Sie nahm ihr Tagebuch wie so oft mit raus und ging ziellos durch den Lärm der Großstadt. Sie liebte das Treiben der Menschen und die Gesprächsfetzen, die sie mit ihren scharfen Sinnen aufnahm. Jede Belanglosigkeit ihrer Gespräche war wie ein kleiner Hauch auf ihren müden Wangen, die lange nicht mehr gelächelt hatten. Vernahm sie in der Geräuschkulisse Einzigartiges oder auch nur Rares, verfolgte sie die Fährte der Stimmen, näherte sich ihrer Quelle, hielt die Luft an, machte sich unsichtbar und horchte. So lief das immer. Es war ihre scheue Art, mit anderen Menschen zusammen zu sein.
Sie hatte einige Tage in ihrem Schlafzimmer verbracht. Die Fenster waren abgedunkelt, ihr Kopf schmerzte und ihre Erinnerungen ließen nicht von ihr ab. An vielen Tagen war sie sich ihrer selbst so überdrüssig, dass nicht einmal ihre geplante Weltreise ihr genug Zuflucht bot. Sie wusste, egal wohin sie auch gehen würde, ihrer Selbst würde sie sich niemals entledigen können. Doch genau das brauchte sie: Nicht mehr sie selbst sein. Einfach nicht mehr sie selbst sein. Also stürmte sie kopfüber raus aus ihrer Einzimmerwohnung und suchte – ja was eigentlich? Sie wusste es nicht.
Draußen vernahm sie diesmal nichts Besonderes. Vielleicht lag es am Wetter. Es war zu sonnig, die Menschen zu sorglos und die Gespräche zu oberflächlich. Man diskutierte über Bier und in welcher Temperatur es am besten schmeckte. Die jungen Frauen kokettierten mit ihren bunten, kurzen Kleidern und ihren gebräunten Beinen. Eine wohlige Faulheit übergoss sich über ihre Köpfe, man genoss wort- und sorglos, lust- und genussvoll den Tag – und alle dachten, das Leben würde von nun an immer so sein. Weiterlesen… »
Ich habe Zeit, meine Gedanken schweifen zu lassen – und lande wieder bei der Psychophysik, dem Versuch, Wahrnehmung zu messen und zu formalisieren – und wie es sein kann, dass es immer mehr gelingt, um dann bei jedem Erfolg zehntausend neue Fragen aufzuwerfen. In den Prüfungsphasen denkt man nur an sein Fach, weil man ständig Wissen am verdauen ist – und wir scheinen ständig in einer zu sein. Meine Gedanken springen zur ROC-Kurve, Signalentdeckungstheorie, Retina, Fovea, Corpus geniculatum lateralis… Meine Augen werden müde. Im Schlaf sortiert es sich besser, weiß man. Ich muss lächeln, denn ich sterbe zwar wegen des Stress und des Leistungsdrucks, aber ich liebe es auch. Alles, was ich lese und lerne, erstaunt mich jedesmal auf’s Neue. Und ich bin sicher, dass das niemals enden wird. Niemals.
Die Musik holt mich ein, ich lande in einer angenehmen, warmen Gefühlsdunkelheit und fange an, in Gedanken mit dem Schlagzeuger um die Wette zu rennen. Augen zu, Klappe auf – die Farben kommen:
Zwischen dem 15. und 19. Lebensjahr muss ich meine mutigste, kopfloseste und draufgängerischste Phase gehabt haben. Ich hantierte erstmals mit 16 Jahren mit den Schminkutensilien meiner kleinen Schwester rum, die wohlgemerkt 8 Jahre jünger ist als ich. Sie war von Anfang an kreativer an sich selbst. Kein Wunder. Bei der Schönheit, die sie damals schon besaß, handelte es sich zwar nur noch um Nuancen, die es heimlich außerhalb von Papas Sichtweise zu verschönern galt, aber diese Nuancen ließen einen damals schon erahnen, wie atemberaubend ihr Porzellangesicht heute sein würde. Und es kam, wie es alle erahnten.
Ungeschickt zeichnete ich mir Linien auf mein Augenlid. “Wie macht Nadja das immer?”, fragte ich mich und versuchte, es ihr gleich zu tun.
