Posts Tagged ‘Resignation’
12.09.2011, 18:26
Entscheidung

“Irgendwann”, denkt sie, “da muss es diesen Frieden geben. Zwischen ihm und mir. Wir müssen die Waffen nieder legen und der Zeit glauben, wenn sie uns verspricht, sie werde unsere Wunden heilen.” In Gedanken gefangen schaut sie ihn an. Er schläft und riecht nach Vertrautheit, wenn sie zu müde ist, um ihn zu hassen. Und das ist sie. Zu müde. Seine Augen schlagen auf, er schaut sich orientierungslos um, tastet die Bettseite neben sich durch und denkt in einem ersten Schreckmoment, sie sei fort. “Hier bin ich”, kommt sie ihm zuvor, streichelt seine Stirn und sagt: “Ich gehe nicht. Doch nicht oder noch nicht. Ach, was weiß ich…”, bricht ihre Stimme runter in den Schlund ihrer eigenen Gefühlsgefangenschaft. Er drückt ihre Hand, lässt sich von ihren Augen zu ihrem Herzen leiten und weiß, dass er noch nicht gewonnen hat. “Sie hadert noch immer mit mir und der Verletzung, die ich ihr zugefügt habe. Du wirst noch weiter um sie kämpfen müssen”, denkt er, noch kopf-diffus von seiner unruhigen Nacht. Sein Körper verspannt sich vor Angst. “Kämpfen musst du aber nicht”, sagt sie klar und wissend, so als hätte sie seinen Muskeltonus gespürt und richtig gelesen. “Denn ich kämpfe auch nicht mehr”, verspricht sie. “Ich nehme dich so, wie du bist, solange, wie ich kann. Das verspreche ich dir.” Er will etwas fragen, einen Einwand einwerfen, doch sie unterbricht, was er noch nicht begonnen hat: “Und ich werde bestimmt für immer können. Denn so, wie du mich verändert hast, mich zum Teil deiner Selbst erzogen hast, werde ich alleine nicht einmal mehr durch die Welt humpeln können, geschweige denn gehen und jemanden lieben.”

Seine Augen trauern über die Enteignung, die er ihr im Laufe all der Jahre angetan hat, doch seine Anspannung fällt ab. Ihre Stimme wirkt etwas hart und selbstbewusst. Nicht im Sinne eines Selbstbewusstseins, bei dem man weiß, was man wert ist, sondern eher in dem Sinne, dass man weiß, was man kann und was man nicht kann. Sie weiß vor allem, was sie nicht kann. Das ist einmal kämpfen um das, was ihr zusteht, weil es jedem Liebenden – nein jedem Menschen – zusteht und einmal das Sich-Trennen, weil sie schon viel zu früh von ihm geprägt, geformt und eingefangen worden ist. Weiterlesen… »

Ich schließe mich Maryams Idee an, die letztens einen schönen Blogeintrag mit einigen ihrer Beiträge gemacht hat, die im Entwürfe-Ordner gelandet sind. Danke noch einmal für die Idee. Der Grund, warum meine Beiträge in “Entwürfe” landen, liegt daran, dass ich sie entweder zu leidenschaftslos oder zu leidenschaftlich finde. Meistens aber übersentimental und verschnörkelt. Ich ertrage nichts mehr dergleichen, phasenweise lehne ich die eine oder die andere Seite mehr ab. Am meisten hasse ich mich, wenn ich traurig bin oder unharmonische Sätze schreibe, die einen stolpern lassen.  Wie bei diesen zwei Exemplaren hier.

