20.11.2011, 17:31
Little Bees Augen
Manchmal, da ist das eben so. Da fragt dich niemand Warum und Weshalb, und überhaupt. Da fragt niemand niemanden, und alle schweigen sich an, indem sie lachen und über das Wetter reden. Ich weiß nichts, und ich will auch nichts wissen. In meinem Kopf hämmert es. Vielleicht hätte ich das Buch nicht lesen dürfen. Und dann auch noch zweifach. Abwechselnd alle Kapitel einmal auf Deutsch, dann auf Englisch – oder umgekehrt. Kapitel um Kapitel. Und ich weiß nicht, was ich tun soll. Ähnlich wie bei “Die durchs Feuer gehen” habe ich mich fast übergeben, nein, bei Ersteren habe ich mich wirklich übergeben. Nicht so übergeben, wie bman sich bei “Feuchtgebieten” und den gewollt ekelhaften Scheiß übergeben würde, sondern übergeben, weil man über etwas liest, das es nicht geben darf. Einfach nicht geben darf, weil es das nicht geben darf. Das muss als Grund reichen. Punkt. Weil es das nicht geben darf, und weil es das gibt. Da versucht er, mein Mann, mir zu sagen, dass diese Geschichte so nicht abgelaufen sei, dass es eine Erfundene sei, auch, wenn es Schlimmere gebe oder auch ähnliche, aber dass diese Person, nein, die nicht. Die gibt es nicht. Und ich denke nur “Geh’, lass mich in Ruhe.” Ich weiß Bescheid, will ich ihm entgegen schmettern. Ich weiß Bescheid, dass das alles jetzt, jetzt, jetzt, j-e-t-z-t in diesen Sekunden mehrfach, hundertfach, tausendfach geschieht, und mehr als tausendfach. Denn jeden Tag, wenn einer dieser Menschen aufwacht, wird es sie verfolgen. Es wird sie verfolgen, bis es sie umbringt. Ich weiß Bescheid, will ich ihm sagen. Und ich will, dass er geht. Und er bleibt. Und ich bin erleichtert, dass er bleibt. Weiterlesen… »
Ich kann gar nicht soviel essen, wie ich kotzen könnt’! Da gehen die Araber aus den verschiedenen Ländern auf die Straße und lassen durch ihre tapferen Herzen die westlichen Medien poetisch über den arabischen Frühling schwärmen (was mich persönlich schon skeptisch gemacht hat, aber egal!) – und alle jubeln mit, stellen mich Skeptikerin als neidische Verschwörungstheoretikerin hin, weil “Iran es nicht geschafft hat” – und was machen die Araber nach ihrer hart erkämpften Freiheit? Sie gehen hin und wählen, unterstützen, wünschen sich die Islamisten an die Macht. Wollen die Sharia etablieren. Die Sharia. Das bedeutet: Islamische Gesetze. Mehr Rechte für Männer als für Frauen. Steinigung bei Ehebruch, Hand abhacken bei Diebstahl, Frau darf geschlagen werden bei Ungehorsam, Frau ist halb so viel wert wie Mann, Polygamie für Männer, Todesstrafe für Homosexuelle und noch vieles mehr. Wo zum Teufel ist da bitte der Unterschied zwischen einem geisteskranken Ghaddafi und einer geisteskranken religiösen Rechtsprechung? Kann mir das bitte jemand erklären?