Nadja. Sie war damals in meiner Parallelklasse. Eine Deutsche, die absolut Undeutsch aussah, weil sie ungarische Vorfahren hatte. Sie war eine erst unscheinbare, dann immer scheinbarere besondere Persönlichkeit, die jedoch dazu neigte, durch ihren Hang zum Wahnsinn, dem Wunsch nach ordinärer Normalität nachzukommen. Normalität hieß damals, dass sie rumlief, wie eine überaus knackige, prallbusige Tussi mit einem leichten Asislang und einer Goldkette, die den Blick der anderen direkt in ihr Dekolleté führte. Weiterlesen… »
Denkst Du, ich vergesse all die Tage, an denen wir schweigend durch den Regen liefen und einander wortlos Fragen stellten, von denen wir wussten, dass keiner von uns sie je in Worte pressen, geschweige denn beantworten könnte? Hoffnungsvoll schautest Du mich dennoch bei jeder nicht ausgesprochenen Frage an – in der Hoffnung, ich sei wirklich so weise, wie Du immer dachtest. Doch ich bin nicht weise, sonst würde ich nicht fragen. Fragen, wie Du diese Tage nur vergessen konntest.
Deine wilden Locken passten sich immer Deiner Stimmung an. Wenn Du aus Nachdenklichkeit in Dir versunken warst, sanken Deine Locken mit und legten sich eng an Dein Haupt. Warst Du traurig, hingen sie matt, erschlafft und dennoch ruhelos Dein Gesicht herunter. In Deiner Freude wippten und glänzten sie wie Deine Augen – und in Deiner Wut brausten sie auf und schlugen wie wild um sich.
Denkst Du, ich vergesse all die Tage, in denen wir Stunden um Stunden Zukunftspläne schmiedeten, um unserer Gegenwart zu entkommen? Nein, das waren keine Pläne, das waren Kunstwerke, die wir malten. Wir klatschten Farben auf eine große Spielwiese, hockten uns rein, schmierten und gaben unseren Träumen Formen und wilde Farben, die wir lachend wieder verwischten, um neue zu malen. Am Ende lagen wir mittendrin, kurz der Illusion verfallen, schon morgen unser gemaltes Morgen haben zu dürfen. Wälzten wir uns nicht in den Farben rum, sogar dann noch, wenn wir erwachten und merkten, wie wir im dunklen Dreck lagen? – Doch lachend weinten wir. Denn lachend weinten wir…
Denkst Du, ich vergesse das Spiel unserer tanzenden Augen, wie sie miteinander spielten – selbst, wenn wir mürrisch und sauer aufeinander nebeneinander saßen und Deine kleinen Hände meine Sturheit rüttelten, “Sherryyy” riefen und forderten, ich solle wieder reden? Ich sah ich Dich nicht immer pseudo-genervt an und drückte müde lächelnd Deine Hand?
Denkst Du, ich denke nicht einen einzigen Tag daran, dass Du kurz nach dem Schwarz meines Lebens das Schwarz Deines Lebens erlebtest und wie auch ich heute noch davon geschlagen und getreten wirst? Denkst Du, ich vergesse?
Nein. Ich vergesse nicht. Aber Du. Du vergisst. Du drehst Dich um, gehst, verlierst kein Wort, schaust nicht zurück – und wenn, dann lässt Du es mich nicht sehen. Du vergisst, Du kehrst mir den Rücken und verlässt immer und immer wieder Deine kleinere Heimat. Du vergisst – Du vergisst einfach, wie wir unsere Hände miteinander verglichen und darüber lachten, wie klein sie sind und wie fordernd sie umher durch das Leben greifen (und sich immer wieder verbrennen) – nicht wie die Hände einer eitlen, herrschsüchtigen Frau, sondern wie die Hände eines Kindes. Du vergisst.
Doch ich, ich vergesse nicht. Weder all die gemeinsamen Fluchtversuche durch den Regen tief in unsere Farben hinein, noch Deinen Verrat. Noch Deinen Verrat. Ich vergesse nicht…
Manchmal, wenn ich meinen inneren Selbstgesprächen unterliege und wirklich nicht von irgendwelchen eigentlich sonst angenehmen Begegnungen unterbrochen oder gestört werden will, verlasse ich das Haus durch den Keller, in den Hinterhofgarten unserer Siedlung und erkämpfe mir von dort aus den Weg nach Hause zu meiner Familie. Wir leben in einer ruhigen Insel und begegnen überrascht immer wieder mal selbst in der Straße wandernden Entenpaaren, die sich verlaufen haben, nächtlich rumwuselnden Igeln und einigen schwer um ihr Revier kämpfenden Katern.