Fliehender Regen, fliehendes Leben

Kopflos wie ein Schrei in die Leere hinein, gehe ich durch die Gassen. Ich frage nach dem Regen, weil er doch stürmisch alle Stricke reißt, die man nicht mehr halten kann. Meine Faust greift um sich, um sich doch noch zu halten. Greift um sich, ziellos, verwirrt, Hauptsache um sich. Um sich zu halten. Nichts loslassen. Loslassen könnte mich ja befreien. Und was soll man dann tun, wenn man plötzlich entfesselt nackt im Leben steht und wählen kann? Loslassen könnte mich gehen lassen, fliehen lassen, fliegen lassen, atmen lassen, leben lassen, mich endlich sterben lassen. Ich will doch noch weiter leiden, hier hält mich viel. Diese nassen Straßen haben den Regen aufgesaugt, ihn einverleibt, ihn in ihre Steinpflasterrillen durch die Untererde verteilt. Ein Glas Wasser sitzt auf der Fensterbank eines Schlafenden und spricht zu mir. Komm’ trink’, sagt es – oder bin ich es, die spricht zu mir? Wer weiß das schon. Ich greif’ es mir, schlucke gierig nach dem Regen darin, fühl’ mich wie der raubende Asphalt, weil ich gestohlen habe, was anderen Heil bringen will. Ich renne weiter. Kann das Glas nicht loslassen. Immerhin ist da der Regen drin. Gewesen, das reicht schon, als Erinnerung verweilt er darin. Das reicht schon. Meine Faust greift um sich, um sich zu halten. Greift um sich, ziellos, verwirrt, Hauptsache um sich. Um sich zu halten. Nichts loaslassen. Loslassen könnte mich ja von der Leere befreien. Leere Inhalte, leere Gläser, denke ich. Das ist vielleicht das, was du nicht loslässt, aber was dich schon längst verlassen hat. Menschen, Fehler, Vergangenheiten. Ich renne weiter und will sie weiterhalten, als Beweis meiner eigenen Existenz – trotz all des Würgereizes – in mir halten. Trotz der Einsicht, trotz der Insicht all das Tote mit den Fäden eines Puppenspielers am laufen halten. Also jage ich sie. Die Vergangenheit. Verpasse den Zug des Lebens immer nur um Haaresbreite, oder verpasst er mich um all die Jahre? “Falsche Richtung”, ruft eine schöne Frau, die immer schwächer und blasser wird, je stumpfer ich gen Vergangenheit renne. Doch meine Beine tragen mich. Dahin, wo ich nicht hin soll, nur hin will. Meine Faust greift um sich, um sich zu halten. Greift um sich, ziellos, verwirrt, Hauptsache um sich. Um sich zu halten. Nichts loslassen. Nichts loslassen und damit das Leben verlassen, das Leben verpassen. Alt und grau, müde vom Jagen, warte ich noch einmal auf den Zug des Lebens. Doch einsteigen tu’ ich nur in den Zug des Vergehens.

27.07.2011, 10:30
Sinkende Boote

Ich weiß, warum ich nicht mehr schreiben wollte – nicht mehr schreiben will. Ich fühle mich unverstanden, mehr als sonst. Ich habe zwei Artikel geschrieben, der eine hat vier Seiten, der andere fast drei erreicht. Doch kurz vor Ende bin ich abgesprungen. Wäre das digital möglich gewesen, ich hätte sie zerrissen und wütend weggeworfen. Sie handelten von Oslo, den Medien, Amy Winehouse und Religion und seiner Wirkung auf Kultur und Gesellschaft. Doch ich werde sie nicht fertig schreiben, nicht veröffentlichen, nicht vermitteln. Es bringt nichts. Zu sinnlos ist der Versuch, seine Gedanken zu teilen, es erreicht eh nur jene, die sowieso meine Meinung teilen. Alle anderen wird es zur Abwehr verleiten. Und überhaupt? Woher will ich wissen, dass die Dinge, wie ich sie betrachte, überhaupt richtig sind? Wer ist eigentlich mein Maßstab? Und selbst wenn ich einen hätte, wieso sollte er der Bessere sein? Was ist überhaupt richtig? Richtig, Gut, Falsch und Böse sind Synonyme für Dinge, die uns weh oder gut tun. Gut ist, was unserem hedonistischen Körper und Geist angenehm ist, und zwar so weit, dass es anderen nicht schadet? Diese Definition entspricht unserer Natur und unserem Wunsch nach Unversehrtheit und Freude am Ehesten. Aber was, wenn Kriege, Naturkatastrophen und destruktive Menschen wichtiger für den Erhalt irgendeines universell-kosmologischen Gleichgewichtes sind als das Gutmenschentum? Was ist richtig? Wer bin ich, das zu bestimmen? Wer sind wir? Vielleicht ist der ganze Wahnsinn hier notwendig für ein höheres Gleichgewicht. Wenn ja: Wer auch immer diese Notwendigkeit des Schmerzes und des Leides für ein Gleichgewicht entwickelt hat, ist ein elender Sadist.

