01.02.2012, 18:33
Zu Dritt im Kreis
Zu Zweit saßen sie in der Bahn, schauten synchron aus dem Fenster in eine schnellere Zeit hinaus. Ihre Augen fixierten den selben Punkt. Die selbe Leidenschaft schien einst einem Friedensabkommen mit dem Leben und seinen Regeln gewichen zu sein. Ein Mann mit einem übermütigen Hund setzte sich auf den Sitz vor ihnen. Beide blickten erst ihn, dann den Hund an. Beide lächelten sie und folgten wieder ihren Fernabhorizonten einer sonnenbeladenen, eisig klirrenden Stadt aus Grau und Grau.
So sieht es wohl aus, wenn man glücklich miteinander altert, dachte ich. So sieht es aus, wenn man den einen hat wachsen lassen, wie er will, um dann selig zu erkennen, dass er in die selbe Richtung gedeihen wollte wie man selbst. Ganz ohne gestutzt und in der Haltung durch Außen gebeugt zu werden. Wenn ich an die Liebe denke, dann denke ich nicht an Schweiß, den Geruch von Sex oder den zerwühlten Laken in einer wilden Nacht. Wenn ich an die Liebe denke, dann ist es mehr als das. Dann ist es ein Zusammenkommen mit allen Fühlern, die man hat. Wir graben uns einander ein, unsere Wurzeln wachsen in die Sinne des anderen hinein, und der Geliebte oder die Geliebte hinterlässt Furchen auf unserer Seelenhaut. Sie tun weh, denn sie markieren uns als “sein” und “für immer mein” oder mindestens “niewieder so ganz nur ich-allein“. Und sie prägen uns, wie kleine Tätowierungen, die ihre Lebens- und Liebesgeschichten erzählen. Wenn ich an Liebe denke, dann denke ich heute an diese beiden Menschen mit den weißen Haaren und ihren schütteren Stellen auf ihreren Köpfen. Beide verlieren ihre Herbstkrone in Würde. Wenn ich an die Liebe denke, dann, wie sie gemeinsam in die selbe Richtung schauen und es noch tun werden, wenn der Eine vor dem Anderen geht. Weiterlesen… »
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Er sagte, das sei alles kein Problem. Das könne man schaffen, er würde ihr dabei helfen. Wie im Schlaraffenland eröffnete er ihr neue Möglichkeiten, wie sie wachsen, gedeihen, florieren könnte, um endlich bei sich anzukommen. “Eigentlich”, sagte sie sich, “ist das alles doch eine spirituelle Reise, eine zu meinem wahren Ich.” Das tun doch alle heutzutage, sie suchen sich selbst, verwirklichen sich – und das würde sie nun auch tun. Endlich würde sie ankommen, nach den ganzen Jahren voller Selbstzweifel und Angst vor Abweisungen und Bindungen, die in Abweisungen enden. Sie würde durch die Hilfe dieses weise wirkenden, graumellierten Mannes zu jener Selbstliebe gelangen, die man erreichen musste, um ein erfülltes Leben zu leben. “Und? Haben Sie sich entschieden?”, holte er sie freundlich aus ihren Tagträumen heraus. “Ja …”, nickte sie selig. “Ich nehme Doppel D. Doppel D passt zu mir.”
25.01.2012, 08:12
Die Badende
Ein Meisterwerk von Mietze. Es hat mich direkt ergriffen und nicht mehr losgelassen.

Eigentlich bin ich eine mieserable Fotografin. Während die Leidenschaftlichen in jeder Situation die Besonderheit eines Augenblicks abknipsen, macht sich die pure Unlust bei mir breit, wenn ich in einer bin. Ich möchte mich dann einfach nicht mit meiner Kamera beschäftigen, sie rausholen, einstellen, den Augenblick in einer speziellen Perspektive abknipsen, die meinem Gefühl am nächsten kommt. Ich will gar nicht erst darüber nachdenken, wie ich etwas wahrnehme und wie ich diese Wahrnehmung dem Kamerasensor am besten weitergebe. Ich will dabei sein, der Situation ganz und gar gehören, direkt darin aufgehen, sie vielleicht doch lieber von jemand anderem beobachten und festhalten lassen, ja. Aber ich will meine Ruhe, ich will dabei sein, mich verkriechen in die Atmosphäre, darin verschwinden und nichts tun, nichts tun, niewieder etwas anderes tun. Deshalb kann ich auch keine Bilder von Feuerwerken veröffentlichen. Mir bleibt nur ein nachträgliches Bedauern darüber, dass ich keinen Beweis für den Augenblick hatte, den ich genoss und den ich liebte. Aber auch ein geheimer Triumph darüber bleibt erhalten, im Gegensatz zu den Fotografen, einen Augenblick nicht dadurch verloren zu haben, weil ich ihn festhalten wollte. Manchmal ist der Druck, der Nachwelt etwas zu hinterlassen, ein echter Lebenskiller. Das ist mir bewusst. Aber manchmal ist meine kompromisslose Hingabe an einen Abend mit den Lieben ein Erinnerungs-konservierungskiller. Nun muss ich mich wieder entscheiden, wie so oft, ich hasse das. Mittelwege sind echt nicht mein Ding. Das merke ich immer wieder.
Ich bin das Feuerwerk gestern kurz lieben gegangen. Ich bin reingesprungen, wollte im Licht- und Feuersplitter tanzen und dann genauso in der Atmosphäre verglühen, wie all die bunten Lichtwesen. Ich habe den Jahresübergang zum ersten Mal seit vielen Wintern wieder ein kleinwenig gespürt. Aber ich hab’ das nicht auf Kamera, weil ich kein Kind der Mittelwege bin. Aber ich finde einen anderen, da bin ich mir sicher.
Text, Design & Photos by Sherry Iranique. Copyright © 2010 Sherry Iranique. All rights reserved.
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