Gestern war wieder einer dieser Tage, an denen ich meinen Gedanken nachhing und man fast meinen könnte, ich sei einer mathematischen Problemlösung auf die Spur, die die Menschheit für immer verändern würde, bis ich, auf den Boden blickend, aus dem Seitenblick einen schwarzen Vogel entdeckte. Leider habe ich mich in meinem Leben schon mit diversen Bereichen beschäftigt, aber nicht mit Vögeln, also konnte ich die Vogelart leider nicht ausmachen, aber das war unwichtig, nachdem ich die ängstlichen Augen des Vogels sah, der mich gehetzt ansah und versuchte, von der Stelle zu kommen. Der Anblick brach mir das Herz, denn so oft es auch humpelnd zum Fliegen ansetzte, es wollte ihm nicht gelingen, wie gewohnt in die Höhe zu schwingen, um sich vor mir in Sicherheit zu bringen. Ich blieb stehen, darauf bedacht, Abstand zu ihm zu halten, damit ich seine Paniksituation nicht noch verstärkte und überlegte, wie ich ihm helfen kann, ohne ihm weh zu tun. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Er schien sich verletzt zu haben, am Flügel oder am Füßchen, ich weiß es einfach nicht – und ich wagte auch nicht, ihm mit meiner Näherung noch mehr Angst zu machen.
Also fing ich verzweifelt an, leise mit ihm zu reden und ihm bei bleibendem Abstand zu versprechen, ja inbrünstig zu versprechen auf alles was mir heilig ist, dass ich ihm nichts tun würde und dass ich nur wissen will, ob ich irgendetwas für ihn tun könnte. Aber er verstand mich einfach nicht und wurde bei meinem kontinuierlichen Blickkontank immer verzweifelter in seinen Versuchen, starten und fliegen zu wollen. Ich schwieg und sah ihn traurig an und versuchte, zu akzeptieren, dass ich nichts tun kann. Dass ich loslassen muss (eines meiner größten und sich immer wiederholenden Prüfungen in meinem Leben, die mich in den verschiedensten Situationen zum Loslassen auffordern, mich quasi lehren wollen, wie man loslässt) und weitergehen muss.
Ich drehte mich um, schluckte den Kloß in meinem Hals runter und ging hoch zu meiner Familie. Oben angekommen, setzte ich mich hin und überlegte noch, ob ich ihm nicht etwas Brot runterwerfen solle – aber ich dachte mir, wenn er bald sterben müsse, dann sollte ich ihn nicht weiter künstlich am Leben erhalten. Ich hoffte, dass diese Vogelart irgendwie solidarisch war und dieser Vogel nicht allein verenden würde und glitt immer tiefer in irgendwelche Kombinationen von Möglichkeiten…
Irgendwann landete ich bei einer alten Erinnerung von mir. Ich muss ungefähr 10 Jahre alt gewesen sein, als mir genau so ein Vogel auf dem Spielplatz begegnet war und der panisch versuchte vor der Menge an Kindern wegzuhumpeln. Ich hatte Angst, sie würden den Vogel zertreten, außerdem wirbelten die Kinder soviel Staub und Sand auf, dass ich Angst hatte, der Vogel würde sich daran verschlucken. Unwissend – und weitaus unbedachter als gestern – nahm ich diesen Vogel in die Hand und nahm ihn mit nach Hause. Ich hielt ihn meinen Eltern hin und sagte: “Papa, Mama, dieser Vogel ist verletzt. Wir müssen ihn pflegen.” – Entgegen der typisch orientalischen Mentalität, sind meine Eltern Gott sei Dank keine Menschen, die an Tieren etwas “Schmutziges” sehen, das nicht ins Haus gehört. Sie wussten zwar wahrscheinlich von Anfang an, dass diesem Vogel nicht zu helfen war und überlegten wahrscheinlich noch in der selben Nacht, wie sie mir das erklären sollten, aber sie ließen mich erst einmal machen.
Ich baute dem Vogel ein kleines Nest aus einem größeren Karton, einem Bereich mit weichem Kissen und Gras, etwas Brot, Wasser und einigen Würmern, die ich ihm gesammelt hatte. Jeden Tag nach der Schule kam ich nach Hause und sah nach ihm. Er wurde trotz meiner liebevollen Fürsorge irgendwie immer dünner und müder, aber ich redete mir ein, dass er müde ist, weil sein Körper sich anstrengt, wenn es gesund werden muss – so wie beim Fieber. Eines Tages kam ich nach Hause und der Vogel war nicht mehr in seinem kleinen offenen Karton. Meine Eltern kamen zu mir und sagten, er sei weggeflogen, er habe sich wohl endlich gesund genug dazu gefühlt.