Das Schreiben macht keinen Sinn mehr. Denn die Menschen verstehen mich nicht. Ich verstehe die Menschen nicht. Ich gehöre nicht zu ihnen, sie gehören nicht zu mir. Wir alle gehören nicht zueinander. In einer Wüste der Verlorenheit und des Vergessens irren wir herum – jeder für sich – und behandeln den anderen wie eine Oase, in der wir landen und stranden – und von der wir meinen zu wissen, dass sie nur eine Fatamorgana ist. Deshalb begegnen und verlassen wir einander so unverbindlich, unpersönlich und seicht, wie wir mit uns selbst verbunden sind: Nämlich gar nicht (mehr).

Nein, sinnlos dieses Schreiben. Die Geschichte wiederholt sich. Und wir Menschen wollen immer noch nicht wahrhaben, worin die Gründe von all dem Übel liegen. Es sind immer die anderen, es ist immer die USA, es ist immer Israel, es ist immer der Westen, es sind immer die Islamisten, es ist immer alles, nur nicht das Boot, in dem wir selber sitzen; und nur nicht wir. Und obwohl es mit anderen kleinen unschuldigen Menschen untergeht – sitzt man mittendrin und verlässt es nicht. Wir sind blind dafür, einzusehen, dass all die Bushs, Imperialisten, Kommunisten, Islamisten und Kriegstreiber dieser Welt nur eine Verkleidung und Manifestation dessen sind, was unser ursprüngliches Problem ist: Wir. Unsere Natur. Machtstreben, weil Einfluss einen befriedigen kann, weil Einfluss unsere “hedonistischen” oder größenwahnsinnigen Bedürfnisse nach Bedienung und Anerkennung schneller zum Ziel führen kann. Weil wir Horter sind, weil wir “Ehrgefühl” haben, das auf abstrakten, sinnentleerten Prinzipien basiert, Stolz, Rivalitäten, desorganisiertes Führen, weil das Führen nicht mehr der Gesamtheit der Gruppe, des Stammes, des Landes dient, sondern nur den eigenen Interessen. Einfach gesagt: Wir sind noch zu sehr Tier. Wären wir nur Tier, würden wir eine natürliche Grenze nicht überschreiten. Wir sind jedoch hochexploisive Intelligenzbestien mit zuviel Tier in uns. Diese Kombination macht uns gefährlich. Ein Tier, das genug Mittel hat, um seine impulsiv-animalischen Bedürfnisse zu befriedigen. Sind wir vielleicht eine Zwischenspezies auf dem Übergang zu zivilisierteren Wesen? Weiterlesen… »

19.07.2011, 12:42
Die Trennung gewinnen

“Es ist nicht einmal so, dass er mich aussaugt, so wie alle anderen Männer in meinem Leben das immer getan haben. Er saugt nicht. Er will nicht, dass ich etwas für ihn tu, er fordert nichts. Er will nicht, dass ich für ihn da bin, ihm geht es eigentlich entweder immer gut oder er macht die Dinge mit sich alleine aus. Er jammert auch nicht viel, und wenn ich mal keine Lust auf das Körperliche habe, um ihm in letzter Instanz klar zu machen, dass er mich verletzt mit seiner Ignoranz und Ungreifbarkeit, dann hat er zwar kein aktives Verständnis dafür, aber er bemüht sich auch nicht in typisch männlich egoistischer Manier, mich dazu zu ‘überreden’. Hat er überhaupt Lust?, frage ich mich. Das weiß ich gar nicht. Wenn wir zusammen liegen, hat er sie. Aber wenn nicht, dann fehlt ihm nichts. Ist das denn normal?”

