Ich kann gar nicht soviel essen, wie ich kotzen könnt’! Da gehen die Araber aus den verschiedenen Ländern auf die Straße und lassen durch ihre tapferen Herzen die westlichen Medien poetisch über den arabischen Frühling schwärmen (was mich persönlich schon skeptisch gemacht hat, aber egal!) – und alle jubeln mit, stellen mich Skeptikerin als neidische Verschwörungstheoretikerin hin, weil “Iran es nicht geschafft hat” – und was machen die Araber nach ihrer hart erkämpften Freiheit? Sie gehen hin und wählen, unterstützen, wünschen sich die Islamisten an die Macht. Wollen die Sharia etablieren. Die Sharia. Das bedeutet: Islamische Gesetze. Mehr Rechte für Männer als für Frauen. Steinigung bei Ehebruch, Hand abhacken bei Diebstahl, Frau darf geschlagen werden bei Ungehorsam, Frau ist halb so viel wert wie Mann, Polygamie für Männer, Todesstrafe für Homosexuelle und noch vieles mehr. Wo zum Teufel ist da bitte der Unterschied zwischen einem geisteskranken Ghaddafi und einer geisteskranken religiösen Rechtsprechung? Kann mir das bitte jemand erklären?
Ich weiß jetzt, warum einige autoritär orientierte Politikinteressierte darauf bestehen, dass man sich die Freiheit, zu wählen, erst einmal durch Reife und Bildung verdienen muss. Dass man sonst auch seinen Untergang wählen kann und es meistens auch tut. So, wie meine Landsleute sich 1979 mit einem Wahlzettel “Islamische Republik [ja] | [nein]” zufrieden gaben, so laufen die Araber gerade wie die Lemminge in einen freiheitsraubenden, religiös-fundamental orientierten Abgrund. Wir lassen Suizidgefährdete doch auch nicht frei über ihr Leben oder Nichtleben entscheiden und halten sie zu ihrem eigenen Schutz einige Zeit lang juristisch besiegelt in einer Klinik fest, oder? Und wir sagen unseren Kleinkindern ja auch nicht, sie sollen selber entscheiden, was richtig ist oder falsch ist, und ob sie nun doch vom Balkongerüst springen oder nicht, das dürfen sie ganz frei wählen, nicht wahr? Auch lassen wir in demokratischen Ländern wie Deutschland – so gut es geht – keine verfassungswidrigen Parteien zu, oder? Selbst in Freiheit muss die Freiheit geschützt werden, auch wenn man dafür ein paar Abstriche von ihr machen muss wie zum Beispiel: Nein, wir lassen keine islamistischen oder andere extremistischen Parteien hier zur Wahl. Weiterlesen… »
Ich vertilge gerade ein Buch nach dem anderen, hetze durch die Seiten, springe rein und über-esse mich in der Absicht, soviel außerfachliche Literatur zu konsumieren wie nur möglich. Meine Perspektiven versuche ich offen zu halten, um in einem Moment der Erkenntnis den tiefen Zusammenhang aller Perspektiven zu verstehen und miteinander zu vermählen. Trotz allem stellt sich in mir gerade eine unschöne Müdigkeit ein. Wozu das alles? Was habe ich jemals durch mein Wissen erhalten außer der Gedanken- und Gefühlraserei, die nicht mehr von mir ablässt? Und was hat mir das Wissen gebracht außer dem Gefühl der geißelnden Notwendigkeit, jetzt sofort (!) etwas gegen all die Ungerechtigkeiten tun zu müssen, aber gegen das monströse System der Kosmokraten nichts in der Hand zu haben?
Und dann ist da noch etwas anderes, etwas Stilleres. Wissen verleitet manchmal dazu, zu schweigen. Und Schweigen macht einsam. Vor allem, wenn man Zeugin bei Alltagsgesprächen ist. Man weiß um die Komplexität eines Ereignisses, weiß um ein paar ihrer Ursache-Wirkungsmechanismen und empfindet eine Art Kraftlosigkeit allein beim Gedanken, diese Zusammenhänge erklären zu müssen. Wenn nichtwissenwollende Verbalscheißer Sätze ablassen wie “Wozu um Amy Winehouse trauern, ihr Tod ist selbstverschuldet, dann trauere ich lieber um all die afrikanischen Kinder” (die müssen übrigens immer herhalten bei solchen Gutmenschenauftritten, denn für mehr reicht das globale Wissen nicht), dann frage ich mich, ob es bei so einem simplen Geist – und dann noch im Stammtischkollektiv – überhaupt noch Sinn macht, zu erklären, welcher Leidensdruck hinter selbstzerstörerischen Persönlichkeiten liegt und welche Faktoren zu so etwas führen. Wie kann man Menschen mit solchen Erkrankungen die Menschlichkeit absprechen, indem man ihnen vorwirft, gar nicht glücklich und gesund sein zu wollen wie alle anderen Menschen auch? Aus diesem Grunde verwende ich niemals das Wort Freitod. Niemand stirbt freiwillig, auch nicht der Suizidale. Das war nur ein kleines Beispiel von vielen. Und an wolkigen Tagen führt Wissen eben zu Ohnmachtsgefühlen und Einsamkeit. Ich gehe trotzdem weiter lesen …
11.10.2011, 15:43
Schicksalsnacht
Unermüdlich kraftentleert
Falsch erleuchtet
Sich krank verzehrt
Altgedacht und
neu gestorben
All die Tage
Herz verloren
Schlafend wieder
aufgewacht
Tagein tagaus
die Nacht verlacht
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30.09.2011, 10:23
Joséphine
“Deine Augen sind
so müde, Joséphine.