Ich war traurig und erleichtert zugleich. Ich würde ihn so vermissen, aber auf der anderen Seite: Was war ein schöneres Geschenk als die Freiheit und die Gesundheit dieses Vogels?
Ich war zufrieden mit der Welt. Sie schien mir gerecht, gut, heilbar. Erst gestern begriff ich zum ersten Mal, dass meine Eltern mich wohl angelogen hatten, um mir die Natur dieser Welt noch vorzuenthalten. Ich könnte sie heute noch danach fragen, aber ich werde es nicht tun. Denn insgeheim hoffe ich noch immer, dass der Vogel von damals tatsächlich noch weiterleben durfte…
“Oh nein, ich war unanständig…”, sah ich Parisa mit großen Augen an und hielt mir dann die Augen zu, als dieser Typ von der Tanzfläche plötzlich weg war. Meine Freundin Parisa lachte. Mir war so heiß, ich wusste gar nicht wohin mit dem Feuer, das meinen Herzschlag auf Hochtouren brachte. Also fing ich an, zu fluchen. Wie immer, wenn ich überfordert war.
“Dieser Penner, Wixer, dieses gottlose Schwein!”, fuchtelte ich mit den Armen rum.
“Du bist hin und weg, oder? Hahahaha!”, lachte Parisa mich dreckig aus.
“Hör’ mal! Hast Du nicht gesehen, was der sich einfach erlaubt hat?”
“Jaaaah, Sherry! Aber weißt Du, was ich noch gesehen habe? Ich habe gesehen, was Du Dir erlaubt hast!”
Sie hatte Recht. Ich hatte mir in dieser Nacht auf der Tanzfläche Dinge erlaubt, die ich mir sonst in dem Maße nie erlaube oder nur mit Frauen – auf der Tanzfläche wohlgemerkt. Aber irgendwie hatte mir dieses Macho-Schwein einfach die Kontrolle entzogen. (Männer, die es wagen, mir ohne zu fragen, die Zügel wegzureißen, sind übrigens meine Traummänner. Aber das spielt hier keine Rolle. Oder vielleicht auch die Einzige.)
Wir gehen jetzt einen Schritt zurück – und zwar zum Anfang der Geschichte. Es war Silvester 2003. Was war eigentlich passiert? Für die Meisten wird das einfach nur eine langweilige Story sein, weil es nicht direkt ums Poppen und Stöhnen geht – aber wer weiß, was mir das Tanzen bedeutet, der weiß, dass ich beim Tanzen vielleicht sogar noch üblere Hitze empfinde als bei anderen Aktivitäten. Es ist sinnliche und übersinnliche Lust in einem. Wer mich kennt, weiß, ich liebe durch’s Tanzen oder durch’s Essen. Und wenn dann beides – oder Gott bewahre – gleich alle drei Komponenten vorhanden sind, dann gnade Gott jedem lebenden Wesen in meiner Umgebung! Egal, weiter jetzt.
Es war eine kalte Nacht. Die kalten Nächte sind bei mir immer die schönsten Nächte – ich weiß immer noch nicht warum. Aber auch das ist egal. Weiter also. Parisa und ich haben in jener Nacht nach irgendeiner Tanzmöglichkeit gesucht, die nicht voll war von Goldkettchen-R&B-er und “Oh bitte nicht zu nah an mir rum-atmen, die falschen Wimpern könnten mir sonst wegfallen”-Chicks. Das war gar nicht so einfach – aber letztendlich entschieden wir uns für den Schuppen, der die betanzbarste Musik hören ließ. Ich stand damals unheimlich auf Sean Paul und murrte sehr lange rum, dass der da kaum lief, aber egal.