Ihre beste Freundin überlegt, findet aber keine Antwort. Normal ist das nicht, nein, denkt sie. Normal ist, wenn Männer etwas zu viel fordern, ihre besitzergreifende Art an manchen Tagen von der Schmeichelei und dem wahnwitzigen infantilen Omnipotenzstreben abweicht und etwas belastend und einengend wird. Normal ist, dass Männer sexuelle Abweisung nicht lange aushalten und dann anfangen, sich alle möglichen Dinge einfallen zu lassen, um ihre Freundin erneut zu erobern – und sie haben Spaß daran. An diesem Erobern. An dem Versuch, Schiffe der Abweisung zu versenken und das letzte Schiff kapitulieren zu lassen, rein zu dürfen. Normal ist, dass Männer manchmal bei kleinen Wehwehchen großes Drama machen, nur um die mütterlichen Aspekte der Frau und die Anerkennung ihres Dramas herauszulocken. Männer brauchen eigentlich sehr viel Anerkennung für das, was sie tun und sind, während Frauen sie oft für ihre harte Arbeit im Haushalt, als Mutter und für ihre Einzigartigkeit und Schönheit brauchen. So unpassend ist das gar nicht die Sache mit Mann und Frau. Männer schätzen nichts mehr als ein ruhiges Zuhause, in dem alles seine Ordnung hat, in der die Frau ein warmes Nest, gleich dem bei Mama, zaubert. Und falls sie das nicht kann, kann sie das nur durch außerordentliche Attraktivität wett machen; und das aber auch nicht langfristig. Gut eingefädelt von der Natur, denn Frauen werden alt und müssen dann andere Dinge vorzuweisen haben, die den Mann an sie bindet. Männer auch. Wenn Attraktivität nicht vorhanden ist, dann lassen seine grauen Schläfen doch wenigstens die Illusion von Erfahrung und Erfolg zu. Die “Liebe” als Geben-und-Nehmen-Maschinerie. Ein Tauschgeschäft fast so verrucht wie das eines Freiers mit seiner Hure, nur dass sie sich nicht ein Leben lang geißeln lassen, sondern nur für die halbe Stunde. Wer ist nun kleverer?, fragt sie sich und kommt vom Thema ab.

Erst durch die soziale Evolution und der Vefügbarkeit von vielfältigen Beziehungskonzepten, Wald Disney und Träumereien, gingen die Liebesleben den Bach runter, vorher funktionierte die Aufgabenverteilung wunderbar. Verfügbarkeit, das ist das Gift- und Stichwort dieser Generationen seit der Industrialisierung. Klappt es mit der Einen nicht, klappt es mit der Anderen. Kriegst du heute keinen Sex, kaufst du ihn dir paar Straßen weiter an der Ecke. Und wenn dein Mann dich nicht glücklich macht, gehst du in die Stadt und kaufst dich Tüten voll ein, ziehst die Chiqueria an und lässt dir hinterherpfeiffen, bis du deinen weiblichen Seelenfrieden findest. So wirklich Sex braucht Frau dafür nicht. Hauptsache, sie weiß, sie könnte, wenn sie wollte, alle anderen haben. Außer ihren Freund, den sie wirklich will, den sie aber nicht haben kann, weil er nicht einmal einen Minusbereich an Gefühlen vorweist, sondern ein Vakuum ist, das Energie von ihr saugt, ohne sie zu wollen, geschweige denn zu verwerten. Gibt es eine größere Verschwendung? Weiterlesen… »

15.07.2011, 13:46
ArtPics

Dieses Bild aus der ArtPics Seite von Facebook, die von einem Iraner errichtet worden ist, hat mir letzte Nacht einfach das Herz und den Atem geraubt. Ich weiß nicht, ob Ihr darin seht, was ich sehe. Aber ich sehe darin fast alles, was mit Innigkeit zu tun hat. Seht, wie er ihren Kopf auf seiner Brust behütet. Wie sie ihre Ruhe auf seiner Brust sucht. Ihr Mund berührt sie. Ihre geschlossenen Augen beschwören den Moment, niemals zu vergehen.