Ich weiß jetzt, warum einige autoritär orientierte Politikinteressierte darauf bestehen, dass man sich die Freiheit, zu wählen, erst einmal durch Reife und Bildung verdienen muss. Dass man sonst auch seinen Untergang wählen kann und es meistens auch tut. So, wie meine Landsleute sich 1979 mit einem Wahlzettel “Islamische Republik [ja] | [nein]” zufrieden gaben, so laufen die Araber gerade wie die Lemminge in einen freiheitsraubenden, religiös-fundamental orientierten Abgrund. Wir lassen Suizidgefährdete doch auch nicht frei über ihr Leben oder Nichtleben entscheiden und halten sie zu ihrem eigenen Schutz einige Zeit lang juristisch besiegelt in einer Klinik fest, oder? Und wir sagen unseren Kleinkindern ja auch nicht, sie sollen selber entscheiden, was richtig ist oder falsch ist, und ob sie nun doch vom Balkongerüst springen oder nicht, das dürfen sie ganz frei wählen, nicht wahr? Auch lassen wir in demokratischen Ländern wie Deutschland – so gut es geht – keine verfassungswidrigen Parteien zu, oder? Selbst in Freiheit muss die Freiheit geschützt werden, auch wenn man dafür ein paar Abstriche von ihr machen muss wie zum Beispiel: Nein, wir lassen keine islamistischen oder andere extremistischen Parteien hier zur Wahl. Weiterlesen… »
11.10.2011, 15:43
Schicksalsnacht
Unermüdlich kraftentleert
Falsch erleuchtet
Sich krank verzehrt
Altgedacht und
neu gestorben
All die Tage
Herz verloren
Schlafend wieder
aufgewacht
Tagein tagaus
die Nacht verlacht
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Er ruderte in seinen Gedanken wellentragend und nie von Wellen getragen. Stets hatte er die Kontrolle über sich, so dass er die Kontrolle über die Welt da draußen gar nicht erst brauchte. Denn er vergaß sie, in seinem eigenen Tun, vergaß er sie. Er erschuf sich selbst Probleme und stellte sie auf wie kleine Türme aus Bauklötzen, die man in eine sinnhafte Ordnung brachte, bis sie ein bewohnbares Gebäude ergaben. Warum? Um sie zu lösen. Weshalb? Damit das Lösen all der Probleme ihm ein Gefühl von scheinbarer Wirksamkeit verlieh, auch wenn das Problem ohne sein Zutun nie entstanden wäre. Da draußen vergehen Tage, in seinem Kopf vergingen verschwundene, kleine Türme. Eingepackt in eine fein säuberliche Schublade, die heißen konnte “Problem A – Gelöst” oder “Problem B – Schnell gelöst” oder “Problem C – Hervorragend gelöst”. Ja, das war sein Ding, das war seine Welt, das war sein Spiel. Und da draußen vergingen Wochen. Und bei ihm vergingen keine Nächte, denn stets war er wach, doch für alle anderen um ihn herum, war er im Tiefschlaf.
Wenn er Pause brauchte von seinem wichtigen Tun, las er ein Buch oder auch zwei oder auch zwölf. Bücher voller kleiner Probleme von anderen Menschen aus den Federn anderer Menschen. Da fühlte er sich in guter Gesellschaft, sich selbst sagend, er sei ja doch gesund, pflegte er doch soziale Kontakte im weitesten Sinne, wenn er las. Sah er doch die Protagonisten, unterhielt sich mit ihnen, löste in Gedanken ihre Probleme und stahl bekannte Gesichter aus einem längst zurückgelegenen Leben, um die Statisten in den Romanen mit Leben zu nähren. Und da draußen vergingen Monate, und bei ihm vergingen Wünsche von gemeinsamen Nächten.
An seinem letzten Problem angelangt, jegliches Gedankenexperiment durchgerannt, an allen Lösungen gescheitert und das Problem verflucht und wegverbannt, konnte er es nicht mehr lösen. “Hätte ich es doch niemals aufgestellt, diesen einen Turm. Wohin nun damit? Wie löse ich es? Was mache ich nun?” Und da draußen vergingen Jahre, und bei ihm verging die Seele. Zurückzuholen gab es da nichts, und die Zeit zu vergessen, das gelang ihm nicht. Die Schublade für Problem Z blieb leer. Und da draußen vergingen Jahrzehnte, und bei ihm verging ein ungelebtes Leben. Und so ging dahin ein nie geliebtes, nie gewesenes Wesen.