Ich war nicht besonders aufreizend angezogen, das bin ich verhältnismäßig nie, weil ich in Ruhe tanzen will, ohne ständig irgendwo etwas zurecht zupfen zu müssen. Und das muss ich bei mir leider sehr oft, sonst gibt’s Verkehrsunfälle. Eine engere Jeans und ein Wasserfall-Spaghettiträger aus goldenem Satin und die Hüftketten hatten ausgereicht, um mich mal wieder nackt und unwohl in meiner Haut zu fühlen. Aber das legte sich gleich, als ich merkte, dass mein Outfit im Vergleich zu den anderen überhaupt nicht auffiel. Die Musik tat ihr Übriges und entführte mich in völlig andere Gedanken. Ich sah mich ein wenig skeptisch um, immer meine Freundin im Auge, die mit ihrer kleinen Größe leicht mal entführt werden konnte. Die Geschichte mit dem Typen, dem ich ihretwegen derbe eine ballerte, erzähle ich ein anderes Mal. Die ist jetzt – richtig: Egal.
Die Musik war in Ordnung – ein Mix aus R&B und eher schlecht gelungenen Orient-Remixes, die dennoch gleich Lust auf mehr machten. Die Tanzfläche war noch nicht sonderlich voll, der Tag war mit seinen dreiundzwanzig Stunden wohl noch nicht weit genug – also tranken wir unseren Drink und unterhielten uns ein wenig, bis ich dieses wilde Mädchen auf der Tanzfläche sah, das einen sehr beeindruckenden Hüftschwung drauf hatte. Ich betrachtete sie zuerst aus meinen Augen, die millimetergenau ihre Proportionen anpeilten und die Relation ihrer Brüste, zu ihrer Tallie und ihren Hüften abwogen und in Symbiose mit ihrem wilden Haar, ihren Augen und ihrem Gesichtsausdruck brachte. Ich legte den Kopf schief und beobachtete ihre Tanznatur. Nach einiger Zeit schaltete ich um und betrachtete sie aus den Augen eines Mannes. Hatte ich schon erwähnt, dass ich das tatsächlich kann? Frauen aus den Augen eines Mannes betrachten? Aber das ist jetzt egal. Ihre Bewegungen waren aufreizend, aber sie schien das Tanzen nicht als Einladung zu benutzen, sondern tanzte für sich allein. Ihr Hintern war der Hammer. Große Backen, aber nicht vollends schwabbelig, sondern mit einer guten Konsistenz. Das Draufklatschen musste unheimlichen Spaß machen. Ihre Brüste waren verhältnismäßig klein, aber das war unwichtig, der Hintern und die Schenkel machten das wett. Ich spürte, wie dem Mann in mir die Lust zu Kopf stieg, denn ihre wilden Locken wollten auf jeden Fall gekrallt und gebändigt werden. Sie schwitzte und roch sicher auch wunderbar.
Aus den Augenwinkeln sah ich einen jungen Mann, der sich an eine Säule lehnte und mit verschränkten Armen die Tanzfläche beobachtete. Er hatte pechschwarze, dicke, längere Haare, die zu einem Zopf zusammengebunden waren. Er schaute leicht grimmig bis belustigt in die Runde. Sicher würde er bald Interesse an dem Mädchen finden und sie beobachten, so wie ich es beobachtete. Ich verlor schnell das Interesse an ihm und konzentrierte mich wieder auf sie. Switch. Ich war wieder auf Sherry-Modus und genoss ihren auffälligen Tanzstil, der mich förmlich aufforderte, ihm eine Antwort zu geben. Ich wurde unruhig und meine Hüften tänzelten schon unmerklich.
Exkurs: Frauen beim Tanzen sind ein Ereignis an sich. Die Meisten tanzen, um einen Mann zu locken – und das wirkt meistens dumm. Nur wenige tanzen, weil sie einfach nicht anders können und Sklave der Musik sind. Und genau da fängt eine Frau an, ihre Fähigkeit zur Leidenschaft und Hingabe zu zeigen, was dann wiederum bewirkt, dass sie die ganze testosteron beladene Umgebung einfach nur heiß macht.
So eine Tänzernatur war das Mädchen, also konnte ich nicht anders, als auf die Tanzfläche zu gehen – zwar etwas eingeschüchtert durch ihren Hüftschwung – doch meine kleine „Handtasche“ Parisa war ja dabei. Also fingen wir an, ein wenig zu tanzen. Die Tanzfläche füllte sich schnell. Als ich das Mädchen schon nicht mehr beobachtete und ganz darin versunken war, zu tanzen, obwohl mir die Musik noch nicht den Kick gab, den ich brauchte, um wirklich die Zügel loszulassen, passierte das, was nicht passieren durfte: Sean Paul mit „Get buisy“ dröhnte laut aus die Boxen und haute mich um. Ich musste kurz aufgeschrien haben vor überschüssiger Energie und merkte, dass ich nicht die Einzige war. Das tanzende Mädchen schrie auch auf. “Shake that thing miss kana kana, Shake that thing Miss Annabella, Shake that thing yan donna donna” munterte Sean Paul uns aus den Boxen heraus auf und ließ einfach nicht locker, bis die Menge auf die Tanzfläche stürmte.
