Sogar dieses kleine Mädchen kann es besser als Ihr!” und passte mir den Ball zu, den ich vorbildlich stoppte und dann zurück passte. “Und jetzt seht Euch genau an, wie sie das macht und tut es ihr nach.” – Ab dem Zeitpunkt war ich dabei. Immer als Vorbild dienend, das schon viel weiter war als die Jungs.
Die Jungs guckten entgeistert – ja fast desillusioniert. Das war herrlich – und Papa war stolz – so stolz, wie er nicht einmal hätte auf seinen erstgeborenen Sohn sein können, hätte er denn damals einen gehabt, ich war sein einziges Kind. Mir gefiel das. Ich erkannte damals, dass mir das Messen mit Jungs Spaß macht. Auch, wenn es soetwas in Jungenfreundschaften gab, so waren sie immernoch viel unkomplizierter und direkter als diese komischen Mädchen(freundschaften), die schon in der Grundschule anfingen, als Gruppe Intrigen zu schmieden und andere Mädchen aufgrund ihrer – was weiß ich nicht alles – auszuschließen.
Ich weiß, dass ich immer dazu gehören wollte, aber die Anführerin meinte, ich müsse dann aufhören, mit Jungs Fußball zu spielen, ich müsse dies und jenes ändern, das und jenes anziehen. Ich war eingeschüchtert. Sherry, die sich alltäglich mit Jungs anlegte (sportlich), hatte furchtbare Angst vor den gemeinen Augen irgendwelcher Blondie-Grundschulmädchen, die sie von oben bis unten beäugten, um zu entscheiden, ob sie dazugehören durfte oder nicht.
Als Kind schon hatte ich das Gefühl, dass Mädchen nicht wirklich sagen, was sie meinen, viel eher ihre fiesen Gedanken in Schmeicheleien ummanteln und im “Sandwich-Kern” dann ihr subtiles Gift einspritzten, so dass Du erst beim Kauen und Schlucken merken konntest, dass da etwas nicht stimmte, dass Du Scheiße geschluckt hattest – aber so undefinierbare, versteckte Scheiße, dass Du völlig machtlos warst. Das gefiel mir nicht, also zeigte ich ihr den Vogel und sagte “Ich geh lieber Fußball spielen”.
Irgendwann war ich wohl “in”, weil ich zwei Mädchen aus meiner Klasse vor großen Jungs aus der vierten Klasse beschützt hatte und keine Angst zeigte. (Wieso auch? Ich wusste, wie Jungs ticken). Da dachte sich Ober-Tussi Sabrina (so hieß die Anführerin), sie könne mich vielleicht doch als Freundin gebrauchen. Ich gehörte plötzlich dazu, ohne dass ich mein Einverständnis dazu gegeben hätte. Aber da ich weiterhin mit den Jungs abhängen “durfte”, war’s mir egal und ich wehrte mich nicht gegen ihre komischen Schmeicheleien.
Dann kam eines Tages Dini – meine beste Freundin. Sie war neu in der Klasse, verschüchtert, leise, ängstlich. Man merkte, dass mit ihr etwas “nicht stimmte”, was Sabrina natürlich total interessant fand. “Neues Opfer” dachte sie. Ich stellte mich gegen die ganze Tussi-Pussi-Blondie-Gruppe, nahm Dini in Schutz, fletschte die Zähne (obwohl ich Dini ja nicht einmal kannte) – wurde danach “verächtet” und bekam dafür eine beste Freundin, die bis heute an meiner Seite ist und mit mir die ganze Pubertät durch Fußball spielte.
Dini und ich gegen den Rest. Und wir ergänzten uns im Zusammenspiel soetwas von blind und perfekt, dass es anderen schon unheimlich wurde – Jungs spielten nicht gerne gegen uns. Die Demütigung danach war zu groß, aber die Herausfoderung juckte sie immerwieder.
Dini war viel intelligenter und begabter als andere Mädchen, die ich kannte – und das ist noch heute so. Mathe-Genie, Zeichen-Genie, Sprach-Genie, Alles-Genie. Sie sorgte sich um die Ordnung in meinem Leben und ich mich darum, dass ich sie mit mir führte, egal wohin ich ging. Sie war die Ruhige und Besonnene, ich die Temperamentvolle. Wenn sie sich nicht traute, zu brüllen, tat ich es für sie. Und wenn ich mal wieder keine Lust auf Mathe hatte, machte sie meine Aufgaben mit. Unsere Gespräche verstanden andere nicht, also wurden wir immer mehr darin bestärkt, dass wir einfach zusammengehörten.
Wir wurden zusammen erwachsen. Sie ist heute viel selbstbewusster, kennt ihre Stärken, haut auch auf den Tisch, wenn’s sein muss – zumindest im Beruf – und ist selber zu einer Autorität gewachsen. Sie ist hektischer und temperamentvoller geworden. Noch immer schaue ich sie manchmal erstaunt an, wenn die einst Ruhige redet wie’n Wasserfall und rumzappelt, so wie ich es normalerweise tu’. Aber es hat sich nichts geändert. Fußball spielen wir heute zwar kaum noch, aber beide juckt es uns ständig in den Füßen, wenn wir eine Jungenmannschaft spielen sehen. “Sollen wir?”, grinst sie mich dann immer an. “Meinst Du, wir sollten die Jungs da jetzt echt desillusionieren, Dini? Die sind doch gerade erst 16/17, das könnte denen wirklich Schaden zufügen!” – dann lachen wir und gehen dann mit unseren Tussiklamotten durch die Straße – uns dessen bewusst, dass wir lange nicht mehr so gut spielen wie damals, aber uns trotzdem noch durchaus sehen lassen könnten mit unserem Fußball.