11.09.2011, 23:36
Der Lauf der Dinge
Der Lauf der Dinge ist nicht zu stoppen. Auf der Welt erscheinen, sich dort allen Hürden stellen und dann mal selig, mal gequält vom Leben schreiten. Trauer, Niedergang, Naturkatastrophen – alles muss hingenommen werden, weil man sich sagt, dass es die “unergründlichen Wege des Herren” sind. Alles muss getragen werden – ob man will oder nicht -, weil die Realität selbst den visionären Wissenschaftler ernüchtert, der in seinen Ambitionen, ein neues Heilmittel gegen XYZ entdecken zu wollen, auf der molekularen, finanziellen und ethischen Ebene scheitert – oder es eben an der Nichtprojizierbarkeit von der tot-experimentierten Laborrate zum Menschen tut.
Wir halten uns fest, klammern uns, hoffen, reden uns ein, dass es eine höhere Instanz gibt, die weiß, was sie tut. Gerade wir Orientalen neigen dazu. Wir beten sie an und huldigen ihr, selbst wenn wir wissen, dass diese Instanz gegen viele Millionen ethische Grundsätze verstoßen hat. Vom Kleinsten angefangen (unterlassene Hilfeleistung) bishin zum Massenmord (Naturkatastrophen). Die von ihm sadistisch gezeichneten Biografien geschehen dann innerhalb dieses Verbrechensintervalls. Anstatt zu revoltieren, bücken wir uns immer ein Stückchen mehr in die Tiefe – in der Hoffnung, weiterhin in der Gunst dieses Gottes zu stehen. “Möge er uns nicht dafür in die Hölle schmeißen, dass wir nun einmal so sind, wie er uns geschaffen hat!”, sagen wir und merken die Skurrilität dieses (un)logischen Gefüges nicht. Die einen beten fünf Mal am Tag, weil ihr Gott die potenzierte Eitelkeit einer Diva besitzt – und die anderen lassen ihre Sünden von einem dick mit Klunkern und Fett behangenen Geistlichen wegreden – nach Bezahlung versteht sich – und der schon zehn Minuten später seine Macht an einem kleinen Jungen demonstrieren kann und vereinzelt auch wird. In welcher Form, will ich nicht näher beschreiben.
Dann gehen sie sich darüber streiten, wer von ihnen näher an Gottes Brust – nein, das wäre ja noch mütterlich – an Gottes Zepter (Phallus) hängt und meinen, die wahre Antwort auf diese Frage wäre Kriege, Tote, Gesteinigte und Kreuzzüge wert. Während die Wissenschaftler schon die kleinsten Bewegungen des Lebens erforschen, debattiert der Klerus noch über Adam und Eva und der Entstehung des Lebens innerhalb von sieben Tagen. Homosexuelle hängen an Seilen in meiner Heimat und schwenken mit ihren leichenblassen Körpern hin und her. Denn “Gott” sprach einst, Homosexuelle seien unzüchtig und minderwertig. Frauen, die der Rache ihrer Ehemänner ausgesetzt werden, weil ihre Ehre in irgendeiner Weise verletzt worden ist, werden in einigen Ländern gesteinigt. Geistliche, die sich intensiver als jeder andere normale 0815-Religiöse mit ihrer Religion beschäftigt haben, erkennen die fundamentalen Gedankenkonstrukte ihrer Religion und verstehen die Worte Gottes, wenn er sagt, dass sein Buch “einfach, klar und deutlich” geschrieben worden ist und keinen Raum für Interpretation lässt. Deshalb heißen all die Wörter wie “schlagen”, “hacken”, “töten” und “verfolgen” auch nicht “streicheln” oder “trennen” statt “schlagen” – und auch nicht “Kratzer hinzufügen” oder “Kläpschen geben”, sondern schlicht und einfach “Hand abhacken” (bei Diebstahl). Auch, wenn Menschen, die sich für ihre Religion rechtfertigen wollen, es gerne anders sehen. Und die anderen? Sie schließen sich in große, kalte Gotteshäuser aus Stein ein, behaupten, im Zölibat leben zu müssen, um Gott zu dienen. Sie lassen die Frucht ihrer Lenden vergammeln und sich krank in ihre eigenen Körper ergießen. Was dabei rauskommt ist, dass sie versuchen diesen unnatürlichen Zustand anders zu kompensieren – immer an den Schwachen und Schutzbedürftigen. Wie, das möchte ich hier nicht näher beschreiben. Weiterlesen… »
01.09.2011, 08:24
Dankbarkeit
Ich erinnere mich oft an Sätze wie: “Sei dankbar, dass du ein Zuhause hast, dass du gesund bist, dass du Eltern hast, die dich lieben, dass du Beine, Arme, Augen und Ohren hast. Sei dankbar, dass du nicht in den Slums von Brasilien aufgewachsen bist, andere Kinder sind es, sei froh, dass dein Vater mit euch nach Deutschland gekommen ist, sei froh, viele deiner Landsleute haben heute keine Chance, haben ein schwieriges leben, leiden an Depressionen, Hunger, Arbeitslosigkeit, prostituieren sich auf den Straßen, prostituieren sich in Dubai. Sei dankbar. Danke deinem Gott. Sei bloß dankbar, du hättest auch dieses Schicksal haben können. Dankbarkeit ist wichtig. Wenn du nicht dankbar bist, dann ereilt dich irgendwann einmal das selbe Schicksal. Sei dankbar.”