Man muss Sean Paul’s Rhythmen kennen, um zu wissen, dass man darauf nicht mehr weich tanzte, sondern der ganze Körper sich absolut verspannte, um sich dann in sehr kurzen Intervallen in den Hüften völlig zu entladen. Ich merkte, wie mich der Rhythmus endlich zu unterwerfen drohte, wie mir alles egal wurde. Ich wollte nur tanzen und der Spannung in meinem Körper und in meiner Seele einen verdammten Ausweg nach draußen bahnen, bevor ich explodierte – nichts Anderes war wichtig. Ich schloss die Augen und tanzte mit Allem, was ich hatte. Manchmal öffnete ich die Augen und sah einmal den jungen Mann, der an der Säule gelehnt war, wie er mich nachdenklich anschaute und sich in seinen Augen irgendetwas Unbestimmtes regte – mal sah ich das tanzende Mädchen, das mich einfach nur entzückte. An ihrem Blick blieb ich irgendwie hängen, weil sie so unfassbar wild und vom Rhythmus gepeitscht tanzte. Sie schien bei diesem Track genauso hin und hergeschmissen zu werden, wie ich…
“Its all good girl turn me on
’til a early morn’
Let’s get it on
Let’s get it on ’til a early morning
Girl it’s all good just turn me on”
Wir schienen uns aus der Ferne gegenseitig anzuspornen, alles beim Tanzen zu geben. Sie klatschte, um mir zu zeigen, dass sie meinen Tanzstil bewunderte und ich zeigte ihr meine Anerkennung auf die selbe Art und Weise. Es dauerte keine dreißig Sekunden, und sie war nicht mehr weit weg von mir. Wir tanzten einander an und beäugten uns erst mal glücklich, während wir weiter zueinander geneigt unsere Hüften warfen. Irgendwann merkten wir, wie die anderen um uns herum uns beobachteten und auf irgendeine Explosion warteten – im Hintergrund sah ich immer wieder diesen jungen Mann an der Säule. Als das Mädchen sich umdrehte, um mir ihren Po-Shake von hinten zu zeigen, tanzte ich sie von hinten in der Stellung an und hielt irgendwann ihre Taillie mit beiden Händen und schmiegte meinen Rhtythmus an ihren an. Der Rhtythmus wurde immer härter, die Vibratio in unseren Hüften auch. Wir ließen uns leiten. Als ich mich umdrehte und wegtanzen wollte, tat sie es mir gleich, schnappte mich von hinten und presst sich an mich. Wir tanzten und lachten, sahen die Menge neugierig gucken und hörten die Frauen klatschen und kreischen. Ich merkte aber, dass ihr Atem zu kurz war um noch bis zum Ende durchzuhalten. Sie brauchte eine kleine Pause, also verabschiedete ich mich tanzend von ihr und zeigte ihr nochmal, wie toll ich ihren Tanzstil finde. Sie lachte euphorisch auf und schenkte mir ihrerseits das selbe Kompliment, indem sie mich von oben bis unten anschaut und klatscht. Hüft-shakend entfernen wir uns voneinander.
Ich war wieder ganz für mich alleine. Meine Augen schlossen sich – dieses verdammte Lied war immer noch nicht zu Ende. Ich hatte sogar Parisa aus den Augen verloren. Alles war egal, ich tanzte mir das Leben aus dem Leib und merkte nicht, wie dieser junge Mann an der Säule gar nicht mehr an der Säule war. Ich schaute mich kurz aufgeschrocken um, denn irgendetwas stimmte nicht, irgendetwas Unruhiges tänzelte in meinem Nacken oder um mich herum. Bevor ich mich richtig umschauen konnte, spürte ich schon diesen festen Griff an meiner Tallie, der mich zielbewusst packte – nicht zu vergleichen mit dem verhältnismäßig schüchternen Griff des Mädchens. Ich schrie kurz auf, als ich merkte, wie jemand sich an meinen Rücken presste. Ich drehte mich noch im Tanz ruckartig um und sah diesen grimmigen Typen, wie er mich fest ansah, amüsiert lächelte und “nebenbei” ein Körpergefühl im Tanz hatte, das seinesgleichen suchte. Ich schaute ihn aus Pflichtgefühl böse und abweisend an und schubste ihn einen Schritt zurück und sah ihn weiterhin verächtlich – aber immer noch tanzend – an, drehte mich auf dem Absatz um und wollte – ja, immer noch tanzend – Richtung Parisa tanzen.