Irgendwann, als wir entschieden, unserer Weiblichkeit nachzukommen (es war wirklich wie ein perverser Druck, ein genetischer Zwang, dem wir unterlagen. Schminke, Schuhe, Röcke waren ungewollt, total unfreiwillig interessant für uns geworden), mussten wir immer mit Ersatzturnschuhen in unseren Taschen rumlaufen. Es hätte ja sein können, dass wir wieder auf einen Fußball treffen. Dieser Spaghat zwischen Weiblichkeit und diversen, ungewöhnlichen Hobbies war gar nicht so einfach. Heute ist er es, weil wir viele unserer Hobbies aus Zeitgründen leider weglegen mussten oder einfach im Laufe unseres Erwachsenwerdens doch noch in die Frauenrolle hineingewachsen (oder geschrumpft) sind.
Die Rudimente solcher Erlebnisse und Prägungen erlebt man an mir noch heute. Meine weiblichen Seiten sind z.B. nicht so weiblich wie bei denen einer erwachsenen Frau. Ich bin vom Verhalten her eher “mädchenhaft” geblieben. Kindlich, kichernd, ständig voller Begeisterung für alles und jeden. Unvorsichtig, alles rosa (egal was, Handy, Notebook, iPod, Hausschuhe) und eine Stimme wie eine Vierzehnjährige. Aber ich habe noch die andere “Macho-Seite” in mir. Wer irgendjemanden meiner Lieben angreift, kriegt sofort zu spüren, dass ich bereit bin, mich zu messen – und zwar durch und durch körperlich (als Notwehr), wenn’s sein muss.
Ich bin immernoch lieber mit Jungs befreundet, obwohl das auch Schwierigkeiten mit sich bringt, die dann ab der Pubertät zu bewältigen hatte. Welche, kann sich jeder denken. Über bestimmte Themen kann ich auch nur mit Männern ausgiebig reden, weil die meisten Frauen, denen ich bis jetzt begegnet bin, sehr philosphie-, politik-, und analysierfaul waren. (Nicht, weil sie dümmer sind, sondern weil sie leider so erzogen worden sind – auch hierzulande). Ein Besuch im Media Markt begeistert mich mehr als irgendwelche Markenschuhe (ich habe übrigens nicht viele Schuhe, aber viele Notebooks und Cams), einige Liebesfilme finde ich zum kotzen, wo andere Frauen mit verrotzten Taschentüchern dann eine Schulter zum Anlehnen brauchen – und das, obwohl ich die größte Romantikerin und Liebes-Schwaflerin der Welt zu sein scheine und Bollywood ganz toll finde. Wie kriegt man das unter einen Hut?
Wenn ich doch nur selber wüsste, wer oder was ich bin. Ich weiß nur, dass bis heute mein Papa mein Held, Idol und Vorbild geblieben ist, ich von meinen Eltern nicht in die Mädchenrolle gezwungen worden bin (Haushalt? Das war damals für mich ein Fremdwort), dass meine Eltern selten gesagt haben “Das gehört sich für ein Mädchen nicht!”, solange ich nicht über die Strenge schoss! (Oke, als ich dann mit 9 mit einer Freundin in ein fremdes Fenster reingeklettert bin und das Badezimmer fremder Leute “begutacht” habe, war mein Papa schon etwas schockiert von den Genen, die ER mir weitergegeben hat. Haha!) Man sagte mir nicht, “es geziemt sich nicht für ein Mädchen, laut zu lachen!” oder “Rede nicht bei Themen mit, von denen Du keine Ahnung hast!” – das habe ich sehr oft bei anderen miterlebt, aber bei mir zu Hause gab es das nicht (und deshalb bin ich noch immer eine schlechte Köchin, vielen Dank auch!) Ich musste niemals meine Cousins oder meinen Bruder “bedienen”. Dennoch hat Papa sehr darauf geachtet, dass ich meine Würde nicht an würdelose Männer verliere, indem ich mich von ihnen ausschlachten und ausnutzen lasse. Darin war er streng und autoritär wie jeder andere orientalische Vater auch. Dafür bin ich ihm dankbar. Das hat letztendlich bewirkt, dass ich den Mann bekommen habe, den ich heute habe. Das hat mit meinem eigenen Verhalten, erzeugt von meiner Erziehung, zu tun – da bin ich mir sicher.
Ich hatte eine chaotische Kindheit, aber eine sehr schöne. Ich musste viel kämpfen, weil ich durch das Gefühl von Leidenschaft zu einer Kämpferin gedrängt worden bin. Noch heute kämpfe ich ausversehen an Stellen, wo der Kampf gar nicht nötig wäre, aber die Gelassenheit erlerne ich durch die Erfahrungen, die ich mache. Gelassen sind nämlich meistens nur ältere Menschen, und das aus gutem Grund.
Ich packe das schon. Die besten Voraussetzungen habe ich dazu. Deshalb ist ein starker Mann auch so wichtig für mich. Ich habe einen gesucht, den ich nicht “überbieten” kann, an dem ich mich nicht “messen” muss, weil ich von vorneherein weiß, dass ich keine Chance habe. Das Gefühl, nicht kämpfen zu müssen, weil man sowieso keine Chance hat – und diesen Umstand auch noch zu genießen, kann wahrscheinlich nur eine Frau empfinden. Und ich bin ja inzwischen eine.
Aber im Tischtennis habe ich ihn dennoch besiegt. Hah.



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