Mir sind diese Sätze immer im Hals stecken geblieben, schon als Kind. Aber damals wusste ich nicht warum. Und heute erst recht. Ich empfinde keine Dankbarkeit und Freude darüber, es gelingt mir nicht. Mir macht das viel mehr Angst. Denn ich frage mich ernsthaft, was an mir anders ist, dass der liebe Gott den Entschluss gefasst hatte, mich von all dem Leid zu verschonen und andere damit zu plagen. Die Antwort kennen wir: gar nichts. Ich soll also dankbar sein, obwohl die Unkontrollierbarkeit, die Ungerechtigkeit, die Willkür oder Unwillkür dieses ganzen, wirren Geschehens ohne Regelhaftigkeit, bis zum Himmel stinkt und ich mir dessen bewusst werden musste: Nein, das hier ist nicht gewollt, das hier ist Zufall. Und es kann dich jederzeit auch treffen. Oder: Stell dir vor, das hier ist sogar gewollt, aber du weißt nicht, warum es so gewollt ist. Und du wirst es nicht abwenden können. Das ist noch schlimmer. Noch viel perverser. Das würde eine Entscheidung von jemandem oder etwas voraussetzen, die rein gar nichts mit Anstand, Gerechtigkeit, Gut und Böse zu tun hat.
Wie soll ich also Dankbarkeit verspüren, wenn ich einen abwärtsgerichteten Vergleich zur Höllenexistenz anderer verrichten muss, um mich besser zu fühlen? Ist wirklich das die Moral, mit der wir uns beruhigen sollen? Ist es das, was andere von uns erwarten? Demut vor wem auch immer, die Füße still halten, froh sein, dass man selbst nicht betroffen wurde (diese Runde) im Glauben daran, dass man, solange man nur nicht aufmuckt, auch mit größerer Wahrscheinlichkeit verschont bleibt? “Anderen geht es schlechter, sei dankbar, dass nicht du betroffen bist.” Warum bin ich nicht betroffen? War ich ein besserer Mensch? Habe ich mir das in irgendeiner Weise verdient? Soll ich froh sein, dass statt meiner eine andere Person leiden muss? Ein anderes Kind verhungern muss? Eine andere Frau Opfer eines Sexualverbrechens wird oder ein anderer Mann nicht weiß, wie er seine sechsköpfige Familie ernähren soll und sich und seine Familie dann auslöscht? Wie soll das gehen? Nein, ich bin nicht dankbar für all das. Dann mögen noch soviele so oft sagen, das sei eine ungesunde Einstellung. Ist sie vielleicht, aber sie ist die einzig Gerechte. Die Einzige, bei der mir nicht alles im Halse stecken bleibt. Denn immer, wenn ich dankbar bin dafür, dass ich nicht betroffen bin, verfestige ich meine Freude darüber, dass es statt meiner andere sind. Denn die Wahrscheinlichkeit und ihre Zufallsverteilungen sagt: Irgendwer muss unter all diesen Dingen leiden. Statistisch ist das so. Aber Dank Gott, ich nicht. Weiterlesen… »
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