Das alles muss ausgesehen haben wie ein eingespieltes Schauspiel auf der Bühne, als der junge Mann von hinten meinen Arm packte und mich feste zu sich zog – so nah, dass meine Nasenspitze fast seine berührte. Er packte mit seiner Hand meine Taillie und presste mich an sich, während er meine andere einfach mit der anderen Hand gefechtlos machte. Er schaute mir fest und fordernd in die Augen und führte mich in die Richtung, in der er mich haben wollte. Ich hatte keine andere Wahl, als in dem Moment mit ihm zu tanzen und ihn dabei in einem erbärmlichen Versuch, böse anzusehen, obwohl ich um Fassung rang. Plötzlich merkte ich, wie unsere Umgebung kreischte und pfiff. Ohne dass ich merkte, was geschehen war, bildete sich ein Kreis um uns. Mir war das so unangenehm. Ich war plötzlich wütend und unglaublich euphorisch zugleich, als ich merkte, wie seine Hand sich auf meinen Hintern zubewegte und auf meiner Haut einfach nur eine brennende Spur hinterließ. Die Menge wurde bei jeder Handlung und Gegenhandlung lauter. Ich packte tanzend seine Hand von meinem Außenschenkel, drehte mich um und legte sie stattdessen auf meine Taillie, bis der Aufruhr sich wieder in schnelle, synchrone Bewegungen wandelte. Die Vibratio in unseren Hüften stieg immer weiter an, die Spannung zerriss die Atmosphäre. Es roch nach Feuer und Schweiß. Und das alles immer noch auf dem selben scheiß Track, in dem Sean Paul mir zurief, ich soll shaken was das Zeug hält.
Er hielt mich fest und tanzte entschlossen. Diesmal wanderte seine Hand hoch und wollte zu meiner linken Brust. Wieder wurde die Menge laut und ich packte seine Hand rechtzeitig und drehte sie so fest, dass er “Au” rief. Wieder stand ich ihm frontal gegenüber, schnappte mir seinen Kragen und zog ihn zu mir, hielt ihn fest und war diesmal jene, die den Rhythmus angab. Ich lächelte triumphierend, wollte dominant wirken und ließ ihn rückwärts gen Boden tanzen. Doch ich unterschätzte ihn. Er war so gelenkig, dass ich mich solange zu ihm runter beugen musste, bis er fast in einem Guss so hätte eine Brücke machen können. Als ich dachte, er kann nicht tiefer runter und schon siegessicher Gnade walten lassen wollte, packte er meine Taillie nochmal ganz fest, zog mich mit sich runter und verschwand mit seinen Augen in mein Dekolleté, das durch meine zu ihm gebeugte Körperhaltung natürlich offene Sicht bat. Er macht große Augen, lachte und schüttelte seine Hand plakativ, als habe er sich an meinem Dekolleté die Hände verbrannt. Die Menge kreischte und lachte immer lauter und erhitzte die schon heiße Situation immer weiter. Ich wich zurück, hielt etwas verunsichert und fauchend mein Dekolleté zu. Er jedoch nahm meine schützende Hand und drückt sie tanzend runter, so dass automatisch meine andere Hand mein Dekolleté umfasste. Mit großen, vorwurfsvollen Augen sah ich ihn an – und alle lachten herzhaft. Es muss wirklich wie einstudiert ausgesehen haben. Es war alles so synchron.
In meiner Unbeholfenheit wollte ich mich wieder umdrehen und in eine andere Richtung tanzen. Das ließ er sich nicht gefallen. Wie zu Anfang packte er mich, presste unsere Gesichter und Körper nah aneinander und tanzte. Tanzte, tanzte, tanzte – irgendwer muss dem DJ gesagt haben, dass er Sean Paul auf Repeat laufen lassen soll, wie sonst konnte ein Track nur so unendlich lange dauern? Wir tanzten eng und wild – immer einem Machtkampf verfallen, den ich verdammt ernst nahm, der ihn jedoch höchstens amüsierte oder animierte, was mich noch wütender machte und mich tänzerisch auf Hochtouren trieb.