Was hat man dir
nur angetan?”
“Meine Augen sind
so müde, Held?
Was denkst du,
wer hier all die Jahre
nicht mehr war?”
“Du weißt doch, Liebste
Gekämpft habe ich.
Gegen Dämonen,
gegen Soldaten
gegen mich
Weißt du denn nicht?”
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Er platzte ihr ungeduldig ins Wort. “Ich dachte, du wolltest die Finger von ihm lassen. Hattest du mir letztens noch nicht noch eine große Rede über dein Selbstwertgefühl und deine Würde gehalten? Dass die Zeiten sich geändert hätten und du erwachsen bist aus all dem Scheiß?” Kurze Stille vor dem leisen Einwurf. “Und wie soll ich mein Geld verdienen? Ich schreibe. Irgendwie müssen meine Geschichten doch entstehen, oder?”, lächelte sie gequält.
❊ ❊ ❊
Das Mädchen hüpfte in die kreidegemalten Kästchen hin- und her. Es war vielleicht sieben Jahre alt, kleingewachsene sieben. Die Frau beochtete es lange, aber dennoch unaufdringlich und vorsichtig. Vorsichtig wie jemand, der einst vertrieben worden ist. Ihr Atem stockte, fast ging sie ihrem Impuls nach und legte sich bauchlings auf den Boden, um die Stellen, an denen seine kleinen Füße vorhin noch den Boden berührt hatten, zu küssen. “Hallo”, sagte sie stattdessen mit schwacher Stimme. Das Mädchen vernahm sie, blickte zurück – direkt in ihr Gesicht. “Hallo…” wiederholte die Frau kaum noch hörbar. “Ich darf nicht mit Fremden reden…”, antwortete die Kleine zögernd, konnte sich jedoch nicht vom Gesicht der Fremden abwenden. “Ich bin keine Fremde. Ich bin deine Mutter.” Das kleine Mädchen legte seinen Kopf schief und musterte sie noch eindringlicher. “Beweise es”, forderte es nun sicherer. Die Frau kam vorsichtig auf sie zu, zog ihr Hemd leicht hoch und zeigte ihr ihre noch sichtbaren Schwangerschaftsnarben. “Siehst du? Hier warst du drin, dein Köpfchen, deine Beine, deine Arme haben hier Spuren hinterlassen, als du auf deine Art mit mir reden wolltest.” Das kleine Mädchen legte sein Gesicht auf ihren Bauch und wusste, sie hatte die Wahrheit gesprochen.
❊ ❊ ❊
“Hör zu, mir ist egal, was du dir dabei gedacht hast. Du bringst diesen Schaden hier wieder in Ordnung. Lass dir etwas Gutes einfallen, sonst bist du gefeuert.” Sie blickte ihm ratlos ins Gesicht auf der Suche nach einer einzigen Regung, die ihm etwas Menschliches hätte verleihen können. “Was soll ich denn machen? Der Kunde hat doch… Ich hab’ doch…!” “Bring es einfach in Ordnung”, zischte er. Sie rieb die roten Flecken auf ihren Oberarmen und nickte widerstandslos und ging zurück zum verärgerten Kunden. “Ich… bin hier, um mich für mein Verhalten zu entschuldigen. Ich habe übertrieben.” Der Kunde musterte sie ganzkörper. “Und jetzt, Puppe?”, fragte er mit einem hämisch angewinkelten Halblächeln. “Und jetzt würde ich ihnen gerne einen Drink spendieren oder auch zwei. Geht natürlich auf’s Haus”, lächelte sie in einer schier idiotischen Hoffnung. “Mir fällt da etwas anderes ein. Ich bin Stammgast”, sagte er fordernd. Der Ausdruck ihrer Augen tränkte sich mit Niederlage. Sie ging wortlos mit ihm und ließ das letzte Stückchen Würde zurück, das sie sich hier in diesem Landen noch aufbewahrt hatte. Weiterlesen… »
Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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