Irgendwann klatschte ich ihm im Tanz auf den Hintern, als sei er mein Bunny und nicht umgekehrt. Er lachte auf, nahm meine schuldige Hand und presste sie erst sanft und dann fester an meinen Rücken, vernarrte sich in meinen Blick und tanzte. Er war ganz nah, schaute mir sehr intensiv und bezwingend in die Augen. Meine Hand auf dem Rücken tat mir ein wenig weh, aber ich zeigte es nicht, trat ihm einmal auf den Fuß, um danach sofort wieder süß zu lächeln, woraufhin sein Griff etwas fester wurde. Ich tanzte unerbittlich bis zum Schluss weiter und flehte nicht um Gnade, so wie er es wollte, sondern machte seinem Körpergefühl und seiner Ausdauer Konkurrenz. Die Menge um uns herum war entzückt und schrie – wir hatten sie angesteckt, endlich krallten sich Männer und Frauen wildfremde Tanzpartner und taten uns alles gleich. Ließen sich einfach in ihre eigene Wildnis fallen, so wie er und ich auch. Aneinander gepresste, wildfremde Körper beschenkten einander mit Hitze und Leidenschaft und schenkten den Rhythmen ihren Tribut. Sie kämpften um Macht, so wie wir um Macht kämpften. Sie taten sich ein wenig weh und übertraten persönliche Grenzen, so wie er und ich es taten. Sie schnauften und lachten dabei, so wie wir es taten. Es war eine Mischung aus Wut und Verzückung in einem. Es war Lust, aber nicht nur Sexuelle, sondern eine, die sich auf das ganze Leben und die körperliche Existenz ergoss. Nicht nur mehr die Musik peitschte und unterwarf uns, sondern wir peitschten und unterwarfen uns gegenseitig – und das war einfach nur extatisch. Diese Mischung war so großartig, dass es unsere Herzen in Fetzen zu sprengen drohte.
Sean Paul rief noch einmal “Shake that Thing” – und wir alle gaben alles, obwohl wir dachten, wir hätten nichts mehr. Als der Track zu Ende war, seufzten alle in- und miteinander auf. Der junge Mann lockerte seinen Griff, sah mich überglücklich und mit strahlenden Augen an, nahm meine Hand, küsste sie, ohne seinen Blick von meinen Augen zu lassen und sagte nur: “Danke. Du bist eine wundervolle Tänzerin. Einfach nur danke.” Noch einmal lächelte er entspannt und ernst, drehte sich um und ging aus der Halle raus. Ich stand wie angewurzelt da, schaute mich um und sah die Menge entspannter tanzen. Irgendwie einsam und verlassen schaute ich mich um und suchte nach einem bekannten Gesicht und fand Parisa.
“Mein Gott, Sherry. Wie Ihr getanzt habt. Oh mein Gott! Kanntest Du ihn? Wo habt Ihr das denn eingeübt?”, fragte sie hektisch.
“Eingeübt? Oh mein Gott, Parisa. Ich habe ihn heute zum ersten Mal gesehen!”
“Zum ersten Mal? Und so tanzt Du dann mit ihm? Unsere prinzipienstrenge Sherry?”, lacht sie.
“Oh nein, ich war unanständig…”, sah ich Parisa mit großen Augen an und hielt mir dann die Augen zu und verfluchte diesen Typen. Mit diesem Typen, der so unglaublich leidenschaftlich tanzen konnte und sich einfach nahm, was er wollte. Der, der mich auf der Tanzfläche zum Äußersten brachte. Der, der mit mir kämpfte und mir seinen Sieg wie einen eigenen Triumph versüßen konnte.
“Dieser Wixer”, fluchte ich und lachte. Hoffentlich sehe ich ihn nie wieder, dachte ich. Bloß nie wieder. Der Typ ist eine Katastrophe. Einfach eine Katastrophe wie aus meinen Träumen. Aus meinen Träumen.
Das tat ich auch nicht. Er schien nur gekommen zu sein, um die Menge beim Tanzen zu beobachten. Er wollte einfach nur einen Tanz haben. Einen einzigen Tanz. An jenem Abend war ich seine Auserwählte. Dieses eine Mal.